AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2010

Essay: Der Wutbürger

Von Dirk Kurbjuweit

Stuttgart 21 und Sarrazin-Debatte: Warum die Deutschen so viel protestieren.

Stuttgarter demonstrieren gegen den neuen Bahnhof Zur Großansicht
DPA

Stuttgarter demonstrieren gegen den neuen Bahnhof

Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der deutschen Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Er bricht mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Als Sarrazin seine Thesen in München vorstellte, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" hinterher: "Das gediegene Münchner Bürgertum hat sich schrecklich danebenbenommen." - "Da wurde gezischt, gebuht und lautstark dazwischengerufen." - "In der Münchner Reithalle herrschte ein Hauch von Sportpalast. Gutgekleidete Grauköpfe ereiferten sich nicht nur, sie geiferten." Und zwar gegen Sarrazins Kritiker.

Die Proteste gegen Stuttgart 21 werden von Bürgerlichen getragen, darunter CDU-Wähler und Rentner. Auch sie treibt die nackte Wut, auch sie brüllen und hassen. Tag für Tag, Woche für Woche zieht es sie an den Bauzaun, wild entschlossen, in fanatischer Gegnerschaft.

Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen den beiden Beispielen. Wer in Stuttgart brüllt, würde vielleicht nicht für Sarrazin schreien, und umgekehrt. Aber es gibt Parallelen, es geht jeweils um Zukunftsvergessenheit. Der Wutbürger wehrt sich gegen den Wandel, und er mag nicht Weltbürger sein. Beide Proteste sind Ausdruck einer skeptischen Mitte, die bewahren will, was sie hat und kennt, zu Lasten einer guten Zukunft des Landes. Warum ist das so? Warum sind Bürger, die den Staat getragen, die Gesellschaft zusammengehalten haben, derzeit so renitent?

Der Wutbürger denkt an sich, nicht an die Zukunft seiner Stadt

Natürlich ist der neue Stuttgarter Bahnhof teuer. Natürlich wird er den Schienenverkehr in Baden-Württemberg nicht revolutionieren. Man kann da sicher eine Menge Gutachten anfertigen, die den direkten Nutzen des Projekts zweifelhaft erscheinen lassen. Aber es geht nicht nur um Zahlen. Es geht auch darum, was für eine Stadt Stuttgart sein will.

Im Jahr 1846, als man sich noch begeistern konnte für das Neue, nannte der französische Schriftsteller Théophile Gautier Bahnhöfe die "Kathedralen der neuen Menschheit". Sie seien "die Treffpunkte der Nationen, das Zentrum, in dem alles zusammenfließt, der Kern gigantischer Sterne, mit Strahlen aus Eisen, die sich bis zum Ende der Welt erstrecken".

Im Bahnhof werden Gäste empfangen, hier zeigen sich Wohlstand, Vernetzung und Internationalität. Berlin, Leipzig und Dresden haben in den vergangenen Jahren viel in ihre Bahnhöfe investiert, und das hat diesen Städten gutgetan. Der Hauptbahnhof, ein moderner Glaspalast, ist ein stolzes Wahrzeichen Berlins geworden, so wie es andernorts Schlösser oder Museen sind.

Wie empfängt Stuttgart einen Reisenden? Mit Miefigkeit, mit einem kleinen Willkommen, nicht mit einem großen. Hier ist Provinz, du musst nicht unbedingt bleiben - das sagt dieser Bahnhof. Sein Nachfolger würde das ändern, er ist so kühn und elegant, dass er das Image dieser Stadt aufpolieren kann. Stuttgart würde im globalen Wettbewerb der Metropolen weit besser aussehen.

