AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2010

Welthandel Hilfe mit Hintergedanken

Die Chinesen nutzen die Schwäche Europas, um ihren Einfluss auf dem Kontinent auszubauen. Sie locken mit Investitionen und dem Kauf von Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder - und schaffen sich so Bundesgenossen innerhalb der EU.

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DPA

Portugals Kavallerie war aufmarschiert, um Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao, 67, prunkvoll zu begrüßen. Plötzlich bäumte sich eines der Pferde auf und warf seinen Reiter zu Boden. Regungslos wartete der chinesische Staatsgast das Ende der Zeremonie ab, dann ging er auf den gestrauchelten Leibgardisten zu, umarmte ihn und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei.

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Hus fürsorgliche Geste Anfang November in Lissabon hatte Symbolwert: Das sei der "schönste Moment" gewesen, "in dem die Welt in Fleisch und Blut das wahre China erkennt", jubelte das kommunistische Parteiorgan "People's Daily".

Für China gibt es in Europa derzeit reichlich Gelegenheit, Mitgefühl zu zeigen. Anlass ist die akute Schuldenkrise der Euro-Zone. Mit Zusagen für finanzielle Hilfe und mit Vertrauensbekundungen in den Euro versucht Peking seinen größten Handelspartner zu stabilisieren - vor allem im eigenen chinesischen Interesse.

Schon vor seiner Ankunft in Lissabon war Hu in Portugal als Retter herbeigesehnt worden. Mit Blick auf die Schuldenmisere versprach der Chinese, das EU-Land durch "konkrete Maßnahmen zu unterstützen". Den bilateralen Handel wolle China bis 2015 verdoppeln.

Anders als von den klammen Portugiesen erhofft sagte Hu zwar nicht, ob er ihnen auch durch den Kauf von Staatsanleihen helfen will. Doch seine Vize-Außenministerin Fu Ying hatte diese Möglichkeit bereits vor der Visite grundsätzlich angedeutet.

Chinas Hilfsangebote zielen auf wacklige Euro-Länder

Denn die aufstrebende Supermacht nutzt die Euro-Krise geschickt, um ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf dem Kontinent langfristig auszubauen. Ihre Hilfsangebote zielen vor allem auf die wackligsten Mitglieder des Euro-Raums, die hochverschuldeten sogenannten PIIGS-Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien. Die Volksrepublik möchte sie langfristig als Bundesgenossen in der EU gewinnen.

China habe sich Griechenland, Spanien und Italien gegenüber schon früher als "Freund" verhalten und deren Anleihen gekauft, als andere Investoren geflohen seien, erklärte Premier Wen Jiabao gönnerhaft auf seiner Europareise im Oktober. "Wir werden weiter Hilfe leisten und gewissen Ländern über ihre Schwierigkeiten hinweghelfen."

Vor dem Parlament in Athen versprach Wen insbesondere Hilfe für die Griechen: China werde ihre Staatsanleihen erwerben, sobald sie diese wieder an den Finanzmärkten anböten. Das waren nur Worte, aber die zittrigen Märkte sahen darin ein Vertrauensvotum für den Euro: Das sprach der Mann, der mit darüber entscheidet, wie China die größten Devisenreserven der Welt anlegt.

Rund 2,5 Billionen Dollar hat China angehäuft, schätzungsweise 70 Prozent davon hat es in Dollar-Anlagen investiert. Doch mit Sorge verfolgen die Machthaber in Peking, wie ihr größtes Schuldnerland, die USA, mit seiner lockeren Geldpolitik den Wert des Dollar immer tiefer drückt.

Seit einiger Zeit versuchen die Chinesen daher, ihren Devisenschatz stärker auch in Nicht-Dollar-Währungen anzulegen. Zu den Befürwortern dieser Diversifizierung zählt Yu Yongding, ein einflussreicher Ex-Berater der Zentralbank. Zwar seien andere Währungen "nicht unbedingt ein idealer Ersatz" für US-Staatsanleihen, so der Ökonom, den sie in Peking auch "Dollar-Killer" nennen. Doch könne die Volksrepublik so einem dramatischen Wertverfall der US-Währung vorbeugen.

