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Ausgabe 47/2010

Medizin: Rückfall ins Mittelalter

Von und

Die Homöopathie breitet sich an deutschen Universitäten aus. Ausgerechnet Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe macht sich jetzt für die skurrile Heilslehre stark.

Homöopathie an der Uni: Rückfall ins Mittelalter Fotos
DPA

In seiner Freizeit schreibt Rudolf Happle, 72, gern humorvolle Limericks. Doch 1992 war für den damaligen Chef der Uni-Hautklinik Marburg Schluss mit lustig: Damals sollte das Fach Homöopathie im medizinischen Staatsexamen geprüft werden - neben Chirurgie, Innerer Medizin und Kinderheilkunde.

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"Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre!", donnerte Happle damals in der "Marburger Erklärung", die vom Fachbereichsrat ohne Gegenstimmen verabschiedet wurde. Noch heute ist Happle überzeugt: "Das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis der universitären Medizin und das magisch-mystische Denken der Homöopathie schließen sich gegenseitig aus."

Fast zwei Jahrzehnte danach muss der Medizinprofessor zugeben: Sein Aufschrei war vergebens. Die Homöopathie breitet sich unaufhaltsam an deutschen Hochschulen aus. An etlichen Universitätskliniken ist die Homöopathie inzwischen in der Krankenversorgung etabliert. Mehrere Stiftungsprofessuren verankern die skurrile Heilslehre im akademischen Forschungsbetrieb. Für Medizinstudenten sieht die neue Approbationsordnung die Homöopathie als Wahlpflichtfach vor.

Diese unsinnige Reform wird nun sogar vom Präsidenten der Bundesärztekammer unterstützt. So forderte Jörg-Dietrich Hoppe öffentlich eine stärkere Kombination von Schulmedizin und Alternativmedizin. Die Wirkung von homöopathischen Mitteln sei "zwar nicht naturwissenschaftlich belegbar", trotzdem sei "die Homöopathie ein wichtiger Zweig in der Ausbildung von Ärzten geworden".

Die berichteten Heilerfolge der Kügelchen liegen allein am Placeboeffekt

Dabei gilt die von Samuel Hahnemann vor 200 Jahren erfundene Heilslehre wissenschaftlich längst als widerlegt. Hunderte Studien haben gezeigt: Ihre Grundprinzipien, nach denen Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werden solle und sich die Wirkung eines Mittels durch Verdünnen steigere, sind Humbug. Alle berichteten Heilerfolge der Kügelchen liegen allein am Placeboeffekt.

Doch all das wischt Hoppe beiseite. "Medizin ist keine Naturwissenschaft", sagt der deutsche Ober-Arzt allen Ernstes, "sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich auch naturwissenschaftlicher Methoden bedient."

Für Hoppe gilt: Wer hilft, hat recht. Selbst Voodoo-Medizin lehnt er nicht völlig ab: "Ich würde sagen, manche Leute mögen davon profitieren", sagt Hoppe.

So hat Deutschland einen Ärztepräsidenten, der sich immer weiter von den internationalen Standards der Medizin entfernt.

Natürlich kann auch Hoppe nicht eine einzige seriöse Studie nennen, die die Wirksamkeit der Kügelchen belegen würde. Von der Homöopathie hätten ihn aber seine Enkelkinder überzeugt: "Die hatten im Gebirge bei Serpentinenfahrten Übelkeit", gestand er gegenüber dem SPIEGEL. "Wenn sie aber vorher diese Kügelchen bekamen, war das mit der Übelkeit vorbei."

Hoppe steht nicht allein. "Wissenschaftliches Denken kommt in der Praxis oft zu kurz", kritisiert Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. "Es wird an den Universitäten zwar gelehrt, aber es wird viel zu wenig mit der praktischen ärztlichen Tätigkeit verknüpft."

Anders als ihre Kollegen in den USA und in Großbritannien würden deutsche Ärzte nur selten darin geschult, Entscheidungen in einer konkreten Behandlungssituation kritisch zu hinterfragen: Wo ist denn eigentlich der wissenschaftliche Beleg für diese Therapie? Windeler: "Wer aber bei der Schulmedizin nicht nachfragt, tut es auch nicht bei der Homöopathie."

Wo aufgeklärtes Denken wie in Deutschland fehlt, haben Lobbyvereine wie die Carstens-Stiftung leichtes Spiel. Sie fördert die Homöopathie an deutschen Universitäten mit knapp 1,5 Millionen Euro pro Jahr so massiv wie keine andere Institution. Gegründet wurde die Stiftung 1982 von dem damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens und seiner Frau Veronica, einer homöopathischen Ärztin.

Homöopathie als Wahlpflichtfach

Ende vergangenen Jahres stellte die Stiftung allen medizinischen Fakultäten in Deutschland finanzielle Unterstützung in Aussicht, wenn sie Homöopathie als Wahlpflichtfach für die Studenten anbieten. Auch in der universitären Krankenversorgung versucht die Stiftung, die Homöopathie zu etablieren. Am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Uni München ermöglichte sie die Einrichtung einer homöopathischen Begleitbehandlung - ein Konzept, das inzwischen auch auf andere Kinderkliniken übertragen wurde.