Aber das dauert. Es geht um Zukunft, nicht um Gegenwart. Erst in zehn Jahren ist der Bahnhof fertig, und das ist das eigentliche Problem. Zehn Jahre lang wird in Stuttgart gebaut werden, Dreck, Lärm, Umleitungen, ein hässliches Loch in der Mitte, gut sichtbar von den Hügeln ringsum. Dort wohnen die wohlhabenden Bürger. Stuttgart wird leiden müssen für diesen Bahnhof. Daher kommt die Wut, nicht wegen der vier oder fünf Milliarden Euro Kosten für das Projekt. Eine so abstrakte Zahl löst nicht diesen Hass aus.

Der Wutbürger denkt an sich, nicht an die Zukunft seiner Stadt. Deshalb beginnt sein Protest in dem Moment, da das Bauen beginnt, also die Unannehmlichkeit. Nun schiebt er das beiseite, was Bürgertum immer ausgemacht hat: Verantwortlichkeit, nicht nur das Eigene und das Jetzt im Blick zu haben, sondern auch das Allgemeine und das Morgen.

Er vergisst zudem, dass er die Demokratie trägt. Es spielt keine Rolle mehr, dass das Bahnhofsprojekt in einem langen Prozess durch alle demokratischen Instanzen gegangen ist. Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik. Er macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus.

Er versteht nicht oder will nicht verstehen, dass ein Sieg der Gegner von Stuttgart 21 jeden anderen Protest in Deutschland beflügelt. Fast jedes neue Kraftwerk, fast jede Hochspannungsleitung, fast jedes Windrad, fast jede Straße ist umstritten, weil sie nicht in Lebensgefühle passen oder Lebenslagen verändern. Deutschland wird erstarren, wenn sich allerorten die Wutbürger durchsetzen.

Die nächste Moderne wird von chinesischem Tempo und chinesischen Dimensionen bestimmt werden. Deutschland muss und sollte das nicht alles mitmachen, aber es muss und sollte Anschluss halten und nicht wütend das Überkommene verteidigen.

Natürlich gibt es Migranten, die es sich im Hartz-IV-System bequem machen, natürlich haben manche Muslime in Deutschland Eigenarten oder Bräuche, die schwer oder gar nicht zu ertragen sind. Aber ist das ein Grund, sich zu benehmen wie die Wutbürger von München? Sie haben die Kritiker Sarrazins auf dem Podium niedergeschrien und verhöhnt, sie haben sich aufgeführt wie ein Mob. Ihr solltet euch was schämen, das wäre die Reaktion eines Bürgers, der etwas auf sich hält.

Aber im Moment dominiert der Wutbürger. Er schreibt Hasspamphlete im Internet und schilt den Bundespräsidenten, wenn der den selbstverständlichen Satz sagt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Ein paar Leute sind deshalb schon aus der CDU ausgetreten. Man kann diesen Wandel nur Hysterie nennen. Die zählte nie zu den bürgerlichen Eigenschaften.

Der Wutbürger fühlt sich ausgebeutet, ausgenutzt, bedroht

Contenance im Angesicht von Schwierigkeiten, das zeichnet ein wohlverstandenes Bürgertum aus. Eifer gegen andere Menschen, Rassen, Volksgruppen, Religionen ist unziemliches Verhalten, ist unanständig. Das gebieten der Satz von der Gleichheit des Menschen und das Gefühl für Menschlichkeit.

Aber der Wutbürger sieht das nicht mehr. Er fühlt sich ausgebeutet, ausgenutzt, bedroht. Ihn ärgert das andere, das Neue, Er will, dass alles so bleibt, wie es war. Aber Deutschland wird türkischer und damit islamischer werden, das ist eine Gewissheit. Man kann das nicht aufhalten, nur gestalten.

Auch in dieser Frage merkt der Wutbürger nicht oder will nicht merken, dass es um die Zukunft seines Landes geht. Am Freitag der vergangenen Woche konnten die Münchner in der Zeitung lesen, dass ein Drittel der Kinder in Bayern aus Migrationsfamilien kommt. Anderswo ist das nicht viel anders. Diese Kinder sind die Zukunft Deutschlands. Man kann etwas von ihnen erwarten, etwas fordern, aber man muss ihnen auch das Gefühl geben, dass sie willkommen sind. Wenn sie und ihre Familien mit Wut betrachtet werden, gibt es kein gedeihliches Zusammenleben, keine gute Zukunft.

