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Ausgabe 43/2010

Landwirtschaft: Bauernland in Bonzenhand

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In Ostdeutschland herrscht Goldgräberstimmung: Aktionäre und Privatinvestoren kaufen im großen Stil Land und spekulieren auf steigende Preise. Viele Bauern können nicht mehr mithalten.

Landwirtschaft: Bauernland in Bonzenhand Fotos
DPA

Wenn Wolfgang Beer an die Herren im dunklen Anzug denkt, steigt die Wut in ihm hoch. "Es ist schlimmer als zu Wende-Zeiten, was hier gerade passiert", schimpft er.

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Finanzmanager auf seinem Bauernhof - das gab es früher nicht. Neuerdings aber fahren regelmäßig Investoren vor und machen Angebote, die man eigentlich nicht ablehnen kann. Sie wollen Land, zuletzt 200 Hektar, und sie sind bereit, Höchstpreise zu zahlen.

Beer ist Geschäftsführer der Gerbstedter Agrar GmbH in Sachsen-Anhalt; wenn er in Gummistiefeln und Windjacke seinen Betrieb vorführt, steht ihm der Stolz im Gesicht, über die Aufbauarbeit, die er hier nach dem Ende der DDR geleistet hat. Im September lief nach 18 Jahren ein Pachtvertrag für 200 Hektar aus, das Land, das dem Bund gehörte, stand zum Verkauf. Vor neun Monaten lag der Preis noch bei 9500 Euro pro Hektar, dann stieg die Nachfrage nach Ackerflächen auf Rekordhöhen. Inzwischen hat er sich fast verdoppelt, auf 17.500 Euro.

"Über dem Land im Osten kreisen die Geier"

"Diese Preise sind doch durch Landwirtschaft nicht mehr zu erwirtschaften", sagt Beer, "über dem Land im Osten kreisen die Geier." Trotzdem will er weitermachen, die Felder im Mansfelder Land sind sein Leben. Rund 1,7 Millionen Euro musste seine Agrar GmbH aufnehmen, um wenigstens hundert Hektar zu retten für Rüben und Getreide. Kaufinteressenten schickt Neu-Eigentümer Beer mit knappen Worten vom Hof.

Ähnlich läuft es überall in Ostdeutschland. Zwischen Ostsee und sächsischer Schweiz sind die Preise für Wald, Acker und Weiden massiv gestiegen, zum Teil um bis zu hundert Prozent. Im großen Stil kaufen sich nun millionenschwere Fondsgesellschaften ein sowie branchenfremde Konzerne und vermögende Privatleute, die ihr Vermögen diversifizieren wollen. Kleine und mittelständische Bauern wie Beer klagen deshalb lautstark über die jüngste Bodenreform. Hieß es bei der Zwangsenteignung in der DDR noch "Junkerland in Bauernhand", fürchten sie nun das Großkapital. Motto: Bauernland in Bonzenhand.

Ein globaler Trend hat damit die deutsche Landwirtschaft erreicht. China kauft Anbauflächen in Afrika, internationale Agrarfonds und selbst Banken wie Goldman Sachs investieren in Äcker von Neuseeland bis Südamerika, immer geht es um steigende Preise für Böden und Bio-Rohstoffe - jetzt eben auch in der Magdeburger Börde und der Uckermark.

Was zur Spekulation beiträgt

Gleich mehrere Faktoren befeuern die Spekulation: eine wachsende Weltbevölkerung, die ernährt werden muss, der erhöhte Fleischkonsum in Schwellenländern, die Förderung regenerativer Energien wie Biogas, für die große Anbauflächen nötig sind. Nicht zuletzt trieb auch die Finanzkrise Anleger in reale Werte wie Wälder und Felder. Da stört es nicht einmal, dass die EU-Kommission aktuell plant, die großzügigen Agrarbeihilfen für Ostdeutschland ab 2014 deutlich zu senken, was die Produktionsbedingungen verschlechtert. Die Anziehungskraft des "globalen Megatrends" Landwirtschaft ist stärker.

"So funktioniert eben Marktwirtschaft", sagt Dirk Meier Westhoff: "Die Nachfrage steigt, das Flächenangebot stagniert oder schrumpft, also steigen die Preise."

Meier Westhoff ist Bodenhändler, seine Agrarboden GmbH im westfälischen Beckum sucht für kaufkräftige Kunden geeignete Ländereien, und die sind im Osten vergleichsweise einfach und günstig zu bekommen. "Der Flächenhunger bei Investoren ist ungebrochen", sagt Westhoff, "viele Landwirte können da nicht mehr mithalten."

Dass die Bodenspekulation überhaupt möglich wird, hat viel mit der Geschichte zu tun, denn die Eigentumsverhältnisse in Ostdeutschland haben sich in den vergangenen 65 Jahren mehrfach radikal verändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignete zunächst die sowjetische Besatzungsmacht Großgrundbesitzer mit mehr als hundert Hektar und verteilte Land an Flüchtlinge und Landarbeiter. In der DDR mussten die neuen Landbesitzer und Bauern später ihre Anbauflächen in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) einbringen.

Weitgehende Umkehr der Besitzverhältnisse

Nach der Wende bekamen sie es zum Teil zurück, viele Nutzflächen gingen aber in den Besitz des Bundes über. In dessen Auftrag privatisiert seit 1992 die Bodenverwertungs- und verwaltungs GmbH (BVVG) das Land.

