AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2010

Kino Unter Genieverdacht

Kinowelt

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2. Teil: Er will Autorenfilme machen, aber mit 100-Millionen-Dollar-Budgets


Damals hatte er schon längst für das Drehbuch zu einem neuen Film recherchiert, einem düsteren Thriller, natürlich eine Großproduktion. "Du gehst nicht nach Hollywood, um einen Film zu drehen, den du auch in Deutschland machen könntest."

Das Drehbuch schließlich schreibt er im Kloster Heiligenkreuz bei Wien. Dort war auch das Skript für "Das Leben der Anderen" entstanden. Der Abt in Heiligenkreuz ist sein Onkel Gregor, einst ein erfolgreicher Manager des Logistikkonzerns Schenker, bevor er sich 1977 entschied, "sein Leben in den Dienst des Glaubens zu stellen". Nach 34 Tagen war das Drehbuch, 133 Seiten lang, fertig. Eigentlich hätte jetzt die Suche nach Geldgebern und Schauspielern beginnen können.

Stattdessen bekommt er einen Anruf von Angelina Jolie. Die beiden kennen sich, Donnersmarck arbeitet mit Brad Pitts Produktionsfirma zusammen. Jolie und Pitt hatten "Das Leben der Anderen" schon 2006 gesehen, zu Hause auf dem Fernseher, bevor er den Oscar gewann.

Sie fragt Donnersmarck, ob er daran interessiert sei, den Thriller "The Tourist" zu machen. Sie selbst will die weibliche Hauptrolle übernehmen. "The Tourist" beruht auf dem französischen Film "Fluchtpunkt Nizza" aus dem Jahr 2005. Sophie Marceau spielte darin die Geliebte eines Kriminellen, die von Polizisten und Gangstern von Paris bis zur Côte d'Azur verfolgt wird und sich dabei in einen Mitreisenden verliebt.

Das Projekt hat eine unheilvolle Vorgeschichte. Fünf Autoren haben an dem Drehbuch herumgedoktert, doch immer noch gibt es niemanden, dem es gefällt. "Development hell", Entwicklungshölle, nennt man das in Hollywood. Als Jolie ihm anbietet, "The Tourist" neu zu schreiben und zu inszenieren, erzählt Donnersmarck ihr von seinem eigenen Drehbuch. "Wenn du jetzt wieder so einen schweren, ernsten Film machst", sagt Jolie, "dann kommst du aus der Ecke nie wieder raus."

Wer immer nur nein sagt, gerät in Verdacht, gar nicht zu wollen

Donnersmarck sieht sich als Künstler, der seine Filme prägt wie Maler, Literaten und Komponisten ihre Werke. Er will Autorenfilme machen, auch mit 100-Millionen-Dollar-Budgets. Das Remake eines französischen Thrillers, das ist eigentlich kein Donnersmarck-Stoff. Es ist eher eine Wanderhure, an der schon viel zu viele in Hollywood rumgefingert haben. Aber wer immer nur nein sagt, gerät irgendwann in Verdacht, gar nicht wirklich zu wollen, vielleicht sogar Angst zu haben.

Dann sagt Johnny Depp zu, er hat Lust, mit Jolie und Donnersmarck zu arbeiten. "Man stellt sich Hollywood sehr systematisch und rational vor", sagt Donnersmarck. "Tatsächlich ist es oft sehr schwer zu erklären, warum ein Projekt plötzlich eine unglaubliche Dynamik entwickelt."

Einige Wochen später macht Donnersmarck in Berlin Station, bevor er nach Venedig reist, um Schauplätze für "The Tourist" zu suchen. Die Uhr tickt, denn Johnny Depp hat wenig Zeit, weil er ab Juni 2010 für den vierten "Fluch der Karibik"-Film vor der Kamera stehen wird.

Donnersmarck hält einen Vortrag in der Neuen Nationalgalerie: Was ist deutsch am deutschen Film? Er wirkt fahrig, verliert den Faden, verheddert sich in Rechenspielen. Im Vergleich zu deutschen Filmen hätten Hollywood-Produktionen ein Vielfaches an Einstellungen, seien weit schneller geschnitten, sagt er, das mache den Unterschied aus.

