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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2011

Forensik: Jetzt mal ehrlich

Von Rafaela von Bredow

4. Teil: Wie Trickser ausgetrickst werden können

Laut Studien brandmarkt der Polygraf in 47 Prozent der Fälle Unschuldige als Täter Zur Großansicht
DPA

Laut Studien brandmarkt der Polygraf in 47 Prozent der Fälle Unschuldige als Täter

Genau das machen sich jetzt Forscher aus England und Schweden mit einer neuen Methode zunutze. Was wäre, fragte sich Aldert Vrij von der University of Portsmouth, wenn man den Lügnern das ohnehin schon anstrengende Lügen zusätzlich erschwerte?

Zum Beispiel, indem Ermittler den Verdächtigen bitten, den Tathergang in umgekehrter Reihenfolge zu schildern. Das Gehirn, so Vrijs Idee, ohnehin schon intensiv mit der Lügenkonstruktion beschäftigt, müsste noch schneller funken und könnte nicht mehr genug Rechenleistung auf die Wahrheitsverfälschung verwenden. Über kurz oder lang würde sich der Lügner verraten.

Den Täter unter Druck setzen - die Idee hört sich für gewiefte "CSI"- oder "Tatort"-Fans geradezu altbacken an. Wie oft schon haben sie Ermittler gesehen, die den Zeugen bedrängen, ihn unter Stress setzen, bis er - das Gute siegt! - schließlich gesteht?

Es mag auch sein, dass sich im wirklichen Leben einzelne Polizisten oder Geheimdienstler intuitiv durchaus der richtigen Methoden bedienen. Aber den forensischen Psychologen geht es um mehr: Sie wollen ein universales Prinzip finden, Lügner auszutricksen, einen Weg zur Wahrheit pflastern, den jeder Ermittler mit Erfolg immer wieder einschlagen kann. Noch stehen sie am Anfang, aber was sie sehen, ist vielversprechend.

In einem Experiment teilte Vrij Studenten in zwei Gruppen: die Wahrheitssager und die Lügner. Die Ehrlichen spielten jeweils eine Runde "Vier gewinnt" in einem Aufenthaltsraum, wo ihr Gegner schon auf sie wartete, ein gewisser Sam. Im Verlauf der Partie gab es dann ein paar kleine Störungen. Sams Handy klingelte, eine Person betrat das Zimmer, sagte etwas und wischte die Tafel sauber. Zum Schluss kam ein angeblicher Student herein, der behauptete, ihm sei Geld aus seinem Portemonnaie gestohlen worden, das zuvor auf dem Tisch gelegen hatte.

Motivierte Lügner lügen besser

Die Studenten mussten dann einem Interviewer erklären, dass sie es nicht gewesen waren.

Die Lügner dagegen nahmen nicht an dem "Vier gewinnt"-Spiel teil. Stattdessen wurden sie angewiesen, tatsächlich Geld aus dem Portemonnaie zu nehmen, während es noch auf dem Tisch lag; und wenn sie später dazu befragt würden, sollten sie sich herausreden: Sie hätten mit einem gewissen Sam "Vier gewinnt" gespielt. Schriftlich wurden den Probanden Details ihres fabrizierten Alibis mitgeteilt - die Ereignisse glichen denen, die die Wahrheitssager erlebt hatten.

Die Teilnehmer wussten, dass sie 15 Pfund bekämen, sollte es ihnen gelingen, den Interviewer von ihrer Unschuld zu überzeugen. Ein wichtiges Element in der Betrugsforschung: Motivierte Lügner lügen besser.

Nun mussten die Hälfte der Wahrheitssager und die Hälfte der Lügner die Vorfälle im Aufenthaltsraum in umkehrter Reihenfolge erzählen. Und Aldert Vrijs Kalkül ging auf: 55 Polizisten, denen sein Team die Videoaufnahmen von den Interviews vorspielte, gelang es mit hoher Trefferquote, jene Lügner zu enttarnen, die ihre Geschichte verkehrt herum erzählen mussten - sie hatten weniger Details genannt und sich öfter verhaspelt.

