AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2010

Luftfahrt Schneller als Gewehrkugeln

Die Explosion eines Airbus-A380-Triebwerks kurz nach dem Start in Richtung Australien schürt neue Ängste vor der Riesenmaschine - und Zweifel an der Qualität ihrer Schubmotoren.

dpa

Von , Ulrich Jaeger und


Der 4. November hätte ein großer Tag werden können für Airbus. Schließlich bescherte er dem europäischen Flugzeugbauer einen der spektakulärsten Triumphe über den US-Erzrivalen Boeing in seiner 40-jährigen Firmengeschichte. Bei einem Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Frankreich bestellten vier Fluglinien aus dem asiatischen Land Maschinen im Wert von rund 14 Milliarden Euro. Die Order toppte sogar einen Großauftrag der arabischen Fluglinie Emirates über 32 Exemplare des Riesen-Jets A380 vom Frühsommer dieses Jahres.

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Heft 45/2010
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Von der breiten Öffentlichkeit wurde dieser Coup allerdings kaum wahrgenommen. Stattdessen gingen ganz andere Bilder um die Welt: Aufnahmen von einem ausgebrannten Triebwerk und der zerfetzten Tragfläche eines Airbus-A380-Superjumbos der australischen Liniengesellschaft Qantas.

Die Maschine mit der Flugnummer QF 32 war kurz vor zehn Uhr morgens mit 466 Menschen an Bord in Singapur gestartet und sollte eigentlich knapp acht Stunden später im australischen Sydney landen. Doch rund fünf Minuten nach dem Abheben explodierte unweit der westindonesischen Insel Batam eines von insgesamt vier Triebwerken. Teile der Ummantelung und des Flügels stürzten zu Boden, Rauch stieg auf. Etwa zwei Stunden später setzte der Riesenvogel in Singapur zur Notlandung an - nachdem er zuvor in der Luft massenhaft Treibstoff abgelassen hatte.

Zwei große Löcher klafften in der linken Tragfläche, ein sichtbares Zeichen, dass scharfkantige Metallteile aus dem Inneren der Schubdüsen herausgeschleudert worden waren. Solche Bruchstücke können aufgrund ihrer Masse und Geschwindigkeit verheerende Wirkungen haben, da sie schneller sind als Gewehrkugeln. Daher fürchten Piloten derartige "uncontained engine failures" (zu Deutsch: unkontrolliertes Triebwerksversagen) als einen der dramatischsten Zwischenfälle während des Flugs, der heutzutage extrem selten ist. So war es vergangenen Donnerstag reines Glück, dass die Schrapnelle nicht durch den Rumpf in die Kabine einschlugen oder das Kerosin in den Tanks entzündeten.

Die Landung war alles andere als Routine: Vermutlich waren Steuerfunktionen an der durchschlagenen Tragfläche ausgefallen. Auf den Videos der Passagiere ist unter anderem zu erkennen, dass nur die Hälfte der Spoiler ausgefahren waren, die das Flugzeug nach dem Aufsetzen auf die Landebahn drücken. Die äußere Turbine des Riesen-Jets konnten die Piloten offenbar nicht abschalten. Die Flughafenfeuerwehr sprühte deshalb Löschschaum in das Aggregat, bis es endlich zum Stillstand kam.

Hintergrund: Der A380 und die Triebwerke
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Die Triebwerke
Der Airbus A380 ist das größte Flugzeug in der Geschichte der zivilen Luftfahrt. Die Triebwerke werden von den Fluggesellschaften ausgesucht. Airbus lässt zwei Arten zu. Das Trent 900 von Rolls-Royce, das jetzt die Probleme über Indonesien hatte, war das erste zugelassene Triebwerk. Die Fluggesellschaften können aber auch Motoren der Engine Alliance verwenden, einem Zusammenschluss der US-Hersteller Pratt and Whitney und General Electric.

Beide Hersteller beziehen Teile von anderen Firmen. Mit der Übergabe an die jeweilige Fluggesellschaft endet die Verantwortung laut Airbus die Verantwortung des Flugzeugbauers für die Wartung der Triebwerke.
Die Fertigung
Deutschland liefert das vordere und hintere Rumpfteil sowie das Seitenleitwerk. Der Mittelteil kommt aus Frankreich. Großbritannien steuert die Tragflächen und Spanien das Heck bei. Zusammengebaut wird das Flugzeug in Toulouse. Die Inneneinrichtung wird schließlich im Airbus-Werk Hamburg eingebaut, wo der Airbus auch lackiert wird.
Eckdaten des A380
Als erstes Langstreckenflugzeug verbraucht der A380 pro Passagier und hundert Kilometer nur noch drei Liter Kerosin. Die Betriebskosten sollen rund 20 Prozent unter denen bisheriger Großraumflugzeuge liegen.

