AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2010

Theater "Die Angst habe ich ausgestrahlt"

Friedrich Schirmer, ehemaliger Intendant des Deutschen Schauspielhauses, über seinen Rücktritt, den Selbstmord seiner Ehefrau und Hamburger Depressionen


Für das Treffen hat Schirmer ein Hotel in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs ausgewählt. Hier, so sagt es Schirmer, könne er wenigstens sicher sein, niemanden zu treffen. Nur ein paar Meter entfernt steht das Deutsche Schauspielhaus, dessen Intendant Schirmer bis vor fünf Wochen war. Über der neobarocken Fassade des Theaters hängt ein riesiges Bettlaken, auf dem steht "Kampfansage". Ein neuer Senat unter dem Ersten Bürgermeister Christoph Ahlhaus muss jährlich 510 Millionen Euro sparen, und so hat Kultursenator Reinhard Stuth kurzerhand angekündigt, ein Museum zu schließen, Bibliotheken und Theater zu beschneiden. Kurz zuvor, am 14. September, war Schirmer als Intendant des Deutschen Schauspielhauses zurückgetreten, nachdem ihm Zuschüsse von 330.000 Euro gekürzt worden waren. Sein Entschluss sorgte für große Aufregung in der nationalen Theaterszene, auch weil nun Deutschlands größte Sprechbühne ohne Führung dasteht, während der neugebildete Senat dem Schauspielhaus weitere Subventionen in Höhe von 1,2 Millionen Euro gestrichen hat. Die Zukunft des Theaters ist ungewiss. Friedrich Schirmer ist 59 Jahre alt, bevor er 2005 nach Hamburg kam, hatte er zwölf Jahre lang das Stuttgarter Schauspiel geleitet, wo er als fähiger Theatermann galt. In Hamburg aber wurde seine Arbeit von Beginn an stark kritisiert.

SPIEGEL: Herr Schirmer, seit Ihrem überraschenden Rücktritt vor fünf Wochen gelten Sie als Kapitän, der als Erster das sinkende Schiff verlassen hat. Ihr Vorgänger Frank Baumbauer warf Ihnen vor, dass man so etwas nicht tue. Ärgert Sie dieses Unverständnis?

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Heft 42/2010
Paarlauf ins Kanzleramt

Schirmer: Ich habe das Schiff ordnungsgemäß meiner Mannschaft übergeben. Natürlich war mir klar, dass Menschen sich von mir alleingelassen fühlen, weil ich meinen Schritt zu wenig erklärt habe. Und ich habe seit meinem Rücktritt auch nicht mehr richtig geschlafen. Keiner der anderen Intendanten, die sich öffentlich geäußert haben, hat bei mir angerufen und gefragt: Wie war das denn eigentlich? Dass Intendanten zurücktreten, kommt vor, besonders am Schauspielhaus. Gustaf Gründgens hat es gemacht, Niels-Peter Rudolph und auch Peter Zadek, der sich hier in Hamburg in die Krankheit verabschiedete und das Haus jahrelang nicht mehr betreten hat.

SPIEGEL: Aber warum sind Sie zurückgetreten?

Schirmer: Ich erkläre das gleich. Es ist aber absurd anzunehmen, ich hätte mir den Moment, an dem ich alles, aber wirklich alles an den Nagel hänge, nicht genau überlegt. Mir war klar, dass damit meine Karriere zu Ende ist. Ich mache seit 40 Jahren Theater. Ich habe mich selber ausgebildet. Ich bin vom Hospitanten zum Intendanten gereift. Alles, was ich bin, bin ich durchs Theater.

SPIEGEL: Aber tritt man dann wegen 330.000 Euro Etatkürzung zurück?

Schirmer: Es waren nicht nur diese 330.000. Es war viel mehr. Es begann schon im Sommer 2009, da ging es um den Ausgleich der steigenden Gehälter, beziehungsweise um einen Sonderzuschuss für das Junge Schauspielhaus. Beides wurde nicht mehr gewährt. Und im nächsten Schritt, ein paar Monate später, gab es eine neue Sparrunde, diesmal weil man die Kosten für den Umbau der Kulturbehörde von einer Million Euro auf die drei Staatstheater umgelegt hatte. Monatelang habe ich dafür gekämpft, dass die Zusagen mir gegenüber eingehalten werden. Aber die Senatorin Karin von Welck hat mich immer nur beschwichtigt.