Im Juli kaufte China zum Beispiel für 400 Millionen Euro spanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit. Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bedankte sich dafür artig bei einem Besuch in Peking im September: Wenn China seinen Anteil an spanischen Anleihen erhöhe, sagte er, stärke es das Vertrauen der Finanzmärkte. Er hoffe, dass China noch mehr spanische Anleihen kaufen werde.

In weiten Teilen Europas sind die Chinesen höchst willkommen

Die klammen Südeuropäer blicken immer begehrlicher nach Peking. Doch welches Land die chinesischen Staatskapitalisten im Einzelnen durch den Kauf von Anleihen unterstützen, ist höchst undurchsichtig.

Die Anlage-Manager der Staatlichen Devisenverwaltung (SAFE) tüfteln ihre Strategien hinter den Mauern eines Büroklotzes in Peking aus. Nur selten melden sie sich öffentlich zu Wort. Formal sind sie der Zentralbank unterstellt. Deren Gouverneur, Zhou Xiaochuan, 62, erregte im vergangenen Jahr weltweit Aufmerksamkeit, als er vorschlug, den Dollar als globale Leitwährung durch Sonderziehungsrechte des Weltwährungsfonds zu ersetzen. Letztlich folgt Zhou treu den Weisungen der Partei, deren Zentralkomitee er angehört.

Ähnliches gilt für den Staatsfonds CIC, der rund 200 Milliarden Dollar aus dem Devisenschatz verwaltet - zum Beispiel in Form von Beteiligungen an ausländischen Aktienfonds, Rohstoffminen oder Konzernen.

Bei seiner Gründung vor drei Jahren wurde CIC von den Europäern noch stark beargwöhnt. "EU-Beamte kamen zu mir und verlangten, ich solle mich festlegen, dass meine Investments zehn Prozent nicht überschritten", berichtete CIC-Manager Lou Jiwei vergangenes Jahr mit unverhohlenem Sarkasmus. "Ich sagte, in Ordnung, dann komme ich eben nicht."

Die Zeiten haben sich geändert. Heute stoßen die Chinesen nur noch selten auf Widerstand, wie etwa in Hamburg, wo sie sich bislang vergebens um eine Beteiligung am Hafen der Hansestadt bemühen. In weiten Teilen Europas sind sie dagegen inzwischen höchst willkommen.

Als Brückenkopf für ihren Handel mit Osteuropa nimmt die Volksrepublik vor allem Griechenland ins Visier. Schon vor der aktuellen Schuldenkrise sicherte sich die chinesische Staatsreederei Cosco im Zuge eines 35-jährigen Pachtvertrags den Hafen von Piräus. Bis 2015 will sie dort den Umschlag der Container von derzeit 800.000 Stück auf 3,7 Millionen Stück erhöhen, verkündete Premier Wen.

Im irischen Athlone erwägen chinesische Investoren den Bau eines gigantischen Konferenz- und Ausstellungszentrums für ihre Exportindustrie. Ein Standortvorteil aus Pekinger Sicht: Irland ist das einzige englischsprachige Land der Euro-Zone. In Portugal will sich der Energieriese China Power International am örtlichen Versorger EDP beteiligen; beide Firmen wollen in Europa, Afrika und Brasilien bei erneuerbaren Energien kooperieren.

Und in Italien ließ Ministerpräsident Silvio Berlusconi für Premier Wen gar das Kolosseum in Rom tiefrot anstrahlen und darauf in chinesischen Schriftzeichen die Freundschaft beider Länder beschwören. Auch den Italienern versprach Wen, bis 2015 den Handel zu verdoppeln.

