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Ausgabe 42/2010

Ernährung: Heilkraft der Mikroben

Von und

Die Industrie überschwemmt den Markt mit Lebensmitteln, die vor Schlaganfall, Schnupfen und Schrumpelhaut schützen sollen - doch nur wenige der schönen Versprechen lassen sich wissenschaftlich untermauern. Wie sieht gesunde Ernährung wirklich aus?

Gesünder essen: Nahrung aus dem Labor Fotos
Guillaume Beguin

"Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel und eure Heilmittel eure Nahrungsmittel sein."
HIPPOKRATES

Über dem Arbeitsplatz von Laurent Schmitt hängt ein säuerlicher Geruch. Die Wände sind weiß gekachelt, an der Decke ziehen sich dicke Rohre aus Edelstahl entlang, Maschinen summen. Draußen vor der Tür hat Schmitt weiße Plastikschuhe übergestreift; sein Haar ist unter einer Art Duschhaube verschwunden.

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Der Verfahrenstechniker herrscht über eine Hightech-Molkerei - allerdings ist sie um ein Vielfaches kleiner als eine normale Anlage. Die Mini-Fabrik liegt im Erdgeschoss des Danone-Forschungszentrums in der Nähe von Paris. Hier lässt der Nahrungsmittelkonzern die Joghurts der Zukunft anrühren.

Das Ziel sind Desserts, die nicht nur extra cremig sind (wie das die Deutschen lieben) oder stichfest, so dass der Löffel eine kleine Abbruchkante hinterlässt (wie es die Franzosen gern sehen). Was die stählernen Fermentationstanks in Schmitts Reich verlässt, soll dem Konsumenten auch noch Gesundheit und Wohlbefinden verheißen oder vor Vergesslichkeit schützen.

All das soll ein Joghurt können? Essen als Medizin? Der französische Milch-Multi glaubt fest daran; weltweit rund 500 Wissenschaftler wollen es beweisen. Allein am Standort Palaiseau bei Paris tüfteln 360 Mikrobiologen, Lebensmitteltechniker und Biochemiker an neuen Rezepturen.

Meist sind es spezielle Mikroben, die den neuen Nahrungsmitteln ihre Zauberkraft verleihen sollen. Bei Danone schlummern rund 4000 verschiedene Milchsäurebakterien-Stämme in den Kühltanks; Konkurrent Nestlé hortet seine Mikroorganismen in den Schweizer Labors wie einen Schatz.

Placebo-Joghurts für die Wissenschaft

Wenn Schmitts Kollegen mit einer neuen Idee anklopfen, mixt ihnen der Molkerei-Chef nicht nur das gewünschte Milchprodukt zusammen: Aus den Füllmaschinen schwappen zugleich auch Joghurts, die genauso schmecken wie die jüngste Innovation, denen aber jene Bakterien fehlen, die für die wundersame Wirksamkeit verantwortlich sein sollen - Placebo-Joghurts für die Wissenschaft.

Ähnlich wie in den Medikamentenstudien der Pharmaindustrie löffeln dann Versuchspersonen ihre Milchspeise entweder mit oder ohne Wirkstoff. Dann sammeln die Forscher Blutproben, verteilen Fragebögen oder schnallen den Probanden Sensorgürtel um den Leib - Letzteres, um wissenschaftlich nachzuweisen, dass ein Bakterienstamm mit dem Phantasienamen ActiRegularis lästiges Bauchgrimmen reduziert.

Allein für den Kassenschlager Activia verweist Danone auf 17 Humanstudien mit mehr als 1200 Probanden - viel Aufwand für den kleinen Nachtisch im dunkelgrünen Pappgewand.

Ohne solche Anstrengungen jedoch wird kaum noch ein Lebensmittelhersteller auskommen, wenn er mit der angeblich gesundheitsfördernden Wirkung seiner Produkte werben möchte: Nach der europäischen "Health Claims"-Verordnung" muss künftig jede Gesundheitsverheißung wissenschaftlich belegt sein.

Das Regelwerk 1924/2006 erschüttert die Branche in ihren Grundfesten: Sehr viele der munteren Parolen müssen wohl bald von den Verpackungen und aus den Werbeanzeigen weichen. 2006 hat die EU ihre European Food Safety Authority (EFSA) - die Behörde für Lebensmittelsicherheit im italienischen Parma - mit der Überprüfung aller Gesundheitsversprechen bei Joghurts, Säften und Schokoriegeln beauftragt.

