"Mad Men" ist eine Serie über eine amerikanische Werbeagentur. Sie wurde von Matthew Weiner erfunden, der auch Drehbücher für "Die Sopranos" verfasste. Die Filme sind phantastisch. Das ZDF-Programm Neo bewarb sie mit dem Trailer: "Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein Mann, der ihr auf den Arsch glotzt." Das könnte man auch freundlicher sagen, aber der Satz trifft es. Die frühen sechziger Jahre werden - politisch völlig unkorrekt - in jedem Detail nachgezeichnet: Alle rauchen unglaublich viel und trinken zu jeder Tageszeit, die Frauen tragen spitze BH und enge Korsagen, sie werden von den Männern richtig schlecht behandelt.
In Deutschland gibt es zurzeit eine Art Feminismusdebatte. Ausgelöst haben sie die junge Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, 33, und die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, 68. Vor vier Wochen gab Kristina Schröder dem SPIEGEL ein Interview. Über ihre Antworten konnte man, höflich gesagt, nur verwundert sein. Auf die Frage, ob der Feminismus die Frauen glücklicher gemacht habe, sagte sie: "Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden." Der Arzt aus "Mad Men" hätte der Ministerin zugestimmt - das Buch, das er seiner Patientin aus der Hand nimmt, trägt den Titel: "Es ist Ihre Hochzeitsnacht. Wie man eine gute Ehefrau wird".
Als der Ministerin vorgehalten wird, dass von 185 Dax-Vorständen 181 männlich seien, kommt noch Erstaunlicheres: Eine Frauenquote in der Wirtschaft bedeute die Kapitulation der Politik, Wirtschaft sei für sie in erster Linie freies Handeln ohne staatliche Vorschriften. Sie sagt das tatsächlich im Jahr 2010. Die Finanzkrisen liegen noch nicht einmal hinter uns, fehlende staatliche Aufsicht hätte uns beinahe ruiniert.
Kristina Schröder konnte nur Ministerin werden, weil es Frauen wie Alice Schwarzer gibt
Schlimmer aber ist, dass Kristina Schröder von sich aus nicht anerkennt, dass sie nur Ministerin werden konnte, weil es Frauen wie Alice Schwarzer gibt. Natürlich, nach einer Revolution mag niemand mehr die Revolutionäre, sie sind zu laut, sie scheinen nicht mehr in die Zeit zu passen. Und es ist auch wirklich nicht leicht, Alice Schwarzer zu mögen - zurzeit schreibt sie Grobheiten in der "Bild" über einen Vergewaltigungsprozess, sie liegen weit unter ihrem Niveau. Kristina Schröder muss sich kein Bild von Alice Schwarzer auf den Nachttisch stellen. Aber sie muss sich bewusst sein, dass sie nur wegen der anstrengenden Feministinnen der siebziger Jahre das werden konnte, was sie ist - das ist keine Schande, und sie sollte sich diese Erkenntnis nicht erst von Journalisten am Ende eines Interviews abnötigen lassen. Sie hat als Familienministerin die Interessen der Frauen zu vertreten. Was sie in dem Interview sagte, war nicht nur albern, vor allem war es falsch.
Am 2. Juli 2001 schlossen Bundesregierung und Wirtschaft eine Vereinbarung, sie sollte die Chancengleichheit von Frauen und Männern fördern. Die Bundesregierung hatte sich dabei verpflichtet, so lange nicht durch Gesetze einzugreifen, wie die Vereinbarung tatsächlich umgesetzt wird. Zunächst auf Freiwilligkeit zu setzen ist in einer Demokratie vernünftig. Das Problem ist nur: Die Vereinbarung wird nicht umgesetzt. Das Ministerium erklärt das sogar selbst. Auf der Internetseite dort heißt es: "Der Anteil von Frauen in Führungspositionen bleibt in der Privatwirtschaft ebenso wie im öffentlichen Dienst deutlich hinter den Erwartungen zurück."
Die Betonung liegt auf "deutlich", die Zahlen sind erschreckend. Betrachtet man die Frauen in Führungspositionen, liegt Deutschland weit unter dem europäischen Durchschnitt (26,5 Prozent zu 32,3 Prozent). In Frankreich ist die Quote bei 37,8 Prozent, in Litauen sogar bei 44 Prozent. Unter den Vorständen der 200 größten Unternehmen in diesem Land gibt es nur 3 Prozent Frauen. Und eine McKinsey-Studie hat die Frauenquote in den Vorständen von 362 börsennotierten Unternehmen in den Industrie- und Schwellenländern untersucht. Das Ergebnis bestätigt den Trend: Deutschland und Indien teilen sich den letzten Platz. Das alles lässt sich nicht damit abtun, dass Frauen Konkurrenzkampf nicht mögen.
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© DER SPIEGEL 49/2010
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