Von Anna Catherin Loll und Peter Wensierski
Weihrauchschwaden vernebeln die Sicht, das Goldbrokatgewand funkelt matt, wenn Franz-Peter Tebartz-van Elst im Limburger Dom zur Kanzel schreitet. Durch ihn spreche Gott, sagt der Bischof. Manchmal stellt er ausdrücklich fest: "Das waren nicht meine Worte, das waren Seine."
Gern kritisiert das Sprachrohr Gottes den auch von Papst Benedikt XVI. geschmähten "Relativismus" westlicher Gesellschaften, deren "Endzeitstimmung" und die "Hysterie" der Medien. Scharf wies Tebartz-van Elst Bundespräsident Christian Wulff (CDU) zurecht. Keineswegs gehöre "der Islam" zu Deutschland - vielmehr gründe unser Rechtsstaat auf "christlicher Leitkultur", unser Konzept von Ehe und Familie auf "biblischen Überzeugungen".
Schwäche der Konservativen
Solche Töne waren im Klerus länger nicht zu hören. Schon seit einiger Zeit haben dort die Konservativen geschwächelt. Ihr intellektueller Führer, Kardinal Joachim Meisner aus Köln, geht bald in Pension, Haudrauf-Bischof Walter Mixa wurde erst einmal ins Kloster verbannt, der Regensburger Oberhirte Gerhard Ludwig Müller - zeitweise ein Nachwuchsstar - hat sich durch Nazi-Vergleiche ins Abseits manövriert. Zudem lähmt seit bald einem Jahr der Missbrauchsskandal die Geistlichkeit.
In diese personelle und programmatische Leere stoßen nun junge Neokonservative aus der zweiten Reihe vor, die freiwerdenden Prestige-Bistümer wie Köln, Berlin oder Mainz fest im Blick. Allen voran Tebartz-van Elst, ein für bischöfliche Verhältnisse sehr jugendlicher Charismatiker mit glattem Gesicht, von dem sich rechte Katholiken eine Art Guttenberg-Effekt für ihre Kirche erhoffen.
Traditionsprogramme wie seines stoßen im Vatikan auf Wohlgefallen. Doch an der Basis spitzt sich der Konflikt zwischen frommer Klerikerkirche und weltoffenen Gemeinden zu. Viele Gläubige und altgediente Seelsorger verzweifeln am hierarchisch-weihevollen Stil, der nun aus Rom und den Priesterseminaren in etlichen Diözesen einzieht.
Die Basis empfindet die "christliche Leitkultur" eher als Leidkultur
In Limburg lässt sich dieser Trend gut beobachten. Das Bistum mit seinen rund 668.000 Katholiken galt bis 2008 als liberal und weltoffen; Franz Kamphaus, der damalige Hirte, überließ den bischöflichen Wohnsitz Asylbewerbern und lebte bescheiden im Priesterseminar. Die Mitra, den würdevollen Bischofshut, trug er ungern: "Es fällt mir schwer, darunter Mensch zu bleiben." Zu Terminen fuhr er mit einem alten Golf durch die Stadt.
Nachfolger Tebartz-van Elst legte sich einen schwarzen BMW mit abgedunkelten Scheiben zu, der mit dem Hinweisschild "Bischof von Limburg" vor kirchlichen Einrichtungen in der Fußgängerzone auf ihn wartet. Drei Nummernschilder, die aus Sicherheitsgründen ständig gewechselt werden, unterstreichen die Bedeutung Seiner Exzellenz.
Zügig machte er sich daran, seine Diözese auf Kurs zu bringen. Protagonisten der Kamphaus-Kirche verloren ihre Posten oder suchten freiwillig das Weite. Schützenhilfe gab es von seinem väterlichen Ratgeber Meisner aus Köln, der seinen Zögling in das Amt eingeführt hat und regelmäßig telefonisch berät. Von ihm bekam Tebartz-van Elst auch bewährtes Leitungspersonal für seine Pressestelle und das Diözesangericht vermittelt. Von einem "guten mitbrüderlichen Verhältnis" schwärmt denn auch die Pressefrau mit Blick auf ihren alten und ihren neuen Chef. Wenn es gut für ihn läuft, könnte Tebartz-van Elst schon bald Meisners Erzbistum erben.
Ob die Proteste im Bistum Limburg dabei im Vatikan als Empfehlung dienen oder schaden, ist vorerst offen. Sicher ist: Der Streit zwischen Bischof, Priestern und Gläubigen ist hier so heftig wie in kaum einer anderen deutschen Diözese. Seine "christliche Leitkultur" wird an der Basis eher als Leidkultur empfunden.
"SOS - Dies ist ein Aufschrei von Seelsorgern im Bistum", heißt es in einem Brandbrief, der dort unter den 245 katholischen Priestern kursiert: Die "Luft zum Atmen wird uns sehr dünn". Die Geistlichen sind demnach verstört vom "Hochglanzkitsch" ihres Bischofs, seinen "selbstverliebten Ritualen", "leeren Worthülsen" und seinem "klerikalen Dünkel". Sie warnen vor einer Gemeinschaft der "Nachbeter und Kopfnicker".
© DER SPIEGEL 46/2010
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