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Ausgabe 49/2010

Zeitgeschichte: Unkenntnis und Ignoranz

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Der Bericht einer Historikerkommission sollte den Streit um die Nazi-Vergangenheit des Auswärtigen Amts befrieden. Das Gegenteil ist der Fall: Historiker laufen Sturm gegen den Bestseller.

Auswärtiges Amt in der NS-Zeit: Braunes Haus Fotos
DPA

Der Auftritt von Außenminister Guido Westerwelle in der Bibliothek seines Amtes war sorgfältig vorbereitet. Mitarbeiter räumten rechtzeitig die Bücher aus den Regalen, die vor 1945 erschienen waren.

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Schließlich wollte FDP-Mann Westerwelle an jenem Donnerstag Ende Oktober das Buch einer Historikerkommission entgegennehmen, in dem die Geschichte des Auswärtigen Amtes in der Nazi-Zeit und den Nachkriegsjahrzehnten aufgearbeitet werden sollte. Nicht auszudenken, wenn der Chef bei der feierlichen Übergabe ausgerechnet vor NS-Literatur fotografiert worden wäre.

Was die vier Wissenschaftler herausgefunden hatten, klang ungeheuerlich. Das Außenamt habe an den Verbrechen des Hitler-Regimes an zentraler Stelle mitgewirkt, fast alle Diplomaten seien Täter gewesen. Der Marburger Historiker Eckart Conze hatte als Kommissionssprecher im SPIEGEL (43/2010) sogar kurz vor der Veröffentlichung des Berichts ("Das Amt") das gesamte Auswärtige Amt kurzerhand zur "verbrecherischen Organisation" erklärt.

Die spektakulären Thesen Conzes und seiner Kollegen Norbert Frei aus Jena, des US-Historikers Peter Hayes und des Israeli Moshe Zimmermann katapultierten den Geschichtswälzer umgehend auf die Bestsellerlisten. So groß war die öffentliche Zustimmung zu den scheinbar sensationellen Erkenntnissen, dass auch der Außenminister alle Zurückhaltung fahrenließ.

Er stelle sich hinter die "eindrücklichen und schockierenden" Ergebnisse des Kommissionsberichts, verkündete Westerwelle vor den gereinigten Regalen. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung eines Staatssekretärs bekam den Auftrag, "aus den Ergebnissen dieser Studie die richtigen Konsequenzen zu ziehen". Alle Broschüren und Internetseiten des Amtes und der Auslandsvertretungen, die sich mit der eigenen Geschichte im "Dritten Reich" beschäftigen, stehen seitdem auf dem Prüfstand.

Westerwelles Vorvorgänger, der Grüne Joschka Fischer, hatte Conze und dessen Mitstreiter im Jahr 2005 beauftragt. Ihr Bericht sollte den erbittert geführten Streit um die Vergangenheit des Amts endlich befrieden. Doch davon ist sechs Wochen nach seiner Veröffentlichung keine Rede mehr.

Denn inzwischen haben alle möglichen Experten damit begonnen, die 880 Seiten mit den mehr als 2000 Fußnoten zu überprüfen. Was sie nun fast täglich in Interviews, Beiträgen und Leserbriefen vorbringen, ist durchweg kritisch, zum Teil vernichtend.

Vorwurf der "Geschichtspornografie"

Hans Mommsen, der deutsche Altmeister unter den NS-Forschern, erklärte vergangene Woche, das Buch löse bei ihm "Entsetzen" aus, es sei voller "massiver Fehler". Fachleute wie Johannes Hürter vom renommierten Institut für Zeitgeschichte in München finden Passagen des Werks "bodenlos". Sein Mainzer Kollege Sönke Neitzel wirft Kommissionssprecher Conze sogar "Geschichtspornografie" vor, weil er das Amt als "verbrecherische Organisation" bezeichnet hatte. Conze sei es offenbar nur darum gegangen, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen.

Andere Wissenschaftler sprechen von "Oberflächlichkeit" (Henning Köhler), "Unkenntnis oder Ignoranz der Aktenlage" (Gregor Schöllgen), "Einseitigkeit" (Christian Hacke) oder sehen in Teilen "schlichtweg Unsinn" (Daniel Koerfer).

Die Kritik richtet sich gegen zentrale Thesen, bemängelt wird aber auch, dass wissenschaftliche Standards nicht eingehalten worden seien.

So wirft Schöllgen der Kommission vor, häufig Dokumente aus dem Archiv des Ministeriums zu zitieren, die seit langem ediert vorliegen. Damit werde der Eindruck erweckt, sie präsentiere Unbekanntes. Zudem erscheine es so, als hätte das Amt die eigene Geschichte nicht ausreichend dokumentiert. Kritiker Mommsen riet seinen Professorenkollegen daraufhin vergangene Woche öffentlich zum Besuch eines "historischen Proseminars", das normalerweise Studienanfängern vorbehalten ist.

Der Zorn des Emeritus ist verständlich, denn "Das Amt" enthält eine Reihe merkwürdiger Thesen, vor allem in dem Teil über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, für den Zimmermann verantwortlich zeichnet. Der Professor aus Jerusalem ist nicht nur für differenzierte Urteile bekannt. So erklärte er vor kurzem mutig, die gesamte "deutsche Gesellschaft zwischen 1933 und 1945" sei eine "verbrecherische Organisation oder eine verbrecherische Gesellschaft" gewesen.

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