Bei weitem nicht alle Bürger sind Wutbürger. Aber weil die sich so laut empören, prägen sie das Gesicht der Gesellschaft, prägen sie den Geist der Zeit. Und ihre Zahl steigt. Dafür gibt es zwei Gründe. Sie betreffen sowohl die Integrationsdebatte als auch Stuttgart 21.

Der erste Grund ist, dass die Wutbürger der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt haben. Nachdem Thilo Sarrazin seine gehässigen Thesen verbreitet hatte, distanzierten sich die meisten Spitzenpolitiker von ihm, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Christian Wulff. Aber das hatte überhaut keine Bindungskraft. Das Projekt Stuttgart 21 wurde in allen Instanzen von CDU, FDP und SPD beschlossen, ohne Wirkung auf einen Teil der Stuttgarter.

Der Wutbürger macht nicht mehr mit, er will nicht mehr. Er hat genug vom Streit der Parteien, von Entscheidungen, die er nicht versteht und die ihm unzureichend erklärt werden. Er will nicht mehr staatstragend sein, weil ihm der Staat fremd geworden ist. Da hat sich etwas grundsätzlich gewandelt. Für den Bürger hat der Staat auch den Charakter einer Burg. Er schützt vor dem Bösen, und das kam aus Sicht vieler Bürger lange von links, von den 68ern, den Terroristen und den Kommunisten im Osten. All das ist verschwunden, und die 68er sind jetzt selbst die Bürger. Die Burg wird nicht mehr gebraucht.

Man kommt jetzt allein klar, man braucht nicht mehr so viel "wir", man ist jetzt ganz "ich". Der Wutbürger verteidigt zwar das christliche Abendland, geht aber nicht in die Kirche. Er bindet, verpflichtet sich nicht, sondern macht sein Ding. Was wird aus meinem Land, ist eine Frage, die sich Bürger stellen. Was wird aus mir, ist die Frage, die sich Wutbürger stellen. Wird diese Frage nicht befriedigend beantwortet, verliert er die Gelassenheit.

Der zweite Grund ist, dass die Deutschen älter werden. Was jetzt passiert, ist ein Vorbote der demografisch gewandelten Gesellschaft. Die Wutbürger sind zu einem großen Teil ältere Menschen, und wer alt ist, denkt wenig an die Zukunft. Ihm bleiben noch zehn oder zwanzig Jahre, die will er angenehm verbringen, was verständlich ist. Der Bau des Bahnhofs vergällt ihm das Leben, von dem neuen Bahnhof selbst wird er nicht mehr viel haben. Er ist saturiert, er hat keine großen Ziele mehr, strebt nicht, sondern erhält, verteidigt den Status quo, ihm graut vor dem Wandel.

Weil Deutschland altert, erlahmt es auch. Denn das Verhältnis von denen, die viel vom Wandel haben, und denen, die wenig davon haben, wird immer ungünstiger für eine dynamische Entwicklung des Landes.

Wer alt ist, hat auch mehr Angst, Angst vor Neuem, Fremdem. Das Bestehende soll bleiben, weil es vertraut ist, weil es ohne Lernen bewältigt werden kann. Und der Angstbürger wird leicht ein Wutbürger, der sich gegen alle wendet, die anders leben, anders aussehen, anders glauben.

Wenn man das zuspitzt, wenn man die Erfahrungen der Integrationsdebatte und den Protest gegen Stuttgart 21 verknüpft, dann wird sich die Politik bald Mehrheiten bei einer alten deutschstämmigen Bevölkerung suchen müssen, um türkischstämmigen Kindern die Zukunft zu sichern, was der alten deutschstämmigen Bevölke-rung einige Lasten abverlangen würde. Das ist Politik in den Zeiten der demografischen Herausforderung, extrem schwierige Politik.

