AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2010

Lernforschung Chor der Mütter

In Kursen lernen Säuglinge, sich mit Gebärden auszudrücken, noch bevor sie sprechen können. Bereichert die neueste Mode der Frühförderung wirklich das Familienleben?

Von


Lina, neun Monate, blinzelt amüsiert in die Runde: Was haben diese Frauen nur? Plötzlich wedeln sie mit den Händen, dann wieder fassen sich alle zugleich ans Kinn. Und seltsam, jetzt malen sie auch noch Vierecke in die Luft. Dazu singen sie lustige Lieder. Und Mama macht alles mit.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser

Auch Mathis, Jan und Ida haben Mühe zu begreifen, was in dieser Gruppe hier geschieht, fühlen sich aber sichtlich gut unterhalten. Jan krabbelt wie aufgezogen im Kreis herum, Ida zerknüllt verzückt die Kopien mit den Liedtexten, und Klein-Mathis widmet sich dem Einspeicheln seines Plastikschiffchens.

So geht es fast immer, wenn Säuglinge zusammenkommen, um die Gebärdensprache zu erlernen: freundliches Desinteresse bei der Zielgruppe. Das sei ganz normal, versichert die Logopädin Natasa Petrov, die diesen Kurs im hessischen Städtchen Pohlheim leitet.

Der Chor der Mütter, rings um die Kinder sitzend, setzt denn auch tapfer seine Darbietung fort. Allerlei Lieder sollen die Kleinen mit den Gebärden vertraut machen: Kommt in einem Gesangsstück der "Wind" vor, fächeln dazu eifrig die Hände, beim "Schiff" werden sie bugförmig gefaltet, beim "Huhn" picken sie mit gespitzten Fingern. Es geht um Geduld, Wiederholung und Konsequenz.

Denn eines Tages, sagt Kursleiterin Petrov, werde das Kind mit Gebärden antworten. Die Mütter müssen nur zu Hause beharrlich mit dem Gestikulieren fortfahren, notfalls viele Wochen lang. Papa sollte natürlich auch mitmachen.

Wenn das Kind auch nur fünf, sechs Gebärden aufnimmt, sei das vielleicht schon hilfreich im Hausgebrauch. Es könne dann schwierige Sachen mitteilen, die auszusprechen es noch viel zu klein ist: "Ich habe Hunger" - "Guck mal, ein Pinguin" - "Wo ist die Oma?"

Das ist die große Verheißung der Gebärdenbewegung. Manche Kinder bringen es angeblich auf 100 Vokabeln und mehr. Videos bei YouTube zeigen kleine Virtuosen, wie sie auf Abruf der Reihe nach ihre Gesten vorführen.

In den letzten Jahren kam das Gebärden weltweit in Mode. Mittlerweile gibt es Kurse, Bücher und DVDs auch schon in Kroatien, Malaysia oder Japan. In den USA ist das "Baby Signing" bereits länger populär. Das Vokabular entstammt, kindgerecht vereinfacht, dem Gebärdensystem der Gehörlosen; wie dieses gilt es als vollwertige Sprache. Und weil eine frühe Zweitsprache angeblich die Intelligenz fördert, ergreifen die Eltern gern die Gelegenheit zur frühestmöglichen Ertüchtigung ihres Nachwuchses: Er kann die zweite Sprache schon lernen, noch bevor er die erste zu brabbeln versteht.

"Kinder sind seltener frustriert, weil sie sich besser verstanden fühlen"

In der deutschen Frühförderungskultur geht es dagegen offenbar mehr um die optimale Einfühlung: "Ich kann früher teilhaben an dem, was die Kinder beschäftigt. Und sie sind seltener frustriert, weil sie sich besser verstanden fühlen", beteuert Vivian König, Leiterin des Unternehmens "Zwergensprache" mit Sitz in Markranstädt bei Leipzig. Rund 130 Kursleiterinnen verbreiten ihre Lehre bereits im deutschsprachigen Raum.

Ein zweites kleines Imperium hat die Hamburger Pädagogin Wiebke Gericke unter der Marke "Babysignal" aufgebaut. Auch sie verspricht mit ihren Kursen ein vertieftes Verständnis zwischen Eltern und Kind.

Allerdings lernen Kinder ohnehin erstaunlich schnell sprechen. Kommt es da wirklich auf die paar Monate an, in denen sie vielleicht vorweg schon ein wenig mit den Händen mitreden können?

