Prostituierten-Theater: Würstchen, Brutalos und neckische Sexarbeiterinnen

Von Christine Wahl

"Muschis aller Länder, vereinigt euch!" rufen die Darstellerinnen an der Berliner Schaubühne. Für "Lulu - Die Nuttenrepublik" hat Volker Lösch echte Sexarbeiterinnen ins Ensemble geholt. Der Regisseur fürs Plakative ist diesmal erstaunlich facettenreich - aber auch zu pointenverliebt.

"Lulu - Die Nuttenrepublik": Nicht weit zu Mario Barth Fotos
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Nein, wir befinden uns nicht in einer Demonstration bekennender Postfeministinnen auf der Kreuzberger Oranienstraße, sondern in der Berliner Schaubühne. Hier hat Volker Lösch Frank Wedekinds 1898 uraufgeführten "Lulu"-Stoff mit Erfahrungen heutiger Sexarbeiterinnen verschränkt. In Löschs "Lulu - Die Nuttenrepublik" spielen neben Schauspielerinnen auch echte Prostituierte. Klassische Bühnenstücke mit Chören realer Betroffener anzureichern, gilt als Markenzeichen des Regisseurs: In Gerhart Hauptmanns "Die Weber" stellte er seinen Schauspielern einen Arbeitslosenchor zur Seite. Alfred Döblins "Berlin, Alexanderplatz" inszenierte er mit ehemaligen Strafgefangenen. Und in Euripides' "Medea" standen Migrantinnen auf der Bühne.

Diesmal hat Volker Lösch bei der Auswahl der Betroffenengruppe vor allem Flexibilität bewiesen: Ursprünglich wollte er mit Profis aus der Finanzbranche Georg Kaisers Schauspiel "Von morgens bis mitternachts" inszenieren. In diesem expressionistischen Text von 1912 veruntreut ein Bankangestellter einer Frau zuliebe 60.000 Mark. Da sich allerdings nicht genügend Insider aus dem Bankgeschäft zur Mitarbeit meldeten, schwenkte Lösch - hübsche Pointe - kurzerhand auf Wedekinds "Lulu" und die Berliner Sexarbeiterinnen ein.

Wie immer geht es dem Regisseur dabei nicht um Differenzierungen und Zwischentöne, sondern um plakative Zuspitzungen. Denn den Fleisch gewordenen Männertraum Lulu auf eine Prostituierte zu reduzieren, ist natürlich per se eine extreme Verkürzung des Stoffs. Dafür sind die gecasteten Sexarbeiterinnen - was Lösch durchaus nicht in jeder Inszenierung gelingt - erfreulich facettenreich: Frauen zwischen zwanzig und sechzig mit höchst unterschiedlichen biografischen und sozialen Hintergründen. Kurzum: Die Projektionsfläche Lulu trägt in der Schaubühne zunächst angemessen variantenreiche Gesichter.

Wie aber passen diese vergleichsweise pragmatischen Erwerbstätigen aus der Sexbranche zur triebanarchischen Bühnenfigur Lulu, die dank einflussreicher Männer zunächst in höchste soziale Kreise aufsteigt und später - von Männern verraten und verkauft - auf dem Straßenstrich ermordet wird?

"0 heißt: poppt wie ein Schaf"

Volker Lösch und sein Dramaturg Stefan Schnabel entgehen der Gefahr, die Sexarbeiterinnen auf eindimensionale Patriarchatsopfer zu reduzieren. Die Ausstatterin Carola Reuther hat aus mehr als tausend übereinander gestapelten Kopfkissen einen steifen Vorhang gebaut, der die gesamte Bühnenbreite einnimmt. Wenn die Frauen sich durch diese Kissenburg hindurch an die schmale Bühnenfront vorgearbeitet haben, beschreiben sie den Prostituierten-Job eher selbstbewusst. "Ich bin teilnehmende Beischlafbeobachterin", bekennt da etwa eine hauptberufliche Geisteswissenschaftsstudentin. Und ihre Kollegin geht in jeden "Termin" mit dem festen Willen, "guten Sex" zu haben. Den Leistungsdruck delegiert sie einfach an den jeweiligen Freier: "Bursche, du musst liefern!" Frühe Missbrauchserfahrungen oder Demütigungen wie der "Verkehrsbericht", in dem Kunden via Internet die Prostituierten auf einer Skala von 0 bis 9 bewerten können ("0 heißt: poppt wie ein Schaf"), bleiben eher in der Minderzahl.

Über Strecken gewinnt man so den Eindruck, Lösch und Schnabel seien in frauenpolitischer Korrektheit übers Ziel hinausgeschossen und einer gewissen Romantisierung des Berufs erlegen. Vor allem in den Momenten, in denen der Chor neckisch auf Pointe inszeniert ist. Einmal solidarisieren sich die Bühnenfrauen zum Beispiel unter schenkelklopfendem Publikumsapplaus mit den Sex verweigernden Freundinnen der Freier. Denn der Mann an und für sich, heißt es da, halte die Vagina nach wie vor für die einzige erogene Zone am Frauenkörper. Von dort aus ist es, mit Verlaub, nicht mehr allzu weit zu Mario Barth.

Recht schlicht geht es auch in der Rahmenhandlung zu. Lulus Männer existieren sämtlich in genau zwei Varianten: Erstens als peinliches Würstchen vor und zweitens als fieser Brutalo nach dem Geschlechtsverkehr. Ob der prekäre Stiefvater Schigolch (Felix Römer), der Chefredakteur Dr. Schöning (David Ruland) oder der Kunstmaler Schwarz (Sebastian Nakajew), der bei Lösch aus Modernisierungsgründen zu einer Art Promi-Fotograf mutiert ist: Jeder kommt als triebgesteuerter Kasper auf die Bühne, lässt in Lulus Angesicht die Hosen fallen, hantiert mit Riesenspargeln aus Schaumstoff oder simuliert Samenergüsse aus großzügig freigelegten Penissen. Von dannen ziehen die Jungs nach knapp zwei Stunden kollektiv als skrupellose Ladykiller. Was Wunder, dass die Schauspieler ihren Part dann auch abendfüllend auf genau zwei Tonlagen erledigen.

Die Inszenierung bekommt so etwas krachledern Komödiantisches, das in merkwürdige Schieflage sowohl zu Lulu als auch zu den Berichten der Sexarbeiterinnen gerät. Die Schaubühnen-Akteurin Laura Tratnik wirkt als Lulu folgerichtig hilflos, wenn sie ihren Hintern auf die männliche Genitalhöhe recken muss, um die Jungs im nächsten Moment schnippisch abfahren zu lassen.

Das Premierenpublikum in der Schaubühne spendiert zwar großzügig Beifall und zustimmende Pfiffe. Aber was "Lulu", die zwischengeschlechtlichen Machtverhältnisse und entsprechende Gesellschaftsanalysen betrifft, waren Regisseure wie Michael Thalheimer schon vor sechs Jahren wesentlich weiter.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. ganz nett
The Self 13.12.2010
Vor allem die Stelle mit "Bursche, du musst liefern". Das wäre so wie wenn ein Putzteam von seinem Kunden erwarten würde das es sauber ist.
2. Gut...
Mardor 13.12.2010
...jetzt weiß ich wenigstens, was ich mir bei meinem nächsten Berlin-Aufenthalt garantiert NICHT antun werde.
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