"Beispiellose Zäsur"

Wer seine Produkte mit einem sogenannten Health Claim aufhübschen möchte, muss das bei der EFSA beantragen. Eine internationale Expertentruppe checkt dann die allgemeine Datenlage und die von den Konzernen eingereichten Studien und entscheidet, welche Heilsversprechen tatsächlich als wissenschaftlich belegt gelten können.

Allzu viele sind es nicht. Seit 2007 wühlen sich die EFSA-Leute durch einen Wust von sagenhaften 44.000 Anträgen, die sie in einer ersten Durchsicht auf rund 4600 eindampften. Im Juni 2011 soll das gewaltige Prüfverfahren abgeschlossen sein. Dann muss die EU-Kommission entscheiden, ob sie den EFSA-Vorschlägen folgt. Gesundheitsbezogene Werbung auf Lebensmitteln wäre dann nur noch stark eingeschränkt möglich. "Das ist eine beispiellose Zäsur, die für die Konzerne schwer zu verkraften sein wird", urteilt der Münchner Lebensmittelrechtler Alfred Hagen Meyer.

"In Zukunft können sich die Verbraucher wirklich auf das verlassen, was auf der Packung steht", hält Juliane Kleiner, Chefin der zuständigen Abteilung bei der EFSA, dagegen: "Einen so umfassenden Bewertungsprozess hat es noch nie gegeben - da sind wir Europäer die Ersten."

Bisher ist die Bilanz verheerend für die Hersteller. Bei rund 80 Prozent der Werbebotschaften suchte die EFSA vergebens nach überzeugenden Belegen. Selbst die heilsame Wirkung mancher Vitamine und Mineralien lässt sich oft nicht zweifelsfrei nachweisen; die meisten Probiotika fielen bislang durchs Raster.

Die wissenschaftlichen Studien sind oft wenig überzeugend

Nun droht der Branche neues Ungemach. Von den 800 Urteilen über gesundheitsbezogene Angaben, die die EFSA am Dienstag dieser Woche veröffentlichen will, dürften nicht sehr viele positiv ausfallen. Zahlreiche Vitamine sind darunter, deren segensreiche Wirkungen angeblich von der "Verbesserung der Haargesundheit" bis "Energie und Vitalität" reichen; oder Mineralien und Aminosäuren, die beim Abnehmen helfen und das Immunsystem stärken sollen; schließlich Pflanzen wie Echinacea (für die Abwehrkräfte) und Löwenzahn ("reinigend"). Auch dem japanischen Darmgesundheits-Drink Yakult (Werbebotschaft: "Fühl Deine innere Kraft") wird die EFSA ein Zeugnis ausstellen.

Mit teils bizarren Belegen hofften manche Antragsteller anfangs noch, die EFSA-Wissenschaftler zu beeindrucken. Da zitieren manche Firmen forsch aus Pressemitteilungen, Wörterbüchern und Wikipedia - selbst die Bibel wird ins Feld geführt. Auch die wissenschaftlichen Studien sind oft wenig überzeugend. Mal ist die Probandenzahl zu klein, mal fehlt eine Kontrollgruppe; und oft ist die statistische Auswertung mangelhaft.

So hatten die Konzerne bislang wenig Erfolg mit individuellen Claims für spezifische Produkte. Der Süßwaren-Konzern Ferrero etwa darf seine Kinderschokolade nicht als "die Schokolade, die beim Wachsen hilft" bewerben. Der Getränkehersteller Ocean Spray darf nicht behaupten, dass Cranberry-Säfte Harnwegsinfektionen vorbeugen. Eine Abfuhr fing sich auch der niederländisch-britische Food-Multi Unilever für sein Werbeversprechen, Lipton-Schwarztee steigere die Konzentrationsfähigkeit.

Danone hat Claims für den Joghurt-Drink Actimel und den Verdauungshelfer Activia vorsorglich zurückgezogen und will sie später erneut vorlegen - eine klare Absage wäre ein PR-Desaster für den forschungsfreudigen Konzern. "Wir mussten in ein Verfahren einsteigen, bei dem die Regeln noch nicht klar waren", kritisiert Forschungschef Sven Thormahlen, "das ist ein unerträglicher Zustand."