Mechthild Kiegelmann, Entwicklungspsychologin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, geht gerade der Frage nach, aus welchen Motiven die Eltern - fast immer sind es die Mütter - in die Kurse gehen. Ist es der Wunsch nach innigem Einvernehmen oder doch die schnöde Hoffnung auf Startvorteile? Das Projekt ist Teil einer großen internationalen Studie, die gerade begonnen hat. Eine der Hauptfragen, die zu klären sind: Was ist überhaupt dran am Reden mit den Händen?

Die paar Studien, die es bereits gibt, zeigen nur, dass die Methode ziemlich sicher nicht schadet. "Sie ist harmlos", sagt Kiegelmann. Überzeugende Belege für einen Nutzen fand die Forscherin aber auch nicht: "Weder lernen die Kinder signifikant schneller sprechen, noch haben sie einen größeren Wortschatz. Die Stressbelastung der Eltern im Alltag scheint nicht zu sinken, und auch auf die emotionale Entwicklung der Kinder konnten wir keinen deutlichen Einfluss feststellen."

Dennoch berichten viele Kursteilnehmer von der segensreichen Wirkung der Gebärden. Allein der Glaube daran scheint schon zu helfen.

Man täuscht sich leicht in einem Kind. Mit Begeisterung macht es alles Mögliche nach. Aber will es damit auch etwas mitteilen? Oder bereitet es nur den Großen eine Freude? "Natürlich kann man einzelne Zeichen auch einfach konditionieren", sagt Kiegelmann - das ist eine feine Umschreibung für Dressur.

Die Eltern fragen Gesten ab, so wie sie eben auch gern abfragen, wie die Kuh macht: um die Mitwelt zu beeindrucken. "In den USA können angeblich schon Säuglinge mit drei Monaten angeben, ob sie Milch oder Wasser trinken wollen", sagt Kiegelmann. "Das ist nicht sehr glaubwürdig."

Welche Gesten gebraucht das Kind im Alltag von selbst?

Interessanter ist die Frage, welche Gesten das Kind im Alltag von selbst gebraucht. Sabrina Behrends aus Hamburg zum Beispiel ist froh, dass ihr Sohn Bodo, knapp ein Jahr alt, nach seinem Kurs über ein Repertoire von vier, fünf händischen Vokabeln gebietet. Neben dem Klassiker Winkewinke, den es schon immer gab, zeigt Bodo "Licht an" oder "Licht aus", wenn jemand am Schalter zugange war, und "Drehen", wenn er auf sein Mobile aufmerksam machen will.

Aber sind das Mitteilungen, die sich anders nicht machen ließen? Das Hauptargument der Gebärdenbewegung ist schließlich, dass die Kleinen sich mit Gesten viel besser ausdrücken können, weil sie ihnen angeblich leichter von der Hand gehen als Wörter wie "Pinguin" oder "Schlafengehen".

"Da habe ich erhebliche Zweifel", sagt Psychologin Kiegelmann. "Erstens sind auch viele Gebärden schwierig. Und zweitens dauert es eine Weile, bis Kinder so weit entwickelt sind, dass sie Dinge überhaupt benennen können. Aber dann ist es auch schon egal, in welcher Sprache sie das tun."

Die Kinder sind nicht wählerisch; sie nehmen jedes Ausdrucksmittel, das funktioniert. Auch schwierige Wörter sind in Wahrheit kein Hindernis; sie werden umstandslos passend gemacht. "Banane" wird zur "Nane", und wenn der Vater das Kind "noch einmal" in die Luft werfen soll, versteht er "momma" ebenso gut. Im Zweifelsfall helfen ihm zwei hochgereckte Ärmchen bei der Interpretation.

Schon mit wenigen Monaten zeigten Babys das Talent, sich vorsprachlich präzise mitzuteilen, meint Kiegelmann: "Blick zur Mutter, Blick zum Fläschchen, Blick zur Mutter, Gebrüll. Das ist eine ziemlich eindeutige Aussage."

Oft ist das Gebrüll aber viel schwerer in seiner Bedeutung zu erfassen - schlimmstenfalls hat es keine. Das Kind schreit, heult, kreischt, und die Eltern verzweifeln: Was will es uns nur sagen?

