AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2010

Verbraucher Gefährliche Gemütlichkeit

Ethanol-Kamine sind ein Renner im Weihnachtsgeschäft. Doch nach dem Todesfall einer Nutzerin wächst die Kritik an dem beliebten Deko-Möbel.

Deko-Kaminofen: Verpuffte Zündung
obs

Deko-Kaminofen: Verpuffte Zündung


Es war nachts gegen 1.20 Uhr, als eine Explosion die Bewohner eines Mietshauses in Glinde aus dem Schlaf riss. Dann hörten sie Schreie, in einer Wohnung im dritten Stock lösten die Rauchmelder Alarm aus. Die 40-jährige Mieterin schleppte sich noch zur Tür, um ihren Nachbarn zu öffnen. Ihre Brandverletzungen waren jedoch so schwer, dass sie nur Stunden später in einem Krankenhaus bei Hamburg starb.

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Heft 51/2010
Die Schicksals-Stadt des Islam

Der Unfall ereignete sich am 25. November. Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen, doch für die zuständige Polizei in Ratzeburg scheint der Fall klar: Ein Bedienungsfehler beim Befüllen des Wandkamins sei die Unglücksursache, sagt eine Sprecherin.

Kaum ein Deko-Möbel gilt als so gefährlich wie Ethanol-Kamine. Die Stiftung Warentest warnte bereits vor den Öfen. Ethanol ist extrem leicht entzündlich, das Nachfüllen des Brennstoffs riskant, die Sicherheit vieler Geräte fragwürdig. Schadensersatzprozesse häufen sich, Unfälle auch: Mal zerbersten vermeintlich sichere Scheiben, mal lassen sich Flammen nicht löschen, mal stürzt ein Wandofen auf seine Besitzerin, weil die Kunststoffdübel in der Wand durch die Hitze schmelzen.

Doch derartige Horrormeldungen scheinen - wie manche Ethanol-Zündung - zu verpuffen. Gerade zur Weihnachtszeit sind die Heimfeuerstellen ein Verkaufsschlager in Baumärkten und Internetshops. Ein bisschen flackernde Gemütlichkeit gibt's schließlich schon für 50 Euro.

Die Anbieter heizen die Nachfrage noch an und preisen die Öfen als günstige Alternative zum Kamin, als "sauber", "energiesparend" und unkompliziert. "Alles leere Versprechen", sagt Immo Terborg von der Hamburger Verbraucherzentrale. Zwar gäben auch die Designkamine ein wenig Wärme ab, und die Kontrolle durch den Schornsteinfeger entfalle. Verschwiegen werde aber mitunter, dass regelmäßiges Lüften erforderlich ist. "Sonst sinkt der Sauerstoffgehalt im Raum bedrohlich ab." Ein Kaminhersteller und die Heimwerkerketten Praktiker und Hornbach unterschrieben der Verbraucherzentrale inzwischen Unterlassungserklärungen, sie dürfen die Produkte künftig nicht mehr als energiesparend oder als Heizgeräte anpreisen.

Fraglich ist auch das Sauber-Image der Bio-Ethanol-Öfen, denn sie sind alles andere als umweltschonend. Beim Verbrennen entsteht das klimaschädliche Kohlendioxid, der Brennstoff selbst wird etwa aus Getreide gewonnen und steht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion.

Keine überwachten Sicherheitsregeln für die Geräte

Die neue Heimeligkeit hat noch einen weiteren Haken: Es gibt überhaupt keine überwachten Sicherheitsregeln für die Geräte. Eine geplante DIN-Norm ist noch in Arbeit. "Jedes Billigprodukt kann quasi ungeprüft auf den Markt gebracht werden", sagt Christiane Böttcher-Tiedemann von der Stiftung Warentest.

In Frankreich ist das anders, da gelten nach einer Reihe von Unfällen seit 2009 erhöhte Sicherheitsnormen. Nun verfügen die Öfen dort über einen Sensor, der die CO2-Konzentration im Raum, die Brenndauer und die Schräglage des Geräts messen kann - und es im Notfall abschaltet.