Der Jumbo ist 72,7 Meter lang, hat eine Spannweite von 79,8 Metern und ein maximales Startgewicht von 569 Tonnen. Innen gibt es zwei Etagen, wo in der Basisversion 555 Fluggäste Platz finden (Lufthansa-Ausführung: 526 Passagiere).

Das vierstrahlige Flugzeug kann 15.400 Kilometer ohne Zwischenlandung zurücklegen - also nonstop Verbindungen zwischen den wichtigsten Drehkreuzen in Europa, Nordamerika und Asien bewältigen. Laut Airbus kann er 40 Prozent mehr Passagiere transportieren als der Boeing-Jumbo B747 und ist dabei nur etwa halb so laut.
Die australische Fluggesellschaft und Singapore Airlines hielten ihre A380-Flotte erst einmal am Boden. Auch die Lufthansa sagte am Donnerstagabend vergangener Woche einen ihrer geplanten A380-Flüge nach Johannesburg ab. Gleichzeitig ordneten Airbus und Rolls-Royce als Hersteller zusätzliche Inspektionen an.

Der Schaden war trotzdem gewaltig - und Ende vergangener Woche bereits an den Börsenkursen der betroffenen Unternehmen abzulesen. Der Kurs des britischen Triebwerkherstellers stürzte um fast zehn Prozent ab, die Aktie der Airbus-Mutter EADS verlor rund drei Prozent.

Die Beinahekatastrophe hat alte Urängste wiederbelebt, die das Flugzeug mit bis zu 853 Sitzplätzen seit seiner Erstauslieferung an Singapore Airlines Ende 2007 auslöst. Das Airbus-Management feiert den Megaflieger als Symbol europäischer Ingenieurkunst. Kritiker halten es dagegen für unverantwortlich, so viele Menschen zur selben Zeit in einer engen Röhre zu transportieren, und warnen vor den verheerenden Folgen beim Absturz einer solchen Maschine.

Bis zum Donnerstag vergangener Woche sah es so aus, als wären die Skeptiker widerlegt worden. Zwar mussten von den insgesamt 37 Maschinen, die bei Qantas, Emirates, Air France, Singapore Airlines und der Lufthansa zurzeit im Einsatz sind, einige wiederholt aus dem Verkehr gezogen werden. Mal gab es Probleme mit den Treibstoffpumpen, dann streikte der Bordcomputer, in einem Fall fiel der Strom in der Bordküche aus. Im Frühjahr 2009 schickte der A380-Großkunde Emirates sogar eine geharnischte Protestnote an die Airbus-Führung mit der dringenden Bitte, lästige Kinderkrankheiten bei dem Jet abzustellen (SPIEGEL 12/2009).

Doch nachdem Airbus nachgebessert hatte, waren die Streitigkeiten bald vergessen. Mit jedem neuen A380, der am Himmel auftauchte, stieg die Euphorie über den Doppeldecker mit Duschen und Schlafkabinen.

insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
sic tacuisses 08.11.2010
1. Wer schon mal ein britisches Auto sein Eigen nannte,
Zitat von sysopDie Explosion eines Airbus-A380-Triebwerks kurz nach dem Start in Richtung Australien schürt neue Ängste vor der Riesenmaschine - und Zweifel an der Qualität ihrer Schubmotoren. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,727655,00.html
kann sicherlich ein Liedchen über Zuverlässigkeit und quality singen.
gsm900, 08.11.2010
2. Britisch Elend
Zitat von sic tacuisseskann sicherlich ein Liedchen über Zuverlässigkeit und quality singen.
als Spottname für Britsh Leyland fäält einem da ein.
Emmi 08.11.2010
3. Uncontained != unkontrolliert
1. Uncontained meint ein Versagen, das sich nicht auf den Innenraum des Triebwerks beschränkt, sondern nach außen dringt. 2. Ein "kontrolliertes Versagen" kann es ja wohl nicht geben. Per se ist jedes Versagen unkontrolliert, sonst wäre es keins, sondern ein gewolltes Verhalten!
promedico 08.11.2010
4. nana
Zitat von sic tacuisseskann sicherlich ein Liedchen über Zuverlässigkeit und quality singen.
Aber hallo! Sowohl mein 75 als auch der X-type liefen fast 200.000 km ohne Probleme. Ich könnte Ihnen aber was vom Stern erzählen, wo die C-Klasse meiner Frau nach 4 Jahren eine komplette Rostlaube war....
jot-we, 08.11.2010
5. O
Meine Güte ... man stelle sich nur einmal vor, unsere Nationalmannschaft wäre damals auf dem Flug zur WM nach Johannesburg mit diesem Riesenbrummer abgestürzt ... das mag man sich ja gar nicht ausmalen!
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