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Ausgabe 37/2010

Lobbyisten: Die Wissenschaft als Feind

Von Cordula Meyer

Eine Handvoll US-Wissenschaftler, von denen einige schon das Passivrauchen, den Sauren Regen und das Ozonloch verharmlost haben, säen Zweifel am Klimawandel - auch im Bundestag.

Klimaskeptiker: Die Wissenschaft als Feind Fotos
AFP

Der 86-Jährige referierte mit sonorer Stimme, als wollte Opa seinem begriffsstutzigen Enkel etwas Offensichtliches erklären. "Die Natur, nicht menschliche Aktivität bestimmt das Klima", erzählte der US-Physiker Fred Singer vor drei Wochen vor einer gutbesuchte Diskussionsrunde von FDP-Abgeordneten im Bundestag.

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Auch die umweltpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion war gekommen. Marie-Luise Dött lobte Singers Vortrag anschließend als "sehr, sehr einleuchtend". Ihre Kommentare seien aus dem Kontext gerissen, ruderte sie später zurück, natürlich stehe sie für ambitionierte Klimapolitik - ganz wie die Kanzlerin.

Ebendie möchte der Amerikaner erreichen. "Politiker, die den Klimawandel aufhalten wollen, sind gefährlicher als der Klimawandel selbst", warnt er. "Ich hoffe, dass Angela Merkel, die nicht dumm ist, das Licht sehen wird", sagt Singer, der inzwischen nach Paris weitergereist ist. Berlin hat ihm gefallen: "Ich denke, dass ich etwas geschafft habe."

Singer ist Handlungsreisender in Sachen Klimazweifel. Auf seiner diesjährigen Sommertournee sprach er in Haifa, Rom und Paris vor. Nach Berlin hatte ihn Paul Friedhoff eingeladen, der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Fraktion. Singer und die FDP vertragen sich prächtig: Schon im vergangenen Dezember hatte der Amerikaner im Berliner Liberalen Institut seine eigenwilligen Klimathesen vorgetragen.

Singer ist einer der einflussreichsten Klimaleugner weltweit. Er lebt in einer Welt, in der angesehene Klimaforscher als Lügner gelten; sie seien außen grün und innen rot und hätten in Wahrheit nur ein Ziel: den Sozialismus einzuführen. Singer will die Welt vor diesem Horror retten. Und dass er sich nach dem Zweiten Weltkrieg als glänzender Atmosphärenphysiker einen Namen machte, gibt seinen Worten Gewicht.

Der in Wien geborene Singer floh 1940 in die USA und gehörte schon bald zu einer Elite, die den Kalten Krieg an der Wissenschaftsfront führte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kämpfte Singer seinen Krieg weiter - meist gegen Umweltschützer, immer gegen jede Form der Regulierung.

Egal ob Ozonloch, saurer Regen oder Klimawandel - Singer wurde Profikritiker, wusste es immer besser als die Spezialisten des jeweiligen Feldes. Dabei kam er weit ab von jenen Wissenszweigen, von denen er etwas verstand. Seine Ausführungen halfen zum Beispiel der Tabaklobby im Kampf gegen Gesundheitspolitiker.

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insgesamt 702 Beiträge
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1. Lobbyisten ...
Hilfskraft 07.10.2010
Zitat von sysopEine Handvoll US-Wissenschaftler, von denen einige schon das Passivrauchen, den sauren Regen und das Ozonloch verharmlost haben, säen Zweifel am Klimawandel - auch im Bundestag. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,721168,00.html
Lobbyisten sind der Feind in Reinkultur. Nicht anders herum! H.
2. wahnsinn..
Proscribere 07.10.2010
Ich kann solche Leute einfach nicht verstehen. Es gibt doch mittlerweile diverse Studien und Untersuchungen, die bestätigt haben, dass sich die Umwelt dank Schutzmaßnahmen wieder erholen kann. Warum gibt es denn immernoch Leute, die das anzweifeln? Vor allem welche, die von der Materie sowieso nicht mehr Ahnung haben, als ne Kuh vom Auto fahren und sich NULL informieren.
3. Wenn man ...
kurtwied 07.10.2010
... Schellnhuber als "neutralen" Kommentator im Artikel zu Wort kommen lässt, hat man nicht gut recherchiert.
4. Verunglimpfung statt wissenschaftlicher Debatte
Oscar Madison 07.10.2010
Zitat von sysopEine Handvoll US-Wissenschaftler, von denen einige schon das Passivrauchen, den sauren Regen und das Ozonloch verharmlost haben, säen Zweifel am Klimawandel - auch im Bundestag. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,721168,00.html
Allein Ihr Wort "Klimaleugner" klingt schon wie Holocaustleugner. Wahrscheinlich müssen die betreffenden Menschen bald vor Gericht. Ich als Naturwissenschaftler fühle mich durch ihre Argumentationskette eher an dunkle Zeiten erinnert. Wenn die Skeptiker im Unrecht sind, kann man ihnen doch mit wissenschaftlichen Fakten begegnen. So wi er es tut - ob nun richtig oder falsch. Meinungsumfragen statt Fakten. Politik statt Diskurs. Danke. Mir reichts. Egal wer recht hat.
5. Zweifel am Klimawandel ...
rkinfo 07.10.2010
In der Politik ist es ein erprobtes Mittel mit Zweifeln zu arbeiten - siehe aktuell auch Anti-S21. Auch darf man nie vergessen es nicht nur die Klimaforschung sondern auch nachfolgend die Klima*politik* mit IPCC als wissenschaftliche Vorselektion gibt. Damit ist das Thema Klimawandel für Ideologen auch zum Abschuß 'freigegeben'. Wenn die Bürger Probleme haben reine Politik wie 'Klimaskepsis' von 'Katastrophismus' der Gegenseite von 185 Jahre Klimaforschung (ab Fourier 1824) zu trennen ist dies eher der mangelnden Erfahrung der Bürger mit Politik wg. Politikverdrossenheit zuordenbar. Als wissenschaftlich denkender Mensch schmunzle ich eher um das Unwissen der Bürger und einige Politiker wenn 'erstklassige' politische Ideologien das Geisterbahn mit einem uralten wissenschaftlichen Thema betreiben. Unser Globus selbst interessiert sich aber nur für wissenschaftlich-naturwissenschaftliche Aspekte und nicht für Beschwörungsideologie als Wunderheilung.
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