AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2011

Film "All der Mist passiert wirklich"

James Cameron, 56, Regisseur von "Titanic" und "Avatar", über den Umbruch in Hollywood, die Grenzen des Star-Systems und die Angst vor dem Scheitern

REUTERS

SPIEGEL: Mr. Cameron, was sagt es über den Zustand Hollywoods, dass wir uns nicht dort treffen, sondern hier, zehn Kilometer weiter am Strand von Santa Monica?

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Heft 1/2011
Was will die neue Supermacht?

Cameron: Das sagt erst mal, dass ich bequem bin und keine Lust habe, mich durch den Verkehr da hochzuquälen. Außerdem sagt es, dass Hollywood kein Ort mehr ist. Wenn wir über Hollywood reden, sprechen wir von einem Prinzip. Hollywood ist eine Geisteshaltung.

SPIEGEL: Was ist denn mit dem Ort?

Cameron: Als Gemeinde ist Hollywood natürlich amerikanisch, denn es liegt schließlich in den USA. Kulturell aber ist es längst französisch, kanadisch, australisch, sogar deutsch. Sehen Sie sich die Filmemacher an, die Schauspieler. Hollywood ist eine beliebige Ansammlung von Gebäuden, in denen ein Haufen Leute am Telefon hängen und mit den Plätzen verbunden sind, wo wirklich die Filme gemacht werden, rund um die Welt.

SPIEGEL: Trotzdem ist ja Hollywood immer noch ein amerikanisches Symbol.

Cameron: Glauben Sie mir. Es ist nur noch ein Vehikel. Mein Film "Avatar" hat fast drei Viertel seines Geldes außerhalb Amerikas gemacht.

SPIEGEL: Lohnt es sich dann überhaupt noch, hier zu leben?

Cameron: Immer weniger. Mein Kollege Peter Jackson fährt gut damit, riesige Blockbuster innerhalb des Hollywood-Systems zu machen, ohne, glaube ich, je länger hier gewesen zu sein. Der kommt wirklich nie. Dem geht es gut in Neuseeland. Das wäre früher nicht gegangen.

SPIEGEL: Aber Sie leben noch hier.

Cameron: Ich lebe zufällig noch hier, ja. Weil ich ein hübsches Haus in Malibu habe und hier bin, seit ich 17 bin. Aber ich werde vielleicht auch bald wegziehen.

SPIEGEL: James Cameron, der mit "Titanic" und "Avatar" die beiden erfolgreichsten Filme aller Zeiten gedreht hat, verlässt Hollywood?

Cameron: Ich habe Hollywood schon lange verlassen. Wie ich sagte, Hollywood ist nur eine Geisteshaltung.

SPIEGEL: Wie fühlt die sich an?

Cameron: Nun, es gibt die gute Seite und die böse Seite an Hollywood. Erst mal ist es ist ein Treffpunkt für kreative Leute aus aller Welt, die kommen, um Filme zu machen, die überall funktionieren. Das ist die gute Seite. Die böse ist, ach lassen wir das ...

SPIEGEL: Nein, was?

Cameron: Das wird Sie nur enttäuschen. Aber dieses Glitzern, der Glamour, die Agenten, die Intrigen, der Neid.

SPIEGEL: Bekommen Sie Neid zu spüren?

Cameron: Nicht direkt, dazu bin ich gerade zu stark, aber indirekt schon. Glauben Sie mir, all der Mist, der in diesen Hollywood-Schundromanen steht, der passiert wirklich.

SPIEGEL: Zum Beispiel dass es sich für eine junge Schauspielerin immer noch lohnen könnte, mit einem Drehbuchschreiber oder Produzenten zu schlafen, um an eine Rolle zu kommen?

Cameron: Woher soll ich das wissen? Dieses Spiel habe ich nie mitgespielt. Ich kann Ihnen aber sagen, ich musste nie mit jemandem schlafen.

SPIEGEL: Bekommen Sie wenigstens Angebote?

Cameron: Jeder weiß doch, dass ich glücklich verheiratet bin.