SPIEGEL: Und der neue Kultursenator?

Schirmer: Der sagte: Mehr Geld gibt es nicht, aber reden Sie mal mit meinen Mitarbeitern. Die sagten dann plötzlich: Sie müssen mit einem Defizit in die neue Spielzeit gehen. Ich habe mich dann drei Tage zurückgezogen und mir die Zahlen angeguckt. Mir wurde klar: Ich kann das so nicht weiter mitmachen.

SPIEGEL: Warum nicht? Dann machen Sie halt ein Defizit.

Schirmer: Da kommen wir in eine unseriöse Grauzone. Das Schauspielhaus wird als GmbH geführt. Da können Sie nicht einfach Defizite anhäufen! Verantwortlich für die finanziellen Risiken ist der Intendant. Mein Anwalt sagte mir, ich würde mich strafbar und damit haftbar machen, wenn ich dem Aufsichtsrat ein Budget vorlege, von dem ich weiß, dass es nicht funktionieren kann.

SPIEGEL: Deswegen der Rücktritt?

Schirmer: Ja. Zumal mein Rücktritt dem Haus meine Gage spart und damit einen großen Teil des Geldes, der im Budget für diese Spielzeit fehlt. Ich habe mich also selbst weggespart. Ich gehe ohne Abfindung. Ich gehe jetzt zum Arbeitsamt.

SPIEGEL: Das ist doch absurd. Es kommt doch ein neuer Intendant.

Schirmer: Aber wann? Alle haben ja langfristige Verträge. Das ist nicht wie beim Fußball. Auf jeden Fall kann das Schauspielhaus auf diese Weise mindestens ein Jahr flottbleiben.

SPIEGEL: Sie haben ein Chaos hinterlassen.

Schirmer: Wieso? Die Spielzeit ist geplant, und meine Mitarbeiter sind in der Lage, sie ohne mich umzusetzen. Außerdem glaube ich, meine Selbstverbrennung hat eine kämpferische Energie freigesetzt. Die Proteste gegen den Kultursenator Stuth und sein Sparprogramm sind auch dadurch so vehement geworden. Das Theater wird seitdem anders wahrgenommen. In meiner Seele fühlt es sich an, als hätte ich das richtig gemacht.

SPIEGEL: War es nach all der herben Kritik, nach den Enttäuschungen und Kürzungen nicht auch Frustration?

Schirmer: Wenn ich die Chance gesehen hätte, die Finanzprobleme zu lösen, hätte ich mir all das, was am nächsten Tag über mich zu lesen war, gern erspart. Ja, ich weiß, dass ich jetzt einen müden Eindruck mache. Zumal meine Mutter auch gerade gestorben ist. Aber ich habe durch den Selbstmord meiner Frau Marie vor dreieinhalb Jahren viel verstanden. Zum Beispiel, dass man lernen muss, von sich selbst abzusehen: Nimm dich nicht so wichtig. Marie hatte glänzende Nachrufe. Aber sie hatte nichts mehr davon.

SPIEGEL: Ihre Frau war Marie Zimmermann. Sie war eine sehr erfolgreiche Theatermacherin. Wissen Sie, warum sie sich das Leben genommen hat?

Schirmer: Ja. Sie litt unter einer bipolaren Störung, sie war manisch-depressiv. Man hat unglaubliche Hochphasen und immer wieder tiefste dunkle Löcher.

SPIEGEL: Wie lange wussten Sie von der Erkrankung Ihrer Frau?

Schirmer: Ich habe das in seinem ganzen Grauen erst vier Wochen vor ihrem Tod erfahren. Bis dahin hatte sie immer mal wieder große Erschöpfungsphasen, weil sie ja ein Festival nach dem anderen organisiert hatte, sie war zuletzt die Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen und sollte 2008 Intendantin der Ruhrtriennale werden. Im Nachhinein ist mir natürlich vieles helle.



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