Mit dem Wutbürger ist das nicht zu schaffen. Die Politik muss sich nun stärker um ihn kümmern, seine Wut dämpfen, seine Verantwortlichkeit hervorlocken. Es stimmt, dass da vieles versäumt wurde. Die Integrationspolitik hatte große Mängel, die Kommunikation zu Stuttgart 21 ist ein Desaster. Aber es ist wohlfeil, die ganze Schuld auf die Politik zu schieben. Zur Freiheit der Bürger in einer Demokratie gehört auch die Pflicht, über sich nachzudenken, das eigene Verhalten, die eigene Rolle. Die meisten Bürger, die sich jetzt ihrer Wut hingeben, müssten dazu eigentlich in der Lage sein.

Es könnte ihnen helfen, mal wieder die "Buddenbrooks" zu lesen, den großen Roman deutscher Bürgerlichkeit von Thomas Mann. Weil Thomas Buddenbrook die Zeichen der Zeit nicht erkennt, geht sein Familienunternehmen unter. Das ist sein Versäumnis, aber auf eine andere Art ist er beeindruckend: in seiner Contenance, in seiner tadellosen Haltung angesichts vieler Schwierigkeiten. ¿

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hinterlistig?
regenrennen 17.12.2010
Seltsamer Artikel. Klingt ja alles logisch. Aber jeder Satz, jede Behauptung kann genauso anders gesehen werden ohne ein unstimmiges Bild zu ergeben. Nichts ist wirklich durchgedacht schlüssig. Irgendwie das unrealste, dass ich je gelesen habe. Jeder Satz im einzelnen eigentlich ok, Meinungsfreiheit halt. Aber im Ganzen gesehen, für mich, eine absichtliche manipulative, suggestive Lüge als Absicht dahinter. Hab das sehr ungute Gefühl jemand will mit diesem Essay absichtlich hinters Licht führen. Wie wenn man was ins Trinkwasser einer Stadt leert um alle ruhig zu halten.
2. Lesenswerter Artikel
sitatunga 17.12.2010
Zitat von sysopStuttgart 21 und Sarrazin-Debatte: Warum die Deutschen so viel protestieren Von Dirk Kurbjuweit http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,724587,00.html
Ein tolles Wort auch: der Wutbürger im Gegensatz zum guten! ruhigen, weitsichtigen jungen, klugen Bürger. Darin steht auch, die Alten sind ein großer Teil des Wutbürgertums (nannten wir den nicht früher "Spießbürger"?), weil sie nicht an die Zukunft denken! Wow. Das geht runter wir ätzende Säure. Contenance bewahren, sollen wir, weil wir dann edel und gut sind. Also ein feiner Aufruf, doch alles in Würde hinzunehmen, positiv in die Zukunft zu sehen ( es wird alles gut!) und weg von der Straße bleiben! Die jungen, klugen,(kinderlosen?) offenen Bürger mit Weitsicht begrüßen all diese Fortschritte...jaja,es scheint manches aufgezwungen, aber hey, doch nur, weil alte, blinde, zukunftsferne Menschen noch an der alten Zeit hängen, und glauben sie müßten ihre Augäpfel in die Wasserwerfer halten. Oder sind sie deshalb blind? Lets become international! and global! raus aus dem deutschen Mief! Gut, wer an die Zukunft GLAUBT, und GLAUBT, daß mehr Kontrolle und mehr aufgezwungene Neuregelungen wesentlicher Bestandteil sein MÜSSEN, um Zukunft zu gestalten, ist gut dran jetzt. Wer Zweifel hegt, daß mehr und mehr Kontrolle, mehr und mehr aufgezwungene, undemokratische "Würfe", eine gute Sache sind, weiß jetzt, daß er sich einreihen kann, unter die einen, die am Euro zweifeln, und als dumm und ungebildet erkannt wurden, oder den alten, verstockten Blinden, die einen miefigen Bahnhof einem neuen, leuchtenden, GLÄNZENDEN