Von Markus Brauck
Einen besonders dreisten und irgendwie auch kuriosen Fall leistete sich nach SPIEGEL-Recherchen ausgerechnet die Deutsche Telekom. Für das T-Online-Preisvergleichsportal fertigte die Agentur Textprovider Hunderte angebliche User-Bewertungen an. Offenbar sollte so vorgetäuscht werden, dass sich auf den Seiten die Nutzer angeregte Debatten über Produkte liefern. Der Kunde wolle sein Shopping-Portal "aufwerten", heißt es in einer internen Mail der Agentur.
1000 Texte, zwischen 80 und 180 Wörter lang, lieferte die Agentur, die sich offiziell darauf spezialisiert hat, Produktbeschreibungen zu optimieren. Für das Telekom-Portal schrieben Dutzende Autoren bezahlte Texte über die Waschmaschine AEG Lavamat 86 850 ("Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viel verändert hat"), über die Kamera Canon EOS 7D ("Hier ist Canon ein großer Schritt gelungen"), über die Eismaschine Krups Venise ("Es war spielend leicht") und Dutzende andere Produkte.
In einem Briefing waren die Texter genau instruiert worden: "Es sollen realistische Produktbewertungen erstellt werden, die nach Möglichkeit möglichst real und natürlich verfasst sind." Auch negative Wertungen waren erlaubt, schließlich soll alles echt wirken. "Sie müssen in die Rolle des Users ,schlüpfen' und möglichst authentische Bewertungen aller Produkte vornehmen", wurde den Textern vermittelt. Es gehe "nicht vorrangig um gefakte Bewertungen", die bezahlten Texter sollten sich "an realen, schon bestehenden Bewertungen im Netz orientieren".
Die Telekom erklärt dazu, "ein übereifriger Dienstleister" habe den Auftrag zur Erstellung von Nutzerbewertungen an die Agentur Textprovider erteilt. Die "Einkaufswelt" sei Teil von t-online.de und handle in ihren Geschäftsbeziehungen autark und unabhängig von der Telekom. Der Auftrag sei dem Konzern nicht bekannt gewesen. "Hier ist der Dienstleister deutlich über das Ziel hinausgeschossen", sagt eine Konzernsprecherin. Die Agentur Textprovider war zu einer Stellungnahme nicht bereit.
Selten sonst im Netz mischen sich edle mit weniger edlen Motiven derart wie bei den Bewertungsportalen. Denn dies ist eben auch der Ort, an dem Literaturliebhaber wie Wiedau zu treffen sind - oder skurrile Sympathen wie Gerald Angerer. Er ist so einer, der mit seinen Einträgen beinahe eine Mission verbindet. Angerer schreibt bei Qype unter dem Pseudonym "Lokalreporter" - der Name entstand, weil er anfangs vor allem über Gastronomie schrieb. In seinen Einträgen predigt er geradezu die Gebote der Kundenfreundlichkeit.
Angerer ist Mitte fünfzig, etwas füllig. Er hat jahrelang als Barmann gearbeitet, zwischendurch war er Werbetexter. Er ist ein Mann, der mit Persönlichem nicht lange hinter dem Berg hält. In zehn Minuten hat er einen kurzen Abriss über seine Erfahrungen mit Drogen, Psychotherapie und Tantra gegeben. Auf Qype hat er auch schon über seine Darmspiegelung berichtet. Und so seltsam er auf den ersten Blick wirken mag, er schreibt mit die besten Texte dort.
Eine Currywurstbude kritisierte er einmal: "Für mich ist dieser Stand nicht gemacht. Ich werde hier jedes Mal behandelt wie ein Vegetarier ohne festen Wohnsitz." Früher war er noch etwas böser als heute. "Da war ich der Oberlehrer aller Kellner", sagt er. Inzwischen ist er etwas milder und gemütlicher geworden. Für einige Lokale betreut er auch deren Facebook-Seite. Doch dann schreibe er über diese Läden nicht mehr bei Qype, behauptet er. "Ich bin käuflich, aber nur zu Summen, die mir bisher noch keiner geboten hat", sagt er und lächelt ironisch.
