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Ausgabe 52/2010

Automobile: Zähes Streben

Von Christian Wüst

Mit der Wiederbelebung von Bugatti schuf VW das schnellste und teuerste Auto der Welt. Nun werden die Käufer knapp - die Firma soll künftig Edel-Audis bauen.

Bugatti Veyron Super Sport: Rasende Geltungssucht Fotos

Die beschaulichste Produktionsanlage des VW-Konzerns steht in einem Park südwestlich von Straßburg. Rotwild äst auf dem Gelände, ein nettes Schlösschen steht darauf, und der gläserne Neubau erscheint daneben wie ein frisch gelandetes Raumschiff.

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Bugatti ist die kleinste Marke im VW-Verbund, und man vermeidet hier das Wort "Fabrik". "Wir sagen Atelier, weil wir unsere Autos auch als Kunstwerke verstehen", erklärt Fred Schulemann.

Der Werksdirektor ist ein schlanker Herr mit schulterlangem Haar und tadellosem Auftritt. Schulemann hält einige Schrauben in der rechten Hand wie Beweisstücke für das eben Gesagte. Es sind Schrauben aus Titan, einem der leichtesten und zugleich stabilsten Metalle der Erde. 14 dieser Schrauben halten den Bugatti Veyron in der Mitte zusammen. Sie verbinden die Fahrgastzelle mit dem hinteren Rahmenteil, auf dem ein mächtiger Motor ruht.

Eine solche Schraube kostet 100 Euro, ein Satz Reifen 15.000, das ganze Auto 1,65 Millionen.

Der Bugatti Veyron Super Sport ist um 450.000 Euro teurer als ein gewöhnlicher Bugatti Veyron, dafür aber noch ein wenig schneller. Auf einer werkseigenen Teststrecke erreichte er 431 Kilometer pro Stunde, 24 km/h mehr als das Standardmodell; mit seinen 1200 PS markiert er den vorläufigen Höhepunkt eines ingeniösen Leidenswegs.

Heiliger Gral des Automobilbaus

Bugatti war die verwegenste Wette des Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch. Die Marke ist eine Art heiliger Gral des Automobilbaus. Sie stand für unvergleichliche Rennwagen und Prachtkarossen, ehe sie noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zugrunde ging.

1998 erwarb VW die Markenrechte, kaufte wenig später das alte Firmengrundstück im elsässischen Molsheim, und Piëch setzte die Eckdaten für das Auto aller Autos: über 1000 PS, über 400 km/h und alles bitte vornehm und manierlich; man solle "in die Oper" fahren können mit diesem Wagen.

Einige der verdientesten Ingenieure des Konzerns mühten sich mit diesem Lastenheft, mit einem 16-Zylinder-Motor, der neben 1000 Vortriebs-PS gut 2000 weitere in Form von Hitze hervorbringt und bei ersten Testläufen Teile der Prüfstandsanlage in Brand setzte.

Es dauerte fast fünf Jahre, bis ein Auto herauskam, das bei Tempo 400 nicht davonfliegt, dessen Reifen dabei nicht in Fetzen gehen, dessen Motor einen Liter Benzin pro Kilometer verfeuern kann, ohne im engen Wagenbauch am Hitzschlag zu verenden. Der neue Bugatti war hinreichend motorisiert, um jegliche subtile Noblesse, die dieser Marke einst anhaftete, weit hinter sich zu lassen.

Doch genau das sollte ja nicht passieren. Schulemann bewegt die Titanschrauben kraulend in der Handfläche. "Bugatti", sagt er, "ist mehr als 1200 PS." Im Lastenheft stand die Oper; und alles in Molsheim zeugt von dem zähen Streben, dieses Auto gegen die Obszönität seiner immensen Vortriebskraft zu imprägnieren.

Zuständig für die Qualitätssicherung der Etikette ist dort der junge Betriebswirt Julius Kruta, ein kauziger Conférencier mit freundlichen Augen und geschmeidiger Eloquenz; er schrieb eine Diplomarbeit über die erste Epoche von Bugatti. Auf seiner Visitenkarte steht "Leiter Tradition", und er erlebt diese fabelhafte Planstelle erkennbar als Offenbarung.

Kruta weiß alles über Bugatti (was er dementiert), und er kennt alle Kunden (was er einräumt, ohne diesen Wissensschatz preiszugeben). Es handle sich "um eher altes Geld und um Menschen, die sehr verantwortungsvoll damit umgehen", erklärt er pflichtschuldig.

