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Ausgabe 46/2010

TV-Kritik: Wälzer lernt Walzer

Von Nikolaus von Festenberg

Sat.1 zeigt den Ken-Follett-Roman "Die Säulen der Erde" - als Mega-Epos.

"Die Säulen der Erde": In der Länge liegt die Würze Fotos
Tandem Productions/ Pillars Productions

Präsentation des Ken-Follett-TV-Vierteilers "Die Säulen der Erde" in Berlin. Man spricht Englisch. Sat.1-Geschäftsführer Andreas Bartl stellt Stars wie Donald Sutherland, Natalia Wörner und Rufus Sewell vor und erzählt Storys nach der Melodie, wie phantastisch das Projekt zustande gekommen sei. Der Sat.1-Zuschauer braucht kein Dictionary zu holen, er soll nur spüren: Für Anschluss an den Fernsehweltgeschmack ist gesorgt.

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29 Millionen Euro hat der diesen Montag beginnende und an drei weiteren Montagen laufende Vierteiler mit rund 480 Sendeminuten gekostet. Etwa 14 Millionen Mal hat sich die 1296 Seiten starke Follett-Vorlage verkauft.

Licht aus, Bilder raus. Von der ersten Szene an gibt es volle Mittelalterdröhnung. Flamme empor. Erst brennt ein Schiff, dann eine Kathedrale, schließlich einer auf dem Scheiterhaufen. So viel ist sicher: Hier wird kein Harnisch trocken bleiben. Hier wird man festgeschnallt, überwältigt, wird versinken. Alles Nachdenken über das Mittelalter löst sich in Wohlfühlen und Vergessen auf.

Es gab einmal einen deutschen Philosophen - we call him Nietzsche -, der versuchte, Nutzen und Nachteil der Befassung mit Geschichte für das Leben zu bestimmen. Was der alte Schnauzbart wohl zur Geschichte als Stoff für das Fernsehen gesagt hätte? Zum kindlichen Spielbedürfnis des Mediums? Zu dessen Lust auf Unterhaltung und Ablenkung? Zur Unbefangenheit der Glotze, Geschichte zu zerlegen, neu zusammenzubasteln und dann die eigene mediale Kunstfertigkeit zu genießen?

Der endlose Schmöker wird in Sequenzen zerlegt

In Folletts Säulenschinken-TV ist das, je länger die Rösser trampeln, spürbar. Der endlose Schmöker wird in Sequenzen zerlegt, die ein Eigenleben ohne den Druck einer alles formierenden Gesamterzählung führen. Wälzer lernt TV-Walzer. Dialogsentenzen schlagen im Dreivierteltakt, mal erhaben, mal ordinär. "Die Kathedrale ist Gottes Schatten auf der Geschichte", heißt es, aber ein Klerikeroberschurke sagt auch: "Mönche mögen abstinent sein, aber Fotzen können sie trotzdem riechen."

Mediävistische Feingeister sollen ruhig schlucken, weiß Sat.1, seit ein leichtes Mädchen die Fernsehmacher schwer in Aufregung gebracht hat. Das Mittelalterstück "Die Wanderhure" mit Alexandra Neldel erzielte 9,75 Millionen Zuschauer. Die Sensation: Ein Drittel der Wanderhurenfreier waren junge Zuschauer. Ein generationenübergreifendes TV-Lagerfeuer wurde angezündet, um 120 Minuten lang zu erleben, wie die geschundene Tuchhändlerstochter Marie ihren Seifenoperntraum von unverbrüchlicher Jugendliebe gegen Schurken durchsetzt.

Die "Säulen der Erde" stehen für mehr als nur für neue Mittelalterbegeisterung. Der Follett-Vierteiler zeigt neue TV-Vorlieben: mehr Raum und mehr Länge, damit das Fernsehen seine Geschichten ausführlich erzählen kann. Eine neue Zeit verlangt wohl, die Gefühlsüberforderungen des im Zeitenstrom ertrinkenden Menschen ernster zu nehmen. Das fiktionale Fernsehen soll mehr Regressionsraum für computergestresste Zeitgenossen bereitstellen. Gerade im Retro-Genre erwartet der Zuschauer eine Entschleunigung, man will nicht nur informiert werden, sondern anfühlen, begreifen, verarbeiten, rekapitulieren.

