AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2010

SPIEGEL-Streitgespräch "Die Wahrheit muss auf den Tisch"

Bahn-Chef Rüdiger Grube, 59, und der grüne Verkehrsexperte Winfried Hermann, 58, über wütende Schwaben, Eieruhren und den Streit um das Großprojekt "Stuttgart 21".

DPA

SPIEGEL: Herr Grube, Herr Hermann, noch nie hat ein Bahnprojekt so heftige Proteste ausgelöst wie "Stuttgart 21", der milliardenteure Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Haben Sie eine Erklärung dafür?

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Heft 38/2010
von der sauberen Energie

Grube: Als ich 1996 nach Stuttgart kam, gab es eine riesige Debatte um die neue Messe, angeblich kamen 32.000 Demonstranten zum Spatenstich. Heute habe ich schon lange keinen mehr getroffen, der gegen die Messe ist. Das Gleiche hat sich abgespielt beim Bau des Fernsehturms, beim Pragsatteltunnel und bei der Liederhalle. Offensichtlich steht man in Stuttgart großen Projekten, vor allem Infrastrukturprojekten, immer erst einmal kritisch gegenüber. Und jetzt sind wir leider auch noch zwischen die Fronten der Wahlkampfstrategen geraten.

Hermann: Aber das wünschen wir uns doch immer: dass es im Wahlkampf um konkrete Themen geht; dass die Bürger sich engagieren. Und was die Dauer des Protests anbelangt, da werden Sie sich noch umgucken. Die Projekte, die Sie eben genannt haben, hatten ganz andere Dimensionen. Die Demonstranten gegen "Stuttgart 21" werden noch Monate durchhalten, und das wird insgesamt dem Image der Bahn erheblich schaden.

SPIEGEL: Warum gönnen Sie Stuttgart keinen modernen Hauptbahnhof?

Hermann: Es geht bei diesem Streit doch nicht allein um die Modernisierung eines Bahnhofs. Bei "Stuttgart 21" werden Milliarden vergraben, die man bundesweit viel sinnvoller in den Güterverkehr investieren sollte, da gibt es ganz andere Engpässe. Zudem ist das Projekt ökologisch extrem riskant: Denken Sie nur mal an die Mineralwasserquellen unter der Stadt und die Tunnelbauarbeiten in der Schwäbischen Alb.

Grube: Aber es gibt doch gar keine Alternative. Die Verträge sind längst unterzeichnet und müssen jetzt erfüllt werden.

SPIEGEL: Warum wäre es so schlimm, wenn "Stuttgart 21" gestoppt würde, Herr Grube?

Grube: Dann passiert in Stuttgart gar nichts. Das bedeutet ganz konkret: vollständiger infrastruktureller Stillstand.

SPIEGEL: Kann sich das eine Wirtschaftsregion wie Stuttgart leisten?

Hermann: Das sind doch Horrorszenarien der Bahn. Es gibt sehr wohl intelligente Alternativen zu "Stuttgart 21", die zudem noch günstiger wären.

SPIEGEL: Sie spielen auf den "K21"-Vorschlag an, der eine Umgestaltung des alten Kopfbahnhofs vorsieht.

Hermann: Zum Beispiel.

Grube: "K21" ist doch nur ein Phantom! Da wird ein komplett durchfinanziertes, planfestgestelltes Projekt wie "Stuttgart 21" mit einem Modell verglichen, das nicht einmal konzeptionell existent ist. In all den Jahren wurde von Ihnen im Verkehrsausschuss nie eine "K21"-Alternative eingebracht. Warum kommen Sie damit erst jetzt?

