AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2010

Frühgeschichte Google Earth in der Antike

Wie sah Deutschland vor 2000 Jahren aus? Berliner Kartografen haben eine alte Landkarte - entdeckt im Topkapi-Palast von Istanbul - ausgewertet und entzerrt. Das über 700 Jahre alte Pergament enthält erstaunliche Daten über das alte Germanien.


Dass Rom 7-5-3 aus dem Ei kroch, ist bekannt. Im Falle von Sankt Petersburg kennt man sogar den Tag der Grundsteinlegung.

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Heft 39/2010
Wie Europas Politiker die Einheit verhindern wollten

Aber wie steht es mit Hannover? Wann wurden Kiel oder Bad Driburg gegründet? Fast die gesamte deutsche Stadtlandschaft rechts des Rheins liegt im geschichtlichen Dunkel. Urkundliche Erwähnung fanden die Orte dort alle erst im Mittelalter.

Das Datum ihrer Gründung kannte bislang niemand.

Schuld an dem Unwissen ist die Bildungsferne unserer Vorfahren. Katasterämter führten die Germanen nicht. Sie konnten nicht mal schreiben. Im Gebiet jenseits des Rheins, das die Römer nie dauerhaft besetzt hielten, waren nur ungelenke Runen in Gebrauch.

Tacitus zufolge lebten die Einwohner in Strohdachkaten und Grubenhäusern. Sie ernährten sich von "Graupensuppe" und frönten exzessiv dem Würfelspiel.

Viel mehr ist nicht bekannt. Was tief im Inneren des Barbarenlandes wirklich ablief - darüber gibt es kaum schriftliche Kunde.

Mitteleuropa vor 2000 Jahren

Das könnte sich nun ändern. Eine Gruppe aus Altphilologen, Mathematikhistorikern und Erdvermessern vom Institut für Geodäsie der Technischen Universität Berlin hat eine verblüffende Landkarte vorgelegt. Sie zeigt Mitteleuropa vor 2000 Jahren.

Nord- und Ostsee heißen darauf "Germanischer Ozean", der Frankenwald wird "Sudeti montes" genannt. Vor der friesischen Küste liegen drei "Sachseninseln". Dort finden sie sich noch heute: Amrum, Föhr und Sylt.

Hinzu kommen jede Menge Städte: Das heutige Jena heißt "Bicurgium", Essen wird "Navalia" genannt.

Auch Fürstenwalde in Brandenburg soll es schon gegeben haben - als "Susudata". Abgeleitet ist das Wort vom germanischen Begriff "susutin", Saulache - was auf eine nicht allzu imposante Skyline schließen lässt.

Das seltsame Kartenwerk beruht auf Angaben des Mathematikers und Astronomen Claudius Ptolemäus, der sich um 150 nach Christus anschickte, die gesamte damals bekannte Welt darzustellen. Wohnhaft in Alexandria, unterm Licht des monumentalen Leuchtturms, zeichnete er 26 Karten mit bunter Tinte auf getrocknete Tierhäute.

"Germania Magna", von grobschlächtigen Barbaren bewohnt

Google Earth in der Antike.

Eine Zeichnung stellte "Germania Magna" dar, jenes regnerische Gebiet, das - römischen Quellen zufolge - von grobschlächtigen Barbaren bewohnt wurde. Ihr Reproduktionsdrang, so hieß es, verwandle das Land in einen gefährlichen "Völkerschoß".

Ptolemäus kennt sich gut aus in der abgelegenen Ecke. Er nennt Gebirge, Flüsse, Inseln. In einem Verzeichnis führt er 94 "poleis", Städte, auf. Deren Lage gibt er mit Längen- und Breitengraden bis auf wenige Bogenminuten genau an.

Bis zur Weichsel, wo einst Burgunden, Goten und Wandalen lebten, ziehen sich die Siedlungen. Das Volk der Sachsen wird hier erstmals erwähnt. Selbst die Swine am Oderhaff ist Ptolemäus offenbar bekannt.

Woher hatte der Gelehrte vom fernen Nil dieses Detailwissen? Eigene Messungen, so viel ist sicher, führte er in Germanien nie durch.

Die Forschung nimmt deshalb an, dass Ptolemäus sich auf Wegbeschreibungen ("Itinerarien") römischer Händler stützte. Er wertete Reisenotizen von Seefahrern aus und zog Karten römischer Legionen heran, die im nordischen Tann operierten.

Ptolemäus' Werk sorgt bislang für Verwirrung

Doch die Daten, die der antike Erdkundler verwendete, sind verzerrt. Beim Übertragen der Kugelgestalt der Erde auf die Kartenfläche unterliefen ihm Maßstabsfehler. Er dachte sich das ferne Nordland zu schmal und langgestreckt. Jütland und Schleswig-Holstein verbog er gen Osten.

Zudem verknüpfte Ptolemäus seine Teilkarten nicht richtig. Zwar suchte er nach Eichpunkten, um den Flickenteppich an Geo-Informationen zu verbinden. Dabei unterliefen ihm aber weitere Schnitzer.

