AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2010

Bildung Erschöpft vom Bummeln

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2. Teil: Mangelndes Zeitmanagement: Verzettelt zwischen Job, Lernen, Seminaren


In Europa war es die Bologna-Reform, die überhaupt erst die Frage nach der Messbarkeit studentischen Einsatzes aufwarf. Seit 1999 werden nicht nur mehr und mehr Studiengänge auf Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt; auch den erforderlichen Zeitaufwand pro Studium haben die Bildungsbürokraten beziffert. In Deutschland ist für den Bachelor ein Gesamtpensum von 1800 Stunden im Jahr vorgesehen. Das sind, bei sieben Wochen Urlaub, genau 40 Stunden in der Woche. Erwachsenen Menschen sollte das zumutbar sein.

Was heißt es nun aber, wenn schon eine normale Arbeitswoche die Studenten von heute überfordert? Wächst da eine Generation lamentierender Faulpelze heran? So weit würden die Forscher keineswegs gehen.

"Wir haben einige Probanden genauer befragt", sagt Christiane Metzger. "Viele fühlen sich ja wirklich stark gestresst. Im Nachhinein glauben sie dann, sie müssten auch entsprechend viel geleistet haben."

Wochenstundenplan als Flickenteppich

Eine Frau erzählte, sie habe vor dem Studium 50 Stunden die Woche gearbeitet. Das habe sie weit weniger zerrüttet als die 30 Stunden, die sie nun an der Uni aufwendet. Die Studie legt eine überraschende Erklärung für das Missverhältnis nahe. Sie zeigt, dass das Studium zumeist höchst lernwidrig organisiert ist.

Der typische Wochenplan eines Bachelor-Studenten ist scheckig wie ein Flickenteppich: Bunt über die Woche verstreut finden sich da Seminare und Vorlesungen zu zehn oder zwölf verschiedenen Themen. Jede Veranstaltung verlangt eigentlich ein gewisses Pensum des Vor- und Nachbereitens, aber die leere Zeit zwischen den Terminen ist nur schwer sinnvoll zu nutzen - zu kurz sind meist die Lücken. Für anderthalb Stunden in die Bibliothek? Dann lieber ein Weilchen bei Facebook herumklicken.

"Das Internet ist der größte Zeitfresser", meint Schulmeister. "Das sagen auch die Studenten selbst." Das Grundproblem aber sieht er in der chaotischen Fülle des Stoffs. "Wer sich mit zwölf Themen gleichzeitig beschäftigen müsste, weiß eben oft nicht, wo er anfangen soll. Das können die offenbar noch nicht", sagt der Forscher. "Lieber machen sie dann gar nichts, gehen in die Cafeteria oder fahren zwischendurch nach Hause. Gelernt wird erst, wenn es nicht mehr anders geht, also kurz vor den Prüfungen."

Die meisten Klausuren finden obendrein erst am Ende des Semesters statt; zuvor erfahren die Studenten wenig über die Folgen ihres Tuns oder Lassens. Auch das fördert das Trödelverhalten, das die Forscher immer wieder beobachteten: Im vergangenen Wintersemester verbrachten ihre Probanden den Oktober, November und Dezember sehr geruhsam - die meisten saßen nur in ihren Seminaren und Vorlesungen, der Anteil des Selbststudiums war nicht nennenswert. Erst im Januar, kurz vor den Prüfungen, schnellte die Kurve nach oben. Bei den Mechatronikern in Ilmenau verdreifachte sich jäh der Aufwand.

"Wir nennen das Bulimie-Lernen", sagt Schulmeister. "Die Studenten sind nicht in der Lage, sich die Arbeit einzuteilen."

"Auch bei den Juristen dürfte es nicht viel anders zugehen"

An den vier beteiligten Hochschulen - Hamburg, Mainz, Hildesheim und Ilmenau - werden nun der Reihe nach weitere Studiengänge examiniert. Im kommenden Wintersemester sind in Hamburg rund hundert Studenten der Betriebswirtschaft an der Reihe. Die Forscher erwarten ähnliche Befunde.

"Auch bei den Juristen dürfte es nicht viel anders zugehen", sagt Schulmeister. "Über die Mediziner und die Naturwissenschaftler müssen wir uns dagegen keine Sorgen machen, die sind gut ausgelastet."

Für die anderen Fächer heißt es nun Abhilfe schaffen: "Das Studium müsste blockweise organisiert werden", sagt der Bildungsforscher. Statt zwölf Wissensgebiete in Anderthalbstunden-Portionen übers ganze Semester zu verstreuen, böte es sich an, sie konzentriert in Blöcken von ganzen Tagen zu bearbeiten. Nach vier, fünf Wochen käme dann das nächste Thema dran. Auf diese Weise blieben die Studenten im Stoff, und sie wüssten, wofür sie anfallende Freistunden sinnvollerweise verwenden sollten.

Im nächsten Abschnitt der Zeitbudget-Studie wollen die Forscher nun erproben, wie sich die gefühlte Überforderung der Studenten beheben ließe. An der TU Ilmenau werden deshalb die Mechatroniker im Wintersemester nach einem neuen System studieren: Prüfungen gibt es nicht mehr nur am Ende des Studienhalbjahrs. Stattdessen schreiben sie mehrere "Mikroklausuren" zwischendurch; etliche davon nur zur Selbstkontrolle, ohne Wertung für die Endnote.

