Von Manfred Dworschak
Trostlos ist das Studentenleben, so geht seit Jahren die Sage: nichts als Gebüffel, Prüfungen ohne Unterlass und abends in der Kneipe bedienen für die Miete. Um schlimmen Leistungsdruck ging es auch bei den Massenprotesten im vergangenen Wintersemester. So mancher Kommilitone, hieß es damals, müsse 60 Stunden in der Woche fronen.
Das war wohl doch ein wenig übertrieben. Eine neue Studie zeigt: Die allermeisten Studenten bringen es nicht einmal auf eine 40-Stunden-Woche, Jobben inklusive. Der mittlere Aufwand fürs Studium liegt bei 26 Wochenstunden - und auch das nur, weil einzelne besonders arbeitsame Geister den Durchschnitt heben.
Eigentlich suchten die Forscher nach der Belastung durch den Bachelor
Ein sattes Viertel der Vielgeplagten mogelt sich mit 20 Stunden und weniger durch die Semester. Das ergab eine Stichprobe an vier deutschen Hochschulen, geleitet von dem Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. In sechs verschiedenen Bachelor-Studiengängen wurde dafür jeweils ein Studentenjahrgang gründlich überprüft - von den Erziehungswissenschaftlern an der Uni Mainz bis hin zu den Mechatronikern an der TU Ilmenau.
Kann es sein, dass Selbstwahrnehmung und Realität in der Studentenschaft derart weit auseinanderklaffen? Die Methode, die bei der Studie zum Einsatz kam, lässt wenig Raum für Zweifel: Insgesamt 121 Probanden mussten ein ganzes Semester lang täglich in ein Web-Formular eintragen, womit sie jeweils beschäftigt waren, wann und wie lange: Lektüre zur Vorbereitung eines Seminars, Selbststudium in der Bibliothek, Vorlesung, Lohnarbeit. Auch private Zeiten wurden genau erfasst.
Am Ende, als die Auswertung kam, waren viele Teilnehmer selbst schockiert. Ihrer Überzeugung nach hatten sie viel mehr Zeit ins Studium investiert.
Ebendaran aber kranken die üblichen Studien, in denen die Probanden nur aus der Erinnerung einschätzen, wie hoch ihr Aufwand war. In der Rückschau nehmen sich ein paar Stunden des Lernens, abgerungen dem versuchungsreichen Alltag, leicht wie ein Kraftakt aus. Nur wer ein Stundenbuch quasi in Echtzeit führt, ist vor Selbstbetrug gefeit.
Studienergebnis: Vielarbeiter reißen den Schnitt nach oben
Schulmeisters Studie, die nun erstmals das reale Zeitbudget gemessen hat, dürfte die Debatte um die Arbeitslast an den Hochschulen neu befeuern. "Der typische Student hat zwölf Stunden Privatleben am Tag", bilanziert der Forscher. "Die Freizeit hat für diese Generation offenbar einen hohen Wert."
Neue Zahlen aus den USA lassen auf einen globalen Trend schließen. Die kalifornischen Soziologen Philip Babcock und Mindy Marks haben Untersuchungen zum Zeithaushalt aus einem halben Jahrhundert ausgewertet. Ihr Befund: Im Jahr 1961 wendeten die Studenten noch im Schnitt 24 Stunden in der Woche fürs Selbststudium auf. Im Jahr 2003 war der Wert auf 14 Stunden gesunken.
Der deutlichste Rückgang war schon vor 1981 festzustellen, und er vollzog sich quer durch alle Milieus, in elitären wie in mittelmäßigen Colleges. Die Forscher haben nur eine Erklärung: Das Leben jenseits der Universität muss den jungen Leuten wichtiger geworden sein.
Freilich wird auch oft beklagt, dass immer mehr Studenten nebenher Geld verdienen. Das erklärt aber kaum, warum ihr Studieneifer so drastisch nachgelassen hat. Denn die breite Masse verausgabt sich im Job nur in höchst erträglichem Maß. Die Probanden der Zeitbudget-Studie etwa gingen im Schnitt 6,4 Stunden pro Woche einem Nebenerwerb nach. Und auch hier waren es wieder vereinzelte Rekordarbeiter, die mit 40 Stunden und mehr den Durchschnitt hoben - sie wären eher als Teilzeitstudenten einzuordnen. Bei den übrigen aber sollte das Studium nicht ernstlich unter den paar Stunden Jobberei leiden.
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© DER SPIEGEL 38/2010
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