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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2010

Verbraucher: Schwacher Strahl

Von Guido Kleinhubbert

2. Teil: Informationsdefizite bei deutschen Wasser-Kunden

Jugendliche beim Duschen: Wassersparen eine Überlebensaufgabe? Zur Großansicht
DPA

Jugendliche beim Duschen: Wassersparen eine Überlebensaufgabe?

Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Wasser ist ein Verhältnis voller Missverständnisse. Seit Jahren glauben viele Verbraucher, es diene langfristig ihrem Portemonnaie, beim Zähneputzen das Wasser auszustellen. Die Fixkosten der Versorger für Werke, Rohre und Kanäle liegen allerdings bei weit über 80 Prozent. Sinkende Nachfrage kontern sie daher regelmäßig mit höheren Kubikmeterpreisen.

Wie groß die Informationsdefizite deutscher Wasser-Kunden sind, merkt Jörg Rechenberg vom Umweltbundesamt in Dessau besonders im Hochsommer. Wenn die Temperaturen auf über 40 Grad klettern, klingelt in seinem Büro regelmäßig das Telefon, und ein besorgter Bürger ist dran. Ob man noch sorglos duschen könne? Ob man den Kindern das Planschbecken vollmachen dürfe? Rechenberg, zuständig für das Thema Wasserwirtschaft, mahnt dann immer zu mehr Gelassenheit. "Duschen Sie", sagt er, "planschen Sie, Sie brauchen dabei kein schlechtes Gewissen bekommen."

Im Flur vor Rechenbergs Büro hängt eine Deutschlandkarte, die er den Anrufern dann gern zeigen würde. Sie ist fast vollständig blau. Sie zeigt ein Land, in dem es von Flüssen, Bächen und Kanälen nur so wimmelt. Ein Land, in dem es so viele Seen und Grundwasservorkommen gibt, dass seine Bewohner gar nicht dagegen anprassen könnten. Was aus deutschen Hähnen gezapft wird, regnet allein fünffach wieder herunter. So wurden im vergangenen Jahr gerade einmal 2,7 Prozent der sich jährlich erneuernden Wasservorkommen verbraucht.

Dennoch lernen deutschen Schulkinder noch immer im Unterricht, dass Wassersparen auch hierzulande eine Art Überlebensfrage ist. Außerdem helfe man dürregeplagten afrikanischen Hirsebauern, wenn man der Mama zu Hause das wöchentliche Vollbad ausrede. Organisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) halten dem Verbraucher vor, dass er Tag für Tag den Inhalt von umgerechnet dreieinhalb Putzeimern einfach so das Klo hinunterspüle. Er putze sein Gemüse unter fließendem Wasser und stecke Kleidung in die Maschine, obwohl sie eigentlich nur gelüftet werden müsse.

Was ist die richtige Wassersparstrategie für Europa?

Der Deutsche Verbraucher, suggeriert der BUND auf einer Internetseite, müsse sich mehr anstrengen, wenn er sich ökologisch korrekt verhalten wolle. Dabei ginge es auch einfacher: mehr Leitungswasser trinken. Das tun die Deutschen weniger als andere Europäer. Stattdessen kaufen sie lieber Wässer in Flaschen, die über Tausende Kilometer mit Lkw ins Land transportiert werden. Diese Wässer haben eine katastrophale CO2-Bilanz, sind bis zu 500-mal so teuer und keineswegs von besserer Qualität.

Weil die Deutschen ihr Wasser verschmähen, rücken zum Beispiel Gelsenwasser-Mitarbeiter jeden Tag in ihren weiß-blauen Bullis aus, um einen ungewöhnlichen Job zu erledigen: Sie steuern Hydranten in Gelsenkirchen und Umgebung an und lassen dabei etwa 800.000 Liter Trinkwasser ab. Das provoziert zwar regelmäßig Proteststürme von Spaziergängern, doch nur so kann Gelsenwasser die Trinkwasserqualität garantieren.

Fließt nicht genügend durch die Rohre, droht das Wasser zu verkeimen; außerdem lagern sich Kupfer, Nickel und Blei ab. So bleibt den Versorgern mancherorts gar nichts anderes übrig, als die alten dicken Rohre durch neue, dünnere zu ersetzen und dadurch die Fließgeschwindigkeit zu erhöhen. Wenn der Verbrauch noch einmal um 25 Prozent sinkt, müsste allein Gelsenwasser nach eigenen Angaben noch einmal etwa 400 Millionen Euro investieren, um die Infrastruktur der sinkenden Nachfrage anzupassen.

Das alles hat VKU-Hauptgeschäftsführer Reck kürzlich Vertretern der EU-Kommission in Brüssel erzählt. "Die scheinen dort aber bisher noch nicht zu verstehen, dass man zum Beispiel Spanien nicht mit Deutschland vergleichen kann", glaubt Reck. Joe Hennon, Sprecher des EU-Umweltkommissars Janez Potocnik, lässt mitteilen, dass die Überlegungen in Sachen Duschkopf ja auch noch am Anfang stünden. Man überprüfe zurzeit mit Hilfe mehrerer Studien, was die richtige Wassersparstrategie für Europa sei.