vorziehen. Oder sie sind halt geizig. Achja, und die Atomgegner sind verstaubte 68er, die nun alt und mit Enkelkindern an der Hand nicht an der glorreichen Zukunft beteiligt sein wollen. packen wirs an, schreiben wir brav Endlosnummern in die Überweisung,ist nicht wirklich schlimm - rauchen wir weiter Tabak statt gesündere e-zigaretten, ist doch Kleinkram, her mit den neuen Personalausweisen, mehr Kontrolle ist GUT, wegen dem Terror, Nacktscannen, ist doch lustig? zahlen wir doch einfach auch für ein evtl nicht genutztes TV ( und das sind jetzt die ganz harmlosen Gewöhnungszwänge, die anderen kommen noch, Schritt für Schritt) Und wenn einige wieder wutbürgerlich werden, diverse Angstszenarien wie Terror sind schnell wieder ausgepackt,die Androhung, es geht aber GANZ bergab mit Deutschland ohne Euro, ohne EU, usw usf. Wenn das nicht hilft, an der Ehre packen. Dumm? Ungebildet? Alt, blind und miefig? Oder Ehrgeiz: jaaaaaa!!! wir wollen AUCH Global Player sein, was muß ich tun um mitzuspielen? Contenance, mon petit chou
3. .
frubi 17.12.2010
Zitat von sysopStuttgart 21 und Sarrazin-Debatte: Warum die Deutschen so viel protestieren Von Dirk Kurbjuweit http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,724587,00.html
Die politisch interessierten Deutschen sind müde. Müde von den anhaltenden Halbwahrheiten die uns aus dem Bundestag gesendet werde. Müde von den ganzen Klüngeleien und haltlosen Begründungen für gewisse Dinge. Diese Müdigkeit ist nun aber, u. a. durch Stuttgart 21 etc., in eine Wut umgeschlagen und diese Wut lässt sich vorerst nicht mit den üblichen Mittel unterdrücken. Die Politiker werden sich neu erfinden müssen oder es wird nur noch mehr Proteste geben.
4. .
c.werner 17.12.2010
Zitat von frubiDie politisch interessierten Deutschen sind müde. Müde von den anhaltenden Halbwahrheiten die uns aus dem Bundestag gesendet werde. Müde von den ganzen Klüngeleien und haltlosen Begründungen für gewisse Dinge. Diese Müdigkeit ist nun aber, u. a. durch Stuttgart 21 etc., in eine Wut umgeschlagen und diese Wut lässt sich vorerst nicht mit den üblichen Mittel unterdrücken. Die Politiker werden sich neu erfinden müssen oder es wird nur noch mehr Proteste geben.
Stuttgart 31 ist doch doch keine Wut. Wut ist, was sich zur Zeit in Rom und Athen abspielt. Bei uns läuft alles nach Vorschrift. Ruhe, Ordnung, Sicherheit.
5. Der Geld-Schein trügt
roterschwadron 17.12.2010
Zitat von c.wernerStuttgart 31 ist doch doch keine Wut. Wut ist, was sich zur Zeit in Rom und Athen abspielt. Bei uns läuft alles nach Vorschrift. Ruhe, Ordnung, Sicherheit.
Je besser die Ruhe mit der Ordnung verkabelt ist, desto weniger wird sich die Sicherheit finden lassen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Stuttgart 21
RSS

© DER SPIEGEL 41/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 15 Kommentare
Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 41/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Wirtschaft: Starökonom Raghuram Rajan über den drohenden Währungskrieg und die Fehler der USA
  • - Global Village: Ein schwarzer Parlamentarier erobert die russische Provinz
  • - Kino: Der Israeli Samuel Maoz und sein meisterhafter Antikriegsfilm "Lebanon"
  • - Archäologie: Wie orientalische Milchbauern vor 7500 Jahren Europa eroberten

