AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2010

Titel "Ich entschuldige mich nicht"

Der US-Botschafter in Berlin, Philip Murphy, 53, über Merkel und seinen Zorn nach Bekanntwerden der diplomatischen Kabel

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SPIEGEL: Herr Botschafter, wie entstehen diplomatische Depeschen wie jene, die nun öffentlich werden?

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Heft 48/2010
Die Geheim-Berichte des US-Außenministeriums

Murphy: Das Schreiben der Berichte gehört zu unseren wichtigsten Aufgaben. In den meisten Fällen sind das Momentaufnahmen, Puzzleteile, eine Szene aus einem Film. Wir versuchen, aus diesen Einzelteilen ein größeres Bild zusammenzusetzen. Die Leute, die in Berlin arbeiten, gehören dabei zu den Besten weltweit.

SPIEGEL: Sie unterhalten offenbar ein weitverzweigtes Netz von Quellen in der Bundesregierung. Sie hatten sogar einen Informanten in den Koalitionsverhandlungen. Ist das normal?

Murphy: Ich sage zu einzelnen Berichten oder Aktivitäten nichts. Aber das meiste, was wir berichten, geht auf menschliche Kontakte zurück.

SPIEGEL: Wo hört Diplomatie auf, wo fängt geheimdienstliche Arbeit an?

Murphy: Auf Fragen zu geheimdienstlichen Tätigkeiten antworte ich nicht. Wir reden mit Leuten, man lernt sich kennen, man vertraut sich, man teilt Einschätzungen.

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SPIEGEL: Was muss die deutsche Regierung denken, wenn die USA ihre Koalitionsverhandlungen abschöpft?

Murphy: Deutschland zählt zu unseren wichtigsten Verbündeten, wir haben ein exzellentes Verhältnis - und dann kommt jemand und macht dieses Vertrauensverhältnis kaputt, indem er diese Berichte weitergibt. Das nenne ich Vertrauensbruch. Mich macht das unglaublich wütend, und die deutsche Regierung hat ebenso Grund, sich zu ärgern, über denjenigen, der die Dokumente heruntergeladen hat. Ich bin stinksauer.

SPIEGEL: In Ihren internen Analysen nennen Sie die Kanzlerin "Angela ,Teflon' Merkel". Warum?

Murphy: Die Kanzlerin hat bei uns ein enormes Ansehen. Seit ich da bin, haben wir gemeinsam viel erreicht, sie ist eine wunderbare Verbündete. Punkt.

SPIEGEL: Besonders kritisch gehen Sie mit Außenminister Guido Westerwelle um. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Murphy: Ich habe eine hohe Meinung von ihm. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich eine klare Vorstellung davon, was die FDP ist. Sie war immer die Königsmacherin. Die FDP hat lange den Außenminister gestellt, zuerst Genscher, dann Kinkel. Mir war deshalb klar, wie Westerwelle als Außenminister agieren würde. Er macht sich im Amt ziemlich genau so, wie wir das erwartet haben, und wir haben eine wirklich gute Beziehung.

SPIEGEL: Wird die Veröffentlichung der Botschaftsberichte der amerikanischen Außenpolitik Schaden zufügen?

Murphy: Darüber habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht. Mittel- bis langfristig eher nicht, da bin ich zuversichtlich. Wir hatten in unseren Beziehungen in den vergangenen 60 Jahren schon härtere Situationen durchzustehen. Vielleicht wird es hier und da ein wenig zerschlagenes Porzellan geben. Mich bewegt, was die Kosten-Nutzen-Rechnung dieser Veröffentlichung ist. Es geht hier doch nicht um ein bisschen Small Talk, sondern um ernste Dinge, todernste. Ich kritisiere nicht den SPIEGEL und die Presse, die nur ihren Job macht. Ich kritisiere denjenigen, der dieses Material gestohlen hat.

SPIEGEL: Wie erleben Sie persönlich, dass von Ihnen verfasste Einschätzungen deutscher Politiker nun öffentlich werden?

Murphy: Ich bin ein erwachsener Mann. Am Ende des Tages fällt das auf mich zurück, und ich kann das ertragen. Ich mache mir eher Sorgen um meine Leute. Sie haben nichts falsch gemacht, und ich werde mich für nichts entschuldigen, das sie gemacht haben.

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Politiker im Visier: So denken die US-Diplomaten

Forum - Beschädigen die Wikileaks-Dokumente das Verhältnis zwischen den USA und ihren Bündnispartnern?
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Waiguoren 28.11.2010
1.
"Merkel ist methodisch, rational und pragmatisch." Angie kommt doch gar nicht so schlecht weg.
Liberalitärer, 28.11.2010
2. Einstein
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Nein, das sind Einschätzungen und Kritik im Falle D schadet nicht. Niemand hier wird wohl G.W. Bush (den ich für ehrenwert halte) mit Einstein verwechseln.
werner thurner, 28.11.2010
3.
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Dann erfahren wir endlich mal die Wahrheit über die offizielle Denke in den USA. Die Wahrheit , oder annähernd die Wahrheit kann niemals irgendwas beschädigen. Das Verhätnis der USA zu den Verbündeten ist ja bereits durch die Bush Kriegspolitik und das Mitläufertum beschädigt, genauso wie die hierzu mißbrauchte NATO (Bündnsifall bis heute).
Smartpatrol 28.11.2010
4. Nicht schlecht
"Amerikas Botschafter können gnadenlos in der Beurteilung der Länder sein, in denen sie akkreditiert sind." Was man ihnen kaum vorhalten kann. Die Bewertung Westerwelles ist beispielsweise nichts als eine realistische, nüchterne Einschätzung. Keine der genannten Veröffentlichungen macht mir die USA unsympathischer, ganz im Gegenteil.
ramuz 28.11.2010
5. Nein.
Geht man von dem momentanen Level an Vertrauen, Ansehen, Kooperationswillen aus, das/den Akteure anderer Staaten den US entgegenbringen, kann es nicht beschädigt werden aus Sicht der anderen. Wenn die Akteure der US halbwegs intelligent sind, so wissen sie das auch. Theaterdonner halt...
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