Mythologie braucht Erzählraum, um ihren Atem zu verströmen

Der Roman, wusste Novalis, ist nicht nur Geschichte, sondern die Mythologie der Geschichte. Mythologie braucht Erzählraum, um ihren Atem zu verströmen. "Buddenbrooks" ist zu Recht viel mehr als eine bloß informative Geschichte vom ökonomischen Niedergang des Getreidehandels.

Gabriela Sperl, eine der wichtigsten TV-Produzentinnen und -Autorinnen ("Die Flucht"), sieht in der neuen Megalomanisierung irdische Gründe am Werk: Geld. "90-Minuten-Movies sterben auch dadurch aus, dass sie relativ zu teuer werden." Die Kosten für Mehrteiler steigen zwar, aber nicht so stark, als wenn man die Sendezeit mit immer neuen 90-Minütern füllte.

In durchformatierten Programmen wie denen von ARD und ZDF ist es schwer, für serielle Sehgewohnheiten Platz zu schaffen. Die ARD macht da zurzeit so ihre Erfahrungen. Die fabelhafte sechsteilige Familiensaga "Weissensee" spielte den Untergang der DDR auf dem TV-vertrauten Gelände einer Clan-Soap durch und brachte zufriedenstellende Quoten.

Dominik Grafs zehnteilige Serie "Im Angesicht des Verbrechens" dagegen, ebenfalls Fernsehen mit großem epischem Atem und voller barocker Sinnlichkeit (SPIEGEL 16/2010), verkümmert gerade auf dem Sendeplatz am Freitag (21.45 Uhr). Graf feiert den schwarzen Zauber Osteuropas, aber seine Mega-Serie wirkt erst als möglichst pausenloses Seherlebnis, also so richtig mitreißend auf DVD. Die ARD hat sich entschlossen, die letzten drei Folgen am 19. November hintereinander zu zeigen. Das Ende der Serie (psst: nicht das tragischste) wird nach Mitternacht gesendet.

Der Kunst bekommt die Länge. "Mit mehr Zeit", sagt Sperl, "werden die erzählten Personen komplexer." Beim 90-Minüter müsse ein Held viel zu schnell sein inneres Geheimnis lüften. Die US-Serie "Mad Men" - jetzt auf ZDF neo zu sehen - hat bisher vier Staffeln Zeit, um die Folgen des Geheimnisses für den Protagonisten zu entwickeln. 90 TV-Minuten wären dafür viel zu kurz.

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1. Wm- Titel
hermanngaul 15.11.2010
die Antwort, ob das nun ein sehenswerter Film oder zumindest objektive Rahmeninformation werd nicht gegeben. Stattdessen startet der Autor ein ausuferndes BlaBla über Gott und die Welt.
2. schaun wir mal...
mogwai64 15.11.2010
Zitat von sysopSat.1 zeigt den Ken-Follett-Roman "Die Säulen der Erde" - als Mega-Epos. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,729127,00.html
Ich habe diesen und die Fortsetzung "die Tore der Welt" gelesen; beide Bände sind enorm fesselnd; Nur -was jetzt das TV daraus macht- bleibt abzuwarten; schließlich wird der Vierteiler in den Privaten gesendet, die sich bei solchen monumentalen Verfilmungen leider meistens nicht mit Ruhm bekleckern
3. kommt da noch was?
The Hu 15.11.2010
Wo ist denn die Kritik?
4. ....
Nbass, 15.11.2010
An den Autor, mit Fremdwortfetzen im Stakkato herumzuwerfen macht keinen guten Artikel, ich jedenfalls verstehe zwar was Sie sagen möchten aber es ist kein Lesevergnügen. Außerdem hätte ich ein weniger mehr Filmkritik und ein bisschen weniger "dies ist wie das, ist wie jenes ist auf ARD"
5. BlaBla
-Spike- 15.11.2010
Zitat von hermanngauldie Antwort, ob das nun ein sehenswerter Film oder zumindest objektive Rahmeninformation werd nicht gegeben. Stattdessen startet der Autor ein ausuferndes BlaBla über Gott und die Welt.
Genau dies waren meine Gedanken beim Lesen des Artikels. Viel zuviel Bla ... soll man sich den Mehrteiler nun anschauen?
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