Von Markus Brauck
Wenn es stimmt, dass ehemalige Schlawiner die besten Detektive sind, dann war Florian Schneider ein guter Fang. Zumindest sofern es darum geht, die Tricks des Gegners zu kennen.
Heute ist Florian Schneider nicht mehr unter den Schummlern. Er ist sozusagen Chefermittler und leitet eine 40 Leute starke Truppe, die beim Bewertungsportal holidaycheck.de nichts anderes macht, als nach fragwürdigen Berichten zu fahnden. Nach Schmähkritik von Leuten, die nie vor Ort waren. Nach Eigenlob von Hoteliers. Nach Elogen, die von obskuren PR-Agenturen erdichtet wurden.
Der Trick mit der künstlichen Lobeslawine funktioniere schon lange nicht mehr, behauptet Schneider. Sobald plötzlich die Zahl der Berichte zu einem Objekt anschwillt, schlägt das System Alarm. Tauchen typische Katalogformeln auf, "Strände" etwa, die "zum Verweilen einladen", oder entsprechende verdächtige Adjektive: Alarm. Kommen mehrere Bewertungen von derselben IP-Adresse: Alarm. Schreibt einer, der auf einer schwarzen Liste steht: Alarm. Wird ein sonst chronisch mies bewerteter Schuppen plötzlich als Edelbehausung angepriesen: Alarm, Alarm, Alarm.
Schneiders Team hat für all das eine eigene Software entwickeln lassen, die alle Berichte filtert. Jeder Beitrag, den das System als auffällig ausspuckt, wird von seinen Leuten geprüft. Chefermittler Schneider sagt: "Früher oder später machen sie alle einen Fehler."
Doch trotz Kontrolle rutschen immer noch etliche Fakes durch, wie die Stiftung Warentest Anfang des Jahres feststellte. Außerdem: Es ist nicht die pure Liebe zur Wahrheit, die HolidayCheck diesen Aufwand treiben lässt.
Für das Unternehmen ist es geradezu lebensnotwendig, nicht in den Ruf zu kommen, dass haufenweise PR-Heinis unterwegs seien auf seiner Plattform. Sie muss insgesamt glaubwürdig bleiben. Nur dann lässt sich mit ihr weiter Geld verdienen, so wie im vergangenen Jahr, als das Unternehmen, das zur Burda-Gruppe gehört, rund 13 Millionen Euro Gewinn machte - auch über ein direkt an das Bewertungsportal angeschlossenes Online-Reisebüro.
Es ist der Traum eines jeden Internetunternehmers: mit Hilfe von Inhalten, die die Nutzer kostenlos erstellen, selbst das große Geschäft zu machen. Kein Wunder, dass Bewertungsportale boomen. Wer sich im Internet heute auf die Suche nach einer Reise, einem Buch, einem Autohändler oder auch nur einer Tube Senf macht, wird überschwemmt von Rezensionen; insgesamt geht die Zahl der kritischen Kommentare in die zig Millionen. Eine wirklich kritische Masse.
Längst dreht es sich dabei nicht mehr nur um die Frage, ob ein Hotel sauber ist oder ein Buch lesbar. Es gibt Seiten, auf denen die Fähigkeit von Lehrern beurteilt wird, und andere, auf denen Eltern über Windelmarken streiten, und es gibt auch solche, die sich mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis von Bordellen beschäftigen. Nichts, was sich nicht bewerten ließe.
Die Idee ist bestechend: Um den Marketinglügen und PR-Mätzchen zu entgehen, schreiben Konsumenten, wie die Dinge wirklich sind, damit die Guten mehr Kunden bekommen und die Schlechten weniger Zulauf. Es ist so, als sei die Illusion vom perfekten Markt in Erfüllung gegangen: Jeder Konsument ist mit allen Informationen versorgt, bevor er seine Kauf- oder Genussentscheidung fällt.
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