Verbraucher: Schwacher Strahl
Die Deutschen verbrauchen zu wenig Wasser und richten damit Schäden an. Trotzdem erwägt die EU, sie zu noch mehr Sparsamkeit zu drängen. Es drohen Preiserhöhungen um 25 Prozent.
Es ist schon wieder einer dieser Tage, an denen der Nachschub stundenlang vom Himmel fällt. Friedrich Reh, 48, Chef des Wasserwerks Haltern, sitzt in seinem Büro und fährt den Computer hoch. Draußen prasselt der Regen in schrägen Strichen auf den benachbarten Stausee, läuft über die abschüssigen Wege vor dem Verwaltungsgebäude, pitscht auf die Rohre, durch die jeden Tag 250 Millionen Liter Trinkwasser in die Städte und Gemeinden des nördlichen Ruhrgebiets gepumpt werden.
- Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
- Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
- Lesbar über Apps oder Browser
Der Werksleiter öffnet eine Datei mit den Statistiken der vergangenen Jahre. Zahlenreihen wie diese kennen fast alle deutschen Wasserversorger. Im Jahr 2000 leitete das Werk noch etwa 110 Millionen Kubikmeter ins Netz. Voriges Jahr waren es nur noch 90 Millionen, Tendenz weiter sinkend. Die Industrie setzt zunehmend auf Wasseraufbereitung, Städte verlieren Einwohner, die Landwirtschaft wird meist vom Regen verwöhnt. Doch auch die privaten Kunden fragen weniger Wasser nach.
Beim Wassersparen verzichten viele Bürger auf Kosten-Nutzen-Rechnungen
Die Deutschen scheiterten in den vergangenen 20 Jahren daran, alle Einsparmöglichkeiten für Sprit und Strom zu nutzen. Beim Wasser waren sie dafür umso gründlicher. Sie statteten ihre Klos mit Spartasten fürs kleine Geschäft aus, trennten sich von verbrauchsintensiven Waschmaschinen, bauten sich Regenwasserzisternen in den Garten. Viele dieser mittlerweile weit über eine Million Anlagen werden sich nie amortisieren, weil mit dem eingefangenen Wasser oft nur ein paar Stiefmütterchen gegossen werden. Doch beim Wassersparen verzichten viele Bürger auf Kosten-Nutzen-Rechnungen.
So schafften es die Deutschen, ihren Pro-Kopf-Verbrauch seit 1990 von 147 auf 122 Liter zu senken. Sie waren damit sparsamer als fast alle anderen Europäer. Doch waren sie sparsam genug? Die EU-Kommission hat da offenbar Zweifel. Wegen drohender Dürre und Wasserknappheit in den südlichen Mitgliedstaaten plant Brüssel, auch die Verbraucher aus dem Norden, in dem es Wasser in Hülle und Fülle gibt, zu größeren Sparanstrengungen zu drängen.
Damit wäre allerdings keinem geholfen. Den Spaniern und Portugiesen nicht, der Umwelt nicht, den Deutschen nicht. Auf die heimischen Kunden könnten Preiserhöhungen von bis zu 25 Prozent zukommen, hat der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) berechnet.
Schon jetzt kostet es die Versorger Millionen, dass die deutschen Verbraucher so zurückhaltend sind. In vielen Regionen fließt das Trinkwasser wegen der geringen Nachfrage bereits so langsam durch die Rohre, dass es ohne Gegenwehr ungenießbar würde. Fett und Essensreste pappen in den Kanälen fest, weil zu wenig Spülwasser durchrauscht. Vielerorts wabert daher in regenarmen Monaten fauliger Gestank aus der Kanalisation durch die Straßen und plagt die Anwohner. So müssen teure Gel-Matten in die Kanalisation gehängt werden, die wie eine Art Deo fürs Stadtviertel wirken.
"Es wäre besser, etwas mehr statt weniger Wasser zu verbrauchen"
Die EU zeigt sich von den deutschen Folgen des Wassersparens bisher wenig beeindruckt. Um nebenbei auch Energie für die Warmwasserbereitung zu sparen, wird in Brüssel unter anderem erwogen, künftig nur noch Duschköpfe mit Durchflussbegrenzer auf den Markt zu lassen. Die begnügen sich mit weniger Wasser, pusten dafür aber wie ein Föhn mehr Luft durch die Brause. Der deutsche Verbraucher, der auf Druck der EU gerade Abschied von der alten Glühbirne nehmen muss, wird sich womöglich bald auf das morgendliche Duschen mit schwachem Strahl einstellen müssen.
Ließe sich dabei gespartes Wasser nach Spanien oder Portugal transportieren, würde sich eine derartige Reform im Bad vielleicht noch auszahlen. Doch eine lange Reise durchs Rohr nach Andalusien oder an die Algarve ist weder geplant, noch würde es das Wasser vertragen; spätestens im Elsass wäre es so toxisch, dass man es teuer aufbereiten müsste.
Wer den Deutschen wassersparende Brausen aufzwingen will, könnte nach der gleichen absurden Logik auch den Südspaniern vorschreiben, nachmittags im Interesse Nordfinnlands kein Sonnenlicht mehr ins Haus zu lassen. "Solche Pläne machen für Deutschland also keinen Sinn", sagt VKU-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Reck, ehemals Bundesgeschäftsführer der CDU. "Vorschriften dieser Art sind für die Deutschen teuer und für die Umwelt sinnlos", sekundiert Gunda Röstel, ehemaliges Mitglied des grünen Bundesvorstands und jetzige kaufmännische Chefin der Dresdner Stadtentwässerung. Eigentlich, sagt Martin Weyand aus der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, müsste man den Spieß umdrehen. "Eigentlich wäre es nämlich besser, die Deutschen würden etwas mehr statt weniger Wasser verbrauchen."
- 1. Teil: Schwacher Strahl
- 2. Teil: Informationsdefizite bei deutschen Wasser-Kunden
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Wirtschaft
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Verbraucher & Service
- RSS
- alles zum Thema Wasserversorgung
- RSS
© DER SPIEGEL 39/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Montag, 27.09.2010 – 00:00 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 238 Kommentare
Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 39/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:
-
Sozialpolitik: Kindern aus Hartz-IV-Familien fehlt es nicht nur an Geld
-
Autoindustrie: SPIEGEL-Gespräch mit VW-ChefMartin Winterkorn über sein Ziel, Toyota zu überholen, und das Erbe Ferdinand Piëchs
-
Umwelt: Schadstoffe wirken schon auf Ungeborene im Mutterleib
-
Online: Interview mit dem deutschen WikiLeaks-Sprecher Daniel Schmitt über seinen Bruch mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange
Zu den größten Unternehmen gehören die Berliner Wasserbetriebe, der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung, Hamburg Wasser und Hessenwasser. Rund 100 Unternehmen liefern die Hälfte des Trinkwassers in Deutschland.
MEHR AUS DEM RESSORT WIRTSCHAFT
-
Börsen
Dax, Dow, Nikkei und Ihr persönliches Portfolio: Die Weltbörsen im Überblick -
Gehalt-Check
Brutto-Netto-Rechner: Berechnen Sie Ihr Gehalt -
Konjunktur
Alle wichtigen Wirtschaftsdaten: Arbeitslosigkeit, Brutto-
inlandsprodukt und Inflation -
Finanztest
Im Test: Finanztipps und mehr - was Sie als Verbraucher unbedingt wissen sollten -
Mehr Wirtschaft
Die Angebote von manager-magazin.de und harvardbusiness
manager.de