Der Gebärdenkurs verspricht vorzeitige Erlösung vom rohen Naturzustand

Der totale Körpereinsatz der frühkindlichen Kommunikation kann nicht nur zarte Geister durchaus verängstigen. Hier springt der Gebärdenkurs ein: Er verspricht vorzeitige Erlösung vom rohen Naturzustand, von der Kreatürlichkeit des Kindes. Er macht glauben, in jedem krebsrot angeschwollenen, schreienden Monster sei ein gesittetes Wesen eingesperrt, das sich auch manierlich zu erklären wüsste: Dürfte ich noch um etwas Milch bitten? Nur weil das Kind die Wörter nicht habe, müsse es so oft losbrüllen vor Verzweiflung.

Das berührt eine Grundfrage der kognitiven Entwicklung. Ab wann ist einem Kind überhaupt klar, was ihm jeweils fehlt? Erfahrene Eltern wissen, wie lange das dauern kann. Oft wäre das Kind selbst am wenigsten imstande zu benennen, warum es brüllt. Dass es müde ist, merkt es manchmal erst, wenn es zusammensackt und auf der Stelle einschläft. Der Gedanke "Ich bin müde, ich sollte jetzt wirklich in die Heia" ist dagegen ein Akt der Selbstinterpretation, der selbst Fünfjährigen nicht immer leichtfällt.

Mit einem Jahr können die Kleinen noch kaum auseinandersortieren, ob gerade eher der Hunger zwickt, die nasse Windel scheuert oder einfach mal alles zu viel ist. In der Regel werden sie überwallt von einem diffusen Unwohlsein, automatisch gefolgt von lautem Krähen nach Abhilfe.

"Natürlich lernt eine Mutter auch so, ihr Kind zu deuten", sagt Ute, die mit ihrem kleinen Michael gerade einen Anfängerkurs in Mannheim abgeschlossen hat. Dennoch will sie auch in den Fortgeschrittenenkurs. Warum?

In einem sind sich alle Teilnehmerinnen einig: Die Mütter selbst werden viel besser verstanden, wenn sie die Hände zu Hilfe nehmen. "Man spricht automatisch deutlicher", sagt Martina, "kurze Sätze, klare Ansagen. Und vor allem Blickkontakt."

"Babysignal"-Gründerin Gericke, die selbst viele Kurse gibt, kann das bestätigen: "Manche Mütter merken da erst, wie oft sie an ihrem Kind vorbeigeredet haben."

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Matyaz 28.12.2010
1. wer zahlt?
na hoffentlich wird der Quatsch nicht auch noch von den Kassen finanziert!
schockkierter ! 28.12.2010
2. ich frag
mich ernsthaft wie ich meinen Sohn ohne diesen Firlefanz Groß bekommen hab. Und der ist ein ganz normaler Mensch geworden. Fleißig, kreativ - voll im Leben stehend
blue_plasma, 28.12.2010
3. Hehehehe....
Da fällt mir der Kleine aus diesem Film mit Ben Stiller und Robert de Niro ein (Meet the Fockers)! :) Ansonsten kotzen mich solche Eltern an, die ihre Kinder von Anfang meinen auf die Überholspur schicken zu müssen. Das ist auch asozial. Es hat nix mit Elternliebe sondern mit einer Art Götzendienst zu tun, der an der Kindern verrichtet wird. Vielleicht sollte man diesen Eltern die Kinder wegnehmen, weil sie ihren Kindern die Kindheit (aus eigenem Egoismus) rauben... Die Kleinen werden bei solchen Eltern 1A-Sozialdarwinisten. Aber wenn mein Neffe (3) in zwei Jahren nicht mind. 2000 chinesiche Schriftzeichen beherrscht kann er sich auf was gefasst machen ;)
Camarillo Brillo, 28.12.2010
4. ...
Zitat von sysopIn Kursen lernen Säuglinge, sich mit Gebärden auszudrücken, noch bevor sie sprechen können. Bereichert die neueste Mode der Frühförderung wirklich das Familienleben? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,736727,00.html
Dank dem BVerfG und dank Frau von der Leyen gibts für HartzIV Säuglinge bestimmt bald Gutscheine dafür ... :-) ... !
spiegel-hai 28.12.2010
5. .
Zitat von sysopIn Kursen lernen Säuglinge, sich mit Gebärden auszudrücken, noch bevor sie sprechen können. Bereichert die neueste Mode der Frühförderung wirklich das Familienleben? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,736727,00.html
wie kam die Menschheit bloß bislang ohne aus...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 52/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.