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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2010

Lobbyisten: Die Wissenschaft als Feind

Von

3. Teil: Bewährte Strategien der Desinformation

Klimaskeptiker: Die Wissenschaft als Feind Fotos
AFP

Als Reaktion auf die EPA-Studie gründete allen voran der Tabakkonzern Philip Morris die "Koalition zur Förderung ordentlicher Wissenschaft" TASSC. Sie sollte Zweifel an den Risiken des Passivrauchens und des Klimawandels wecken. Reporter sollten angesprochen werden - allerdings nur von Regionalzeitungen, wie es ausdrücklich heißt: "Keine zynischen Journalisten von Leitmedien."

Singer, der Gründer des Marshall Institute Fred Seitz und Patrick Michaels, inzwischen einer der bekanntesten Klimazweifler, waren Berater von TASSC.

Reagans Regierung berief Singer auch in eine Arbeitsgruppe zum sauren Regen. Dort betonte er, dass es zu früh zum Handeln sei; dass noch gar nicht bewiesen sei, ob Schwefelabgase wirklich die Ursache seien; dass manche Pflanzen sogar vom sauren Regen profitierten.

Nach dem sauren Regen warf Singer sich dann auf ein neues Thema: den "Ozonschrecken". Das Argumentationsmuster war gleich: Es sei zwar richtig, dass die Ozonkonzentration in der Stratosphäre abnehme, aber nur lokal. Außerdem sei nicht klar, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) aus Spraydosen überhaupt dafür verantwortlich seien.

Noch 1994 behauptete Singer, es liege nahe, dass "Chlor in der Stratosphäre aus natürlichen Quellen stammt". 1995 sagte er vor dem Kongress: "Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens über das Ozonloch und seine Konsequenzen." Kurz darauf bekamen drei Chemiker den Nobelpreis, die den Einfluss der FCKW auf die Ozonschicht bewiesen hatten.

Die bewährten Strategien der Desinformation übernahmen bald danach auch die Ölmultis. Wieder gründete man Lobbyverbände, die möglichst wissenschaftlich erscheinen sollten. Erst entstand die Global Climate Coalition. ExxonMobil gründete später noch das Global Climate Science Team. Mit dabei war auch der Lobbyist Myron Ebell, dazu ein Veteran der Tabaklobby TASSC - die Aufgabe war ja ähnlich. Das Ziel laut einem internen Papier: "Wir haben gewonnen, wenn der durchschnittliche Bürger Unsicherheiten in der Klimawissenschaft ,versteht'."

Bald sah es so aus, als gebe es eine breite Front gegen die Lehre vom Klimawandel, getragen von Organisationen wie dem National Center for Policy Analysis, dem Heartland Institute oder dem Center for Science and Public Policy. In Wirklichkeit steckten hinter diesen Namen oft nur dieselbe Handvoll fragwürdiger Forscher - und Exxon finanzierte den ganzen Zauber mit Dollarmillionen.

Das Geld war prima angelegt

Die Regierung George W. Bush brach 2001 die früher gemachten Klimaversprechen. Die Chefin der US-Delegation für die Kyoto-Verhandlungen traf sich danach mit den Ölleuten der Global Climate Coalition und dankte den dort versammelten Lobbyisten für ihre Expertise: Präsident Bush "hat Kyoto zum Teil wegen Ihres Inputs abgelehnt".

Besonders scharfzüngig kämpft Singers Mitstreiter Pat Michaels gegen die Phalanx der Klimaforscher, eins seiner Bücher heißt "Die satanischen Gase". Aus dem Zweifeln hat er ein durchaus lukratives Geschäft gemacht: In den neunziger Jahren schickte ihm der Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus 98.000 Dollar für eine Studie, mal spendierte eine US-Stromfirma seiner PR-Agentur 100.000 Dollar.

Michaels zählt sich wie Myron Ebell zur "Koalition der kühleren Köpfe". Sie sind nicht wie Singer und Seitz Kommunistenhasser aus der Zeit der Atombombe, sondern geschmeidige Kommunikatoren. Historiker Ebell argumentiert, es sei den Menschen in kalten Phasen schlechtergegangen als in warmen. Und überhaupt: Vieles spreche dafür, behauptet der Geschichtswissenschaftler, dass derzeit gerade ein Zeitalter der Abkühlung beginne.

Zwar argumentieren die Profizweifler durchaus vielstimmig: Mal heißt es, die Erde erwärme sich gar nicht; dann erwärme sie sich doch, nur dass der Mensch daran unschuldig sei. Oder der Mensch könne doch etwas dafür, aber alles werde gar nicht so schlimm. Gemeinsam ist allen Prognosen nur die Empfehlung: Nichts tun. Abwarten. Mehr forschen.

