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Ausgabe 38/2010

Genetik: Happy und ihre Brüder

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Wie gelingt es, ein Jahrhundert lang gesund und vital zu bleiben? Mediziner und Biologen untersuchen Hundertjährige, um das Geheimnis der Langlebigkeit zu entschlüsseln. Eine Begegnung mit den Geschwistern Kahn - 108, 104 und 100 Jahre alt.

Helen, 108, verabscheut Salat, Gemüse, frühes Aufstehen und das gesunde Leben überhaupt. Sie liebt kurzangebratene Hamburger, Schokolade, Cocktails und das Nachtleben von New York - die exotischen Restaurants, den Broadway, das Kino, in dem sie sich zuletzt "Iron Man 2" anschaute, und die Metropolitan Opera. Dort hat sie im Jahr 1918 "Samson et Delila", ihre erste Oper, erlebt. Es war ein Geschenk ihres Vaters zum 17. Geburtstag.

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Ach ja, und das Rauchen natürlich: "Ich habe mehr als 80 Jahre lang geraucht, den ganzen Tag, jeden Tag, es waren ganz schön viele Zigaretten", gesteht Helen, die seit Kindertagen nur "Happy" gerufen wird, "die Glückliche", und lässt sich kichernd in ihren plüschweichen Sessel zurückfallen. So klein und zierlich ist die 108-Jährige, dass sie beinahe darin verschwindet. Sie trägt eine Bundfaltenhose, Ballerinas, ein rosa Strickjäckchen mit Rüschen, einen passenden Schal und viele lange Perlenketten. Ihre kurzen hellbraunen Locken sind perfekt geföhnt; sie hat Rouge und Lippenstift aufgelegt. Zart und fast fleckenlos ist ihre Haut, die braunen Augen hinter der Brille funkeln vergnügt.

Seit einem Schlaganfall vor fünf Jahren ist ihre Aussprache etwas undeutlich; doch ihr Geist ist wach, ihre Entdeckungsfreude ungetrübt und ihr Gedächtnis oft besser als dasjenige ihrer 37-jährigen philippinischen Betreuerin. In diesen Tagen ist sie erkältet und soll sich schonen - deshalb empfängt sie in ihrer Wohnung in der Park Avenue und nicht beim Inder um die Ecke oder in einem anderen ihrer Lieblingsrestaurants. "Aber am Samstag", sagt Happy, richtet sich schon wieder auf und strahlt, "am Samstag verabreden wir uns mit meinem Bruder Irving zum Lunch. Okay?"

Happy wurde zum Fall für die Wissenschaft

Helen Faith Keane Reichert, geboren am 11. November 1901 auf Manhattans Lower East Side als Tochter polnisch-jüdischer Einwanderer, ist diplomierte Psychologin, Modeexpertin, ehemalige Fernsehmoderatorin und emeritierte Professorin für Marketing an der New York University. Sie war verheiratet mit einem Kardiologen; Kinder hat sie nicht. Als ihr Mann vor 25 Jahren 88-jährig starb, reiste die damals 84-Jährige um die Welt, nach Irland, Spanien, Italien, in die Türkei, nach Ägypten, China, Japan und Australien - ihre Art, den Verlust zu verarbeiten. "Nur in Indien war ich nicht", sagt sie, "da würde ich gern mal hin."

Auf ihre alten Tage nun ist Happy, die Unverwüstliche, zum Fall für die Wissenschaft geworden - gemeinsam mit ihren Brüdern Irving, 104, und Peter, 100, und ihrer 2005 im Alter von 102 Jahren verstorbenen Schwester Lee.

Das wohl älteste Geschwisterquartett der Welt hat Blutproben abgegeben und sich viele Stunden lang von Altersforschern aus Boston und New York interviewen lassen - um bei der Klärung von Fragen zu helfen, die angesichts der alternden Gesellschaft in den Industrieländern immer drängender werden: Wie schaffen es manche Glückspilze, 100 Jahre und länger zu leben - und dabei auch noch so unerhört gesund und aktiv zu bleiben? Wie kann es sein, dass Hundertjährige das Gesundheitssystem im Schnitt deutlich weniger belasten als Normalsterbliche?

