Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2010

Bahn: Ausfall mit Ansage

Von und

Vereiste Weichen, kälteempfindliche Züge - schon im Herbst wusste die Bahn, dass sie bei einem plötzlichen Wintereinbruch Probleme haben würde.

Eiszeit bei der Bahn: Betrieb ohne Reserve Fotos
DPA

Ein kleines Winterwunder: Der ICE 804 von Berlin nach Hamburg fährt pünktlich los. Es ist Freitagnachmittag vor einer Woche, die Stimmung an Bord ist gut, es gibt Gratiskaffee, alles scheint planmäßig zu sein.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser

Da stoppt der Express, und der Lautsprecher geht an. Störungen auf dem Streckenabschnitt, die Weiterfahrt werde sich leicht verzögern. Wenig später die nächste Nachricht: Der Zug müsse "evakuiert" werden. Triebwagenprobleme.

Die Fahrt des Hightech-Gefährts endet auf Gleis 2 des verschneiten Bahnhofs von Boizenburg an der Elbe, 60 Kilometer vor Hamburg. Während Hunderte Bahnkunden in der Mecklenburger Provinz warten, wärmt man sich mit Erinnerungen an alte Ostzeiten. Die Bahn, merkt ein gestrandeter Passagier sarkastisch an, habe wie die Landwirtschaft der DDR vier Hauptfeinde: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Es ist ein Ausfall mit Ansage: Bereits im Herbst war den Managern der Deutschen Bahn klar, dass man bei Eis und Schnee Probleme haben würde. Strecken, wo sonst nur halbvolle Züge fahren, müssten deshalb ausgedünnt und Züge verkürzt werden, um dann im Ausnahmefall entsprechende Reserven zu haben. Die für extreme Witterungen besonders anfälligen ICE dürften nur noch mit verringerter Geschwindigkeit fahren. Nur so sei ein einigermaßen reibungsloser Fahrplanablauf im Winter zu gewährleisten.

Ein ganzes Paket zur "Prävention Winter 2010/2011" legte die Bahn deswegen Ende Oktober dem Verkehrsausschuss des Bundestags vor. Auf den Strecken zwischen Köln und Berlin, Köln und Hamburg müsse auf je einen Entlastungszug am Wochenende verzichtet, zwischen Köln und Basel müssten fünf ICE-Direktverbindungen gestrichen werden. Zwischen Dortmund und München sollen drei von 31 ICE nur mit halber Passagierkapazität fahren.

Für "normale Bedingungen" sei der DB-Fernverkehr "gerüstet", aber für "außergewöhnliche Ereignisse", so das ernüchternde Fazit, seien "keine weiteren Reserven" vorhanden. Der Bahn fehlt es schon seit längerem an neuen Zügen. Selbst an guten Tagen gibt es kaum eine Reserve. Müssen die Züge bei Eis und Schnee häufiger gewartet werden, ist der Engpass unvermeidlich.

Als Tief "Petra" im Dezember Deutschland flächendeckend einschneite, war jenes "außergewöhnliche Ereignis" eingetreten. Wer konnte und reisen musste, nahm die Bahn. Rund 50.000 Passagiere täglich beförderte das Unternehmen mehr als sonst, weil die Flieger am Boden blieben.

Doch am Sonntag vor Weihnachten kapitulierten Bahn-Chef Rüdiger Grube und seine Manager. Das Unternehmen, das gerade sein 175-jähriges Bestehen gefeiert hatte, empfahl, auf eine Bahnreise zu verzichten oder zumindest die Hauptverkehrszeiten zu meiden. Schon erworbene Tickets könnten zurückgegeben werden, ohne die sonst üblichen Stornogebühren.

Die ICE-Hochgeschwindigkeitsflotte, das Rückgrat der modernen Bahn, ist nur bedingt wintertauglich. Sinken die Temperaturen deutlich unter den Gefrierpunkt, sind Geschwindigkeiten von 250 oder 300 Stundenkilometern nur noch auf betonierten Neubaustrecken möglich. Das sind gerade einmal fünf Prozent des Streckennetzes.

Die meisten Gleise verlaufen auf einem Schotterbett. Fallen Eisklumpen vom Zug, werden Steine aufgewirbelt und können den empfindlichen Unterboden der ICE beschädigen; daran hatten Industrie und Bahn bei der Entwicklung nicht gedacht. Zwar hat die Bahn nach dem vergangenen Winter mit der Nachrüstung begonnen, dennoch drosselte sie sicherheitshalber das Tempo für die ICE auf 200.

Immerhin gab es keine Pannenserie wie im vergangenen Winter, als Waggontüren festfroren und ICE im Depot bleiben mussten. "Wir haben 95 Prozent unseres Fahrplanangebots aufrechterhalten können", sagt Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg.

Allerdings bereiten nicht nur die Züge im Winter Probleme. "Es rächt sich nun, dass jahrelang das Netz auf Verschleiß gefahren, die Instandhaltung vernachlässigt wurde", sagt Anton Hofreiter, Verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.

Aus dem vertraulichen Instandhaltungsbericht der DB Netz vom April geht hervor, dass allein 2009 bei der Wartung von Weichen 3,8 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr eingespart wurden. Immerhin wurden in diesem Jahr mehrere hundert Weichenheizungen nachgerüstet.

Die Weichen sind der neuralgische Punkt im Winter. In Berlin waren bereits beim ersten Schnee 50 Weichen festgefroren, 37 S-Bahn-Wagen mussten im Depot bleiben, 25 weitere landeten auf dem Abstellgleis. Personal zum Enteisen fehlte. 5900 Züge fielen seit dem 2. Dezember, dem Tag des ersten Schneefalls, ganz aus.