SPIEGEL: Sogar zum fünften Mal.

Cameron: Ja, ja, Ehen können scheitern. Weiß ich sehr gut.

SPIEGEL: In welchem Restaurant in Hollywood kann ich als junger Drehbuchschreiber James Cameron treffen und ihm mein Skript zuschieben?

Cameron: Machen Sie sich keine Illusionen. Das würde nicht passieren. In ein bestimmtes Restaurant zu gehen, um James Cameron zu treffen oder Oliver Stone? Das ist, mit Verlaub, Bullshit. Halten Sie mich für altmodisch, aber ich finde, die Leute sollten sich ihre Position durch Leistung verdienen. Schreiben Sie Ihr Drehbuch, ich garantiere Ihnen, wenn es gut ist, wird irgendjemand es irgendjemandem zeigen, der es wiederum jemandem zeigt.

SPIEGEL: Es gibt ja für Blockbuster kaum noch originale Drehbücher. Das meiste, was verfilmt wird, sind Fortsetzungen, Adaptionen von Romanen, Comics oder Fernsehserien. Hollywood fallen keine Geschichten mehr ein.

Cameron: Ja. Wir haben eine Story-Krise. Jetzt wollen sie schon aus dem Spiel "Schiffe versenken" einen Film machen! Das ist reine Verzweiflung, weil inzwischen das Sequel-Business Hollywood regiert oder wie wir es auch nennen: das Franchise. Das bedeutet, man dreht von irgendetwas schon Erfolgreichem eine Fortsetzung, denn jeder in Hollywood weiß, wie wichtig es ist, dass der Film, bevor er in die Kinos kommt, bereits eine Marke ist. Wenn eine Marke schon existiert, "Harry Potter" etwa oder "Spider-Man", sind Sie Lichtjahre voraus. Und da liegt das Problem. Denn leider werden diese Marken immer lächerlicher. "Schiffe versenken"! Das degradiert das Kino.

SPIEGEL: Ihr Film "Avatar" widerlegt dies. Er basiert ja gerade auf nichts Bekanntem außer Ihrer offenbar etwas merkwürdigen Phantasie.

Cameron: Das war die größte Schwierigkeit bei dem Film. Wir mussten ihn nicht nur drehen, was schwierig genug war. Wir mussten nebenbei auch noch eine Marke kreieren, bevor der Film in die Kinos kam. Das war sehr schwer. Denn der Film sah aus wie nichts, was es vorher gab.

SPIEGEL: Trotzdem wurde Ihre Erzählung von einem Naturvolk, das sich gegen zivilisierte Eindringlinge verteidigt, überall auf der Welt verstanden. Eine universale Geschichte, wie sie nur Hollywood erzählen kann. Haben Sie das so geplant?

Cameron: Ja. Ich bin wie ein Ingenieur. Man baut etwas, damit es bestimmte Sachen macht. Wenn das dann schließlich passiert, sollte man nicht überrascht sein. Ich wusste vorher, wie die Geschichte laufen musste.

