AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2010

SPIEGEL-Streitgespräch "Schrecken ohne Ende"

Wirtschaftswissenschaftler Bofinger (l.), Homburg: "Das ist reine Angstmache"
Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Wirtschaftswissenschaftler Bofinger (l.), Homburg: "Das ist reine Angstmache"

2. Teil: "Die Bundesregierung war viel zu zaghaft"


SPIEGEL: Mal angenommen, das System würde so eingeführt, wie es Herr Bofinger vorschlägt. Wäre das die Lösung, Herr Homburg?

Homburg: Nein. Der Stabilitätspakt hat nicht funktioniert, und er wird auch nie funktionieren. Die Bundesregierung ist mit allen Versuchen, den Stabilitätspakt zu härten, grandios gescheitert.

Bofinger: Das ist eine Frage des Verhandlungsgeschicks. Ich bin überzeugt: Wenn sich die Bundesregierung bereitfinden würde, Euro-Bonds einzuführen, könnte sie den anderen Ländern Bedingungen stellen, nach dem Motto: Wir geben dem Euro noch eine Chance, aber nur, wenn sich unsere Partner zu strikter Haushaltsdisziplin verpflichten.

Homburg: Wenn wir am Euro festhalten, gibt es einen Schrecken ohne Ende. Ich plädiere für ein Ende mit Schrecken, also ein Ende des Währungsexperiments. Europa würde dadurch befriedet und unter dem Strich besser fahren.

SPIEGEL: Sie fordern also, dass Deutschland aus dem Euro aussteigt. Die Frage ist nur, ob die wirtschaftlichen Folgen verkraftbar sind?

Homburg: Technisch ist der Ausstieg aus dem Euro genauso einfach wie vor einigen Jahren der Einstieg. Allerdings wird er wohl kaum mit langem Vorlauf angekündigt werden: Eines Morgens wachen wir auf und hören im Radio, dass wir eine neue Währung haben.

Bofinger: Das hört sich jetzt richtig idyllisch an, wie Sie den Deutschen über Nacht wieder zu ihrer geliebten D-Mark verhelfen wollen. Es wird aber nicht idyllisch, es wäre ein Horrortrip. Würden die Deutschen aus dem Euro aussteigen, würden ihre Vermögen im EU-Ausland auf einen Schlag an Wert verlieren. Vor allem Banken und Versicherungen könnten dadurch in Existenznot geraten. Zudem würde eine Kapitalflucht in die neue D-Mark einsetzen, die alles sprengen dürfte, was wir bislang erlebt haben.

Homburg: Gemach, gemach. Was Sie Kapitalflucht nennen, also die Umschichtung von Griechenland-Bonds oder Irland-Bonds in Bundesanleihen oder französische Staatsanleihen, läuft doch seit langem. Das sind normale Kapitalmarktbewegungen.

Bofinger: Bei einer Rückkehr zur Mark würde der Prozess aber zusätzlich in Schwung kommen. Unsere Währung würde auf einen Schlag um 30 oder 40 Prozent aufwerten. Das wäre der Overkill für die deutschen Exporteure, weil ihre Waren auf den wichtigsten Absatzmärkten entsprechend teurer würden. So etwas haben wir schon einmal Mitte der neunziger Jahre erlebt, als die Mark gegenüber Pfund, Lira und Franc stark an Wert gewann. Die deutsche Wirtschaft hat über ein Jahrzehnt gebraucht, um sich von diesem Schlag zu erholen.

Homburg: Die Schwierigkeiten Mitte der neunziger Jahre beruhten auf den Folgen der Wiedervereinigung und nicht auf dem Wechselkurs. Die D-Mark würde zwar etwas aufwerten, aber längst nicht so stark, wie Sie suggerieren. Andererseits käme der damit verbundene Kaufkraftgewinn unseren Konsumenten zugute. Das ist doch genau das, was Sie jahrelang gefordert haben. Bange machen gilt nicht, denn eine Transferunion, die am Ende ohnehin zusammenbricht, ist ökonomisch wie politisch viel gefährlicher als eine Rückkehr zur D-Mark.

Bofinger: Nur auf den ersten Blick. Wenn wir den Euro aufgeben, würden wir statt unserer Partnerländer bald andere Weltregionen finanzieren.

SPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären.

Bofinger: Schauen Sie sich doch einmal an, wie viel Geld andere Länder aufbringen, um ihren Wechselkurs gegenüber dem Dollar und anderen Währungen halbwegs stabil zu halten. Die Japaner haben fremde Anleihen im Wert von einer Billion Dollar erworben. Und die Chinesen haben Papiere im Wert von 2,6 Billionen Dollar im Tresor. Das ist ein Vielfaches dessen, was die Deutschen bisher für den Zusammenhalt Europas aufgewendet haben. Ist es wirklich besser, US-Anleihen als spanische Anleihen zu kaufen?

Homburg: Einspruch, Euer Ehren. Ging es uns vor zehn Jahren, als die D-Mark existierte, tatsächlich so schlecht? Das sind doch alles unbegründete Horrorszenarien, die Sie hier malen. Nüchtern betrachtet ist im letzten Jahrzehnt enorm viel Kapital aus Deutschland ins europäische Ausland geflossen. Dieser Strom würde sich bei Rückkehr zur D-Mark umkehren, es würde wieder mehr in Deutschland investiert.

SPIEGEL: Herr Bofinger, Ihr Kollege meint, dass Deutschland der europäischen Idee geradezu einen Dienst erwiese, wenn es aus dem Euro ausstiege. Sehen Sie das auch so?

