AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2010

Kino: Unter Genieverdacht

Von Lars-Olav Beier

Kein deutscher Regisseur wurde von Hollywood so heftig umworben wie Florian Henckel von Donnersmarck, der 2007 für sein Spielfilmdebüt "Das Leben der Anderen" einen Oscar gewann. Nun drehte er mit Angelina Jolie und Johnny Depp den romantischen Thriller "The Tourist".

"The Tourist": Unheilvolle Vorgeschichte Fotos
Kinowelt

Auf dem Parkplatz vor dem Kreuzfahrtterminal in Venedig springen die Laternen an und verbreiten fahles Licht. Johnny Depp öffnet seine Tabakdose und dreht sich eine Zigarette. Angelina Jolie hält ein Plastikglas mit Champagner in die Höhe und sagt: "Auf dich, Florian!"

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Es ist der 45. Drehtag des Films "The Tourist", der 30. April 2010. Florian Henckel von Donnersmarck hat in zwei Tagen Geburtstag, er wird 37. Das Team stößt schon heute mit ihm an, direkt am Drehort, gerade haben sie Szene 114 abgeschlossen. Nirgendwo sieht Venedig weniger nach Venedig aus als an diesem Terminal.

Jolie steht neben Donnersmarck, sie trägt ein grünes Kleid ohne Ärmel, ihre Arme sind sehr zart, sie wirkt fragil neben dem hünenhaft großen Regisseur. Von weitem sieht es aus, als redete ein Vater mit seiner Tochter.

Depp erzählt, dass er sich die Picassos im Guggenheim-Museum von Venedig angesehen habe. "Großartiger Maler", sagt Depp, "aber wahrscheinlich ein recht unangenehmer Kerl." Erfolg tue dem Charakter wohl nicht immer gut.

Donnersmarck streckt sich, er ist jetzt noch größer als seine 2,05 Meter. Seine Künstlerlocken wippen ein wenig. Er beginnt einen kleinen Vortrag über das Geheimnis großer Kunst und großer Künstler wie Thomas Mann und Richard Wagner. Donnersmarcks Mutter hat ihm zu seinem zwölften Geburtstag die Erstausgabe von Wagners Autobiografie geschenkt. Seitdem ist Wagner irgendwie sein Thema.

Donnersmarck braucht keine Kanzel und kein Podest

Große Kunst, sagt Donnersmarck, sei meist erfolgreich. Wagner habe immer gern in großen Palästen gewohnt, auch wenn er knapp bei Kasse gewesen sei. Donnersmarck braucht keine Kanzel und kein Podest, er überragt alle weit und breit. "Wagner sagte sich einfach: Irgendwo wird das Geld schon herkommen." Alle lauschen gebannt.

"Mach ich genauso", sagt Depp in die Stille hinein und ruft über den Parkplatz: "Disney, wo seid ihr?" Donnersmarck lacht. Die Stars, die Produzenten, das Team, sie alle umringen ihn wie den Geschichtenerzähler am Kamin eines Herrenhauses, und er lässt sie eintauchen in die Geschichten aus der alten Welt, Geschichten von großen deutschen Künstlern.

Er hat es geschafft, Hollywood hat sich um ihn versammelt.

Vor über drei Jahren bekam Donnersmarck für sein Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" den Oscar für den besten ausländischen Film. 1,6 Millionen Euro hat der Film gekostet, er spielte fast 60 Millionen Euro ein. Keine deutsche Produktion dürfte so viele Preise gewonnen haben. Es war Donnersmarcks erster Spielfilm, ein grandios inszeniertes Kammerspiel über Liebe und Verrat in der DDR und die Frage, ob ein Spitzel nicht trotzdem ein guter Mensch sein kann.

Seitdem steht nicht nur Donnersmarcks Frisur unter Genieverdacht. Und die Frage, ob Erfolg den Charakter verändert, ist im Fall Donnersmarck ziemlich einfach zu beantworten: Nein, wahrscheinlich war er schon immer so.

Nie zuvor wurde ein deutscher Regisseur so heftig von Hollywood umworben

Nun kommt eine Woche vor Weihnachten sein zweiter Film in die Kinos, eine Großproduktion, rund hundert Millionen Dollar Budget, gedreht an Originalschauplätzen in Venedig, in den Hauptrollen Hollywoods wohl derzeit größte Stars: Angelina Jolie und Johnny Depp. Noch nie zuvor war ein deutscher Regisseur so heftig von Hollywood umworben worden. Nun also das ganz große Geld, die ganz großen Stars, der ganz große Druck, aber nur ganz wenig Zeit.

Sommer 2009 in Los Angeles, das Filmprojekt mit Jolie und Depp gibt es nicht mal als Idee. Donnersmarck ist ein paar Monate zuvor mit seiner Familie in eine Villa am Amalfi Drive im Stadtteil Pacific Palisades gezogen. Whoopi Goldberg und Steven Spielberg wohnen ein paar Häuser weiter. Allein das Grundstück soll sechs Millionen Dollar wert sein. Vom Garten aus sieht man über das Tal, ein grandioses Panorama. Erfolg und Freiheit, so sieht das aus in Hollywood.

Der Oscar und die anderen Preise, die er gewonnen hat, stehen in Hängeschränken in einem Raum direkt neben der Küche. Die Regisseurin Kathryn Bigelow, die Anfang 2010 den Oscar gewinnen wird, ist in der Villa regelmäßig zu Gast. Die beiden gehen auch zusammen wandern. Das wollte Donnersmarck schon immer: bedeutenden Künstlern gegenübertreten, nicht als Emporkömmling, sondern als Ebenbürtiger.

Jetzt ist er einer von ihnen, doch "die totale Lebensveränderung in kürzester Zeit" muss er erst verkraften. "In diesem Taifun an guten Dingen, der über dich hereinbricht, musst du wieder die Ruhe und das Gleichgewicht finden, um zu glauben, dass das, was du machst, Hand und Fuß hat."

Hollywood wollte ihn. Die Oscar-Preisträger Anthony Minghella ("Der englische Patient") und Sydney Pollack ("Jenseits von Afrika") haben die Rechte an "Das Leben der Anderen" gekauft, für eine amerikanische Neuverfilmung. Fast alle großen Studios nahmen Kontakt mit ihm auf und boten ihm Projekte an. Über hundert Drehbücher hat er seitdem gelesen. Ein paar Unterschriften, und er hätte Millionen verdient. Doch er lehnte alles ab.

"Ich habe noch nie nach einem Drehbuch gearbeitet, das ich nicht selber geschrieben habe", sagt er. "Es hat sich in der Vergangenheit bewährt, und deshalb nehme ich mir die Zeit, es selber zu entwickeln. Es ist eine innere Reise, auf der ich hier bin. Eine Selbstentdeckung. Nicht ein kalkulierter Karriere-Move."

Die anderen deutschen Regisseure, die heute in Hollywood arbeiten, Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen, mussten sich hochdienen. Sie gelten als sparsam, präzise, fleißig, als gute Handwerker, die ein Drehbuch effizient umsetzen können. Doch Donnersmarck sieht sich nicht als jemanden, der etwas umsetzt. Als ihm das Festspielhaus Baden-Baden 2008 die Inszenierung der "Ring"-Tetralogie anbietet, erwidert er, "sogar Wagner selber würde mir raten, besser meinen eigenen 'Ring' zu schreiben und zu inszenieren, als seinen neu zu interpretieren".

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