Hermann: Wesentliche Abschnitte von "Stuttgart 21" und der Neubaustrecke sind eben noch nicht rechtskräftig planfestgestellt. Die Bahn und die Landesregierung Baden-Württemberg wollten doch nie Alternativkonzepte seriös durchrechnen. Ein kostengünstiger Trassenvorschlag verliefe etwa durch das Hafengelände. Wenn Ihre tollen Ingenieure 60 Kilometer Tunnel durch die Alb bohren können, dann werden sie ja wohl noch eine Brücke über den Neckar schaffen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
AKI CHIBA 22.09.2010
1. Bisschen Stuttgarter Presse lesen - heute
Grube ist ein ehrbarer Hanseat. Sagt er. Er sollte die mafiosen Strukturen der Baubranche kennen. Als man am Nordflügel begann abzureißen kam schon der erste Fall ans Tageslicht. Schwarzarbeiter - Subunternehmerei. Ein Herr Dürr windet sich da durch das Vertragsgewirr. Hände sind aufgehalten worden. Das Zahlenkartenhaus droht zusammenzubrechen. Schaun mer mal!
Eisenkarl 22.09.2010
2.
Die Grünen sollten aufpassen, dass die Geister die sie mit dem Antreiben von Bürgerprotesten rufen ihnen nicht entwischen. Bei dem was für die von ihnen geforderte Energiewende noch alles so an Zumutungen für die Bevölkerung nötig wird.
ToschiBa 22.09.2010
3. grünen sind realitätsfern
Herr Grube hat es erkannt: Die Grünen sind nur auf ein Wahlergebnis aus und vergessen dabei, was das Beste für die Menschen und die Region ist. Warum sind wohl bei der Facebook-Gruppe für Stuttgart 21 mehr User als bei der Gruppe gegen Stuttgart 21? Daran erkennt man, dass die Grünen einen Hype drum machen, nur für ihr Wahlergebnis. Was die Mehrheit denkt ist ihnen vollkommen egal. Gibt es bie den Grünen überhaupt noch Realos? Die Grünen sägen am eigenen Stuhl. Selbst wenn sie an die Macht in BAWÜ kommen sollten, wird es Bürgerinitiativen gegen ihre Politik geben und dann werden wir ja sehen, wie sie darauf reagieren. Die Grünen haben kein vernünftiges Gegenkonzept und machen nur Panik. Ich weiß nicht, ob der Steuerzahler bereit ist Millionen und Abermillionen zu bezahlen, weil Menschen demonstrieren und ein Projekt, was längst abgesegnet ist von Mandatsträgern, die sie selbst gewählt haben, kippen wollen. Diese Gegenkultur in Deutschland ist traurig. Keiner will etwas voranbringen und Sachen in die Hand nehmen. Am Besten sollte alles nichts kosten. Wo kämen wir da wohl hin?
woscho 22.09.2010
4. Die Steuergelder-Verwüstung der DB hat "Report Mainz"
Zitat von sysopBahn-Chef Rüdiger Grube, 59, und der grüne Verkehrsexperte Winfried Hermann, 58, über wütende Schwaben, Eieruhren und den Streit um das Großprojekt "Stuttgart 21". http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,718813,00.html
vergangenen Montag auf den Punkt gebracht. Obwohl Strecken vorhanden sind, die nur ausgebaut werden müssen, besteht die DB darauf, neue Strecken (wie München-Nürnberg) bauen zu lassen. Denn erstens ist das Streckennetz im Besitz vom Bund geblieben und Neubauten oder Sanierungen zahlt der blöde Steuerzahler. Report Mainz geht noch weiter: Die DB plant Streckenneu- und -umbauten, dafür bekommt sie Planungsgebühren in satten Prozenten, d.h., je mehr die Staatskasse geschröpft wird, desto mehr verdient die DB allein schon mit der Planung. So gibt es auch Neubaustrecken, die irgendwann nach 2020 vielleicht in Betrieb genommen werden. Mehdorn - der Geldvernichter hatte seine Erfüllungsgehilfen im Schöder-Kabinett mit Müntefering, Klimmt, Bodewig und Stolpe als ungenügende Verkehrsminister! Danach kam noch so einer namens Tiefensee, der untätigste von allen. Und jetzt ist der stramme Bayer Ramsauer gefragt. Der macht in der alten Geldvernichtung der DB munter weiter und verteidigt auch noch sein Treiben! Wann lernt die Merkel mit Schäuble endlich richtig Sparen bei Steuergeldern - nämlich bei der Geldverschwendung und nicht bei den unteren Einkommen. Stuttgart21 ist das aktuellste Schurkenstück DB/Regierung. Komisch nur, die SPD, die immer brennend dafür war, ist jetzt dagegen um Wählerstimmen zu kassieren. Was haben wir nur für eine Bandenkriminalität - die noch nicht einmal geahndet wird.
Mischa Dreesbach, 22.09.2010
5. die BAHNanenrepublik!
...nachdem ich gestern im ZDF Magazin Frontal einen Beitrag über die DB, und deren "Projekte" gesehen habe, wundert mich nichts mehr. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/1145412
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