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Ausgabe 49/2010

Einspruch: Zur Not ein Gesetz

Ferdinand von Schirach über Feminismus und Justiz

Einspruch: Zur Not ein Gesetz Fotos
AP / AMC

"Mad Men" ist eine Serie über eine amerikanische Werbeagentur. Sie wurde von Matthew Weiner erfunden, der auch Drehbücher für "Die Sopranos" verfasste. Die Filme sind phantastisch. Das ZDF-Programm Neo bewarb sie mit dem Trailer: "Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein Mann, der ihr auf den Arsch glotzt." Das könnte man auch freundlicher sagen, aber der Satz trifft es. Die frühen sechziger Jahre werden - politisch völlig unkorrekt - in jedem Detail nachgezeichnet: Alle rauchen unglaublich viel und trinken zu jeder Tageszeit, die Frauen tragen spitze BH und enge Korsagen, sie werden von den Männern richtig schlecht behandelt.

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In der ersten Folge sitzt eine Sekretärin bei einem Frauenarzt auf einer gynäkologischen Liege und liest. Der Arzt zündet sich eine Zigarette an und nimmt ihr das Buch aus der Hand. Sie legt sich hin. Der Arzt sitzt rauchend zwischen ihren Beinen. Er sagt: "Sie interessieren sich für die Antibabypille? Ich verurteile niemanden einfach so. Es ist nicht falsch, wenn eine Frau eine praktische Einstellung zu sexuellen Aktivitäten hat ... Spreizen Sie die Knie ... Obwohl ich sehr hoffe, dass die Frau, die man als Arzt so unterstützt, sich nicht in eine Art Wanderpokal verwandelt. Aber ich warne Sie: Ich setze das Präparat ab, wenn Sie es missbrauchen." Er schreibt ein Rezept aus, die Pille kostet elf Dollar pro Monat. Zur Verabschiedung sagt er: "Aber hüpfen Sie jetzt nicht durch alle Betten, um Ihr Geld wieder reinzukriegen."

In Deutschland gibt es zurzeit eine Art Feminismusdebatte. Ausgelöst haben sie die junge Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, 33, und die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, 68. Vor vier Wochen gab Kristina Schröder dem SPIEGEL ein Interview. Über ihre Antworten konnte man, höflich gesagt, nur verwundert sein. Auf die Frage, ob der Feminismus die Frauen glücklicher gemacht habe, sagte sie: "Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden." Der Arzt aus "Mad Men" hätte der Ministerin zugestimmt - das Buch, das er seiner Patientin aus der Hand nimmt, trägt den Titel: "Es ist Ihre Hochzeitsnacht. Wie man eine gute Ehefrau wird".

Als der Ministerin vorgehalten wird, dass von 185 Dax-Vorständen 181 männlich seien, kommt noch Erstaunlicheres: Eine Frauenquote in der Wirtschaft bedeute die Kapitulation der Politik, Wirtschaft sei für sie in erster Linie freies Handeln ohne staatliche Vorschriften. Sie sagt das tatsächlich im Jahr 2010. Die Finanzkrisen liegen noch nicht einmal hinter uns, fehlende staatliche Aufsicht hätte uns beinahe ruiniert.

Kristina Schröder konnte nur Ministerin werden, weil es Frauen wie Alice Schwarzer gibt

Schlimmer aber ist, dass Kristina Schröder von sich aus nicht anerkennt, dass sie nur Ministerin werden konnte, weil es Frauen wie Alice Schwarzer gibt. Natürlich, nach einer Revolution mag niemand mehr die Revolutionäre, sie sind zu laut, sie scheinen nicht mehr in die Zeit zu passen. Und es ist auch wirklich nicht leicht, Alice Schwarzer zu mögen - zurzeit schreibt sie Grobheiten in der "Bild" über einen Vergewaltigungsprozess, sie liegen weit unter ihrem Niveau. Kristina Schröder muss sich kein Bild von Alice Schwarzer auf den Nachttisch stellen. Aber sie muss sich bewusst sein, dass sie nur wegen der anstrengenden Feministinnen der siebziger Jahre das werden konnte, was sie ist - das ist keine Schande, und sie sollte sich diese Erkenntnis nicht erst von Journalisten am Ende eines Interviews abnötigen lassen. Sie hat als Familienministerin die Interessen der Frauen zu vertreten. Was sie in dem Interview sagte, war nicht nur albern, vor allem war es falsch.

Am 2. Juli 2001 schlossen Bundesregierung und Wirtschaft eine Vereinbarung, sie sollte die Chancengleichheit von Frauen und Männern fördern. Die Bundesregierung hatte sich dabei verpflichtet, so lange nicht durch Gesetze einzugreifen, wie die Vereinbarung tatsächlich umgesetzt wird. Zunächst auf Freiwilligkeit zu setzen ist in einer Demokratie vernünftig. Das Problem ist nur: Die Vereinbarung wird nicht umgesetzt. Das Ministerium erklärt das sogar selbst. Auf der Internetseite dort heißt es: "Der Anteil von Frauen in Führungspositionen bleibt in der Privatwirtschaft ebenso wie im öffentlichen Dienst deutlich hinter den Erwartungen zurück."