Ergebnis: Verwirrung.

Immer wieder haben sich Sprachforscher und Historiker vergebens über das vergilbte Werk gebeugt. In der Forschung galt es als "verzaubertes Schloss". Niemand könne es öffnen, hieß es, der Zugang in die Vorgeschichte Deutschlands sei versperrt.

Wendet sich nun das Blatt? Erstmals haben sich jetzt hochkarätige Fachleute des Vermessungswesens zusammengetan, um das verwirrende Rätsel zu lösen.

Sechs Jahre lang brütete das Berliner Team über den vertrackten Daten. Gemeinsam entwickelten sie eine "geodätische Deformationsanalyse", um das Ganze zu entzerren.

Ergebnis ist ein Verzeichnis, das gleichsam die Heimatdörfer von Siegfried und Hermann dem Cherusker bis auf 10 bis 20 Kilometer genau verortet. Der Verlag, der das Werk veröffentlicht hat, spricht von einer "Sensation" (siehe Buchtipp links).

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Ralfandreas 01.10.2010
1. Alisum - wo ist das Römerkastell ?
Unter den auf der Karte aufgeführten Orten scheint "Alisum" besonders interessant zu sein, da dieser in der römischen Literatur zur Varusschlacht auftaucht (als "Aliso"). Wenn Alisum/Aliso dort war, wo heute Bergisch-Gladbach liegt, dann haben die Vertreter der These, dass die Varusschlacht bei Kalkriese war, ein Problem. Auf jeden Fal sollte man in/um Bergisch-Gladbach einmal anfangen, nach einem römischen Kastell zu suchen, vgl. die Quellen oder zum ersten Lesen http://de.wikipedia.org/wiki/Aliso .
saddamatus, 01.10.2010
2. fisj
"Urkundliche Erwähnung fanden die Orte dort alle erst im Mittelalter. Das Datum ihrer Gründung kannte bislang niemand. Schuld an dem Unwissen ist die Bildungsferne unserer Vorfahren. Katasterämter führten die Germanen nicht. Sie konnten nicht mal schreiben. Im Gebiet jenseits des Rheins, das die Römer nie dauerhaft besetzt hielten, waren nur ungelenke Runen in Gebrauch." Kann man das so genau wissen? Hat nicht möglicherweise die römische Kirche alles Wissen über die (Nichtrömische) Geschichte in Deutschland im "dunklen Mittelalter" vernichtet, um ihren Besitz zu mehren und unliebsame Traditionen auszurotten? Wie lange hat es gedauert bis klar wurde, dass die Hochkulturen Amerikas durchaus nicht nur "ungelenke Glyphen" gekritzelt, sondern richtig geschrieben haben? War halt nur schwer herauszufinden, weil diese Dokumente alle vernichtet wurden, von der.... ...ach ja: Römischen Kirche. Gelernt ist gelernt.
NackteElfe 01.10.2010
3. Bindestriche gehören nicht in jeden Stadtnamen
Bergisch Gladbach, bitte... Ich dachte ich hätte es dem Spiegel mit unzähligen Leserbriefen endlich ausgetrieben. ;)
Heinzel, 01.10.2010
4. ...
"Lokalpatrioten werden an ihrer Landkarte Freude haben (genaue Angaben zu einzelnen Orten unter www.spiegel.de/germaniamagna). Ihm zufolge existierten Provinznester wie Salzkotten oder Lalendorf in Mecklenburg-Vorpommern schon vor 2000 Jahren. Am Zusammenfluss von Elbe und Alster lag "Treva" - der Vorläufer von Hamburg. Leipzig nannte sich damals "Aregelia"." Soweit ich weiss, wurde das heutige Leipzig von Slawen gegründet, worauf auch der Stadtname, der slawischen Ursprungs ist, hinweist. Eine kontinuierliche Stadtgeschichte Leipzigs, die bis zur Siedlung "Aregelia" reicht, kann es deshalb doch gar nicht geben.
harrybr 01.10.2010
5. Sie meinen
Zitat von Heinzel"Lokalpatrioten werden an ihrer Landkarte Freude haben (genaue Angaben zu einzelnen Orten unter www.spiegel.de/germaniamagna). Ihm zufolge existierten Provinznester wie Salzkotten oder Lalendorf in Mecklenburg-Vorpommern schon vor 2000 Jahren. Am Zusammenfluss von Elbe und Alster lag "Treva" - der Vorläufer von Hamburg. Leipzig nannte sich damals "Aregelia"." Soweit ich weiss, wurde das heutige Leipzig von Slawen gegründet, worauf auch der Stadtname, der slawischen Ursprungs ist, hinweist. Eine kontinuierliche Stadtgeschichte Leipzigs, die bis zur Siedlung "Aregelia" reicht, kann es deshalb doch gar nicht geben.
darf es nicht geben, das wäre sonst Autobahn
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