AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2010

Stuttgart 21 Ende der Mogelei

Zwei Drittel der Baden-Württemberger sind für eine Volksbefragung über das umstrittene Bahnprojekt. Interne Papiere belegen, dass die Kostenplanung schöngerechnet ist.

Von

Getty Images

Die Botschaft von Heiner Geißler passt auf einen linierten Zettel, den er offensichtlich eilig aus einem Notizblock gerissen hat: "Wir wollen nicht, dass es hier in Stuttgart zugeht wie in der Hamburger Hafenstraße oder in Berlin-Kreuzberg", verkündet der 80-Jährige am vergangenen Donnerstag in der großen Schalterhalle des Hauptbahnhofs.



Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser

Geißler ist gebürtiger Baden-Württemberger, langjähriger Stuttgarter, ein Schwabenversteher, der selbst kaum glauben kann, dass seine Landsleute, diese braven, rechtschaffenen Häuslebauer, aufeinander losgehen wie der Mob der Großstadt. Der ehemalige CDU-Generalsekretär ist angetreten, den Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des Bahnprojekts Stuttgart 21 zu schlichten. Er setzt dabei auf "völlige Transparenz". Alles müsse jetzt auf den Tisch, "alle Argumente, alle Fakten, alle Zahlen".



Genau das fürchten die Projektverantwortlichen. Denn so würde erkennbar, auf welch tönernem Fundament sie stehen: wie hohl die angeblichen Zugeständnisse von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sind, einstweilen keine weiteren Abriss- und Abholzarbeiten vorzunehmen. Oder was die letzte Kostenkalkulation der Bahn wert ist.



Kommt alles auf den Tisch, wird publik, dass die nächsten Bäume im Schlossgarten laut Projektplan ohnehin erst im Herbst 2011 fallen sollten. Und dass der Abriss des Südflügels "rund 24 Monate nach Baubeginn, also frühestens im Frühjahr 2012, vorgesehen ist", wie Werner Wölfle erklärt, der Grünen-Fraktionschef im Rat der Stadt Stuttgart.



Von Politikern unzureichend oder falsch informiert



Kommt alles auf den Tisch, wird Stuttgart auch erfahren, dass Mappus einen neuen Grund hat, den Südflügel vorläufig zu erhalten: In dem fast hundert Jahre alten Gemäuer sind derzeit die Polizisten untergebracht, die die Bauarbeiten am Bahnhof schützen sollen. "Die Zeit des Mogelns ist jetzt vorbei", sagt Wölfle.



SPIEGEL-Umfrage: CDU knapp vor Grünen, Zweidrittelmehrheit für Volksabstimmung
DER SPIEGEL

SPIEGEL-Umfrage: CDU knapp vor Grünen, Zweidrittelmehrheit für Volksabstimmung

Alles auf den Tisch - Geißlers Gespür für Stimmen und Stimmungen funktioniert fraglos. TNS Forschung hat vergangene Woche im Auftrag des SPIEGEL die Bürger in Baden-Württemberg um ihre Meinung gebeten. Und auf die Frage, warum die Stuttgart-21-Demonstranten auf die Straße gehen, glaubten 37 Prozent, sie wollten wohl ihren Unmut darüber bekunden, "dass sie von Politikern unzureichend oder falsch informiert werden".



Völlige Transparenz als Merkmal von Demokratie? Die Baden-Württemberger sind offenkundig dafür. Laut der repräsentativen Umfrage sprechen sich fast zwei Drittel für eine Volksabstimmung zu Stuttgart 21 aus. Und noch unangenehmer als diese eindeutige Aufforderung muss für Regierungschef Mappus das Ergebnis der sogenannten Sonntagsfrage sein: Der zufolge erhält die CDU im Land nur noch 34 Prozent der Wählerstimmen, während die Grünen inzwischen das Vertrauen von 32 Prozent genießen. Die vor Wochen noch surreal anmutende Vorstellung einer Ablösung der Union durch eine grün-rote Koalition nimmt allmählich realistische Züge an.



Folgt man den Umfrageergebnissen, ist sogar das Projekt Stuttgart 21 bei den Bürgern beliebter als die CDU. Eine knappe Mehrheit von 46 zu 43 Prozent befürwortet die Milliardeninvestition - woraus Mappus die Empfehlung ab-leiten kann, möglichst schnell eine Volksbefragung durchzuführen, die den Bahnneubau bestätigt und die Stimmung contra Union womöglich noch abmildert.



Mehr zum Thema


© DER SPIEGEL 41/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.