Bofinger: Im Gegenteil: Würde Deutschland den Euro verlassen, würde das Europa um Jahrzehnte zurückwerfen. Der Kontinent würde wieder als Ansammlung von Kleinstaaten wahrgenommen und nicht als starker Wirtschaftsraum, der den USA und den aufstrebenden Schwellenländern Asiens wirtschaftlich Paroli bieten kann.

SPIEGEL: Kanzlerin Merkel hat in der Euro-Krise bisher eine moderate Linie vertreten: Sie will den Euro erhalten, lehnt aber EuroBonds ab. Wie beurteilen Sie ihr bisheriges Krisenmanagement?

Bofinger: Die Bundesregierung war viel zu zaghaft, viel zu kleinteilig. Sie hat bei all ihren Aktionen immer nur gehofft, dass alles schon nicht so schlimm kommt. Aber die bisherigen Einzelaktionen werden auf die Dauer nicht ausreichen.

Homburg: Da stimme ich Ihnen zu 100 Prozent zu. Die Bundesregierung hat sich von den Ereignissen nur treiben lassen und immer erst nein gesagt, um dann doch einzuknicken. Das war im Falle Griechenlands so, beim sogenannten Euro-Rettungsschirm und zuletzt im Fall Irlands. Dieses perspektivlose Durchwursteln hat die Finanzmärkte weiter verunsichert.

SPIEGEL: Das klingt hinreichend düster. War die Währungsunion von Beginn an ein Fehler?

Bofinger: Nein. Die Währungsunion ist ökonomisch wie politisch eine vernünftige Sache. Und wir haben von dem Gemeinschaftsgeld profitiert. Ohne den Euro wäre Deutschland eine Art Japan geworden, mit schwachem Wachstum und stets am Rande der Deflation. Wie Japan hätten wir jeder Abwertung des Dollar mit Lohnzurückhaltung begegnen müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Das haben wir dank des Euro vermieden, und deshalb lohnt es sich auch, alles zu tun, damit er uns erhalten bleibt.

Homburg: Jeder Ökonom unterschreibt, dass Einheitswährungen theoretische Vorteile bieten. Sie vergrößern die Märkte und verringern die Kosten. Praktisch ist das Euro-Experiment aber gescheitert. Ich halte die Europäische Union für eine gute Sache und will sie nicht durch krampfhaftes Festhalten an einem fehlgeschlagenen Währungsexperiment gefährden. Genau das aber tut die Politik.

SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Homburg, wie lange geben Sie dem Euro noch?

Homburg: Keine zehn Jahre.

Bofinger: Wenn er die nächsten zwei Jahre übersteht, hat er eine gute Überlebenschance.

SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Homburg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das SPIEGEL-Streitgespräch führten die Redakteure Christian Reiermann und Michael Sauga.



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Seite 1
endbenutzer 22.12.2010
1.
Ein griechischer Lokführer verdient 5000 Euro netto im Monat? Was sind wir Deutschen doch für Blödmänner...
Inuyasha, 22.12.2010
2. Schluss!
Dazu kann man nur eines sagen: Deutsches Geld für Deutsches Land. Raus aus dem Euro. Wann begreift die politische Kaste endlich, das sie dem Volk verpflichtet ist, nicht Europa und nicht den ganzen Pleitegeiern? Wenn sie so weitermachen, zerfällt die EU eines Tages in Blut und Eisen. DAS kann hoffentlich niemand wollen...
Social Distortion, 22.12.2010
3. Der ist gut:
Zitat von sysopDie Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger und Stefan Homburg über die Euro-Krise, die Folgen eines deutschen Ausstiegs aus der Währungsunion und die Frage, was Euro-Bonds und Spätzle miteinander verbindet http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,735669,00.html
Bofinger: "Nein. Die Währungsunion ist ökonomisch wie politisch eine vernünftige Sache. Und wir haben von dem Gemeinschaftsgeld profitiert. Ohne den Euro wäre Deutschland eine Art Japan geworden, mit schwachem Wachstum und stets am Rande der Deflation. Wie Japan hätten wir jeder Abwertung des Dollar mit Lohnzurückhaltung begegnen müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen." Gut, daß durch den Euro die Löhne in den letzten Jahren so schön gleichmäßig gestiegen sind.
sukowsky, 22.12.2010
4. Ohne Sinn und Verstand Kredite vergeben
Die Finanzindustrie dagegen hat über Jahre ohne Sinn und Verstand Kredite vergeben. Das kann man nur unterstreichen von Herrn Bofinger
nr6527 22.12.2010
5. Oh je
Zitat von sysopDie Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger und Stefan Homburg über die Euro-Krise, die Folgen eines deutschen Ausstiegs aus der Währungsunion und die Frage, was Euro-Bonds und Spätzle miteinander verbindet http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,735669,00.html
Was soll man schon von Bofinger halten? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,735669-2,00.html Entweder hat er die letzten zehn Jahre nicht in Deutschland gelebt oder er hat sich in einer Paralelwelt befunden. Der normale Bürger in Deutschland hat nicht vom Euro profitiert und Lohnzurückhaltung und Lohndumping hat breite Bevölkerungsteile verarmen lassen. Wenn man tatsächlcih den Euro erhalten möchte, muss man die Handelsbilanzunterschiede angleichen, das geht im Falle der Gemeinschaftswährung nur durch höhere Löhne und Mindestlohn in Deutschland. Wer den Euro retten will, ohne diese grundlegenden Zusammenhänge zu erkennen, kann nur scheitern. Immerhin wurden die Folgen der CDU/FDP Politik unter Merkel richtig erkannt: Schrecken ohne Ende
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