UBA-Mitarbeiter Rechenberg hat da schon einige Ideen. Statt irgendeinen "Duschkopf-Pipifax" zu befördern, könnten die Brüsseler Bürokraten überlegen, wie sinnvoll der Gemüseanbau in knochentrockenen Landstrichen wie Andalusien ist. Sie könnten den Bau von durstigen Golfplätzen in wüstenähnlichen iberischen Landstrichen hinterfragen. Sie könnten auch nachschauen, was in Spaniens, Italiens oder Bulgariens Unterwelt vor sich geht, schlägt Rechenberg vor.

Während im deutschen Versorgungssystem nur etwa acht Prozent des Trinkwassers auf dem Weg zum Kunden verlorengeht, gleichen die Rohre vieler europäischer Nachbarn einem Schweizer Käse. Was aus den Wasserwerken herausgepumpt wird, kommt manchmal nur zu etwa 60 Prozent beim Kunden an. Der Rest dringt durch Löcher und Risse und versickert einfach im Erdreich.

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1. Sonst fällt euch nix ein...
fatherted98 28.09.2010
Zitat von sysopDie Deutschen verbrauchen zu wenig Wasser und richten damit Schäden an. Trotzdem erwägt die EU, sie zu noch mehr Sparsamkeit zu drängen. Es drohen Preiserhöhungen um 25 Prozent. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,719873,00.html
...fällt SPON tatsächlich nichts mehr ein als diese Ur-Ur-Alt Meldungen wieder mal ins Netz zu stellen. Die Fehlentwicklung im Wassersektor sind seit Jahrzehnten bekannt...und die Folgen für den Bürger spürbar...Es nützt halt nix hier Wasser zu sparen wenns in der Sahel-Zone fehlt..
2. Und der Energieverbrauch fürs Warmwasser?
Ernst49 28.09.2010
Der Author berücksichtigt nicht, dass die Erwärmung des Wassers fürs Duschen, Baden etc. Energie benötigt. Wird erwärmtes Wasser gespart, spart man also nicht nur Wasser, sondern Gas und Strom.
3. Alter Hut
meinefresse 28.09.2010
die Kanalisation muß regelmäßig gespült werden, damit die Ablagerungen mal abgehen - aber Aufgrund eines Urteils werden die versiegelten Flächen mit Kanalanschluss jetzt extra berechnet. Da sollte es für jeden versiegelten qm einen Zuschuss geben, schließlich spart man damit Geld bei der Extraspülung - aber nö, es wird natürlich teurer...
4. Deutschland liegt in Schilda
wanderprediger, 28.09.2010
Zitat von fatherted98...fällt SPON tatsächlich nichts mehr ein als diese Ur-Ur-Alt Meldungen wieder mal ins Netz zu stellen. Die Fehlentwicklung im Wassersektor sind seit Jahrzehnten bekannt...und die Folgen für den Bürger spürbar...Es nützt halt nix hier Wasser zu sparen wenns in der Sahel-Zone fehlt..
Ich bin mir sehr sicher, das wissen die wenigsten Bürger. Wassersparen, Mülltrennung, Glühbirnenverbot, Multikulti, Hetze gegen Autofahrer u.s.w.. Welcher Schildbürgerstreich kommt als nächstes?
5. Wasserpreise senken !
elster2 28.09.2010
Dann sollten die Wasserpreise gesenkt werden, dann wird auch wieder mehr verbraucht. Reine Apelle werden bei den hohen Wasserpreisen wohl nichts fruchten !
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Fakten zur Wasserversorgung
Bundesweit 6200 Versorger
In Deutschland gibt es dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zufolge etwa 6200 Wasserversorger. Diese beschäftigen rund 41.000 Mitarbeiter und erzielen einen Jahresumsatz von neun Milliarden Euro.

Zu den größten Unternehmen gehören die Berliner Wasserbetriebe, der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung, Hamburg Wasser und Hessenwasser. Rund 100 Unternehmen liefern die Hälfte des Trinkwassers in Deutschland.
Energieriesen mischen mit
Neben zahlreichen kommunalen Anbietern wie Stadtwerken gehören zur Branche auch börsennotierte Unternehmen wie Gelsenwasser. Auch Konzerne wie der französische Versorger Veolia und der Energieriese RWE mischen mit. Sie sind unter anderem an den Berliner Wasserbetrieben beteiligt.
Sinkender Verbrauch
Der tägliche Trinkwasserverbrauch pro Kopf ist nach Angaben des BDEW von 1990 bis 2006 um 15 Prozent auf durchschnittlich 125 Liter zurückgegangen. Nach Angaben des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) stiegen die Trinkwasserpreise von 2005 bis 2008 um insgesamt 3,4 Prozent, während die Lebenshaltungskosten um 6,6 Prozent kletterten.
Preiskontrollen
Die Landeskartellbehörden können die Preise überprüfen, wenn sie diese als zu hoch erachten. Im Jahr 2007 hatte das Hessische Wirtschaftsministerium als Landeskartellbehörde dem Wetzlarer Versorger Enwag eine Preissenkung von 30 Prozent verordnet. Zudem gibt es in Hessen Verfahren gegen acht weitere Versorger, darunter gegen die Frankfurter Mainova und die Städtischen Werke AG Kassel. ssu/Reuters


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