AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2010

Bildung: Erschöpft vom Bummeln

Von Manfred Dworschak

Studenten klagen über steigenden Leistungsdruck - nun aber enthüllt eine neue Studie, wie wenig die meisten in Wahrheit für ihr Studium tun.

DPA

Trostlos ist das Studentenleben, so geht seit Jahren die Sage: nichts als Gebüffel, Prüfungen ohne Unterlass und abends in der Kneipe bedienen für die Miete. Um schlimmen Leistungsdruck ging es auch bei den Massenprotesten im vergangenen Wintersemester. So mancher Kommilitone, hieß es damals, müsse 60 Stunden in der Woche fronen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Sogar Bildungsfunktionäre und Professoren ließen sich anrühren vom Elend der studierenden Jugend - einen "Fall für den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof" sah darin der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin, ehemals Kulturstaatsminister unter Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Das war wohl doch ein wenig übertrieben. Eine neue Studie zeigt: Die allermeisten Studenten bringen es nicht einmal auf eine 40-Stunden-Woche, Jobben inklusive. Der mittlere Aufwand fürs Studium liegt bei 26 Wochenstunden - und auch das nur, weil einzelne besonders arbeitsame Geister den Durchschnitt heben.

Eigentlich suchten die Forscher nach der Belastung durch den Bachelor

Ein sattes Viertel der Vielgeplagten mogelt sich mit 20 Stunden und weniger durch die Semester. Das ergab eine Stichprobe an vier deutschen Hochschulen, geleitet von dem Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. In sechs verschiedenen Bachelor-Studiengängen wurde dafür jeweils ein Studentenjahrgang gründlich überprüft - von den Erziehungswissenschaftlern an der Uni Mainz bis hin zu den Mechatronikern an der TU Ilmenau.

Fotostrecke

4  Bilder
Studienobjekt Student: Was macht ihr denn den ganzen Tag?
Eigentlich wollten die Forscher nur das Ausmaß der allseits beklagten Überlastung dokumentieren. "Es hat uns sehr überrascht, wie wenig die meisten Studenten tatsächlich tun", sagt Schulmeisters Mitarbeiterin Christiane Metzger.

Kann es sein, dass Selbstwahrnehmung und Realität in der Studentenschaft derart weit auseinanderklaffen? Die Methode, die bei der Studie zum Einsatz kam, lässt wenig Raum für Zweifel: Insgesamt 121 Probanden mussten ein ganzes Semester lang täglich in ein Web-Formular eintragen, womit sie jeweils beschäftigt waren, wann und wie lange: Lektüre zur Vorbereitung eines Seminars, Selbststudium in der Bibliothek, Vorlesung, Lohnarbeit. Auch private Zeiten wurden genau erfasst.

Am Ende, als die Auswertung kam, waren viele Teilnehmer selbst schockiert. Ihrer Überzeugung nach hatten sie viel mehr Zeit ins Studium investiert.

Ebendaran aber kranken die üblichen Studien, in denen die Probanden nur aus der Erinnerung einschätzen, wie hoch ihr Aufwand war. In der Rückschau nehmen sich ein paar Stunden des Lernens, abgerungen dem versuchungsreichen Alltag, leicht wie ein Kraftakt aus. Nur wer ein Stundenbuch quasi in Echtzeit führt, ist vor Selbstbetrug gefeit.

Studienergebnis: Vielarbeiter reißen den Schnitt nach oben

Schulmeisters Studie, die nun erstmals das reale Zeitbudget gemessen hat, dürfte die Debatte um die Arbeitslast an den Hochschulen neu befeuern. "Der typische Student hat zwölf Stunden Privatleben am Tag", bilanziert der Forscher. "Die Freizeit hat für diese Generation offenbar einen hohen Wert."

Neue Zahlen aus den USA lassen auf einen globalen Trend schließen. Die kalifornischen Soziologen Philip Babcock und Mindy Marks haben Untersuchungen zum Zeithaushalt aus einem halben Jahrhundert ausgewertet. Ihr Befund: Im Jahr 1961 wendeten die Studenten noch im Schnitt 24 Stunden in der Woche fürs Selbststudium auf. Im Jahr 2003 war der Wert auf 14 Stunden gesunken.