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1. Geist vs. Genetik
inyofa 25.09.2010
"Außerdem seien sie nicht neurotisch - sie haderten nicht mit den Widernissen des Lebens, und sie beherrschten die Kunst des Loslassens" Loslassen und unbeschwert glücklich sein ist eine Kunst, die kaum ein Mensch beherscht. Wenn man sich mal betrachtet wie der Großteil der Menschen von Sorgen, Ängsten und Zeifeln getrieben wird, so ist es kein Wunder dass daraus zwangsläufig Krankheit und Leid resultieren. Es ist doch erstaunlich wie sich die Wissenschaft auf die Lebensgewohnheiten konzentriert um herauszufinden welche Faktoren ein längeres Leben begünstigen - die psychische Komponente wird dabei lediglich als Randnotiz wahrgenommen "sie sind halt alle irgenwie glücklich..punkt"
2. -
arrow64 25.09.2010
Zitat: Ach ja, und das Rauchen natürlich: "Ich habe mehr als 80 Jahre lang geraucht, den ganzen Tag, jeden Tag, es waren ganz schön viele Zigaretten", gesteht Helen,... Schön, dass die Dame trotz Rauchens so alt geworden ist. Die, die wg. des Zeugs schon weit früher unter die Erde gewandert sind, können aber auch keinen Widerspruch mehr vorbringen...
3. Gene und möglichst stressfreien Lebenswandel
stanis laus 25.09.2010
dies sind wohl die Voraussetzungen für ein langes Leben. Jemand, der sich totschuftete, um seine Familie durchzubringen, hat nie erfahren, was das ist: finanziell gesichert zu sein, einen gute Ausbildung mit excellenten Lehrern erhalten zu haben, den Beruf als Hobby auszuüben, einen verständigen Ehemann gehabt zu haben, der alle Widrigkeiten des Lebens auffing, die Sorgen um die Kinder der Kinderfrau zu überlassen und sich lebenslang die beste medizinische Betreuung gönnen zu können. Aber vielleicht hat der, der sich totschuftete, nur zuviel Freude und Begeisterung erlebt, die sein Herz schwächten.
4. ...
jamon 25.09.2010
Zitat von inyofa"Außerdem seien sie nicht neurotisch - sie haderten nicht mit den Widernissen des Lebens, und sie beherrschten die Kunst des Loslassens" Loslassen und unbeschwert glücklich sein ist eine Kunst, die kaum ein Mensch beherscht. Wenn man sich mal betrachtet wie der Großteil der Menschen von Sorgen, Ängsten und Zeifeln getrieben wird, so ist es kein Wunder dass daraus zwangsläufig Krankheit und Leid resultieren. Es ist doch erstaunlich wie sich die Wissenschaft auf die Lebensgewohnheiten konzentriert um herauszufinden welche Faktoren ein längeres Leben begünstigen - die psychische Komponente wird dabei lediglich als Randnotiz wahrgenommen "sie sind halt alle irgenwie glücklich..punkt"
genau das habe ich beim lesen des artikels auch gedacht. was man auch nicht vergessen darf, ist die belastung durch den ständig wachsenden beruflichen stress. man wird durch den job wie eine sau durchs dorf gejagt. kürzlich wurde ich ungläugig angeschaut, als ich sagte, ich wäre mit meiner situation zufrieden, ich möchte nicht in der karriereleiter aufsteigen. ganz offensichtlich ist zufriedenheit für manche ein fremdwort und geht einher mit mangelhafter motivation.
5. Alt werden
Clawog 25.09.2010
Solche Leute sind nicht zu beneiden, trotz relativer Mobilität und Gesundheit. Im Jenseits ist alles schöner, vor allem keine Schmerzen, keine Sorgen und keine Hilflosigkeit. Aber der Hinweis auf die "genetische" Ausstattung wird sicherlich sämtliche Zentralräte auf die Barrikaden treiben.
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