Abrissliste
DPA
Im August wurde mit den Abrissarbeiten begonnen. Ganz oben auf der Liste: Nord- und Südflügel des Hauptbahnhofs. Nur das Hauptgebäude steht unter Denkmalschutz. Stuttgart-21-Gegner wollen den Gesamtbau erhalten, ohne Erfolg. Der Nordflügel wurde vollständig abgetragen, den Abriss des Südflügels hat die Landesregierung aufgeschoben - als wohlwollendes Signal an die Demonstranten, so Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU).
Anhydrit
Laut der Stuttgart-21-Pläne sollen die Zugstrecken im Stadtgebiet unterirdisch verlaufen. Insgesamt 20 Bahntunnel müssen gebaut werden - im äußerst schwierigen schwäbischen Bodengestein. Vor allem das Mineral Anhydrit sorgt für Ärger. Wird es nass, entsteht ein aufquellender Gips mit Sprengwirkung: Der Boden kann sich anheben, umliegendes Gestein wird porös. Geologen fürchten, dass bei den umfangreichen Tunnelarbeiten Anhydrit den Boden in der Stadt absacken lässt. Befürworter verweisen auf die Stuttgarter U-Bahn - bei deren Bau habe es keine Probleme gegeben.
Baustopp
dapd
Das oberste Nahziel der Demonstranten. Protestgruppen aus dem Aktionsbündnis "gegen Stuttgart 21" fordern einen sofortigen Bau- und Vergabestopp - erst dann wollen sie mit Landesregierung und Bahn verhandeln. Doch diese lehnten die Bedingung stets kategorisch ab, weil sie der Bahn hohe finanzielle Verluste beschert. Streitschlichter Heiner Geißler verkündete erst, dass er einen Baustopp erreicht habe, wurde dann aber von Bahn und Regierung zurückgepfiffen.
Durchgangsbahnhof
DPA
Der Hauptstreitpunkt bei Stuttgart 21: Der Bahnhof soll unter die Erde verlegt werden, der alte Kopfbahnhof von einem unterirdischen Durchgangsbahnhof ersetzt werden. Die acht Gleise verlaufen in elf Metern Tiefe quer zu den alten Gleisen in Ost-West-Richtung. Für Tageslicht im Tiefbahnhof sollen Lichtaugen sorgen, die in den Schlossgarten eingebaut werden. Eine Verschandelung des Parks, sagen Kritiker. Eine Visitenkarte für die Stadt, sagt die Bahn.
Europaviertel
Auf der Fläche der alten Gleisanlagen soll ein neues Stadtviertel entstehen. Rund hundert Hektar Neubaufläche in bester innerstädtischer Lage. Investoren und Bauunternehmer können sich freuen, Stuttgart-21-Gegner befürchten ein seelenloses Büroviertel im Herzen der Stadt.
Kopfbahnhof 21
dpa
Es ist das Alternativkonzept der Gegner. Sie wollen den bestehenden Bahnhof modernisieren. Er bekäme zwei zusätzliche Gleise, die ihn mit der Neubaustrecke Richtung Ulm verbinden. Diese Variante würde Milliarden sparen, sagt die Initiative Kopfbahnhof 21, vor allem weil weniger Tunnel unter der Stadt gebaut werden müssten. Der Fahrzeitgewinn wäre dann allerdings geringer.
Kosten
ddp
Momentan sagt die Bahn, das Riesenprojekt koste 4,1 Milliarden Euro. Viel zu niedrig, sagen Kritiker. Schon der Bundesrechnungshof rechnete 2008 mit mindestens 5,3 Milliarden. Die geschätzten Kosten sind immer weiter angestiegen. Zuletzt wurde die Kalkulation für die Neubaustrecke nach Ulm um 865 Millionen Euro auf 2,9 Milliarden Euro erhöht. Die Schätzungen für die Gesamtkosten schwanken zwischen sieben und elf Milliarden. Weil Bauverträge seit Ende 2009 rechtskräftig sind, wäre auch ein Ausstieg teuer.
Magistrale
DPA
Der zweite große Pfeiler von Stuttgart 21: Zwischen Wendlingen im Südosten Stuttgarts und Ulm soll eine Hochgeschwindigkeitsstrecke entstehen. Damit wird die Fahrzeit von Ulm nach Stuttgart von 54 auf 28 Minuten halbiert. Bislang muss selbst der ICE mit Tempo 70 über die alte Strecke, die Geislinger Steige, schleichen. Die Trasse ist Teil der "europäischen Magistrale Paris-Bratislava", einer internationalen Hochgeschwindigkeitsstrecke. Deshalb sei ein Ausbau wichtig für ganz Europa, sagen Befürworter.
Schlossgarten
AFP
Die grüne Lunge Stuttgarts. Die 600 Jahre alte Parkanlage grenzt an die Gleise des alten Bahnhofs. Für den neuen Tiefbahnhof sollen hier knapp 300 alte Eichen, Platanen und Rosskastanien gefällt werden. Als die Rodung Ende September beginnen sollte, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten. Die Bahn hat zugesagt, nach Ende der Bauarbeiten neue Bäume zu pflanzen.
Zeitplan
DPA
Bereits 1994 stellte die Bahn das Projekt Stuttgart 21 vor, der Entwurf für den Tiefbahnhof stand drei Jahre später. Seitdem hat es zahlreiche Verzögerungen gegeben. Im Februar 2010 begannen die Bauarbeiten am Hauptbahnhof. Laut Bahn soll im Sommer 2012 mit der Baugrube für den Tiefbahnhof begonnen werden. Nach heutigem Zeitplan sollen die Stuttgart-21-Arbeiten Ende 2019 abgeschlossen sein.