Weit außerhalb der Reichweite gewöhnlicher Neidreflexe

Die Aussage überprüfen zu wollen scheint nicht sinnvoll. Bugatti bewegt sich weit außerhalb der Reichweite gewöhnlicher Neidreflexe. Die meisten der Kunden scheuen den öffentlichen Auftritt mit dem Fahrzeug. Einige treffen sich einmal im Jahr auf der VW-Teststrecke nahe Wolfsburg. Sie fahren dort unter Aufsicht 400 km/h schnell und bekommen eine Urkunde.

Nur vereinzelt haben sich die Eigner eines Bugatti Veyron geoutet, unter ihnen ein russischer Wodka-Krösus, ein amerikanischer Fernsehunterhalter sowie Ursula Piëch, die Frau des Aufsichtsratschefs. Sie verfügt zweifellos über altes Geld; der Grundstock stammt aus dem "Dritten Reich".

Fest steht, dass die Menschen knapp werden, die diese Autos bezahlen können und auch haben wollen. 300 Exemplare zu bauen war das Ziel. Der Absatz stockt derzeit bei etwa 260. Was den Rest betrifft, setzt Bugatti auf Käufer, die schon einen Veyron haben und nun einen noch schnelleren wollen. Das war der Hauptgrund für die Leistungssteigerung.

So wird Bugatti mit einem an Stillstand grenzenden Produktionstakt durch die nächsten Jahre gehen. 2014, beschloss kürzlich der VW-Vorstand, soll die Marke dann vom Sportwagenbau Abstand nehmen und stattdessen eine Limousine auf Basis des Audi A8 herstellen. Die Stückzahl dürfte sich dann deutlich erhöhen.

Im Sinne der Firmenhistorie ist das eine legitime Option. Bugatti hat in der ersten Epoche auch Luxuswagen gebaut. Traditionsleiter Kruta ist noch nicht befugt, die Modellentscheidung zu kommentieren. Er blickt über die Parkanlage auf den Hubschrauberlandeplatz, den viele Kunden gern nutzen, und sagt einen Satz von erhabener Gültigkeit: "Das Letzte, was die Menschen brauchen, die zu uns kommen, ist ein Auto."

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1. ...
Philipp- 30.12.2010
Wollen doch mal sehen, bis hier die ersten über den CO2-Ausstoß dieser Autos meckern, und dass man mit dem vielen Geld doch soundsovielehundert Kleinwagen kaufen könnte. zZzz. Schnellere und teurere Seriensportwagen als den Veyron gibt's offenbar nicht - aber sicherlich schönere.
2. Schön, das es noch Menschen
Seifen 30.12.2010
mit Stil gibt! Es tut richtig gut und es ist auch noch keine Neidhammeldebatte aufgeflackert.
3. Bugatti
Tesla2000 30.12.2010
Zitat von Philipp-- Wollen doch mal sehen, bis hier die ersten über den CO2-Ausstoß dieser Autos meckern, und dass man mit dem vielen Geld doch soundsovielehundert Kleinwagen kaufen könnte. zZzz. Schnellere und teurere Seriensportwagen als den Veyron gibt's offenbar nicht - aber sicherlich schönere.
Stimmt hässlich ist er ja...hat leider mit der ursprünglichen Eleganz wenig zu tun....
4. "eher altes Geld"?
mrichlin 30.12.2010
Die Karre ist längst in den Niederungen der Proll-Hip-Hopper angekommen, die damit auf Youtube rumposen: Lil Wayne - http://www.youtube.com/watch?v=WS8AqevT34E T-Pain - http://www.youtube.com/watch?v=oG0JCwXVWZ0 Birdman - http://www.youtube.com/watch?v=7E-_BYLNd30 Chris Brown - http://www.youtube.com/watch?v=zGilsScaQv4 Ein weiterer (Jay-Z) soll einen Super Sport von seiner Frau Beyoncé als Geschenk erhalten haben. Weitere prominente Veyron-Besitzer: Simon Cowell (TV-Moderator), Ralph Lauren (Modedesigner), Chriss Angel (Magier mit Show in Las Vegas), Scott Storch (Musikproduzent).
5. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
pussinboots 30.12.2010
Zitat von Philipp-- Wollen doch mal sehen, bis hier die ersten über den CO2-Ausstoß dieser Autos meckern, und dass man mit dem vielen Geld doch soundsovielehundert Kleinwagen kaufen könnte. zZzz. Schnellere und teurere Seriensportwagen als den Veyron gibt's offenbar nicht - aber sicherlich schönere.
Das bisschen CO2 bei 300 Exemplaren ? Vernachlässigbar. Lächerlich ist der Vergleich mit der Beschleunigung eines Jets in der Bilderserie. Dazu ist der Hobel etwas zu lahm. Einfach untermotorisiert. Naja, vielleicht klappts beim nächsten Versuch. Gruß der gestiefelte Kater
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