Von Philipp Oehmke
Als wäre man hier schon einmal gewesen, so kommt es einem vor in der Art-déco-Eingangshalle des Doheny Plaza, eines Appartement-Hauses an der Grenze zwischen West Hollywood und Beverly Hills. Der Portier hat soeben oben in der Wohnung den Besuch angekündigt. "Mr. Ellis", sagt er, als er den Hörer auflegt, "braucht noch ein paar Minuten. Sie können dort vorne Platz nehmen."
Oben, im elften Geschoss des Doheny Plaza, öffnet er die Tür. Er ist barfuß. Sein Gesicht sieht runtergewohnt aus, die Haare unecht. Im Hintergrund huscht ein junger Mann nur in einem Unterhemd durchs Bild, hinein ins Schlafzimmer, wo die Jalousien heruntergelassen sind. Ellis scheint aus dem Bett zu kommen.
"Betont schlicht gehalten, in weichen Beige- und Grautönen, mit Hartholzböden und eingelassenen Lampen, gerade mal 110 Quadratmeter groß - ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, ein ansehnliches Wohnzimmer, das sich zu einer futuristischen, blitzblanken Küche hin öffnet." So steht es in dem Buch, und genauso sieht es hier bei Ellis aus. Der Besucher betritt nicht die Wohnung des Schriftstellers. Er betritt den Roman.
"Wir können nun das Interview mit dem Schriftsteller beginnen"
Die Wohnung ist auf 15 Grad heruntergekühlt, es summt die Klimaanlage, der kalte Rauch seiner Marlboro Gold steht in den Räumen. Ellis geht zum Kühlschrank in der "futuristischen, blitzblanken Küche" und holt eine Cola heraus, bietet sie an. Neben der großen Angebercouch lehnt eine Gitarre, Ellis schlägt vor, ins Arbeitszimmer zu gehen.
Interessanterweise haben zwei andere Journalisten, die Ellis in den Wochen zuvor besucht hatten, exakt das Gleiche erlebt, das Warten beim Portier, die nackten Füße, die Cola-Dose, die Gitarre neben dem Sofa, die Kälte in dem Appartement, sogar den Jungen im Unterhemd, der ins Schlafzimmer huscht.
Es scheint, als baute Bret Easton Ellis hier eine Art Geisterbahn für die Journalisten auf, eine Kulisse, die in Wahrheit genauso eine Fiktion ist wie sein Roman.
"Wir können nun das Interview mit dem Schriftsteller beginnen", sagt Ellis in seinem Arbeitszimmer. Er sitzt hinter seinem Apple-Rechner, schaut YouTube-Videos und betont das "mit dem Schriftsteller" fast höhnisch.
Seit dem Erscheinen von "Unter Null", Ellis' Debüt von 1985, stellt sich ja bei Ellis die Frage, wie wirklichkeitsnah seine erschütternden Bücher eigentlich sind: ob sie als Zeugnis einer verrückt gewordenen, kranken Zeit zu lesen sind. Oder ob sie gar das Produkt eines sehr gestörten Gehirns waren, das sich mühelos in einen Psychopathen hineinversetzt und vielleicht sogar gemeingefährlich sein könnte. So war es bei "American Psycho", als Ellis aus der Perspektive des Wall-Street-Investmentbankers und Serienmörders Patrick Bateman ein in der Literatur bis dahin unerhörtes Maß an gleichermaßen gleichgültig wie detailgetreu geschilderten Gewalt- und Sex-Exzessen etablierte. "American Psycho" war zeitweilig in Deutschland indiziert, beide Bücher hat Hollywood verfilmt, "Unter Null" passenderweise mit dem selbst ziemlich drogenaffinen Robert Downey Jr. in einer Hauptrolle.
Gesellschaftskritik? Nein. Kampfansage? Ja.
Ellis' neuer Roman "Imperial Bedrooms" ist die Fortsetzung von "Unter Null" - und damit ein riskantes Unterfangen. "Unter Null" gilt als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der achtziger Jahre, das Buch erzählt von ein paar gutgestellten um die 20-Jährigen in Beverly Hills, die ihr Nichteinverstandensein mit der Welt dadurch artikulieren, dass sie sich in einer Mischung aus Erlebnishunger, Leere und Menschenverachtung in ihr verlieren.
Die Gleichgültigkeit, die Kälte dieser Achtziger-Jahre-Jugend und das Schulterzucken, mit dem Ellis all dies schilderte, konnte damals nach den idealistischen siebziger Jahren nur als Kampfansage verstanden werden. Plötzlich war da eine Literatur, die mit beiden Beinen im Präsens stand, die Widersprüche nicht überdecken, schwer Erträgliches nicht beschönigen wollte und die so frei von literarischem Ornament war, dass sie keinen Spielraum für Interpretationen ließ - obwohl natürlich diese Literatur für die meisten Leser nur erträglich wurde, wenn man sie interpretierte. Wenn man sie als Gesellschaftskritik las, die sie nicht war.
"Gesellschaftskritik?", ruft Ellis hinter seinem Schreibtisch. "Clay, das war ich. Ich habe es immer abgestritten, um mich zu schützen. Aber ich habe alle diese Dinge getan. Ich war auf diesen Partys, es waren meine Gewaltphantasien und meine Wut darüber, wie abstoßend ich die Welt fand, in der ich lebte. Gesellschaftskritik? Nein. Kampfansage? Ja."
Diese Kampfansage drückte aus, was ab Mitte der achtziger Jahre eine ganze Generation fühlte. Die Weisheit im Banalen zu erkennen, die Feier des Oberflächlichen, die Vermeidung von klaren Positionen, die Ablehnung emotionaler Verbindlichkeiten - all dies sorgte auch in Deutschland für einen ganzen Kulturzweig mit Romanen wie "Faserland" von Christian Kracht und all seinen Epigonen sowie Zeitschriften wie "Tempo", die Ellis' eiskalten Blick auf die Welt übernahmen. "Unter Null" wurde in den Kanon der großen Zeitgeistromane einsortiert, "Der große Gatsby" für die zwanziger Jahre, "Der Fänger im Roggen" für die fünfziger, Ellis für die achtziger.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
| alles zum Thema Bret Easton Ellis | RSS |
© DER SPIEGEL 39/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH