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Ausgabe 43/2010

Prostituierten-Affäre: Ottis Feldzug

Von Markus Brauck und

In München steht ein ehemaliger "Bild"-Journalist vor Gericht. Er soll den Schauspieler Ottfried Fischer mit einem Sexvideo dazu gedrängt haben, dem Blatt ein Interview zu geben. Der Fall gibt einen Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen Prominenten und der Boulevardpresse.

Fischer gegen "Bild": Heitere Miene zum bösen Spiel Fotos
dapd

Manch aufmerksamer "Bild"-Leser stellte sich die Frage schon damals, als Ottfried Fischer in dem Blatt so freimütig über seine Probleme mit ein paar Prostituierten redete, die ihn mit falschen Kreditkartenabrechnungen betrogen hatten: Warum tut er sich das an?

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Warum erzählte er von seiner "schweren Zeit", in der er "die Dame meines blöden Vertrauens" kennenlernte, die irgendwann die Freundin mitbrachte, "die dich, das männliche Wundertier, auch kennenlernen will", davon, wie er "mit offenen Augen durch die Münchner Kneipenszene schwirrte, in welcher sich zu später Stunde die Milieus mischen" und "die Unterdrückung des männlichen Jagdinstinkts auf eine harte Probe gestellt wird".

Und was sollte diese verschwurbelte Geschlechtsprosa, es "mit Frauen zu treiben" sei "grundsätzlich nicht verwerflich" und bereite "manchmal Spaß, wenn beide sich fürs Wohlbefinden nur benutzen"? Warum zerstörte da ein Schauspieler, den das Publikum in seiner Paraderolle als keuscher Pfarrer Braun liebt, die letzten Reste seines mühsam aufgebauten Images auch noch selbst?

Heute scheint zumindest eins sicher: Fischer hatte Angst.

Er fürchtete, dass ein Film an die Öffentlichkeit kommen würde, der nicht nur peinlich ist, sondern das Ende seiner Karriere bedeuten könnte. Ein Video, das ihn beim Sex mit ebenjenen Huren seines blöden Vertrauens zeigt, die ihn via Kreditkarte um eine beträchtliche Summe erleichterten. Nur deshalb, sagte er aus, gab er das Interview.

Ziemlich genau ein Jahr später werden sich deshalb der Interviewer und der Interviewte im Gerichtssaal als Kontrahenten wiederbegegnen. Fischer fühlte sich von dem mittlerweile von "Bild" zu einem Hamburger Großverlag gewechselten Journalisten zur Zusammenarbeit gedrängt. Er soll ihn mit jenem Sexfilm unter Druck gesetzt haben. Die Staatsanwaltschaft hält das für Nötigung.

Mit schmuddeligen Details unter Druck setzen

Wenn es zu einer Verurteilung kommt, wäre das ein schwarzer Tag für "Bild". Denn künftig könnte jedermann behaupten, ein Journalist dieses Blattes hätte auch schon mal mit kriminellen Methoden gearbeitet. Es gibt zwar immer wieder Gerüchte, wie "Bild"-Reporter Prominente drangsalieren, sie mit schmuddeligen Details aus dem Privatleben unter Druck setzen. Aber bislang konnte vor Gericht keiner dieser Vorwürfe bewiesen werden.

Als etwa die TV-Moderatorin Charlotte Roche dem "Stern" erzählte, sie sei nach dem Unfalltod ihrer drei Brüder am Telefon von "Bild"-Journalisten bedrängt worden, wehrte sich der Springer-Verlag. Ein Gericht entschied schließlich, es sei nicht zweifelsfrei erwiesen, ob diejenigen, die Roche am Telefon drangsalierten, tatsächlich "Bild"-Leute gewesen seien oder sich bloß als solche ausgegeben hätten.

Auch diesmal sieht sich der Springer-Verlag im Recht. Die Münchner Staatsanwaltschaft "kriminalisiert die journalistische Recherche". In den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gebe es keine Anhaltspunkte, die die Vorwürfe stützten.

Doch es könnte eng werden für "Bild". Das liegt vor allem an Ottfried Fischer, der entschlossen scheint, es mit dem mächtigen Boulevardblatt aufzunehmen. Sein Mandant wolle einen "Feldzug für die Gerechtigkeit", sagt Fischers Anwalt Florian Ufer.

Auch der Staatsanwalt lässt es an Bissigkeit nicht fehlen. Als sich der Anwalt des Journalisten bei ihm über eine Durchsuchung bei seinem Mandanten beschwerte, vermerkte er spitz, man solle sich nicht mit Allgemeinplätzen wehren, sondern sich schämen und Abbitte leisten und bei "Bild" darauf hinwirken, dass die auf fragwürdige Weise beschaffte CD mit dem Film der Justiz ausgehändigt werde.

Heitere Miene zum traurigen Spiel

Es hat auch bei Fischer ein bisschen gedauert, bis er sich dazu entschlossen hat, sich das Ganze nicht mehr gefallen zu lassen. Er spielte das Spiel zunächst mit, wiegelte im ARD-Talk "Beckmann" sogar noch jeden Verdacht ab, er sei zum Interview gedrängt worden. Ganz im Gegenteil behauptete er: "Ich habe beschlossen, mich mit der ,Bild'-Zeitung zu vertragen." Doch das war wohl nur die heitere Miene zum traurigen Spiel. Einige Zeit später, zwei Wochen vor Weihnachten, gab Fischer bei der Münchner Staatsanwaltschaft zu Protokoll, er habe das Inter-view nur gemacht, weil zugesagt worden sei, dass "Bild" im Gegenzug auf die Veröffentlichung des Videos verzichten werde.

Die Frage ist, was ihn zu dieser Kehrtwende bewog. Immerhin musste er da schon wissen, was auf ihn zukommen würde. Sein Kampf gegen "Bild" würde selbst zum Thema - und jedes Mal die Hurengeschichte, so wie hier, noch einmal miterzählt werden. Die ihn kennen, sagen, er sei wirklich sauer und habe sich einfach nicht mehr wegducken wollen.

Die Vorgeschichte, die man erzählen muss, um alles zu verstehen, ist schmuddelig und bizarr. Sie handelt im Kern vom deprimierenden Gefühlsleben eines Promis und davon, wie er ziemlich skrupellos ausgenutzt wurde.

Fischer, nach der Trennung von seiner Freundin einsam, hatte sich mit zwei Frauen angefreundet, die sich später als Prostituierte herausstellten. Er dachte, sie träfen sich privat und man möge sich tatsächlich. Sie fälschten Kreditkartenbelege und rechneten ohne sein Wissen Honorare für Liebesdienste ab. Insgesamt 74.366 Euro. Ein Kompagnon der Damen, der Ex-Polizist Mike P., hatte eine Firma gegründet, über die er solche Dienstleistungen auch per Kreditkarte abrechnen konnte. Doch der Plan ging nicht auf. Fischer erhob Einspruch beim Kreditkartenunternehmen, als er die Abrechnung sah - immer noch nicht ahnend, wer ihn da über den Tisch zog. Danach wurde es richtig schmutzig.

Um den Anspruch auf Bezahlung zu beweisen, drehten die Frauen in der Wohnung Ottfried Fischers heimlich ein Video, das ihn beim Sex zeigt. Fotos davon wurden an das Kreditkartenunternehmen weitergereicht. Doch Mike P. ging noch einen Schritt weiter. Er bot den Film dem damaligen "Bild"-Journalisten an.

Nach Aussage von Mike P. trafen sich die zwei in der Cafeteria des Springer-Verlags in Berlin. P. überreichte ihm die CD mit dem Film in einer Plastiktüte. Später zahlte der Springer-Verlag ihm 3500 Euro. Wofür genau, ist unklar. Der Kontoauszug vermerkt bloß: "INFOHON OTTI FISCHER".

Irgendwann in diesen Tagen meldete sich der "Bild"-Mann zunächst bei Ottfried Fischer, der nach der ersten Frage auflegte. Anschließend sprach er mit Fischers Agentin. Diese sagte später aus, der "Bild"-Mann habe sie damit konfrontiert, dass er einen Film habe, der Fischer und zwei Frauen beim Sex zeige. Es seien Aufnahmen, die keiner sehen wolle. Am Ende, so die Agentin, habe jedenfalls der "Deal" gestanden, dass der Film im Gegenzug für das Interview im Giftschrank verschwinde.

Wie der Dialog genau ablief, ist schwer zu sagen, da der Ex-"Bild"-Mann sich zur Sache nicht äußert. Klar ist: Es gibt in den Aussagen der Agentin keine Stelle, an der er explizit droht. Hier liegt der Schwachpunkt der Anklage, weshalb es vor Gericht am Ende für den Beweis der Nötigung vielleicht nicht reicht.

Andererseits liest sich die ganze Schilderung der Agentin so, als sei Explizites auch gar nicht nötig gewesen.

Der Journalist habe zwar gesagt, dass der Film für sein Blatt zu heiß sei. Doch da er nicht der Chefredakteur der "Bild" war, sei sie nicht sicher gewesen, ob das Blatt die Aufnahmen nicht doch verwenden würde, so die Agentin. Und so bot sie das peinliche Exklusivinterview selbst an.

Wurde Druck ausgeübt? Zumindest gab die Agentin am selben Tag den Druck weiter: In einer Mail an Fischer vom Abend beschrieb sie sehr exakt, was droht, wenn der Film öffentlich würde. Dann "verlierst Du nicht nur den Werbevertrag, sondern sicher auch den Pfarrer Braun".

Das war der Punkt, an dem Fischer Angst bekommen haben muss. Und er kuschte. Zunächst.

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insgesamt 57 Beiträge
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1. ++
saul7 23.10.2010
Zitat von sysopIn München steht ein ehemaliger"Bild"-Journalist vor Gericht. Er soll den Schauspieler Ottfried Fischer mit einem Sexvideo dazu gedrängt haben, dem Blatt ein Interview zu geben. Der Fall gibt einen Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen Prominenten und der Boulevardpresse. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,724921,00.html
Mit einem Sexvideo das den fetten Schauspieler in Aktion zeigt? Wer will das denn sehen? Das ist doch mehr als lachhaft und übersteigt jedes Vorstellungsvermögen...;-)
2. Falscher Adressat
rabenkrähe 23.10.2010
Zitat von sysopIn München steht ein ehemaliger"Bild"-Journalist vor Gericht. Er soll den Schauspieler Ottfried Fischer mit einem Sexvideo dazu gedrängt haben, dem Blatt ein Interview zu geben. Der Fall gibt einen Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen Prominenten und der Boulevardpresse. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,724921,00.html
..... Das ist nun wirklich ein Skandal erster Güte und es bleibt zu hoffen, daß Fischer aus dem einschlägigen Verhalten der Leipziger Staatsanwaltschaft gelernt hat und gleich Strafanzeige einreicht, statt nach dem Presse- und Wettbewerbsrecht vorzugehen. Leider ist der Adressat der falsche, denn hinter diesem widerlichen Treiben steht ja nur bedingt der inkriminierte Schreiberling, es ist der Arbeitsstil dieses Verlages, an dem auch diese, nur zu berechtigte, Klage nichts ändern wird. rabenkrähe
3. Versteh es nicht
Hercules Rockefeller, 25.10.2010
Wenn einer eine Kreditkarte hat, die offenbar open end belastbar ist, dann kann einem die BILD eigentlich nicht gefährlich werden. Wenn die BILD das Leben eines Menschen zerstören kann, dann kann auch ein Mensch das Leben von BILD Journalisten zerstören. Bin mir sicher, je öfter das passieren würde, desto seriöser würde die BILD werden. Das es funktioniert sieht man doch an Politikern, die schaffen es ja auch, dass die Presse still hält.
4. Stellen Sie sich mal vor ....
Don Alfonso 25.10.2010
Zitat von saul7Mit einem Sexvideo das den fetten Schauspieler in Aktion zeigt? Wer will das denn sehen? Das ist doch mehr als lachhaft und übersteigt jedes Vorstellungsvermögen...;-)
Sie hätten wahrscheinlich kein Problem, wenn ein Video veröffentlicht würde, dass Sie beim Sex mit irgendwelchen Huren zeigt. Ach, Sie heißen Adonis und sind nicht fett ? Und prominent sind Sie auch nicht. Nach dann ist ja alles in schönster Ordnung.
5. .
frubi 25.10.2010
Zitat von saul7Mit einem Sexvideo das den fetten Schauspieler in Aktion zeigt? Wer will das denn sehen? Das ist doch mehr als lachhaft und übersteigt jedes Vorstellungsvermögen...;-)
Das ist vor allem eines: Privatsache.
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