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Ausgabe 39/2010

Verbraucher: Schwacher Strahl

Von Guido Kleinhubbert

Die Deutschen verbrauchen zu wenig Wasser und richten damit Schäden an. Trotzdem erwägt die EU, sie zu noch mehr Sparsamkeit zu drängen. Es drohen Preiserhöhungen um 25 Prozent.

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Jugendliche beim Duschen: Wassersparen eine Überlebensaufgabe?

Es ist schon wieder einer dieser Tage, an denen der Nachschub stundenlang vom Himmel fällt. Friedrich Reh, 48, Chef des Wasserwerks Haltern, sitzt in seinem Büro und fährt den Computer hoch. Draußen prasselt der Regen in schrägen Strichen auf den benachbarten Stausee, läuft über die abschüssigen Wege vor dem Verwaltungsgebäude, pitscht auf die Rohre, durch die jeden Tag 250 Millionen Liter Trinkwasser in die Städte und Gemeinden des nördlichen Ruhrgebiets gepumpt werden.

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Reh und sein Arbeitgeber Gelsenwasser könnten in diesem feuchten Spätsommer, in dem es in Haltern so viel regnet wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnung, mehr und besseres Wasser verkaufen als jemals zuvor. Es sickert fast 70 Meter tief durch sandige Filterböden auf dem Werksgelände und wird im Labor jeden Tag von Mitarbeitern mit Mundschutz auf Sauberkeit und Optik kontrolliert. Vor einigen Wochen setzte es sich bei einem Geschmackstest sogar gegen teure Flaschen-Konkurrenz aus Kanada und Italien durch. Dennoch scheinen die etwa eine Million Kunden mit dem Wasser aus Haltern zu hadern.

Der Werksleiter öffnet eine Datei mit den Statistiken der vergangenen Jahre. Zahlenreihen wie diese kennen fast alle deutschen Wasserversorger. Im Jahr 2000 leitete das Werk noch etwa 110 Millionen Kubikmeter ins Netz. Voriges Jahr waren es nur noch 90 Millionen, Tendenz weiter sinkend. Die Industrie setzt zunehmend auf Wasseraufbereitung, Städte verlieren Einwohner, die Landwirtschaft wird meist vom Regen verwöhnt. Doch auch die privaten Kunden fragen weniger Wasser nach.

Beim Wassersparen verzichten viele Bürger auf Kosten-Nutzen-Rechnungen

Die Deutschen scheiterten in den vergangenen 20 Jahren daran, alle Einsparmöglichkeiten für Sprit und Strom zu nutzen. Beim Wasser waren sie dafür umso gründlicher. Sie statteten ihre Klos mit Spartasten fürs kleine Geschäft aus, trennten sich von verbrauchsintensiven Waschmaschinen, bauten sich Regenwasserzisternen in den Garten. Viele dieser mittlerweile weit über eine Million Anlagen werden sich nie amortisieren, weil mit dem eingefangenen Wasser oft nur ein paar Stiefmütterchen gegossen werden. Doch beim Wassersparen verzichten viele Bürger auf Kosten-Nutzen-Rechnungen.

So schafften es die Deutschen, ihren Pro-Kopf-Verbrauch seit 1990 von 147 auf 122 Liter zu senken. Sie waren damit sparsamer als fast alle anderen Europäer. Doch waren sie sparsam genug? Die EU-Kommission hat da offenbar Zweifel. Wegen drohender Dürre und Wasserknappheit in den südlichen Mitgliedstaaten plant Brüssel, auch die Verbraucher aus dem Norden, in dem es Wasser in Hülle und Fülle gibt, zu größeren Sparanstrengungen zu drängen.

Damit wäre allerdings keinem geholfen. Den Spaniern und Portugiesen nicht, der Umwelt nicht, den Deutschen nicht. Auf die heimischen Kunden könnten Preiserhöhungen von bis zu 25 Prozent zukommen, hat der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) berechnet.

Schon jetzt kostet es die Versorger Millionen, dass die deutschen Verbraucher so zurückhaltend sind. In vielen Regionen fließt das Trinkwasser wegen der geringen Nachfrage bereits so langsam durch die Rohre, dass es ohne Gegenwehr ungenießbar würde. Fett und Essensreste pappen in den Kanälen fest, weil zu wenig Spülwasser durchrauscht. Vielerorts wabert daher in regenarmen Monaten fauliger Gestank aus der Kanalisation durch die Straßen und plagt die Anwohner. So müssen teure Gel-Matten in die Kanalisation gehängt werden, die wie eine Art Deo fürs Stadtviertel wirken.

"Es wäre besser, etwas mehr statt weniger Wasser zu verbrauchen"

Die EU zeigt sich von den deutschen Folgen des Wassersparens bisher wenig beeindruckt. Um nebenbei auch Energie für die Warmwasserbereitung zu sparen, wird in Brüssel unter anderem erwogen, künftig nur noch Duschköpfe mit Durchflussbegrenzer auf den Markt zu lassen. Die begnügen sich mit weniger Wasser, pusten dafür aber wie ein Föhn mehr Luft durch die Brause. Der deutsche Verbraucher, der auf Druck der EU gerade Abschied von der alten Glühbirne nehmen muss, wird sich womöglich bald auf das morgendliche Duschen mit schwachem Strahl einstellen müssen.

