AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2010

Protest Traktate der schlechten Laune

Der Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums.

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In diesem Herbst tragen die bürgerlichen Schichten Antikapitalismus. Sie tragen Antimodernismus. Sie tragen Technologiefeindlichkeit, die Angst vor dem Individualismus und eine schöne, warme Wut.

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Heft 48/2010
Die Geheim-Berichte des US-Außenministeriums

Passt ja auch hervorragend zum Nebel der Jahreszeit, zum Abend vor dem Kamin, zum schweren Rotwein.

Da sitzen sie dann und präsentieren sich gegenseitig ihre Wahrheiten wie vorgezogene Weihnachtsgeschenke.

"Der psychische Ausverkauf der Seelenreservate an die Unerbittlichkeit des Marktes ist weiter fortgeschritten, als wir wahrhaben wollen."

Kopfnicken.

"Das Leistungssubjekt befindet sich mit sich selbst im Krieg."

Stärkeres Kopfnicken.

"Ich bin ich, du bist du, und es geht schlecht. Massenpersonalisierung. Individualisierung aller Bedingungen - des Lebens, der Arbeit, des Unglücks. Diffuse Schizophrenie. Schleichende Depression. Atomisierung in feine paranoide Teilchen. Hysterisierung des Kontakts. Je mehr ich Ich sein will, desto mehr habe ich das Gefühl von Leere. Je mehr ich mich ausdrücke, desto mehr versiege ich. Je mehr ich hinter mir herlaufe, desto müder bin ich."

Allgemeines Aufstöhnen.

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Protestkultur: Traktate der schlechten Laune
Das erste Zitat stammt aus "Die Kunst, kein Egoist zu sein", dem neuen Bestseller von Richard David Precht, Philosoph der Bahnhofsbuchhandlungen.

Das zweite Zitat stammt aus "Müdigkeitsgesellschaft", dem bildungsbürgerlichen Kleinbestseller von Byung-Chul Han, Philosoph der schlechten Laune.

Das dritte Zitat stammt aus "Der kommende Aufstand", und man kann praktisch jeden Satz aus diesem Buch nehmen, das ein französisches Kollektiv geschrieben hat, außer vielleicht den mit den Waffen und den mit Anschlägen auf Züge und den mit den brennenden Vorstädten, und jeder unserer braven deutschen Wutbürger würde ihn unterschreiben.

Das Denken ist das gleiche. Der Ekel ist der gleiche. Die Wut ist die gleiche, und die Wahrheiten sind die gleichen, Wahrheiten, die immer sehr nah am antimodernistischen Allgemeinplatz sind.

Ja, das Internet macht uns dumm. Ja, die Leistungsgesellschaft macht uns krank. Ja, der Einzelne ist der Feind, und die Gemeinschaft ist gut. Ja, der Markt ist an allem schuld.

Der Bürger friert in der Welt des Geldes und der Egoisten

So zittert der Bürger, der doch sehr gut mit all dem lebt, das da um ihn herum und in ihm zerbricht. Er friert in dieser kalten Welt, die eine Welt des Geldes und der Egoisten ist. Und flüchtet, wohin sich deutsche Bürger immer flüchten, nach innen, wo es ruhig und heil ist.

Einerseits ist er zwar wütend. Andererseits ist er aber müde geworden, der Bürger. Nicht gut müde, sondern böse müde. Von der "Ich-Müdigkeit als Alleinmüdigkeit" spricht Han, eine "weltlose, weltvernichtende Müdigkeit" sei das, sprachlos, blicklos, entzweiend, so nennt Han das, der aus Südkorea stammt und in Karlsruhe Philosophie unterrichtet. Sein Gegner in dem schmalen Traktat, das einige Aufmerksamkeit in den Feuilletons erzeugte und sich ziemlich gut verkauft: die westliche Leistungsgesellschaft.

"Das spätmoderne animal laborans ist mit dem Ego bis knapp zum Zerreißen ausgestattet", schreibt Han und kommt zu dem romantisch selbstverleugnenden Schluss: "Wenn man seine Individualität aufgäbe und im Gattungsprozess ganz aufginge, hätte man zumindest die Gelassenheit eines Tieres."

Wie jetzt bitte genau?