Die Bundesländer, die Jahr für Jahr Milliarden an die Bahn für einen reibungslosen Betrieb zahlen, wollen derartige Einbrüche nicht mehr hinnehmen. Harry Voigtsberger, Verkehrsminister von Nordrhein-Westfalen, will nun detailliert wissen, wie "sie erheblich mehr in Wartung, Reparaturen und Gleis- und Weichenanlagen investieren kann".

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 283 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und???
fatherted98 27.12.2010
Zitat von sysopVereiste Weichen, kälteempfindliche Züge - schon im Herbst wusste die Bahn, dass sie bei einem plötzlichen Wintereinbruch Probleme haben würde. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,736715,00.html
...was sollte sie den tun? ICE Triebwagen durch Dieselloks ersetzen? Komisch...gemeckert wird viel...aber wann werden denn die Meckerer begreifen, dass bei Natureinflüssen ein entfallen des Zugverkehrs durchaus einplanbar sein muss? Die mobile Gesellschaft sollte mal einen Gang zurückschalten, es muss nicht bei Schneetreiben und Glateis unbedingt in den Urlaub geritten werden. Bleibt mit eurem A.. zu Hause und genießt mit den Kindern den Schnee an statt in der Türkei All Inklusive...
2. Ja, und?
Schwarti, 27.12.2010
Zitat von sysopVereiste Weichen, kälteempfindliche Züge - schon im Herbst wusste die Bahn, dass sie bei einem plötzlichen Wintereinbruch Probleme haben würde. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,736715,00.html
Was ist daran jetzt eine Nachricht wert? Überraschend wäre es doch nur, wenn die Bahn trotz Schnee und Eis zuverlässig arbeiten würde. Aber jeder, der die Bahn ein wenig kennt, weiß doch schon seit Jahren, dass die Bahn immer Probleme bekommt, sobald es etwas kälter oder wärmer wird. Verlassen darf man sich bei der Bahn nur auf Eines: die jährlichen Preiserhöhungen.
3. Das einzig störende am Bahnverkehr...
the_flying_horse, 27.12.2010
---Zitat--- Zwischen Dortmund und München sollen drei von 31 ICE nur mit halber Passagierkapazität fahren. ---Zitatende--- 3 von 21 - das lässt sich ja noch verschmerzen. Aber... der Hauptpendlerzug morgens um 7.oo von Bremen nach Hamburg wurde auch halbiert - bei voller Pasagierzahl. Das die meisten Pendler Sitzplätze bezahlt haben und jetzt zusehen, wie sie in den überfüllten Gängen überhaupt nur einen Stehplatz bekommen, ist der Bahn völlig egal. Das einzig störende am Bahnverkehr sind doch eh nur die Passagiere...
4. Bahn an die Börse!
Reformhaus, 27.12.2010
Nach erfolgreicher Privatisierung und Plazierung an der Börse wird alles noch viel besser! Wer will denn schon eine uneffiziente Bahn? Das leidliche Personenbeförderungsgeschäft ist ein Ausläufer. Die Zukunft gehört der Fracht, denn diese beschwert sich nicht. Wenn die Bahn schon seit vielen Jahren beste Renditen dadurch erzielt, unterirdische Bahnhöfe (Temperaturvorteil im Winter!!) zu planen, die dann doch nicht gebaut werden, dann ist sie auch in der Lage, eine Kapazitätsplanung zu fertigen, die die eigentliche Beförderung von Passagiern aufs Optimum minimiert. Auch dieses Jahr war wieder ein erfolgreiches Jahr für die Bahn!
5. Die Bahn macht mobil.....
ulibauer62 27.12.2010
...jetzt sind es wohl die Kunden, die mal mobil machen, und hoffentlich nicht im eigenen PKW...... Offenbar haben es wieder mal alle gewußt, bloß der doofe Bahnfahrer harrt am Gleis und soll für alles Verständnis aufbringen. Und die Mobil-Truppe will an die Börse.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© DER SPIEGEL 52/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 52/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Afghanistan: Verteidigungsminister Guttenberg und FDP-Chef Westerwelle streiten um das Abzugsdatum
  • - Gerechtigkeit: Das Welternährungsprogramm der Uno entscheidet darüber, wo Hungernden geholfen wird - und wo nicht
  • - Ruhm: Daniela Katzenberger - die blondeste Karriere der Republik
  • - Geschichte: Vom Blutsauger zum Vegetarier - ein britischer Philologe auf den Spuren des Vampirmythos


Fotostrecke
Schnee und Eis: So sehen SPON-Leser den Winter

Verkehrslage in Deutschland
Bahn-Unternehmen
Die Deutsche Bahn informiert auf dieser Seite sowie unter der kostenpflichtigen Telefonnummer 0180-6996633 über kurzfristige Verkehrsbehinderungen im Regional- und Fernverkehr. Die kostenlose Hotline mit der Nummer 08000-996633 ist nur in Sonderfällen geschaltet. Die Web-Seiten der sechs privaten Bahnunternehmen:

Abellio
Arriva
Benex
Hessische Landesbahn
Keolis
Veolia Verkehr
Straßenverkehr
Gezielt können Autofahrer Autobahnen, Strecken und Orte nach Staus und Baustellen abfragen unter:

ADAC
Verkehrsinformation.de
Flughäfen
Fluglinien
Aktuelle Informationen über Verspätungen und Flugausfälle geben die Airlines auf diesen Websites bekannt:

Air Berlin Air France
British Airways
Condor
Germanwings
Iberia
Lufthansa
Ryanair
SAS Scandinavian Airlines
Southwest Airlines
Tuifly
United Airlines