Es ist das Problem der Bewertungsportale, dass sie meist darauf angewiesen sind, dass die Autoren sich von selbst an gewisse ethische Standards wie Objektivität und Unabhängigkeit halten.
Dabei sind auch die seriösen Kritikportale keineswegs nur Adressen für verärgerte Kunden. Nils Conradi etwa, einer der eifrigsten Schreiber von HolidayCheck, sieht sich vor allem als Tippgeber für gelungene Reisen. Er wolle das Risiko minimieren, dass der Urlaub nicht so toll wird, sagt er, und so finden sich unter seinen Berichten vor allem Empfehlungen. Er hat auch schon mal ein Hotel gnadenlos verrissen - "Die Zimmer sind extrem abgewohnt und schmuddelig (Stundenhotel-Flair!)" -, aber das ist die Ausnahme.
Letztlich, meint zumindest der Qype-Gründer Stephan Uhrenbacher, sind die Westentaschenkritiker in der Mehrheit gutwillige Menschen. Manchmal gebe es auch die Genugtuung der Rache. Aber viele treibe "das Bedürfnis an, die Guten zu belohnen". Was sie nicht davon abhält, untereinander auch mal Kleinkriege um Bewertungen auszutragen.
Und was ist mit denen, die bewertet werden? Die Zahl der Beschwerden sei gesunken, sagen die Betreiber der Portale. Das System sei etabliert. Die Unternehmen hätten sich damit abgefunden, sehr rasch am Pranger stehen zu können.
Zumindest einen aber gibt es, der sich das nicht gefallen lassen will: Oliver Winter, ein Betreiber von Jugend-Hostels. "Ich ärgere mich einfach darüber, dass Jugendliche, denen meine Mitarbeiter des Nachts den Alkohol wegnehmen, am nächsten Morgen ins Portal schreiben dürfen, bei uns klebe der Schimmel an der Decke." Er will, dass eines seiner Hotels vom Netz genommen wird. Darum ging er gegen HolidayCheck juristisch vor. In einem Verfahren hat der Richter erkennen lassen, dass er die Beschwerde für aussichtslos halte, die Meinungsfreiheit sei höher zu bewerten. Doch sein Anwalt hat inzwischen eine neue Klage fertig, mit einem neuen Dreh.
Weil HolidayCheck selbst auch Reisen verkaufe, sei das Unternehmen ein Wettbewerber seines Mandanten, so die Argumentation. Und der dürfe - Meinungsfreiheit hin oder her - nicht unbewiesene geschäftsschädigende Behauptungen verbreiten. HolidayCheck schaffe "aus reiner Gewinnorientierung einen öffentlichen, nicht hinreichend kontrollierten Pranger", so Anwalt Alexander Freiherr Knigge.
Es wäre eine Katastrophe für HolidayCheck, käme die Klage durch. Doch so lange müssen Hoteliers, die sich ärgern, nicht warten. Die SalzburgerAgentur NCM verkauft eine Software, die das Problem der Bewertungsportale für die Hoteliers lösen soll - und ganz legal, verspricht Geschäftsführer Michael Mrazek.
Die Idee ist simpel. Das Programm sendet jedem Gast nach der Übernachtung eine Mail mit der Frage, wie es ihm gefallen habe. Wenn sich einer positiv äußert, wird er aufgefordert, seine Meinung auch auf Internetportalen zu äußern. Ist ein Gast aber sauer, wird darüber sofort der Hotelier informiert. Der kann den unzufriedenen Gast beschwichtigen und beschwatzen, damit der dann nichts Gemeines auf HolidayCheck oder anderswo schreibt. Das sei keine Manipulation, sagt Mrazek. "Wir ziehen den Portalen bloß den Giftzahn."
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