Das ist das immergleiche Einmaleins des Kulturpessimismus, angereichert mit etwas biologistischem Heilsdenken, wie es unserer Zeit entspricht. Bemerkenswert ist dabei, wie bereitwillig sich in diesem und in anderen Büchern dieses Herbstes Autoren und Leser von den Gegebenheiten der westlichen Lebenswelten verabschieden. Bemerkenswert ist auch, wie gering der Unterschied ist zwischen dem, was Bestsellerautoren schreiben, und dem, was eine radikale Splittergruppe in einem Manifest herausschießt.



insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
garfield, 04.12.2010
1. Immer noch kein Titel
Zitat von sysopDer Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,732096,00.html
Was war das jetzt? Die große Verteidigungsrede der aktuellen Zustände? Danke für den Artikel. Sonst hätte man nie erfahren, dass der Kapitalismus hilfreich, edel und gut ist und die Demokratie nur an der schlechten Laune der Leute krankt (ich habe übrigens schallend gelacht über so einen blühenden Blödsinn). Dann ließe sich ja alles mit ein paar Aufmunterungspillen wieder ins Lot bringen. Übrigens Herr Autor: Auch schlechte Laune hat ihre Ursachen. Und es sind ausnahmsweise mal nicht nur die miesepetrigen Deutschen, die in Europa "schlechte Laune" haben. Aber was soll's? Jemandem, der die Wirkungen zur Ursache erklärt, würde ich nie einen Gebrauchtwagen abkaufen - sei es in guter oder in schlechter Laune. Bleibt nur noch eine Frage: Wie hießen die Aliens, die in der Geschichte für alle Revolutionen verantwortlich zu machen sind (für die französische Revolution, die russische und die Wende in der DDR)? Denn wie der Autor behauptet, können es die Bürger nicht gewesen sein, da sie ja selber das System sind. Ich glaube er sollte fest beten, dass seine Aliens noch eine Weile still halten.
Djonzo 04.12.2010
2. Repressive Toleranz
Diesen Trick kennt man ja jetzt auch schon: Man setzt Antikapitalismus mit Antimodernismus und Technophobie gleich und erklärt diesen Brei zum feuchtwarmen Ekel der Bourgeosie. Der Autor nimmt den Rotwein als Metapher fürs Bürgerliche, weil er selbst Rotweintrinker und Bürgersöhnchen ist. Kann nicht anders sein. Derweil findet da draußen der Aufstand schon statt. Erst brennen SUVs und dann entdecken immer mehr Menschen die Schönheit der Sabotage. Und dann sitzen solche Schreibfinken immer noch in den warmen Stuben und machen sich lustig...
H. Hipper, 04.12.2010
3. Früher war alles besser?
Jetzt wollen wir mal nicht so tun, als ob die kulturpessimistische "Wirtschaftsreform-Literatur" der früher 2000er Jahre sehr viel intelligenter gewesen wäre (das betrifft auch G. Steingarts "Deutschland — Der Abstieg eines Superstars"). Das waren Überlegungen, die sich - vorsichtig formuliert - als nicht besonders nachhaltig erwiesen haben: Ja, einige dieser Betrachtungen muten heutzutage sogar unfreiwillig komisch an.
jot-we, 04.12.2010
4. einen Titel
Hmmm. Sollte sich Georg Dietz den "Wutbürger" nur deshalb so genüsslich vorgeknöpft haben, weil er in all seiner Oberflächlichkeit des Autors ungeliebtes Pendant ist? Eine weitere Geschichte demnach aus der unendlichen Reihe "Die Kritiker und ihre Elche" ...
Topf00 04.12.2010
5. Schlechte Laune...
Ein kollektiver Angst-Zustand ist also für das neue "wutbürgerliche" Gebaren in Deutschland verantwortlich. Wichtiger als diese Analyse wäre aber die Frage, woher diese Angst kommt und was sie bedeutet! Woher kommt es, dass große Teile der Mittelschicht mittlerweile ein diffuses Angstgefühl teilen; woher kommt es, dass selbst vergleichsweise banale Aufhänger zum kollektiven Aufschrei führen? Wir erleben aktuell einen völligen Paradigmenwechsel, der aus dieser kollektiven Angst resultiert. Es geht neuerdings um "das System" an sich - aber ist die Angst vorm System weniger relevant, weil man Teil des Systems ist? Eine mögliche Antwort: Das fragile Gleichgewicht zwischen Arbeit und Kapital, welches die soziale Marktwirtschaft Nachkriegsdeutschlands hervorgebracht, ist dahin. Die "kritische Masse" derer, denen das System Sicherheit, Wohlstand und Freiheit GARANTIERT. Wer früher Teil des Systems war, weiß heute nicht, ob ers morgen noch ist. Die früheren Profiteure regen sich, weil ihre Privilegien dahin sind - die Mittelschicht schrumpft, die Mittelschicht hat Angst. Mit schlechter Laune hat das relativ wenig zu tun.
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