Der deutlichste Rückgang war schon vor 1981 festzustellen, und er vollzog sich quer durch alle Milieus, in elitären wie in mittelmäßigen Colleges. Die Forscher haben nur eine Erklärung: Das Leben jenseits der Universität muss den jungen Leuten wichtiger geworden sein.

Freilich wird auch oft beklagt, dass immer mehr Studenten nebenher Geld verdienen. Das erklärt aber kaum, warum ihr Studieneifer so drastisch nachgelassen hat. Denn die breite Masse verausgabt sich im Job nur in höchst erträglichem Maß. Die Probanden der Zeitbudget-Studie etwa gingen im Schnitt 6,4 Stunden pro Woche einem Nebenerwerb nach. Und auch hier waren es wieder vereinzelte Rekordarbeiter, die mit 40 Stunden und mehr den Durchschnitt hoben - sie wären eher als Teilzeitstudenten einzuordnen. Bei den übrigen aber sollte das Studium nicht ernstlich unter den paar Stunden Jobberei leiden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 486 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Pnin 18.09.2010
Zitat von sysopStudenten sollen studieren, doch der Alltag sieht meist anders aus. Neben dem Studium räumen die Hochschüler auch Jobs sowie der Freizeit breiten Raum ein. Wie verträgt sich dies mit der Berufsausbildung? Arbeiten Studenten zu wenig für ihr Studium?
In vielen Fällen gilt: Ohne Job kein Studium. Also stellt sich die Frage so nicht.
2.
marit 18.09.2010
Ohne die Jobs (Supermarkt, Nachhilfe, Hiwi, Computerberatung, Haushaltshilfe)* hätten weder ich noch meine Freundin studieren können. Bei den Preisen für die Fahrkarten wären wir nicht mal bis zur Uni/ Hochschule gekommen. * Natürlich nicht alles gleichzeitig
3.
aquaremu 19.09.2010
Wie man des pauschal überhaupt net beantworten kann. Mal ne so pauschale Antwort wie die Frage: Nein, sie tun nicht zu wenig fürs Studium. Manche kriegen gerade so kein Bafög und die Eltern haben nettto trotzdem net gerade viel übrig. Die müssen arbeiten (im Sinne von Geld verdienen); auch wenn sie dadurch ne Zeitlang länger studieren. Diese Leute tun absolut gesehen sozusagen zu wenig um in Regelstudienzeit zu studieren, aber relativ genug, um mit ihren Zielen fertig zu werden, z.b. sie machen insgesamt nciht zuwenig für ihr Studium (Genauere Definition folgt weiter unten) Einige, z.b. ich auch, kriegen Bafög, arbeiten trotzdem gerne ein paar Stunden/Woche für n nettes Taschengeld nebenher um sich was zu gönnen. Jeder, wieviel Zeit er aufbringen kann und mag. Es müssen auch die Studiengebühren erbracht werden (thx @ CDU an dieser Stelle) sowie das Studiticket und jeden Tag Billignudeln mit Billigsoße essen, sich nie was gönnen sowie nie Fortgehen ist kein Lebensstandard; was schon zum nächsten Punkt überleitet. Mit Freizeit: Die gehört zum Leben dazu. Partys, am PC rumgammeln wie jetzt z.b., Nicht-Fachlektüre lesen, mit Freunden was machen ect ist alleine schon als Ausgleich und Quell von Freuden vonnöten. Was für ein Abschluss jemand erreichen und wieviel jemand wissen will, muss er selbst wissen, einschließlich der Konsequenzen. Klar, man kann immer mehr machen, als man es schon aktuell tut, aber solange jemand die gesteckten Ziele erreicht, "arbeitet" er nicht zuwenig fürs Studium, sondern genau richtig. Zuviel wirds erst dann, wenn die Lebensqualität drunter leidet, alles von gerade genug bis dahin ist immernoch genau richtig. Sorry, dass ich des so sag, aber ich find die Frage, so wie sie dasteht, ziemlich dämlich gestellt (oder aber dies ist Absicht, um die Schreiber herauszufordern ;) )und ich sehe da auch keinen Diskussionsbedarf. Wahrscheinlich wird der Thread nacher iner Bachelor-Diskussion enden, und zu der Thematik schreib ich dann später noch was, wenn es so weit ist.
4. job und studium können sich auch ausschließen
Stazz 19.09.2010
bei meinem studium würde ich es nicht ohne bafög schaffen. 60h in der uni sind normal und in abgabezeiten eher 80 bis 100h. wenn ich dann höre die studenten würden heutzutage weniger machen ist es absoluter nonsens! durch die studenreformen ist das ganze wesentlich schulischer geworden, aber die arbeitsintensität hat definitiv zugenommen. die "regelstudienzeit" ist schwer möglich, wenn man studiengebühren zahlen muss und neben dem studium auch noch seinen normalen lebensunterhalt bestreiten muss.
5.
dankur 20.09.2010
Ein wichtiger Artikel. Auch wenn es mit Sicherheit viele gibt, auf die das nicht zutrifft, beschreibt der Artikel sicherlich den Alltag vieler Studierender. Ich kann aber die Kritik am sogenannten "Bulemie-Lernen" nicht teilen. Mir erscheint es nur sinnvoll, zwar über das Semester alles nachzuarbeiten, aber dann vor den Klausuren nochmal ein Schüppe draufzulegen, da viele Details, die man im Anfang vielleicht noch nicht im Gesamtzusammenhang der Veranstaltung sehen kann, sonst drohen unterzugehen. Das ist einfach Ergebnis/Noten-Optimierung. Der vorgeschlagene Blockunterricht macht in diesem Blickwinkel Sinn, weil dann mehr im Zusammenhang gelernt wird, und nicht so fragmentiert, mit 5 Veranstaltungen und mehr.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Universitäten
RSS

