Von Richard David Precht
Leicht ist das nicht. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis in diesem Zusammenhang formulierte Wilhelm Röpke: Die marktwirtschaftliche Ordnung beruht auf Voraussetzungen, die sie nicht selbst erzeugen kann. Wer gewinnorientiert und zweckrational handelt, verhält sich zwar ökonomisch schlau, aber er erzeugt damit keine Moral. Ganz im Gegenteil verbraucht er ein großes Kontingent an Moral, das er in der Gesellschaft vorfindet. Er nutzt die Regeln der Fairness. Er fordert Vertrauen ein und vertraut. Er geht von der Wahrhaftigkeit seiner Geschäftspartner aus, davon, dass sie ihre Waren tatsächlich liefern und ihre Kredite zurückzahlen. Doch all dies wird nicht vom Markt selbst geschaffen, sondern bereits vorausgesetzt, damit der Markt funktionieren kann. Aber: Je zweckrationaler die Menschen ihren Nutzen kalkulieren, umso ungesünder wird das gesellschaftliche Klima. Der Markt ist ein "Moralzehrer", der unsere moralisch-sittlichen Reserven verbraucht.
Bereits Anfang der siebziger Jahre diagnostizierte der amerikanische Soziologe Daniel Bell das Wertedilemma der westlichen Gesellschaften. Der westliche Mensch zerfalle heute in zwei Teile, die nicht mehr zusammenpassen. Die Wirtschaft benötige einen egoistischen Hedonisten und unersättlichen Konsumenten, der nie zufrieden ist, disziplinlos in seiner Gier nach mehr. Die Gesellschaft dagegen brauche einen bescheidenen Mitbürger, hilfsbereit und zufrieden. Wie soll man bei solchen Voraussetzungen seine Kinder erziehen? Wie soll man ein klares und überzeugendes Ideal formulieren? Was sind unter diesen Umständen die Leitwerte? Und was ist noch das Bürgerliche? Zu viel Freiheit macht unsicher. Wir sind zu gut informiert, um uns noch zu klaren Weltanschauungen zu bekennen, zu liberal, um Wertehierarchien zu formulieren, zu konsumorientiert, um Bescheidenheit zu predigen.
Der Ausverkauf der Moral wird beschleunigt
Die Wirtschaft hat sich seit den siebziger Jahren globalisiert. Das Internet hat internationale Geschäfte abstrakter und verantwortungsloser gemacht: Wenn Millionenbeträge nur durch einen Tastendruck am Computer ihren Besitzer wechseln, findet der ehrbare Kaufmann keinen Sitzplatz mehr. Geschäfte, wie sie heute in der Finanzwelt üblich sind, kennen keine Zeit zum Abwägen und keine Gesichter. Unsere Volkswirtschaft wächst immer weiter und spekuliert auf fortwährendes Wachstum. Der Ausverkauf der Moral wird beschleunigt, und dennoch fühlt sich die Bevölkerung, viele Umfragen bestätigen dies, seit Ende der sechziger Jahre nicht mehr glücklicher. Wir verbrauchen immer mehr Ressourcen, plündern die Umwelt und unterspülen die Fundamente der Moral, und am Ende sind wir nicht zufriedener als vorher.
Eine neue Idee von Wachstum zu entwickeln wäre die wichtigste Aufgabe unserer Wirtschaftspolitik. Aber dies wird nicht diskutiert. Stattdessen ergreift die bürgerlichen Mittelschichten ein fühlbares Unbehagen. Soll man sich mitfreuen, wenn sich der Wirtschaftsminister über den Aufschwung nach der Finanzkrise freut? Hurra, wir dürfen weiter unreflektiert den gleichen Mist machen wie vorher?
Wir dürfen nicht mit immer neuen Schulden den Egoismus züchten. Wir müssen eine Vernunft der Weitsicht in die Politik implementieren und nicht weiterhin mit einer kurzsichtigen Vernunft zwischen vermeintlichen Sachzwängen vermitteln.
Parteien sind nicht per se Garanten dafür, dass es demokratisch zugeht
Es geht dabei nicht um billige Politikschelte, wie der aufgebrachte SPD-Parlamentarier Hans-Peter Bartels mir unlängst im SPIEGEL (37/2010) unterstellte. Es geht darum, dass unsere politische Klasse, je näher sie der Macht ist, umso stärker die großen Probleme unseres Landes verdrängt. Was sich als "Vernunft" tarnt, ist in Wahrheit Klüngelei, Verzagtheit und Visionslosigkeit. Es geht darum, die Grenzen unserer Parteiendemokratie im gegenwärtigen Zustand zu erkennen. Es geht, ganz ohne Romantik, um mehr Demokratie. Soll man dafür tatsächlich in Parteien eintreten? Wer in den vergangenen Wochen verfolgen durfte, wie der demokratisch vereinbarte Atomausstieg unterlaufen wurde, der sieht, dass Parteien nicht per se Garanten dafür sind, dass es demokratisch zugeht. Und wer im Namen des Volkes gegen das Volk in Stuttgart den Hauptbahnhof tiefer legt, der versteht nicht die Zeichen der Zeit. Es geht um die Selbstbehauptung des gefährdeten Bürgertums an beiden Fronten: gegen das Dissoziale von oben und von unten, gegen die Oligarchie der Mächtigen und gegen die Anarchie der Ohnmächtigen.
Die Kunst, kein Egoist zu sein, muss wieder neu eingeübt, das Gute am Bürgerlichen neu belebt werden. Vermutlich bedarf es dafür eines Ausstiegs aus dem materialistischen Wachstumswahn. Der Umbau-Katalog beginnt bei mehr direkter Demokratie durch Plebiszite auf allen Ebenen. Er führt über eine Föderalismusreform mit dem Ziel, die Einflusssphären der Länder zu schwächen und die finanziell halbtoten Kommunen zu stärken. Und er endet in der Forderung nach einem Bildungssystem, das sich aller Kinder aller Schichten früh und verantwortungsvoll annimmt. Dazu freilich müssen die Bürger selbst Verantwortung übernehmen. Dissoziale Milieus zu verkleinern kann niemals allein die Aufgabe des Staats sein. Nicht zuletzt die Bürger der goldenen Generation, die Rentner und Pensionäre, tragen heute die Bringschuld, ihren Wohlstand in Allgemeinwohlstand zu überführen. Was hindert einen Pensionär, Migranten-Kindern Lesen und Werte beizubringen? Auch Sarrazin hätte dazu nun Zeit.
Die Quintessenz der Sarrazin-Debatte besteht nicht in einer allerorten unterstellten neuen Ausländerfeindlichkeit. Tiefer liegend macht sie einer breiten Unzufriedenheit Luft. Von Menschen, die sich nicht verstanden und gehört fühlen. Von Menschen mit Angst, denen Sarrazin ein falsches Ziel liefert. Von Skepsis gegenüber der Wahrhaftigkeit der Politik. Dieses Potential darf nicht von rechts fehlgeleitet werden, aber auch nicht verpuffen in Frustration. Verunsicherte Bürger, die wir fast alle sind, müssen wir stattdessen, wie Axel Honneth schreibt, das "Ich im Wir" wiederfinden und damit das "Wir im Ich".
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© DER SPIEGEL 39/2010
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