"Ich denke zwar auch, dass die Homöopathie auf einem Placeboeffekt basiert", gibt der dortige Oberarzt Joachim-Ulrich Walther offen zu, "aber es gelingt dabei, eine Lücke zu füllen, die die Schulmedizin offenlässt: den Bedarf an Zuwendung der Familie."

Dass die Homöopathie eher als besondere Form der Psychotherapie wirkt, vermutet auch der Mediziner Günther Jonitz, der neben Hoppe im Vorstand der Bundesärztekammer sitzt - und seinem Präsidenten offen widerspricht: "Wir brauchen nicht mehr Alternativmedizin, wie Herr Hoppe sagt, sondern mehr Psychosomatik."

Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Homöopathie sind von beklagenswerter Qualität. Es geht dabei oft nicht darum, die Methode zu erforschen, sondern ihre Wirksamkeit mit allen Mitteln zu belegen.

Auch die bekannteste unter den deutschen Homöopathieforschern, Claudia Witt, deren Professur für Komplementärmedizin an der Berliner Charité ebenfalls von der Carstens-Stiftung finanziert wird, führt statt qualitativ hochwertiger Studien meist lieber weiche Beobachtungsstudien durch. Hierbei kommt oft heraus, dass weit mehr als die Hälfte der Patienten mit der homöopathischen Behandlung zufrieden sind - ein Scheinergebnis, das über die Wirksamkeit der Methode nichts sagt.

Wie weit der Aberglaube schon Einzug gehalten hat in der Medizinerausbildung, ist besonders gut an der Universität Frankfurt (Oder) zu bestaunen. Dort wurde 2008 der Masterstudiengang Komplementäre Medizin eingeführt, zu dem auch eine Ausbildung in Homöopathie als Wahlpflichtfach gehört. Der Studiengangleiter Harald Walach war Berater einer niederländischen Firma, die in Afrika ein homöopathisches Aids-Medikament erproben wollte.

"Gedächtnis des Wassers"

Walach versucht das von der Homöopathie behauptete "Gedächtnis des Wassers" mit einer pseudowissenschaftlichen "schwachen Quantentheorie" zu erklären. Er ist fest davon überzeugt, dass sich seine Überzeugungen am Ende durchsetzen werden.

Als Gastdozenten holte Walach auch schon bekannte Esoteriker wie den astrologischen Ernährungs-, Gesundheits- und Lebensberater Dietmar Cimbal und den Reinkarnationsforscher Erlandur Haraldsson an die Frankfurter Uni.

Möglich ist dieser Rückfall ins Mittelalter nur, weil es in der Politik genügend Unterstützer der Alternativmedizin gibt. "Es gibt leider auch viele Politiker, die magisch-mystisch denken", klagt der Marburger Medizinprofessor Happle. "In allen deutschen Parteien ist das verwurzelt."

Zu den glühendsten Anhängern der Alternativmedizin gehören die Grünen. Die grüne Gesundheitspolitikerin Biggi Bender etwa will "Anthroposophie, Homöopathie oder Akupunktur gleichberechtigt in der medizinischen Versorgung berücksichtigen". Ärztepräsident Hoppe habe deshalb mit seiner Stärkung der Homöopathie "völlig recht".

Homöopathiekritiker Happle hingegen sorgt sich ernsthaft um den Ruf der deutschen Universitäten: "Das Antiaufklärertum, das Hoppe fördert, trägt nicht zum Ansehen der deutschen Universitäten bei."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1390 Beiträge
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1. .
frubi 25.11.2010
Zitat von sysopDie Homöopathie breitet sich an deutschen Universitäten aus. Ausgerechnet Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe macht sich jetzt für die skurrile Heilslehre stark. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,730444,00.html
Also wenn Pharmakonzerne mit Arzneien Kasse machen dürfen, die kaum verändert aber dafür deutlich teurer auf den Markt geworfen werden, dann dürfen auch die Hersteller homöopathischer Mittel Kasse machen. Wer an die Werbelügen der jeweiligen Unternehmen glaubt ist sowieso selber schuld.
2. Erfahrungen
Lobbypolitik 25.11.2010
Ich habe bei meinen Kindern bei Bronchitis, Mundfäule, Windpocken und Mittelohrentzündungen, wo die Schulmedizin mir nicht helfen konnte, hervorragende Erfahrungen gemacht. Alle Krankheiten verschwanden innerhalb von 36h nach homöopathischer Behandlung nicht, die Mittelohrentzündung kam nie wieder, vorher hatte mein Sohn sie viermal. Können selbstverständlich alles Zufälle und Placeboeffekte sein, aber ein bisschen zu oft für meinen Geschmack. 50.000 Menschen sind im Krankenhaus aufgrund falscher Medikamente seit 2001 gestorben, 40.000 jedes Jahr aus mangelnder Krankenhaushygiene, dazu gibts immer wieder Fälle wie in den USA wo wegen einem falschen Medikament bis zu 100.000 starben. Ich lob mir die Homöopathie!
3. :)
KardinalLandrut 25.11.2010
Quantenmechanische Effekte sind auch nicht messbar trotzdem stellt kaum jemand die Quantentheorie in Frage. Studien kann man höchstens über die Zufriedenhait der Patienten machen - und genau das ist das Entscheidende und nichts anderes! Ich hab sowas selber nie probiert aber für so manchen Austherapierten scheint das Wunder zu wirken und bei dem Geld was die Pharmaindustrie mit teilweise fast völlig unwirksamen Mittelchen macht ist mir das wirklich egal dass die Homöopathie Aufwind bekommt.
4. ...
debe, 25.11.2010
Cool, Esoterik als Studienfach!
5. Mittelalter?
TeaRex 25.11.2010
Wenn es denn wenigstens ein Rückfall ins Mittelalter wäre! Aber während die mittelalterliche Medizin neben falschen Theorien auch eine Menge Erfahrungswissen verwendete, hat Herr Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie, vor 200 Jahren eben dieses jahrtausendealte Erfahrungswissen per Handstreich zum Unsinn erklärt und seine eigene Lehre zur einzigen Wahrheit.
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Homöopathie
Was ist Homöopathie?
Homöopathie - griechisch für "ähnliches Leiden" - wird von ihren Befürwortern sowohl gegen körperliche als auch gegen seelische Beschwerden angewandt. Homöopathie beruht auf zwei Grundprinzipien: dem Ähnlichkeitsprinzip und der Verdünnung.

