AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2010

Bildung Naher Osten

Mit aufwendigen Kampagnen werben ostdeutsche Hochschulen um Abiturienten aus den alten Ländern. Die machen neuerdings scharenweise rüber - weniger aus Neugier denn aus Not.

Von Felix Helbig, und


Nach einem Monat in der Fremde war Anastasia Klink, 19, klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Unterhielten sich ihre Mitbewohner im Studentenwohnheim, stand sie staunend daneben. In der Kneipe wusste sie nicht, was genau der Kellner wollte, und selbst beim Bäcker fühlte sie sich schon bei der Begrüßung unwohl.

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Heft 48/2010
Die Geheim-Berichte des US-Außenministeriums

Anastasia Klink studiert Religionswissenschaft in Leipzig. Die Stadt und die Uni gefielen ihr, sagt sie, und auch die Kommilitonen seien eigentlich nett. Wäre da nur nicht das Sprachproblem: "Sächsisch, das geht gar nicht", sagt die Studienanfängerin, geboren und aufgewachsen 270 Kilometer weiter westlich, in Gießen.

Deshalb sitzt sie nun in einem Seminarraum ihrer Universität und paukt den Landesdialekt. "Nischt so schüchdorn!", ruft die Sprachtrainerin und winkt mit Schildern: "Gonsonanden", "Wogahle". Klink sitzt in der letzten Reihe und lächelt ratlos, als die Sprachtrainerin dann Goethes "Zauberlehrling" in schönstem Sächsisch vorträgt. "Ich versteh kein Wort", klagt eine Austauschstudentin aus Amerika. "Ich auch nicht", sagt Klink.

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Hochschulen: Die Studenten entdecken die Ost-Unis
Ob der Sprachkurs, angeboten für Westdeutsche und andere Fremde, nun wirklich Überlebenshilfe für Studenten oder doch eher ein Marketing-Gag der Universität ist: Eine Trendwende bezeugt er allemal. Zwanzig Jahre nach der Einheit haben westdeutsche Schulabgänger gemerkt, dass die Mauer gefallen ist.

Rekordansturm aus Westdeutschland im Wintersemester

Nach neuesten, teils unveröffentlichten Zahlen gibt es in diesem Wintersemester überall in Ostdeutschland einen Rekordansturm aus Westdeutschland. Heute kommt in Thüringen und Sachsen-Anhalt mehr als jeder vierte Anfänger aus dem Westen, in Mecklenburg-Vorpommern ist es gar mehr als jeder dritte. Der Anstieg ist auch dann gewaltig, wenn man Berliner Abiturienten nicht mitrechnet; lediglich in Brandenburg machen sie einen großen Anteil aus.

Dass es so lange gedauert hat, bis nicht nur Exoten oder Opfer der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in den Osten rübermachen, hat vielerlei Gründe. Zumindest einer hat nichts mit einer Ostphobie zu tun: Deutsche Erstsemester sind vielfach Stubenhocker. Bei der Wahl der Hochschule spielt für viele die Nähe zu Familie und Freunden die entscheidende Rolle, wie erst kürzlich die große Studentenspiegel-Umfrage von SPIEGEL, McKinsey und studiVZ bestätigt hat.

Das allein aber kann nicht erklären, warum die allermeisten Westabiturienten den Osten mieden. Vermutlich waren es auch Imageprobleme, wie sie Peer Pasternack wahrgenommen hat, Direktor am Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg - frei nach dem Motto: Das ist doch eigentlich Osteuropa. Zudem sei die Qualität von Forschung und Lehre in der Ex-DDR nach der Wende schwer einzuschätzen gewesen.

dpa
Seit einem Monat lebt Autor Maximilian Popp, 24, in Sachsen. Und hat ein Problem: Er spricht die Sprache nicht. Also meldete er sich zum Sächsisch-Kurs an der Universität Leipzig an. mehr...
Einzelne neue Länder haben schon vor vielen Jahren versucht, westdeutsche Schulabgänger anzulocken, meist ohne großen Erfolg. Dabei ist für viele Osthochschulen ihre Attraktivität im Westen eine Überlebensfrage. Denn der Geburtenknick nach dem Mauerfall lässt die Zahl der Abiturienten in ihrer Nähe sinken, ohne Westimporte werden die Hochschulen schrumpfen oder schließen müssen.

