AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2010

Kriminalität: Auf der Flucht

Von Bruno Schrep

3. Teil: Fortwährende häusliche Gewalt

Opfer G. (mit Kopftuch): "Es war die Hölle" Zur Großansicht
Manfred Witt

Opfer G. (mit Kopftuch): "Es war die Hölle"

Doch mindestens ebenso dramatisch sind die seelischen Verletzungen. Frau G. wird nach der Gewalttat von Angstzuständen heimgesucht, muss sich behandeln lassen. Die früher gesellige Frau kapselt sich oft ab, reagiert misstrauisch gegenüber Neuem. Jahrelang ist es ihr unmöglich, eine Beziehung zu einem Mann aufzunehmen.

Beim Prozess vor dem Landgericht München II wird offenbar, wie gestört K.s Verhältnis zum anderen Geschlecht schon früher war. Eine Ex-Freundin floh vor K. ins Frauenhaus, eine Ex-Ehefrau klagt als Zeugin über fortwährende häusliche Gewalt. Und noch zu DDR-Zeiten misshandelte Andreas K. in Thüringen eine Freundin nach dem gleichen Muster wie Frau G.: Weil die Freundin die Beziehung zu ihm beenden wollte, schlug er ihre Wohnungstür ein, verprügelte und vergewaltigte sie.

Vor Gericht versucht K. zunächst, die Übergriffe auf Frau G. zu leugnen. Erst als ihm der Vorsitzende wegen dieses Verhaltens eine mögliche Sicherungsverwahrung androht, legt er ein Geständnis ab. Er wolle "die Taten so stehenlassen", wie sie Frau G. geschildert habe. Das Urteil, acht Jahre Gesamtfreiheitsstrafe wegen mehrfacher Vergewaltigung und Körperverletzung, nimmt er an. Sicherungsverwahrung wird, auch im Hinblick auf das Geständnis, dann doch nicht verhängt - eine fahrlässige Unterlassung?

Das Gericht hält den Mann für völlig normal

Seltsam: Obwohl K.s sich wiederholende Attacken auf Frauen krankhafte Züge tragen, zumindest psychische Auffälligkeiten möglich erscheinen lassen, wird kein psychiatrischer Gutachter zugezogen. Das Gericht hält den Mann für völlig normal.

Die Drohungen, die K. noch im Gerichtssaal ausstößt, ängstigen Frau G. noch lange, zumal der Gefangene anfangs keine Ruhe gibt. Er schreibt Briefe, die Frau G. ungeöffnet ihrer Anwältin übergibt. Er schickt ehemalige Mitgefangene vorbei, die schöne Grüße aus dem Knast ausrichten.

Um ihr Leben wieder zu normalisieren, flieht Frau G. mit ihrer Familie in ein anderes Bundesland. Sie übernimmt einen Job als Leiterin einer Senioreneinrichtung, kümmert sich um die Ausbildung ihrer Kinder. Sie versucht, die erlittenen Torturen nach und nach zu vergessen.

Die Verdrängung funktioniert halbwegs, bis sie im März dieses Jahres einen Anruf der Kripo erhält: Andreas K. werde im November entlassen. Frau G. bekommt schwere Herzprobleme, schafft nicht einmal mehr den Weg zu ihrem Arbeitsplatz. "Ich war wie vor den Kopf gestoßen", erinnert sie sich. "Ich wusste zwar, dass er irgendwann seine Strafe verbüßt hat. Aber ich dachte immer, die können den doch nicht einfach rauslassen. Der kriegt bestimmt Sicherungsverwahrung oder so was Ähnliches, da wird schon irgendwas passieren. Heute weiß ich, wie naiv das war."

Tatsächlich ist die Verhängung nachträglicher Sicherungsverwahrung - unabhängig von der derzeitigen politischen Diskussion um europäische Rechtsstandards - in Deutschland durchaus möglich. Die Hürden sind jedoch hoch. Die Sanktion kann nur angeordnet werden, wenn nach dem ursprünglichen Gerichtsurteil neue, bislang nicht berücksichtigte Umstände bekannt werden, die bei einer Freilassung auf eine erhebliche Gefährlichkeit des Täters für die Allgemeinheit schließen lassen. Dies sei bei Andreas K. nicht der Fall, versichert die Münchner Oberstaatsanwältin Andrea Titz. Das jedenfalls habe eine sorgfältige Prüfung bei der Staatsanwaltschaft und dem Vollstreckungsgericht ergeben.