Ließe sich dabei gespartes Wasser nach Spanien oder Portugal transportieren, würde sich eine derartige Reform im Bad vielleicht noch auszahlen. Doch eine lange Reise durchs Rohr nach Andalusien oder an die Algarve ist weder geplant, noch würde es das Wasser vertragen; spätestens im Elsass wäre es so toxisch, dass man es teuer aufbereiten müsste.

Wer den Deutschen wassersparende Brausen aufzwingen will, könnte nach der gleichen absurden Logik auch den Südspaniern vorschreiben, nachmittags im Interesse Nordfinnlands kein Sonnenlicht mehr ins Haus zu lassen. "Solche Pläne machen für Deutschland also keinen Sinn", sagt VKU-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Reck, ehemals Bundesgeschäftsführer der CDU. "Vorschriften dieser Art sind für die Deutschen teuer und für die Umwelt sinnlos", sekundiert Gunda Röstel, ehemaliges Mitglied des grünen Bundesvorstands und jetzige kaufmännische Chefin der Dresdner Stadtentwässerung. Eigentlich, sagt Martin Weyand aus der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, müsste man den Spieß umdrehen. "Eigentlich wäre es nämlich besser, die Deutschen würden etwas mehr statt weniger Wasser verbrauchen."

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insgesamt 239 Beiträge
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1. Sonst fällt euch nix ein...
fatherted98 28.09.2010
Zitat von sysopDie Deutschen verbrauchen zu wenig Wasser und richten damit Schäden an. Trotzdem erwägt die EU, sie zu noch mehr Sparsamkeit zu drängen. Es drohen Preiserhöhungen um 25 Prozent. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,719873,00.html
...fällt SPON tatsächlich nichts mehr ein als diese Ur-Ur-Alt Meldungen wieder mal ins Netz zu stellen. Die Fehlentwicklung im Wassersektor sind seit Jahrzehnten bekannt...und die Folgen für den Bürger spürbar...Es nützt halt nix hier Wasser zu sparen wenns in der Sahel-Zone fehlt..
2. Und der Energieverbrauch fürs Warmwasser?
Ernst49 28.09.2010
Der Author berücksichtigt nicht, dass die Erwärmung des Wassers fürs Duschen, Baden etc. Energie benötigt. Wird erwärmtes Wasser gespart, spart man also nicht nur Wasser, sondern Gas und Strom.
3. Alter Hut
meinefresse 28.09.2010
die Kanalisation muß regelmäßig gespült werden, damit die Ablagerungen mal abgehen - aber Aufgrund eines Urteils werden die versiegelten Flächen mit Kanalanschluss jetzt extra berechnet. Da sollte es für jeden versiegelten qm einen Zuschuss geben, schließlich spart man damit Geld bei der Extraspülung - aber nö, es wird natürlich teurer...
4. Deutschland liegt in Schilda
wanderprediger, 28.09.2010
Zitat von fatherted98...fällt SPON tatsächlich nichts mehr ein als diese Ur-Ur-Alt Meldungen wieder mal ins Netz zu stellen. Die Fehlentwicklung im Wassersektor sind seit Jahrzehnten bekannt...und die Folgen für den Bürger spürbar...Es nützt halt nix hier Wasser zu sparen wenns in der Sahel-Zone fehlt..
Ich bin mir sehr sicher, das wissen die wenigsten Bürger. Wassersparen, Mülltrennung, Glühbirnenverbot, Multikulti, Hetze gegen Autofahrer u.s.w.. Welcher Schildbürgerstreich kommt als nächstes?
5. Wasserpreise senken !
elster2 28.09.2010
Dann sollten die Wasserpreise gesenkt werden, dann wird auch wieder mehr verbraucht. Reine Apelle werden bei den hohen Wasserpreisen wohl nichts fruchten !
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Fakten zur Wasserversorgung
Bundesweit 6200 Versorger
In Deutschland gibt es dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zufolge etwa 6200 Wasserversorger. Diese beschäftigen rund 41.000 Mitarbeiter und erzielen einen Jahresumsatz von neun Milliarden Euro.

Zu den größten Unternehmen gehören die Berliner Wasserbetriebe, der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung, Hamburg Wasser und Hessenwasser. Rund 100 Unternehmen liefern die Hälfte des Trinkwassers in Deutschland.
Energieriesen mischen mit
Neben zahlreichen kommunalen Anbietern wie Stadtwerken gehören zur Branche auch börsennotierte Unternehmen wie Gelsenwasser. Auch Konzerne wie der französische Versorger Veolia und der Energieriese RWE mischen mit. Sie sind unter anderem an den Berliner Wasserbetrieben beteiligt.
Sinkender Verbrauch
Der tägliche Trinkwasserverbrauch pro Kopf ist nach Angaben des BDEW von 1990 bis 2006 um 15 Prozent auf durchschnittlich 125 Liter zurückgegangen. Nach Angaben des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) stiegen die Trinkwasserpreise von 2005 bis 2008 um insgesamt 3,4 Prozent, während die Lebenshaltungskosten um 6,6 Prozent kletterten.
Preiskontrollen
Die Landeskartellbehörden können die Preise überprüfen, wenn sie diese als zu hoch erachten. Im Jahr 2007 hatte das Hessische Wirtschaftsministerium als Landeskartellbehörde dem Wetzlarer Versorger Enwag eine Preissenkung von 30 Prozent verordnet. Zudem gibt es in Hessen Verfahren gegen acht weitere Versorger, darunter gegen die Frankfurter Mainova und die Städtischen Werke AG Kassel. ssu/Reuters