Homöopathen benutzen Substanzen, die bei Gesunden die Symptome der zu behandelnden Krankheit hervorrufen würden. Die Herstellung der Medikamente beruht auf dem sogenannten Potenzieren: Die Wirkstoffe werden durch Vermischen mit Alkohol oder Wasser oder durch Verreiben mit Milchzucker stark verdünnt. Anhänger der homöopathischen Idee gehen davon aus, dass das Medikament umso besser wirkt, je stärker es verdünnt ist: Die schädlichen Wirkungen der Arzneisubstanzen würden minimiert und die positiven gesteigert. Es gibt verschiedene Verdünnungsgrade, von einem Tropfen auf das Volumen einer Erbse (D1) bis zu einem Tropfen auf das gesamte Universum (D78). D78 bedeutet, dass ein Mittel 78-mal um den Faktor zehn verdünnt wurde. Erhältlich sind aber auch Potenzen wie D200 oder gar D1000. In vielen homöopathischen Mitteln ist der Wirkstoff deshalb nicht mehr nachzuweisen - im Medikament kommt von ihm kein einziges Molekül mehr vor.
Geschichte
Das Prinzip der Homöopathie geht auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) zurück. 1796 veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem er erstmalig sein "Ähnlichkeitsprinzip" postuliert. Dieses stützte er auf einige empirische Daten, einschließlich vieler Selbstversuche. Das System der starken Verdünnung wurde zunächst angewendet, um schädliche Effekte der teils giftigen Wirkstoffe zu vermeiden. Erst später verordnete Hahnemann auch die sogenannten Hochpotenzen, bei denen die Arzneisubstanz so stark verdünnt wird, dass sie sich im fertigen Medikament nicht mehr nachweisen lässt.

Die moderne Naturwissenschaft konnte eine Wirksamkeit der Homöopathie bis heute nicht nachweisen - trotz zahlreicher Studien. Die meisten Fachleute sind inzwischen überzeugt, dass eine Wirkung allenfalls auf einem Placebo-Effekt beruhen kann.
Homöopathie in Deutschland
2005 gab jeder Deutsche im Durchschnitt 4,87 Euro für Homöopathika aus. Laut einer Allensbach-Umfrage ist die alternativmedizinische Methode am beliebtesten bei Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, die in Bayern oder Badem-Württemberg in Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen leben.

Homöopathie erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit. 2010 verfügen mehr als 3000 Apotheker verfügen über eine homöopathische Ausbildung; 6712 Ärzte tragen offiziell die Zusatzbezeichnung "Homöopath". Diese Zahl hat sich seit 1993 mehr als verdreifacht.
Wirksamkeit
Für die Wirksamkeit homöopathischer Mittel gibt es bisher keinen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis. Im Jahr 1997 legte der Mediziner Klaus Linde von der Technischen Universität München eine große Erhebung zum Thema vor. Die Ergebnisse erschienen zunächst vielversprechend für die Befürworter der Heilmethode und werden noch heute als Legitimation benutzt. Kritiker warfen Lindes Studie jedoch mangelhafe Qualität vor. Der Autor selbst räumt inzwischen ein, dass er seine damalige Schlussfolgerung, der Effekt homöopathischer Mittel ginge über einen Placeboeffekt hinaus, nicht mehr aufrechterhalten könne.

2005 veröffentlichten Wissenschaftler der Universität Bern im Fachblatt "The Lancet" eine weitaus genauere Studie. Im Test gegen Placebos zeigte sich bei den homöopathischen Medikamenten keine erhöhte Wirksamkeit. Auch andere Studien ergaben, dass durch Potenzierung hergestellte Arzneimittel Placebos in ihrer Wirkung nicht übertreffen.

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