Hinter ihm hängen Fotos des deutschen Künstlers Thomas Demand, die beiden sind befreundet, natürlich. Es ist die erste ganz große Einzelausstellung des Fotokünstlers, die plakatgroßen Abzüge zeigen unter anderem die Stasi-Zentrale nach der Erstürmung durch die Berliner Bevölkerung. Demand hat die Räume bis ins kleinste Detail nachbauen lassen und dann fotografiert. Demand ist der Herr über die Bilder, die er erschafft. Ein Künstler. In Hollywood ist es fast unmöglich, der Herr über seinen Film zu sein. Das System beruht auf Arbeitsteilung. Die Stars bestimmen, von welcher Seite sie gefilmt werden. Produzenten nehmen ihren Regisseuren den Schnitt aus der Hand.

In der Nationalgalerie spricht Donnersmarck nicht von seinem neuen Projekt "The Tourist", aber das Ziel hat er schon im Kopf: "kompromisslos die Art von Schönheit hervorzuzaubern, die mich am Hollywood-Kino immer interessiert hat". Er will ein Kino machen, wie es Hollywood früher gemacht hat, ein Kino des Glamours, der eleganten Geste, der prachtvollen Ausschweifung, ein Kino, das in den zwanziger und dreißiger Jahren von österreichischen Regisseuren wie Erich von Stroheim oder Josef von Sternberg geprägt wurde, die sich ihre Adelstitel nur angemaßt hatten, um in Hollywood Eindruck zu schinden.

Deutschland ist zu klein für Donnersmarck

Am folgenden Tag, kurz vor dem Abflug nach Venedig, nimmt Donnersmarck in Potsdam noch einen Preis entgegen, den Bambi, zusammen mit den deutschen Hollywood-Regisseuren Roland Emmerich und Oliver Hirschbiegel, dem Kameramann Michael Ballhaus und der Oscar-Gewinnerin Caroline Link. Alle fünf werden gleichzeitig auf die Bühne geschickt, der Kameramann der TV-Übertragung versucht, die fünf möglichst nah zusammen ins Bild zu bekommen, aber Donnersmarck überragt alle, es sieht aus wie ein Gruppenbild mit Riese, hektisch schneidet der Regisseur in die Totale zurück. Deutschland ist zu klein für Donnersmarck.

Im Februar beginnt der Dreh in Venedig. Donnersmarck hat zusammen mit seiner Familie den Palazzo Polignac bezogen. Der Salon ist etwa zwanzig Meter lang und sieben Meter breit, vom Balkon schaut man auf den Canal Grande. An den Wänden stehen sehr flache Sofas, man sitzt fast auf dem Boden. "Die heißen Wagner-Sofas", sagt Donnersmarck. "Ob das wirklich etwas mit Wagner zu tun hat, weiß ich nicht." Der Palazzo Polignac stammt aus dem 15. Jahrhundert, er ist mit Fresken Tiepolos verziert, im Erdgeschoss steht noch der Flügel, an dem einst Strawinski und Rubinstein spielten.

Die Vorbereitungszeit ist knapp, sie reicht nicht für aufwendige Nachbauten im Studio. Also muss der Film komplett an Realschauplätzen gedreht werden. Das letzte Mal, dass Hollywood einen Film nahezu vollständig in Venedig drehte, ist mehr als fünfzig Jahre her. Er hieß "Summertime", ein Melodram mit Katharine Hepburn, inszeniert vom Briten David Lean, dem großen Perfektionisten.

Es bedeutet hohen Aufwand, Crew und Technik auf kleinen Booten durch die Stadt zu transportieren. Momentan ist ständig Hochwasser, viele Kanäle sind gesperrt. "Natürlich wäre es viel einfacher und billiger, im Studio zu drehen", sagt Donnersmarck. "Aber schaut euch mal um", er zeigt in den Salon. "Hier muss jedes Detail stimmen. Niemals hätten wir in dieser kurzen Zeit venezianische Innenräume nachbauen können, nicht in der Präzision, die ich mir vorstelle. Und ich kenne mich mit venezianischen Innenräumen aus, ich habe schon als Kind viel Zeit hier verbracht." Bei seinem Onkel, dem Fürsten von Clary und Aldringen, im Palazzo Clary, wenn ihn die Eltern nach Italien schickten, um die Sprache zu lernen oder Tizian zu studieren.



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