Minimales Investment, maximaler Einfluss

Letztlich fördert China mit den Zusagen für die verschuldeten PIIGS-Länder also die eigene Industrie. Auch politisch erwartet Peking von den Europäern mehr Gefügigkeit: Bei seinem Gipfel mit EU-Repräsentanten in Brüssel im Oktober verbat sich Wen Forderungen nach einer Aufwertung der chinesischen Währung. China hält den Wechselkurs des Yuan künstlich niedrig und verbilligt so seine Exporte, auch gegenüber der Euro-Zone.

Während eines Kurzbesuchs bei Bundeskanzlerin Merkel sicherte sich Wen die Zusage für ein Anliegen, das er seit Jahren vergebens vorgebracht hatte: Merkel versprach, Chinas Wunsch zu unterstützen, innerhalb von fünf Jahren von der EU als Marktwirtschaft anerkannt zu werden. Dann dürfte es für die EU schwer werden, staatlich geförderte Billigexporte aus China mit Dumpingzöllen zu belegen oder das Land wegen erzwungener Technologietransfers anzuprangern.

Je tiefer sich EU-Staaten in finanzielle Abhängigkeit von China begeben, desto mehr könnte es ihnen gegenüber China ergehen wie bereits den Amerikanern. "Wie springen Sie hart mit Ihrem Banker um?" - mit diesen hilflosen Worten beschrieb Außenministerin Hillary Clinton laut den jüngsten WikiLeaks-Enthüllungen das Dilemma der US-Außenpolitik gegenüber Peking.

Wie viel Geld China tatsächlich in Anleihen der PIIGS-Staaten investieren soll, wird in Peking noch diskutiert. Als Investment seien die Papiere "viel zu riskant", warnt Ökonom Yi Xianrong von der Pekinger Akademie für Sozialwissenschaften, der staatlichen Denkfabrik. "Solange die EU ihre internen Widersprüche nicht gelöst hat, sollte China dort lieber keine Staatsanleihen kaufen."

Nur im Zuge "politischer Geschäfte", sagt Yi, sei es für China klug, Euro-Anleihen zu erwerben, "aber nur wenig". Minimales Investment, maximaler Einfluss - eben an diese Strategie hat sich Peking gegenüber Europa bisher auch gehalten.



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Seite 1
thunderhand 15.12.2010
1. ist doch wunderbar
Zitat von sysopDie Chinesen nutzen die Schwäche Europas, um ihren Einfluss auf dem Kontinent auszubauen. Sie locken mit Investitionen und dem Kauf von Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder - und schaffen sich so Bundesgenossen innerhalb der EU. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,734778,00.html
da weiss man doch wenigstens, wohin sich das deutsche lohnniveau demnächst entwicheln wird...
dextermorgan 15.12.2010
2. China "frißt" Europa!
Nicht lange dann ist die europäische Fahne Rot mit einem großen Stern in der Mitte! China und seine Vasallenstaaten! Ich übe schon mal das Stäbchenessen!!
eeezy 15.12.2010
3. Hilfe!
Das kommt davon wenn man von hirnlosen Egomanen regiert wird! Scheinbar sind die meisten Europäer selber welche sonst würden wir uns diesem erbärmlichen Spektakel nicht ergeben....Gute Nacht!
uuuppppsss 15.12.2010
4. Lächeln reicht nicht
darf ich das Langzeitgedächtnis der werten Leser strapazieren?
aprilapril 15.12.2010
5. Lohnniveau
Zitat von thunderhandda weiss man doch wenigstens, wohin sich das deutsche lohnniveau demnächst entwicheln wird...
ist das Eine und sicher nicht unwichtig. Mich beschleicht jedoch ein anderes ungutes Gefühl. Wer dem Altbundeskanzler H.Schmidt (warum bist Du nicht 30 Jahre jünger, um unseren Dilettanten zu zeigen, was zukunftsorientierte Politik ist) gestern bei Maischberger aufmerksam zugehört hat, muss befürchten, dass Europa zum Wurmfortsatz der Welt verkommt, zum Blinddarm, den keiner braucht. Es sei denn, dieser Hühnerhaufen einigt sich endlich auf gemeinsame Standards in Wirtschaft, Steuer und sonstigen Regularien.
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