© DER SPIEGEL 38/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Montag, 20.09.2010 – 00:00 Uhr
  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 38/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Bundespräsident: Warum Christian Wulff noch nicht Tritt gefasst hat
  • - Deutsche Einheit: Der märchenhafte Erfolg der ostdeutschen Zeitschrift "Super Illu"
  • - USA: Ein neuer Star beflügelt die Tea Party
  • - Konservatismus: Stephanie zu Guttenbergs Kreuzzug gegen Lady Gaga
Fotostrecke
Studenten-Studie: Wie sie leben, wo sie wohnen, was sie verdienen

Fotostrecke
Pro-Bachelor-Kampagne: Schnell studieren? Ja, bitte!

Mietspiegel der Studentenbuden
Rangfolge der Hochschulstädte nach monatlichen Ausgaben
In Berlin wohnt es sich noch immer vergleichsweise günstig, insgesamt sind die Mieten im Osten erschwinglicher als im Westen. Fast 350 Euro kostet wohnen in München und Hamburg. Die 54 teuersten Unistädte im Überblick.
Die 27 teuersten Universitätsstädte...
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
1 München 348
2 Hamburg 345
3 Köln 333
4 Düsseldorf 330
5 Frankfurt-a.M. 328
6 Darmstadt 321
7 Mainz 308
8 Stuttgart 306
9 Konstanz 305
10 Heidelberg 301
11 Bremen 300
12 Berlin 298
12 Ulm 298
12 Bonn 298
15 Wuppertal 297
16 Freiburg 294
17 Aachen 293
18 Duisburg 289
19 Lüneburg 288
19 Tübingen 288
21 Hannover 285
22 Saarbrücken 282
23 Münster 281
23 Mannheim 281
25 Kiel 280
25 Augsburg 280
27 Marburg 279
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in €)

Quelle: DSW/HIS 19. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Rostock 279
29 Trier 278
30 Karlsruhe 276
31 Regensburg 275
32 Potsdam 274
32 Dortmund 274
34 Braunschweig 273
35 Erlangen- Nürnberg 272
36 Würzburg 268
37 Bielefeld 267
38 Gießen 266
39 Göttingen 261
40 Kassel 260
41 Paderborn 259
41 Osnabrück 259
43 Bochum 258
44 Passau 254
45 Greifswald 252
46 Bamberg 250
47 Erfurt 249
48 Halle (Saale) 243
49 Oldenburg 242
50 Leipzig 236
50 Magdeburg 236
52 Jena 233
53 Dresden 223
54 Chemnitz 210
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in €)

Quelle: DSW/HIS 19. Sozialerhebung

Fotostrecke
Studentenjobs: Philosoph im Gefängnis, Chemikerin an der Tanke


Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...