Es gäbe also durchaus die Möglichkeit, die Gefährlichkeit der beliebten Brenner einzudämmen. Doch im deutschen Normentwurf ist so ein Sensor nicht vorgesehen. Verantwortlich für den Entwurf war, wie so häufig, auch nicht das Deutsche Institut für Normung (DIN), sondern ein externer Normenausschuss beim Industrieverband Haus-, Heiz- und Küchentechnik.

Die Industrie schrieb sich den Standard, der demnächst ohne große Änderungen in Kraft treten soll, quasi selbst. Er sieht weder eine automatische Löschvorrichtung noch einen Sicherheitssensor vor.

Und obwohl es die Norm noch gar nicht gibt, kleben auf diversen Geräten bereits Gütesiegel des TÜV Süd und des TÜV Rheinland. Der TÜV Süd prüft seit geraumer Zeit nach einem eigenen Programm, der TÜV Rheinland zertifiziert nach der geplanten Norm.

Dass die womöglich nicht reicht und trotz des Siegels erhebliches Restrisiko besteht, schwante kürzlich auch den Prüfern. Mitte November warnte der TÜV Rheinland: "Ethanol-Öfen: Nie in geschlossenen Räumen betreiben." Für den Einzelhandel war die Warnung ein Schock, der Verkaufshit drohte zum Ladenhüter zu werden. Komischerweise war die Warnung wenig später entschärft - "Vorsicht beim Nachfüllen", hieß es jetzt nur noch. Zugeständnisse an die Industrie habe es nicht gegeben, so der TÜV.

Von den Prüfzeichen, so die Stiftung Warentest, sollte sich niemand "täuschen lassen". Das Gefahrenpotential der Geräte bleibe enorm hoch - und verantwortlich sei am Ende der Nutzer.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Gegengleich 23.12.2010
1.
Der Artikel ist doch schon ein paar Tage alt. Wurde er jetzt aus aktuellem Grund wieder aus der Mottenkiste geholt? Dann wäre eine Überarbeitung nett gewesen.
johnnychicago 23.12.2010
2. Unglaublich
Im Klartext: Die TÜV-Abzeichen kann man getrost in die Tonne treten! Sehr beruhigend... WIe steht es eigentlich mit Kohlenmonoxid? Wenn ich bedenke, dass diese Öfen praktisch im geschlossenen System funktionieren ohne Abluft nach aussen. Oder irre ich mich da?
marasek, 23.12.2010
3. Schornsteinfeger?
Mich wundert, dass die Teile nicht von den Schornsteinfegern überwacht werden müssen. Ich dachte eigentlich, dass jedwede Feuerstätte unter deren Aufgabengebiet fällt. Wer sich einen Ethanol-Kamin für 50 € ins Wohnzimmer stellt, muss schon sehr mutig sein. Vielen Menschen dürfte heute die Erfahrung fehlen, ein letztlich quasi offenes Feuer richtig einzuschätzen.
Schweizer, 23.12.2010
4. kein Titel
Zitat von sysopEthanol-Kamine sind ein Renner im Weihnachtsgeschäft. Doch nach dem Todesfall einer Nutzerin wächst die Kritik an dem beliebten Deko-Möbel. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,735671,00.html
Waren die Probleme für den, der nachdenkt, nicht von vorne herein klar? - Keine Sauerstoffzufuhr - gefährlicher Brennstoff - teurer Brennstoff (auch ökologisch, weil aus Pflanzen mit geringer Effizienz und Konkurrenz zur Nahrung) - ohne Kamin und ohne Sicherheitseinrichtung gefährlich Fazit: Der neueste Schwachsinn, den uns die Industrie als hip verkauft.
Lavajürgen 23.12.2010
5. ohje
Ich hab ehrlich gesagt gerade ein Mulmiges Gefühl ob nicht einer meiner Nachbarn sich so eine Kiste gekauft hat... Wie kann man sich bitte sowas in die Wohnung stellen. Allein schon Ethanol in der Wohnung zu verbrennen... Warum nicht gleich einen Benzinofen
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