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Forum - Ernährung - Was taugen die Gesundheitsversprechen der Lebensmittelindustrie?
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1.
japan10 16.10.2010
Zitat von sysopGesunde Ernährung bringt nicht nur kulinarische Freuden, sondern beugt auch vielen Krankheiten vor. Abgesehen von den alten "Gesundmachern" wie etwa Obst, Gemüse, Vollkornprodukten bietet die Lebensmittelindustrie spezielle Produkte zur Gesunderhaltung an - was halten Sie von diesen Versprechen und entsprechenden Erzeugnissen?
Wenn es um die Sache gehen würde, wäre es ok. Doch es sind Geschäftsfelder, die bearbeitet werden und die Frage ist für den Verbraucher, sollte man sich dieses antun? In diesem Zusammenhang fällt mir NESTLE ein, denen es auch ziemlich egal ist, wo ihre Zuataten herkommen. Aktuell an der Kakaobohne gut zu beobachten, wo gekaufte Kinder unter Sklavenbedingungen und ohne Lohn verschleppt werden und auf den Plantagen die Bohnen pflücken. Da nutzen auch Gesetze nichts, es ist so. Es hilft nur ein bewußtes Leben und ein wenig Glück.
2. Versprechen
aat 17.10.2010
Zitat von sysopGesunde Ernährung bringt nicht nur kulinarische Freuden, sondern beugt auch vielen Krankheiten vor. Abgesehen von den alten "Gesundmachern" wie etwa Obst, Gemüse, Vollkornprodukten bietet die Lebensmittelindustrie spezielle Produkte zur Gesunderhaltung an - was halten Sie von diesen Versprechen und entsprechenden Erzeugnissen?
Das Versprechen von jemandem der davon lebt, daß möglichst Viele seine Produkte kaufen ist immer mit Vorsicht zu genießen. Die LebensmittelINDUSTRIE heißt nicht grundlos so. Es geht um Gewinnmaximierung und sonst um nix. Ob der Verbraucher gesunde Nahrungsmittel bekommt ist zweitrangig. Das ist wie beim Doping, ich muß nur etwas draufsprühen, was die Insekten fernhält und nicht nachgewiesen werden kann (zumindest noch nicht). Die Gewinnspannen bei Lebensmitteln bewegen sich im Cent-Bereich, wo ist da Platz für Qualität ? Die Masse bringts und da kann ich mir kaum eine "ehrenwehrte Handelskette" vorstellen. Nicht ohne Grund sind Tomaten im Supermarkt gelegentlich noch ein wenig grün und Bananen noch recht bisfest und etwas bitter. Die haben die Zeit im Flugzeug einfach nicht zum Weiterreifen genutzt - diese kleinen Arbeitsverweigerer.
3. Nichts
aloa5, 17.10.2010
Zitat von sysopGesunde Ernährung bringt nicht nur kulinarische Freuden, sondern beugt auch vielen Krankheiten vor. Abgesehen von den alten "Gesundmachern" wie etwa Obst, Gemüse, Vollkornprodukten bietet die Lebensmittelindustrie spezielle Produkte zur Gesunderhaltung an - was halten Sie von diesen Versprechen und entsprechenden Erzeugnissen?
Nichts. Wie auch bei der Pharmaindustrie. Ich bin einer derjenigen Vertreter welche z.B. Ärzte gerüchteweise gar nicht mögen. Ich informiere mich wenn ich Anhaltspunkte habe ausführlich übers Internet, auf Fachseiten, in Büchern. Ich glaube ja auch nicht das AriOmoRiese weißer wäscht als umgekehrt oder der CitToyAzda das Beste Auto ist das man nur bauen kann. Erinnern wir uns noch an die >180 Grad Celsius Chips. Also früher, in der Lebensmittel-Diaspora wo man noch heimlich krebserregende Mittel in der heimischen Friteuse oder am Holzofengrill vorsätzlich hergestellt und sich selbst damit vergiftet hat. Hinterher fanden Forscher irgendwann heraus das das ganze vielleicht doch gar nicht so schlimm ist weil "vielleicht" auch gleichzeitig andere Dinge freigesetzt oder zerstört würden welche einen positiven Effekt hervorrufen können. Vulgo: selbst wenn die Industrie wüsste was die Forschung für gesund hält und selbst wenn sie das auch tatsächlich priorisieren würde und wir das auch tatsächlich kaufen würden... wüssten wir noch nicht einmal sicher ob das auch wirklich gesund ist. Teile der gesund lebende Müsli-Gemeinde aus den 70ern ist an Darmkrebs gestorben weil manches was man so auf Feldern aufliest und so in die Müslischale wirft besser erst einmal Magengerecht aufgearbeitet werden sollte. Bon appetit. Ich habe gerade Pommes Frites vor mir stehen. Grüße ALOA
4. Reich und dämlich
nemansisab, 17.10.2010
Zitat von sysopGesunde Ernährung bringt nicht nur kulinarische Freuden, sondern beugt auch vielen Krankheiten vor. Abgesehen von den alten "Gesundmachern" wie etwa Obst, Gemüse, Vollkornprodukten bietet die Lebensmittelindustrie spezielle Produkte zur Gesunderhaltung an - was halten Sie von diesen Versprechen und entsprechenden Erzeugnissen?
Nix. Das Zeug ist teuer und nur was für Mitmenschen, die nicht mehr kochen können. Soll es ja geben....
5.
rieberger 18.10.2010
Zitat von sysopGesunde Ernährung bringt nicht nur kulinarische Freuden, sondern beugt auch vielen Krankheiten vor. Abgesehen von den alten "Gesundmachern" wie etwa Obst, Gemüse, Vollkornprodukten bietet die Lebensmittelindustrie spezielle Produkte zur Gesunderhaltung an - was halten Sie von diesen Versprechen und entsprechenden Erzeugnissen?
Soviel wie von dem Nonsens-Satz: "Rauchen ist nicht schädlich. Gezeichnet:Dr Marlboro."
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Health Claims: Abgelehnte und autorisierte Gesundheitsversprechen
Vollmundige Versprechen