Mecklenburg-Vorpommern schaltete in den neunziger Jahren große Anzeigen in Zeitungen. Sachsen schickt seit 2008 einen Truck auf PR-Tour, unter anderem nach Bayern: "Pack dein Studium". Und neuerdings haben sich die Ostländer zusammengetan, um unter dem Motto "Studieren in Fernost" gemeinsam zu trommeln. Die Uni Leipzig holte schon Erstsemester im Trabi an deren Wohnort ab, die Uni Rostock ließ Interessierte mit Robben schwimmen. Sogenannte Campus-Spezialisten sollen im Netzwerk schülerVZ anderen Westkindern erzählen: So schlimm ist's gar nicht im Osten.



Forum - Sind die Ost-Universitäten zu echten Konkurrenten der West-unis geworden?
insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
Kojo T, 29.11.2010
1.
Daß diese Frage so lange ohne jedwede Antwort blieb, ist ein hervorragendes Zeichen. Die Frage "Ost oder West" stellt sich zumindest an Unis offenbar nicht mehr. Ich selbst kann dazu auch nichts wesentliches beitragen. Das einzige was mir in den letzten Jahren auffiel war, daß große Downloads (z.B. Linux-DVDs) über das Uni-Netz, die von Nachbar-Unis (und somit Weit-West-Unis) in aller Regel endlos lang brauchten, über 'Ost'-Unis in aller Regel weit schneller zu bewerkstelligen waren. Aber auch das ist Geschichte - die Spiegelserverauswahl erfolgt inzwischen in der Regel automatisch ...
loetilein 02.12.2010
2. schwachsinn
achso, sächsisch geht angeblich mal gar nicht, soso, aber schwäbisch, bayrisch und hessisch ist toll, gell? Ossis müssen nicht nur die unerträgliche Sprache der Wessis ertragen sondern auch noch deren Dämlichkeit. PS:bin übrigens Berliner
Mathe-Freak 02.12.2010
3. ätzender Artikel
der Fernab von der Realität geschrieben wurde, Sachsenunis und nur Sächsisch? Da stell ich mir ernsthaft die Frage wer da Religionswissenschaft studiert, in den Mint Fächern ist mir noch kein rein Sächsisch sprechender Kommilitone begegnet, das Sächsisch der jungen Generation beschränkt sich auf ein nu. Der Rest genauso ein Witz, von aussterbend bedrohte Unis, die Uni-Leipzig und Dresden sind so knacke Voll das es jeden Tag auf neue ankotzt. Statt der bescheuerte Werbung sollten sie lieber neue Lehr- Bibliothek- und Mensaräume schaffen, ganz zu schweigen von Fachkundigen Betreuern. Die demotivierten Studenten als billige Übungsleiter nerven gewaltig.
Mulharste, 02.12.2010
4. -
Zitat von sysopNach der Wende strömten die Studenten zunächst in den Westen, das Renommee der dortigen Universitäten war unbestritten. Inzwischen scheint sich das Blatt gewendet zu haben, auch die Bildungsstätten in den neuen Ländern ziehen immer mehr Studierende an. Sind die Ost-Universitäten nun echte Konkurrenten der West-Unis?
Was heisst echte Konkurenten? Das waren sie schon immer. Wenn der allgemeine Westdeutsche halt von DRECK, NAZIS uä daherplärrt und so schon die dummen Vorurteile seiner Eltnergenaration BILD nachplappert, was soll man da machen? Wenn soviel Dummheit und Desinteresse dann natürlich auf sächsisch trifft, wundernt es micht nicht, dass Anastasia kein Wort versteht - villeicht liegts auhc an den Religionswissenschaften ;) Wer sächsishc nciht versteht, versteht kein Deutsch! Wer mal vesucht Oberbayerisch oder PLatt zu deuten, dem seh ich das nach, aber sächsisch ist zu verstehen - problemlos. Aber hernach müsste man zugeben, dass es im Osten ja gar nicht so schlimm ist, NEIN, das ein Teil der hier "Besuchenden" sogar bleiben möchte, aber es kann nicht sein, was nicht sein darf.
madoschilus 02.12.2010
5. Sächsisch...
Ich bin an einer sächsischen Hochschule und hier redet eigentlich kaum jemand richtig sächsisch. Die vielen Zugereisten hier haben noch nie erwähnt, dass sie Verständigungsprobleme hatten, kein einziges Mal. Und ich kenne viele ehemals Ortsfremde. Übrigens sind die nicht nur wegen den angeblich so guten Studienbedingungen geblieben, sondern auch, weil ihnen in Dresden das Drumherum gefallen hat. Meine ehemalige Fakultät ist übrigens gar nicht neu, weder Gebäude noch Ausstattung. In dem Arikel steckt nicht wirklich viel Wahrheit, um genau zu sein.
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