Die Betonung liegt auf "deutlich", die Zahlen sind erschreckend. Betrachtet man die Frauen in Führungspositionen, liegt Deutschland weit unter dem europäischen Durchschnitt (26,5 Prozent zu 32,3 Prozent). In Frankreich ist die Quote bei 37,8 Prozent, in Litauen sogar bei 44 Prozent. Unter den Vorständen der 200 größten Unternehmen in diesem Land gibt es nur 3 Prozent Frauen. Und eine McKinsey-Studie hat die Frauenquote in den Vorständen von 362 börsennotierten Unternehmen in den Industrie- und Schwellenländern untersucht. Das Ergebnis bestätigt den Trend: Deutschland und Indien teilen sich den letzten Platz. Das alles lässt sich nicht damit abtun, dass Frauen Konkurrenzkampf nicht mögen.

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1. wenig durchdacht
klausab, 08.12.2010
Die Behauptung, Frau Schröder wäre nur wegen Frau Schwarzer und ihresgleichen Ministerin, ist schon eine Unverschämtheit. Auch vor Frau Schwarzer gab es Ministerinnen. Gibt es eigentlich noch sachliche Auseinandersetzungen zu dem Thema? Wenn ich erlebe, wie nachtragend sich manche Frauen - insbesondere Frauen gegenüber - verhalten, ist ein Mehr an Frauen in Führungspositionen kein Wert an sich. Die fachliche, soziale und menschlie Qualifikation muß entscheiden. Jegliches Quotengetue führt zu nicht hinreichend qualifizierten Stellenbesetzungen.
2. Schöner leben ohne Titel.
der lurch 09.12.2010
Ach ja, die so fortschrittliche Justiz. Und wie beurteilt man die Tatsache, dass der Frauenanteil unter Richtern mit dem Familienrecht ausgerechnet in derjenigen Disziplin am höchsten ist, in der gemeinhin die dünnsten Bretter zu bohren sind? Und dass ausgerechnet dieses Gebiet der Juristerei die höchsten Chancen bietet, sich auf dem Feld des Geschlechterkampfes auszutoben? Wenn das der beschriebene Fortschritt ist - dann gute Nacht, Marie.
3. Frauenquote = Männerdiskriminierung?
jonnnes 09.12.2010
Zitat von sysopFerdinand von Schirach über Feminismus und Justiz http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,732882,00.html
ich habe mal eine frage: ist es nicht eine, dem sinn des grundgesetz entgegenlaufende, diskriminierung gegenüber männern, wenn aufgrund von frauenquoten generell eine frau den vorzug erhält. wenn die bevorzugung von frauen sogar aussicht auf eine größere finanzielle förderung ergibt, wie es häufig bei bildungseinrichtungen der fall ist, wo professorinnen unabhängig von ihrer qualität gepusht werden sollen. ich möchte nicht falsch verstanden werden: ich befürworte es, wenn frauen diesselben chancen erhalten wie männer, ich bin für absolute gleichberechtigung. aber das gesetzlich festzuschreiben, daß im zweifelsfall beispielsweise eine tochter aus gutem hause den vorzug vor einem immigrantensohn, der sich mit schweiß, willen und einsatz nach oben gearbeitet hat, finde ich nicht im sinne des erfinders. warum ist das geschlecht überhaupt ein kriterium? warum gibt es keine gesetzliche immigrantenquote, schwulenquote, scheidungskindquote etc. also, wie ist dieser konflikt mit dem grundgesetz eigentlich ernsthaft juristisch zu begründen, die benachteiligung einer seit, um die andere zu "begleichrechtigen"?
4. Erfolge"
naabaya 09.12.2010
Zitat von klausabDie Behauptung, Frau Schröder wäre nur wegen Frau Schwarzer und ihresgleichen Ministerin, ist schon eine Unverschämtheit. Auch vor Frau Schwarzer gab es Ministerinnen. Gibt es eigentlich noch sachliche Auseinandersetzungen zu dem Thema? Wenn ich erlebe, wie nachtragend sich manche Frauen - insbesondere Frauen gegenüber - verhalten, ist ein Mehr an Frauen in Führungspositionen kein Wert an sich. Die fachliche, soziale und menschlie Qualifikation muß entscheiden. Jegliches Quotengetue führt zu nicht hinreichend qualifizierten Stellenbesetzungen.
Was haben die Feministinnen schon erreicht? Sie haben den Frauen ihre Macht und ihre Magie genommen. Frauen sind jetzt billige Arbeitssklaven der Wirtschaft und billige Sexobjekte für die Männer. Und das Schlimmste: Die Frauen merken es nicht. Es ist so schön, ein Mann zu sein.....
5. DAX frauenfrei
Asirdahan 09.12.2010
Ich kann dieses Gejammer, die DAX-Unternehmen hätten keine weiblichen Angestellten in den höheren Rängen, nicht mehr hören. Wieviele Frauen würde das wohl in unserem Land betreffen? Einen winzigen Bruchteil. Auch nur ein winziger Bruchteil der Männer erreicht diese Positionen. Es ist auch nicht wahr, dass Frauen, die hohe Posten in Wirtschaft und Politik erreicht haben, sich stärker für andere Frauen einsetzen. Sobald sie "oben" sind, benehmen sie sich wie Männer, sonst wären sie nicht oben. Es wäre viel wichtiger, sich um die Arbeitsbedingungen, Aufstiegschancen und Entlohnungen der 98 % normalen Frauen im Lande zu kümmern. Der Männer übrigens auch. Diese werden zwar nicht von Frauen unterdrückt, aber etliche von Arbeitgebern, die den für sie günstigen Arbeitsmarkt schamlos zur Ausbeutung ausnutzen.
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Zum Autor
Andreas Pein
Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Für den SPIEGEL schrieb er monatlich die Kolumne "Einspruch".