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Die Health-Claim-Verordnung der EU
Seit 2007 ist die "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" der EU in Kraft. Hersteller von Lebensmitteln können seitdem Health-Claim-Anträge bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) einreichen. Ziel der Verordnung: Jede Angabe auf einem Etikett über den gesundheitlichen Nutzen des Produkts muss durch wissenschaftliche Nachweise abgesichert sein. Diese werden von der Efsa überprüft.
Health Claims nach Artikel 13.1
"Kalzium ist gut für Ihre Knochen", oder "Omega-3-Fettsäuren senken den Cholesterinspiegel". Allgemeine Claims dieser Art gehören in die Kategorie 13.1. Ursprünglich waren mehr als 40.000 Anträge auf Claims dieser Art bei der Efsa eingegangen. Die EU-Behörde hat die Liste inzwischen auf 4186 reduziert. Wann die Positivliste der erlaubten Werbeaussagen fertiggestellt sein wird, ist noch nicht absehbar. Urprünglich sollte sie Ende Januar 2010 veröffentlicht werden. Doch bisher sind erst knapp tausend solcher Health-Claim-Anträge abgearbeitet. Grundsätzlich darf sich jeder Hersteller aus der Liste bedienen und sein Produkt mit den erlaubten Claims bewerben, sofern es bestimmte Nährwert-Anforderungen erfüllt. Diese wurden allerdings von der EU-Kommission noch nicht genau festgelegt.
Health Claims nach Artikel 13.5
"Actimel unterstützt das natürliche Abwehrsystem im Darm", oder "Activia hilft mit seiner speziellen Kultur regelmäßig das Darmwohlbefinden zu verbessern". Das sind gesundheitsbezogene Angaben im Hinblick auf "neue Wirkungen", wie es die Efsa formuliert. Gemeint sind damit individuelle Health Claims, die nur für ein bestimmtes Produkt gelten. Von dieser Sorte wurden bisher insgesamt 280 Anträge bei der Efsa eingereicht, 80 sind erst abgearbeitet, sechs wurden wieder zurückgezogen. Die Antragsteller müssen umfangreiche wissenschaftliche Nachweise vorlegen, die die gesundheitsbezogenen Angaben belegen.
Health Claims nach Artikel 14
"Verringert den Cholesterinspiegel", "senkt das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten". Werbeaussagen dieser Art, also Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos, fallen unter Artikel 14 der Health-Claim-Verordnung. Ebenso sind Angaben über die Gesundheit und Entwicklung von Kindern darunter definiert. Auch in diesen Fällen müssen die Antragsteller wissenschaftliche Nachweise erbringen, die diese Effekte belegen.
Was passiert, wenn ein Health Claim abgelehnt wurde?
Ohne eine Zulassung nach der Health-Claim-Verordnung darf eine gesundheitsbezogene Angabe für ein Lebensmittelprodukt nicht mehr verwendet werden, auch nicht in der Werbung. Die Behörden räumen den Herstellern jedoch eine Frist von sechs Monaten ein, innerhalb der sie die Werbeaussagen vollständig vom Markt nehmen müssen. Angaben über die Entwicklung und Gesundheit von Kindern müssen sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Nur sofern vor dem 19. Januar 2008 ein Antrag auf Zulassung gestellt wurde, gilt für sie eine Übergangsregelung.
Fotostrecke
Ampelkennzeichnung: Was wirklich in Lebensmitteln drin ist