Stuttgart 21 in Zahlen
Außer dem Projekt Deutsche Einheit mit dem Aus- und Neubau der Strecke Nürnberg-Berlin ist Stuttgart 21 samt der Trasse nach Ulm das größte Bauvorhaben der Bahn AG. Die Kennzahlen:
Höchstgeschwindigkeit
250 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke
Schienen
117 Kilometer neue Strecke, davon 60 Kilometer Hochgeschwindigkeitstrasse von Wendlingen (Kreis Esslingen) nach Ulm und 57 Kilometer für einen neuen Ring in Stuttgart, die Talquerung und die Anbindung über die Filderebene an die Strecke nach Ulm
Stuttgart
100 Hektar freie Fläche in der Stuttgarter Innenstadt durch die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde
Tunnel
63 Kilometer Tunnel, von denen 33 Kilometer Stuttgart 21 und 30 Kilometer der Neubaustrecke nach Ulm zuzuordnen sind. 26 Tunnel, davon 16 bei "Stuttgart 21" und zehn auf der Neubaustrecke
Brücken
55 Brücken, davon 18 bei Stuttgart 21, 37 auf der Neubaustrecke
Fahrzeiten
- 41 statt 61 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Tübingen
- 28 statt 54 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm
Kosten
Mehr als sechs Milliarden Euro Kosten, wovon gut 4,1 Milliarden auf Stuttgart 21 und mehr als zwei Milliarden auf die Neubautrasse entfallen
Bahnhöfe
Drei neue Bahnhöfe: der unterirdische Hauptbahnhof in Stuttgart, ein ICE-Halt an der Messe und am Flughafen und die S-Bahnstation Mittnachtstraße zur Erschließung des geplanten Rosensteinviertels

Video
DPA

"Stuttgart 21": Aktivisten halten Bahnhofsdach besetzt | 26.08.2010