SPIEGEL: Professor Rajan, die Spannungen zwischen den USA und China wachsen, einige Länder versuchen ihre Währungen abzuwerten. Ist das der Beginn eines globalen Währungskrieges?
SPIEGEL: Worin besteht das Risiko?
Rajan: Beide Instrumente führen zu Verzerrungen, sie schaffen ein Übermaß an Liquidität und lassen Vermögensblasen entstehen. Wenn Kapital zu billig ist, wird zu viel davon eingesetzt. Wenn der Wechselkurs zu niedrig ist, werden zu viele Exportgüter hergestellt. Und wenn dann die Stimmung kippt, könnte dies zu hässlichem Protektionismus führen.
SPIEGEL: Die Volksrepublik hält seit Jahren ihre Währung gegenüber dem Dollar künstlich niedrig. Agieren die Chinesen mit unfairen Mitteln?
Rajan: Dass China die Währung unterbewertet, schadet letztlich der Entwicklung des eigenen Landes. Die Unterbewertung stellt eine Art Subvention für den Exportsektor dar, die diese Betriebe gar nicht mehr brauchen, weil sie längst auf eigenen Beinen stehen können. Das Ganze verzerrt lediglich die Volkswirtschaft, es ist weder effizient noch fair.
SPIEGEL: Müssten deshalb nicht die Chinesen ihre Währung, den Yuan, erheblich aufwerten?
Rajan: Ja, das sollten sie. Am besten, die Schwellenländer Asiens üben Druck auf China aus und werten ihre Währungen koordiniert auf. Aber ein immer selbstbewusster auftretendes China wird sich vermutlich damit Zeit lassen und höchstens kosmetische Korrekturen anbringen. Gleichzeitig könnte ein immer ungeduldigerer amerikanischer Kongress handeln und versuchen, die Schuld für das schwache US-Wirtschaftswachstum abzuwälzen. Die Sache könnte eskalieren.
SPIEGEL: Wie lässt sich der Währungskonflikt entschärfen?
Rajan: Es geht nicht nur um Währungen. Es ist sehr bequem für die traditionellen Industriestaaten, allein die Wechselkurs-Interventionen als Problem zu betrachten, weil sie dafür nicht direkt verantwortlich sind. Überrascht es Sie wirklich, dass China ein internationales Abkommen ablehnt, das nur das Thema "Wechselkurse" behandelt? Die Industrieländer sind schließlich auch nicht ohne Fehl und Tadel, wenn man ihre Politik der vergangenen Jahre betrachtet. Wir sollten uns daran erinnern, wo die Krise ihren Ursprung hatte ...
SPIEGEL: ... in den Vereinigten Staaten, wo vor drei Jahren die Immobilienblase platzte und damit die Finanzkrise auslöste. Sie meinen also, was den Chinesen die Politik der billigen Währung, ist den Amerikanern die Politik des billigen Geldes?
Rajan: Es ist gewissermaßen ein Nullsummenspiel: Jeder versucht, sich mit seinen Mitteln dieselben Nachfragequellen zu erschließen. Wir brauchen deshalb einen besseren weltweiten Dialog über die gesamten Bandbreite der Themen. Alles muss auf den Tisch. Aber dazu fehlt der Wille.
SPIEGEL: Wenn China seine Währung aufwerten soll, wie Sie es vorschlagen, was müssten dann die Amerikaner tun? Wie sollten die Vereinigten Staaten ihre Geldpolitik verändern?
Rajan: Die USA schaffen extreme finanzielle Anreize, um die Nachfrage und die Investitionen künstlich zu stimulieren. Wir treten hier viel zu fest aufs Gaspedal. Schauen Sie sich die Zinsen an: Sie verharren auf extrem niedrigem Niveau, das ist sehr ungewöhnlich. Wir erleben zwar, dass sich die Wirtschaft erholt, aber es ist eine falsche, eine instabile Erholung.
SPIEGEL: Haben die Notenbanken denn eine Wahl? Wenn sie jetzt die Zinsen anheben, würgen sie womöglich die Konjunktur ab, und die Wirtschaft fällt zurück in die Rezession. So etwas ist den USA schon einmal passiert, 1937 nach der Großen Depression.
Rajan: Es ist ein alter Streit unter Wirtschaftshistorikern, ob 1937 die Notenbank für den Einbruch verantwortlich war oder vielleicht doch der Anstieg der Löhne, der Einfluss der Gewerkschaften oder die Regulierung. Ich schlage ja nicht vor, die Leitzinsen über Nacht zu erhöhen, und schon gar nicht auf ein Niveau von vielleicht fünf Prozent, das wäre unverantwortlich. Ich sage nur, dass es gefährlich ist, sie auf Dauer am Boden zu halten. Solche ultraniedrigen Zinsen ermutigen die Bürger, sich weiter zu verschulden und in risikoreiche Vermögenswerte zu investieren. Dann bewegen wir uns von Krise zu Krise.
SPIEGEL: Ist es nicht zu früh für die Zinswende? Die Probleme sind doch noch nicht gelöst, die Situation in Griechenland oder Irland ist nach wie vor äußerst fragil und besorgniserregend.
Rajan: Das ist richtig. Sobald sich aber die Lage beruhigt hat, sollten wir nicht lange warten. Derzeit wird die Zinswende noch nicht einmal richtig diskutiert. Alle sehen nur die Vorteile niedriger Zinsen, ohne an die Kosten zu denken. So treiben die Volkswirtschaften von einer Krise zur nächsten. Wir haben diesen Fehler nach 2002 schon einmal begangen. Es besteht die Gefahr, dass wir ihn wiederholen.
SPIEGEL: Das klingt, als wäre allein die laxe Geldpolitik der US-Zentralbank schuld an der Finanzkrise. Aber die Gier der Banker spielte doch ebenso eine Rolle wie die Fahrlässigkeit der Politiker und der Leichtsinn der Immobilienkäufer.
Rajan: Sie haben recht. Es ist nicht hilfreich, mit dem Finger auf einen der Akteure zu deuten. Wir hatten es mit einer Systemkrise zu tun, die aus vielen Komponenten bestand. Diese Kräfte sind stärker als der Einfluss einzelner Personen, und diese Kräfte sind immer noch da. Wir sollten die Probleme besser an der Wurzel anpacken.
SPIEGEL: Konkreter bitte!
Rajan: Seit den achtziger Jahren hat der technologische Wandel einen Bedarf nach Mitarbeitern mit besseren Fähigkeiten und Qualifikationen in den USA geschaffen, die Nachfrage nach Hochschulabsolventen ist weitaus schneller gewachsen als das Angebot. Diese Diskrepanz hat dazu geführt, dass ein großer Teil der Bevölkerung zurückgefallen ist, die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen hat zugenommen.
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© DER SPIEGEL 41/2010
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