Functional Food - die wichtigsten Zusätze
Heutzutage regulieren Joghurts die natürliche Verdauung, und Margarine schützt das Herz. Funktionelle Lebensmittel seien für die Gesundheit förderlich, finden die einen. Andere Experten sind skeptisch.
Probiotika
Nach Definition der WHO ist ein Probiotikum ein Zusatz von lebenden Mikroorganismen, der in ausreichender Konzentration dem Konsumenten einen Gesundheitsvorteil bietet. Der erste probiotische Joghurt kam 1994 auf den Markt: LC1 des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé. Seither boomt der Markt für Milchprodukte, denen probiotische Milchsäurebakterien zugesetzt sind. Sie sollen angeblich die Abwehrkräfte stärken, vor Erkältungskrankheiten schützen und die Verdauung fördern. Obwohl Hersteller wie Danone eine Reihe von klinischen Studien dazu durchgeführt haben, in denen positive Effekte belegt sind, werden Probiotika von Ernährungsexperten kritisiert. Manche sind der Meinung, jeder gewöhnliche Joghurt könne eine solche Wirkung entfalten. So fand etwa eine Untersuchung in Frankreich einen schützenden Effekt bei Durchfallerkrankungen nicht nur von Actimel, sondern auch von herkömmlichem Joghurt. Andere wiederum kritisieren, dass die Eigenschaften von Probiotika jeweils spezifisch für die Bakterienstämme und nur zu einem sehr geringem Teil wissenschaftlich nachgewiesen seien. Und so kam es auch, dass die Experten der Efsa es bei einer Vielzahl von Probiotika als nicht erwiesen ansah, dass die Bakterien das Immunsystem stärken oder die Verdauung fördern.
Omega-3-Fettsäuren
Relativ gut belegt ist die Wirkung von Omega-3-Fettsäuren: Zahlreiche Studien zeigen tatsächlich eine positive Wirkung von Omega-3-Fettsäuren aus Lebensmitteln auf die Gedächtnisleistung. So hat man beispielsweise festgestellt, dass in Ländern, die auf eine mediterrane Kost mit viel Fisch setzen, die Häufigkeit von Alzheimer reduziert ist. Doch nicht nur Functional Food kann viel Omega 3 enthalten: Neben Fischölen sind auch viele Früchte, Gemüse und vor allem Nüsse reich an diesen essentiellen Fettsäuren.
Phytosterine
Phytosterine sind sekundäre, fettähnliche Pflanzenstoffe, die oft in Joghurt oder Margarine zugesetzt werden. Sie gehören neben den Probiotika zu der mit am besten erforschten Gruppe von Zusätzen in Functional Food. Zahlreiche Studien belegen: Phytosterine verringern die Aufnahme von Cholesterin im Darm, weshalb sie den Cholesterinwert senken - was sich wiederum positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt. Mit diesem Effekt werben Margarinehersteller gerne. Viele Ernährungsexperten sind jedoch der Meinung: Ein paar Walnüsse oder ein Frühstücksmüsli mit Haferflocken tun es auch und sind die billigere Alternative.
Vitamine und Mineralstoffe
Mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel zählen zu Functional Food, wenn die Menge über der empfohlenen Tagesdosis liegt. Während die Vitamine C und E als starke Antioxidantien gelten und damit die Zellen vor schädlichen freien Radikalen und Krebserkrankungen schützen sollen, hilft Vitamin D beim Aufbau von Knochen. Zwar sind Aussagen wie diese von der Efsa bereits autorisiert, doch es gibt auch Studien, die zeigen, dass die Einnahme von Vitaminpräparaten eher schadet.

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