Vor allem aber sind gleich drei Tage in der Woche einem einzigen Schwerpunktseminar vorbehalten. In der Regel bekommen die Studenten vormittags neuen Stoff vermittelt; dann gehen sie auseinander zum Selbststudium, und danach tragen sie, wieder gemeinsam, ihre Ergebnisse zusammen - das beste Mittel, hofft Schulmeister, "gegen die chronische Verzettelung".



insgesamt 504 Beiträge
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Seite 1
Pnin, 18.09.2010
1.
Zitat von sysopStudenten sollen studieren, doch der Alltag sieht meist anders aus. Neben dem Studium räumen die Hochschüler auch Jobs sowie der Freizeit breiten Raum ein. Wie verträgt sich dies mit der Berufsausbildung? Arbeiten Studenten zu wenig für ihr Studium?
In vielen Fällen gilt: Ohne Job kein Studium. Also stellt sich die Frage so nicht.
marit, 18.09.2010
2.
Ohne die Jobs (Supermarkt, Nachhilfe, Hiwi, Computerberatung, Haushaltshilfe)* hätten weder ich noch meine Freundin studieren können. Bei den Preisen für die Fahrkarten wären wir nicht mal bis zur Uni/ Hochschule gekommen. * Natürlich nicht alles gleichzeitig
aquaremu 19.09.2010
3.
Wie man des pauschal überhaupt net beantworten kann. Mal ne so pauschale Antwort wie die Frage: Nein, sie tun nicht zu wenig fürs Studium. Manche kriegen gerade so kein Bafög und die Eltern haben nettto trotzdem net gerade viel übrig. Die müssen arbeiten (im Sinne von Geld verdienen); auch wenn sie dadurch ne Zeitlang länger studieren. Diese Leute tun absolut gesehen sozusagen zu wenig um in Regelstudienzeit zu studieren, aber relativ genug, um mit ihren Zielen fertig zu werden, z.b. sie machen insgesamt nciht zuwenig für ihr Studium (Genauere Definition folgt weiter unten) Einige, z.b. ich auch, kriegen Bafög, arbeiten trotzdem gerne ein paar Stunden/Woche für n nettes Taschengeld nebenher um sich was zu gönnen. Jeder, wieviel Zeit er aufbringen kann und mag. Es müssen auch die Studiengebühren erbracht werden (thx @ CDU an dieser Stelle) sowie das Studiticket und jeden Tag Billignudeln mit Billigsoße essen, sich nie was gönnen sowie nie Fortgehen ist kein Lebensstandard; was schon zum nächsten Punkt überleitet. Mit Freizeit: Die gehört zum Leben dazu. Partys, am PC rumgammeln wie jetzt z.b., Nicht-Fachlektüre lesen, mit Freunden was machen ect ist alleine schon als Ausgleich und Quell von Freuden vonnöten. Was für ein Abschluss jemand erreichen und wieviel jemand wissen will, muss er selbst wissen, einschließlich der Konsequenzen. Klar, man kann immer mehr machen, als man es schon aktuell tut, aber solange jemand die gesteckten Ziele erreicht, "arbeitet" er nicht zuwenig fürs Studium, sondern genau richtig. Zuviel wirds erst dann, wenn die Lebensqualität drunter leidet, alles von gerade genug bis dahin ist immernoch genau richtig. Sorry, dass ich des so sag, aber ich find die Frage, so wie sie dasteht, ziemlich dämlich gestellt (oder aber dies ist Absicht, um die Schreiber herauszufordern ;) )und ich sehe da auch keinen Diskussionsbedarf. Wahrscheinlich wird der Thread nacher iner Bachelor-Diskussion enden, und zu der Thematik schreib ich dann später noch was, wenn es so weit ist.
Stazz 19.09.2010
4. job und studium können sich auch ausschließen
bei meinem studium würde ich es nicht ohne bafög schaffen. 60h in der uni sind normal und in abgabezeiten eher 80 bis 100h. wenn ich dann höre die studenten würden heutzutage weniger machen ist es absoluter nonsens! durch die studenreformen ist das ganze wesentlich schulischer geworden, aber die arbeitsintensität hat definitiv zugenommen. die "regelstudienzeit" ist schwer möglich, wenn man studiengebühren zahlen muss und neben dem studium auch noch seinen normalen lebensunterhalt bestreiten muss.
dankur 20.09.2010
5.
Ein wichtiger Artikel. Auch wenn es mit Sicherheit viele gibt, auf die das nicht zutrifft, beschreibt der Artikel sicherlich den Alltag vieler Studierender. Ich kann aber die Kritik am sogenannten "Bulemie-Lernen" nicht teilen. Mir erscheint es nur sinnvoll, zwar über das Semester alles nachzuarbeiten, aber dann vor den Klausuren nochmal ein Schüppe draufzulegen, da viele Details, die man im Anfang vielleicht noch nicht im Gesamtzusammenhang der Veranstaltung sehen kann, sonst drohen unterzugehen. Das ist einfach Ergebnis/Noten-Optimierung. Der vorgeschlagene Blockunterricht macht in diesem Blickwinkel Sinn, weil dann mehr im Zusammenhang gelernt wird, und nicht so fragmentiert, mit 5 Veranstaltungen und mehr.
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