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Seite 1
ky3 07.01.2011
1. Selbsttäuschung der Oberen
Ich arbeite selbst in der "kreativen Branche" und mein Umfeld besteht fast komplett aus Künstlern, Fotografen, Werbern, Mode- und Filmemachern und man erfährt das höchstens ein Promillesatz über einen Mindestlohn hinaus schafft. Um zu den ganz wenigen wie dieser Mann dazu zu gehören, bedarf es nicht nur Talents sondern eine Menge Glück, ein riesiges Ego und die richtige Ausstrahlung, das heisst Attribute die meist jenseits des Egos liegen (Geruch, Stimmlage, körperliches Erscheinungsbild, ...). - Jeder weiss das Menschen Anhang solch profaner Dinge wie Augenstand, Kieferbreite und anderem viel eher auserkoren werden als das nach dem wirklichen Talent geschaut wird. Die wenigen die es schaffen und dann gleich horrende Einkommen weit ab der anderen zu erlangen machen oft den Fehler das sie ihre Karriere rein auf ihr Können, ihre Art zu leben projektieren. Diese Selbsttäuschung ist nur allzu verständlich. Doch die Predigten die sie dann aus ihrer Illusion ableiten, man solle stets so bleiben wie man ist oder wie hier man brauche nicht vom Hippieweg abkommen sind eine tragische Nebelkerze die all die Kreativen dazu verleitet für nahezu null Lohn bis tief in die Nacht zu rackern um irgendwann entdeckt zu werden. In der Wirtschaftstheorie gibt es sogar einen Namen für das Prinzip: Ein paar wenige Stars heraus zu picken (dabei auch ein paar mit mittelmässigen Talent) und diese dann mit Maximallöhnen zu füttern. Das ganze lohnt sich weil in Folge dessen ein riesiges Heer an Praktikanten und Lebenskünstlern sich für umsonst abschuftet und die Reichen noch reicher macht. Leider ist mir dieses Wort entfallen, vielleicht reicht es hier jemand nach.
juergw. 07.01.2011
2. Stimmt-leider !!!
Zitat von ky3Ich arbeite selbst in der "kreativen Branche" und mein Umfeld besteht fast komplett aus Künstlern, Fotografen, Werbern, Mode- und Filmemachern und man erfährt das höchstens ein Promillesatz über einen Mindestlohn hinaus schafft. Um zu den ganz wenigen wie dieser Mann dazu zu gehören, bedarf es nicht nur Talents sondern eine Menge Glück, ein riesiges Ego und die richtige Ausstrahlung, das heisst Attribute die meist jenseits des Egos liegen (Geruch, Stimmlage, körperliches Erscheinungsbild, ...). - Jeder weiss das Menschen Anhang solch profaner Dinge wie Augenstand, Kieferbreite und anderem viel eher auserkoren werden als das nach dem wirklichen Talent geschaut wird. Die wenigen die es schaffen und dann gleich horrende Einkommen weit ab der anderen zu erlangen machen oft den Fehler das sie ihre Karriere rein auf ihr Können, ihre Art zu leben projektieren. Diese Selbsttäuschung ist nur allzu verständlich. Doch die Predigten die sie dann aus ihrer Illusion ableiten, man solle stets so bleiben wie man ist oder wie hier man brauche nicht vom Hippieweg abkommen sind eine tragische Nebelkerze die all die Kreativen dazu verleitet für nahezu null Lohn bis tief in die Nacht zu rackern um irgendwann entdeckt zu werden. In der Wirtschaftstheorie gibt es sogar einen Namen für das Prinzip: Ein paar wenige Stars heraus zu picken (dabei auch ein paar mit mittelmässigen Talent) und diese dann mit Maximallöhnen zu füttern. Das ganze lohnt sich weil in Folge dessen ein riesiges Heer an Praktikanten und Lebenskünstlern sich für umsonst abschuftet und die Reichen noch reicher macht. Leider ist mir dieses Wort entfallen, vielleicht reicht es hier jemand nach.
Bei ZDF und ARD sieht man in deutschen Produktionen seit 20 Jahren immer die selben Schauspieler.Manche schon weit über dem Rentenalter-müssen immer noch bei Pilcher den jugendlichen Liebhaber spielen.Traumschiff noch schlimmer:Da denkt man :der lebt noch ? Wo sind denn die jungen Schauspieler ?Man möchte mal neue unverbrauchte Gesichter sehen. Ätzend.
Herzbubi 07.01.2011
3. James Cameron
wenn ich jemanden Millionen göne dann: James Cameron. Sein Film Avatar hat Grenzen gesprengt. Weiter so..
OlGa 07.01.2011
4. Titan?
"*Regie-Titan *James Cameron" Sind wir jetzt doch noch bei der Sprache der Bild-Zeitung angekommen?
cc_zero 07.01.2011
5. .
Nunja, die Story von Avater strotzt ja auch nicht gerade vor Kreativität. Kennt wahrscheinlich schon fast jeder hier, aber ich verlinke es trotzdem, weil es so schön ist: http://images.huffingtonpost.com/gen/130283/original.jpg
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