Lange konnten LPG-Nachfolger oder Alteigentümer Ländereien zu Vorzugspreisen kaufen. 2010 jedoch hat die EU diese Praxis beendet. Da in den nächsten zwei Jahren viele Pachtverträge auslaufen, kommen nun riesige Flächen auf den Markt, in Mecklenburg-Vorpommern sind es rund 134.000 Hektar.

Für den Bund wird die ostdeutsche Bodenspekulation damit zum glänzenden Geschäft, allein für dieses Jahr dürfte die BVVG dem Bundesfinanzminister mehrere hundert Millionen Euro aus dem Flächenverkauf überweisen.

Auf dem Land allerdings sorgt die erneute Bodenreform - diesmal unter kapitalistischem Vorzeichen - schon wieder für eine ziemlich weitgehende Umkehr der Besitzverhältnisse.

Denn die neuen Großgrundbesitzer kommen aus allen möglichen Branchen, oft genug sind sie erst seit der Wende oder später in der Landwirtschaft tätig. Da ist die Familie Rethmann, die ihr Geld eigentlich mit einem westfälischen Müllunternehmen verdient. Sie kaufte in Mecklenburg-Vorpommern bereits über 7000 Hektar im Landkreis Parchim. Die Familie Fielmann (Brillen) deckte sich ebenso mit Äckern ein wie der Möbelfabrikant Steinhoff und ein Erbe des Industriellen-Clans Dornier.

Daneben drängen auch immer mehr Fonds in den Osten, etwa die niederländische Tonkens-Gruppe oder die Hamburger Agroenergy, die für den Flächenkauf bei Investoren Millionen einsammeln will.

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1. Ackerland
Spinatwachtel 27.10.2010
Zitat von sysopIn Ostdeutschland herrscht Goldgräberstimmung: Aktionäre und Privatinvestoren kaufen im großen Stil Land und spekulieren auf steigende Preise. Viele Bauern können nicht mehr mithalten. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,725496,00.html
eine wertvolle, nicht nachwachsende Resource ist wohlfeil, auch hier im Westen. Es gibt immer weniger davon. So entstehen in Zukunft auch große Vermögen. Gutsherren. Vielleicht noch Adelige obendrein? Ganz im Sinne des Kapitalismus! Arme Schlucker aus den Städten verdingen sich dann auf dem Land als Erntehelfer, damit sie was zum Beissen haben. Üben wir schon mal den Knicks, ziehen wir die Arbeitermütze, wenn die Herrschaft im Mercedes vorbei rauscht. Alles schon mal da gewesen. Ich gratuliere uns!
2. °
Satiro, 27.10.2010
Zitat von sysopIn Ostdeutschland herrscht Goldgräberstimmung: Aktionäre und Privatinvestoren kaufen im großen Stil Land und spekulieren auf steigende Preise. Viele Bauern können nicht mehr mithalten. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,725496,00.html
Die Armen sind also gezwungen, auf Bio zu machen und alles dafür zu tun, damit man ihnen glaubt, sie könnten ihren Kunden zum ewigen Leben bereits auf diesem Planeten verhelfen. :-)
3.
Besser-als-gutmensch 27.10.2010
Zitat von sysopIn Ostdeutschland herrscht Goldgräberstimmung: Aktionäre und Privatinvestoren kaufen im großen Stil Land und spekulieren auf steigende Preise. Viele Bauern können nicht mehr mithalten. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,725496,00.html
Polemischer gehts ja wohl nicht - wurde "Aktionäre" hier nur als Schimpfwort angeführt (ich glaube soweit erzogen sind noch nicht alle Leser, dass AKtionär gleich Verbrecher ist) oder fehlt die Kenntnis über den Terminus? Was unterscheidet denn bitte den Privatinvestor vom Aktionär (so dieser keine juristische Person ist)? Warum wird extra hervorgehoben, dass Aktionäre als Investoren Land erwerben (was sie ja nicht in ihrer Eigenschaft als Aktionär tun, denn dann müsste dies durch die zugrunde liegende Kapitalgesellschaft erfolgen und die AKtionäre blieben in der Regel unbekannt (oder hat hier jemand EInblick in private Depotdaten?)). Es ist also völlig irrelevant, dass der Investor auch Aktien hält, da dies nichts mit der Sache zu tun hat. Kann man nicht einfach schreiben, dass Investoren Land erwerben - ganz ohne Verunglimpfungen wie "Aktionäre" oder "Bonzen"? Wäre das zu objektiv? Weiterer Logikfehler - die Investoren lassen das Land doch auch bewirtschaften (oder liegt dies nur brach?). Damit werden sie doch zu Bauern, oder nicht? Sind sie jetzt die schlechteren Bauern, weil sie ihren Hof erst neu aufbauen? Das wäre ja fast schon nationalistisch, zumindest aber diskriminierend ("wir waren zuerst auf diesem Grund und Boden und verjagen jeden neuen").
4. Geschichte wiederholt sich?
GeorgAlexander 27.10.2010
Die Kapitalisten fahren wieder so oft gegen die Wand, bis die Enteigner kommen und es wieder weh tut. Scheint ein globales Schicksal zu sein...
5. Blubb, Blubb, Blase
newliberal 27.10.2010
Zitat von sysopIn Ostdeutschland herrscht Goldgräberstimmung: Aktionäre und Privatinvestoren kaufen im großen Stil Land und spekulieren auf steigende Preise. Viele Bauern können nicht mehr mithalten. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,725496,00.html
Bauherrenmodelle, Ostimmobilien, Neuer Markt, Wohnsiedlungen, Gold, Ackerland, die nächste Welle, die nächste Masche um Deppen (auch sehr reiche) auszunehmen.
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