Der Kripo bekanntgewordene Details aus der Haftzeit lassen freilich darauf schließen, dass K. wenig einsichtig ist, auch keinerlei Reue zeigt. Weil er sich einer Therapie verweigert habe, sei er nicht, wie allgemein üblich, nach zwei Dritteln der Haftzeit entlassen worden, sondern müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen.

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1. Solch ein kranker Mensch
Huuhbär, 09.11.2010
gehört auf einem nicht von Menschen besiedelten Atoll ohne Werkzeug und Waffen in die Freiheit entlassen.
2. -
Boesor 10.11.2010
Zitat von Huuhbärgehört auf einem nicht von Menschen besiedelten Atoll ohne Werkzeug und Waffen in die Freiheit entlassen.
Das ist natürlich Schwachsinn, aber es ist schon bitter, dass unsere Rechtsprechung offenbar keine Mittel hat einen gefährlichen Menschen in Haft zu lassen.
3. Krank?
police240540 HOLGER 10.11.2010
Zitat von Huuhbärgehört auf einem nicht von Menschen besiedelten Atoll ohne Werkzeug und Waffen in die Freiheit entlassen.
Wieso eigentlich krank? Krank ist hier unser Rechtssystem, wenn ein Mann , zenhnmal vorbestraft, im Gerichtssaal derartige Äußerungen ohne folgen im Urteil machen darf.
4. Täterschutz vor Opferschutz
ronald_m 10.11.2010
Was will man in Deutschland auch erwarten? Es ist ja nicht ungewöhnlich dass der Schutz des Täters viel wichtiger ist als der der Opfer...
5. Der deutsche Staat
Rainer Girbig 10.11.2010
Der deutsche Staat ist an Opfern von Gewalttaten nicht interessiert, sie sind ihm schlicht egal. Stets steht der Täter im Mittelpunkt des juristischen, medizinischen und sozialen Interesses. Es muss sich doch irgend etwas finden lassen, um seine Schuld zu mindern, seine Tat(en) zu minimieren, oder dem Opfer einen Teil der Schuld "abzugeben." Die Hoffnung nach Resozialisierung des Täters steht über allem. Manchmal ist die Hoffnung trügerisch, aber sie wird niemals aufgegeben. Politiker und Gesellschaftskritiker zumal aus dem linken Spektrum stehen oftmals auf dem Standpunkt, die Gesellschaft sei ohnehin saturiert, trage deshalb eine Mitschuld an Entgleisungen einzelner und müsse diese Zustände eben aushalten. Aber die Gesellschaft sind wir alle und keiner von uns würde sich freiwillig furchtbaren Schmerzen und Demütigungen aussetzen. Wir sind doch nicht im Krieg!! Wenn der Staat uns keinen Selbstschutz erlaubt, dann muss er sich mit aller Macht für die Opfer von Gewalttaten einsetzen und hart gegen Gewalttäter vorgehen. Ordnungswidrigkeiten werden hierzulande strikt verfolgt und zum Teil überhart bestraft. Je brutaler, hinterhältiger und verabscheuungswürdiger aber das Verbrechen, desto milder die Verfolgung und Ahndung der Taten. Das kann es nicht gewesen sein.
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Nachträgliche Sicherungsverwahrung
Bei der Sicherungsverwahrung wird ein Straftäter über das Ende seiner Strafhaft hinaus, aufgrund entsprechender Anordnung im Urteil, wegen seiner besonderen Gefährlichkeit in Haft gehalten. Bei der nachträglichen Sicherungsverwahrung stellt sich die besondere Gefährlichkeit erst während der Haft heraus. Dann soll die Sicherungsverwahrung aufgrund qualifizierter Prognoseentscheidungen auch noch im Nachhinein angeordnet werden können. Die nachträgliche Sicherungsverwahrung wurde 2004 zunächst für nach Erwachsenenstrafrecht verurteilte Täter, seit 2008 auch für Jugendliche und nach Jugendstrafrecht verurteilte Heranwachsende (18 bis 21 Jahre) eingeführt.