Als bloße Spinner lassen sich Leute wie Ebell nicht abtun. Achtmal durfte er vor dem Kongress aussagen. Ungeniert brüstet er sich seiner Kontakte ins Weiße Haus: "Wir wussten, wen wir anrufen mussten."

In Europa ist Ebells Geschäft schwieriger. Dort, so seine Erfahrung, herrschten Eliten, und die glaubten nun mal - anders als die einfachen Menschen - an den Klimawandel.

Aber Fred Singer arbeitet daran, das zu ändern. Er hat sich mit dem Europäischen Institut für Klima und Energie (EIKE) zusammengetan. Hinter dem klangvollen Namen jedoch verbirgt sich kaum mehr als eine Postfachadresse in Jena. Präsident Holger Thuss ist ein CDU-Lokalpolitiker.

Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt, er habe nichts gegen fachlichen Austausch mit EIKE - solange deren Vertreter sich an die Regeln wissenschaftlicher Praxis hielten. Sich mit EIKE-Vertretern auf ein politisches Podium zu setzen lehnt er jedoch ab. Das sei es ja nur, was sie erreichen wollen: bei Laien den Eindruck zu erwecken, dass sich dort Experten auf Augenhöhe streiten.

Letztendlich sei Wissenschaft so kompliziert geworden, dass große Teile der Bevölkerung ihr nicht mehr folgen könnten. Die Klimaskeptiker hingegen befriedigten "ein Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten".

Genau darin sieht Schellnhuber das Geheimnis ihres Erfolgs. Und dagegen helfe leider auch keine öffentliche Debatte: "Stellen Sie sich vor, Einstein müsste bei Maybritt Illner die Relativitätstheorie verteidigen. Er hätte nicht den Schimmer einer Chance."

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1. Lobbyisten ...
Hilfskraft 07.10.2010
Zitat von sysopEine Handvoll US-Wissenschaftler, von denen einige schon das Passivrauchen, den sauren Regen und das Ozonloch verharmlost haben, säen Zweifel am Klimawandel - auch im Bundestag. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,721168,00.html
Lobbyisten sind der Feind in Reinkultur. Nicht anders herum! H.
2. wahnsinn..
Proscribere 07.10.2010
Ich kann solche Leute einfach nicht verstehen. Es gibt doch mittlerweile diverse Studien und Untersuchungen, die bestätigt haben, dass sich die Umwelt dank Schutzmaßnahmen wieder erholen kann. Warum gibt es denn immernoch Leute, die das anzweifeln? Vor allem welche, die von der Materie sowieso nicht mehr Ahnung haben, als ne Kuh vom Auto fahren und sich NULL informieren.
3. Wenn man ...
kurtwied, 07.10.2010
... Schellnhuber als "neutralen" Kommentator im Artikel zu Wort kommen lässt, hat man nicht gut recherchiert.
4. Verunglimpfung statt wissenschaftlicher Debatte
Oscar Madison 07.10.2010
Zitat von sysopEine Handvoll US-Wissenschaftler, von denen einige schon das Passivrauchen, den sauren Regen und das Ozonloch verharmlost haben, säen Zweifel am Klimawandel - auch im Bundestag. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,721168,00.html
Allein Ihr Wort "Klimaleugner" klingt schon wie Holocaustleugner. Wahrscheinlich müssen die betreffenden Menschen bald vor Gericht. Ich als Naturwissenschaftler fühle mich durch ihre Argumentationskette eher an dunkle Zeiten erinnert. Wenn die Skeptiker im Unrecht sind, kann man ihnen doch mit wissenschaftlichen Fakten begegnen. So wi er es tut - ob nun richtig oder falsch. Meinungsumfragen statt Fakten. Politik statt Diskurs. Danke. Mir reichts. Egal wer recht hat.
5. Zweifel am Klimawandel ...
rkinfo 07.10.2010
In der Politik ist es ein erprobtes Mittel mit Zweifeln zu arbeiten - siehe aktuell auch Anti-S21. Auch darf man nie vergessen es nicht nur die Klimaforschung sondern auch nachfolgend die Klima*politik* mit IPCC als wissenschaftliche Vorselektion gibt. Damit ist das Thema Klimawandel für Ideologen auch zum Abschuß 'freigegeben'. Wenn die Bürger Probleme haben reine Politik wie 'Klimaskepsis' von 'Katastrophismus' der Gegenseite von 185 Jahre Klimaforschung (ab Fourier 1824) zu trennen ist dies eher der mangelnden Erfahrung der Bürger mit Politik wg. Politikverdrossenheit zuordenbar. Als wissenschaftlich denkender Mensch schmunzle ich eher um das Unwissen der Bürger und einige Politiker wenn 'erstklassige' politische Ideologien das Geisterbahn mit einem uralten wissenschaftlichen Thema betreiben. Unser Globus selbst interessiert sich aber nur für wissenschaftlich-naturwissenschaftliche Aspekte und nicht für Beschwörungsideologie als Wunderheilung.
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