Zusammen mit Pär Anders Granhag von der Universität Göteborg hat Vrij dann ein weiteres Experiment erdacht, um die Trickser auszutricksen: Die Psychologen konfrontierten ihre Verdächtigen - es waren wieder studentische Probanden - mit überraschenden Fragen.

Zeichnungen als Werkzeug zur Lügendetektion

Normalerweise sprechen sich Verbrecher ab, die eine Tat gemeinsam begangen haben, damit sie bei einer getrennten Vernehmung dieselbe Story erzählen. Aber das, so die Idee, geht schief, wenn sich die Ermittler nach Nebensächlichkeiten erkundigen. Beispielsweise: Exakt wo im Café stand der Tisch, an dem Sie zur Tatzeit angeblich saßen? Und in welcher Reihenfolge haben Sie die Themen abgehandelt, über die Sie beim Essen angeblich geredet hatten?

Wieder waren die Versuchspersonen in zwei Gruppen getrennt, wieder hatten die Wahrheitssager tatsächlich eine Szene erlebt, diesmal 45 Minuten zu zweit in einem Restaurant - während die Lügner Geld an sich genommen und sich den Restaurantbesuch nur ausgedacht hatten.

Anschließend, in den getrennten "Vernehmungen", konfrontierten die Forscher die Paare mit unerwarteten Fragen. Der böseste Angriff aufs Lügnergemüt: Die Versuchsteilnehmer sollten den Grundriss des Restaurants skizzieren.

Tatsächlich verrieten sich bis zu 80 Prozent der Lügenpärchen durch ihre Skizzen, aber auch durch Antworten auf Fragen nach räumlichen Details und Abläufen. Begeistert stellte das Psychologenteam um Granhag und Vrij danach fest: "Zeichnungen als Werkzeug zur Lügendetektion zu benutzen, das eröffnet ganz neue Wege in der Forschung."

Die besten Lügner sind die Chefs

Schlechte Zeiten für Lügner, Heuchler und Betrüger sind allerdings noch lange nicht angebrochen.

Denn die besten und tätigsten unter ihnen lassen sich schlecht verhören. Es sind - die Chefs.

"Geschäftsführer, Portfolio-Manager, Politiker, Top-Athleten scheinen physiologisch besser aufs Lügen vorbereitet zu sein", sagt Dana Carney, Sozialpsychologin an der Columbia University, die 2009 eine Studie dazu veröffentlicht hat, "was dazu führen könnte, dass sie öfter lügen."

Das tun sie in der Tat, wie ein europäischer Forscherverbund um Aldert Vrij in der Übersichtsstudie "Gute Lügner" feststellt: "Für Menschen, die weit oben in der machiavellistischen Rangordnung stehen, ist Lügen ein normaler und akzeptabler Weg, ihre Ziele zu erreichen."

Es gebe "keinen Zweifel", sagt Dana Carney, "der Typ an der Stirnseite des Tisches, der Ihre Konferenz leitet, sich zurücklehnt, Arme hinterm Kopf, wird Risiken eingehen. Er wird sich nicht schlecht fühlen, wenn er Sie belügt - und Sie werden es schwer haben, ihn dabei zu ertappen."

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1. Lügentypenklasse...
Geonom 06.01.2011
Zitat von sysopLügner sind kaum zu entlarven. Weder stottern sie alle, noch rast der Puls, es irrt auch nicht der Blick - seit Jahrzehnten finden Psychologen kein Körpersignal, das verlässlich die Unwahrheit verrät. Nun testen Forscher eine neue Methode: Sie stellen den Lügnern eine Falle. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,737856,00.html
Diese Erkenntnis könnte man z. B. so "verwerten": Wer eine KFZ-Versicherung abschließt, der muss sich – nach den Erfahrungen der Versicherer – (in unserem Beispiel wären das die Studienergebnisse zum Thema) in bestimmte Regional- und Typenklassen einordnen lassen, ob er selber dazu einen "günstigen" oder "ungünstigen" Beitrag geleistet hat, oder nicht, dass bleibt außen vor! Und nun der Analogieschluss daraus: Genante Berufsgruppen ("Geschäftsführer, Portfolio-Manager, Politiker, Top-Athleten" etc.) werden ebenso in Berufstypenklassen eingestuft, die Ihnen im Falle einer notwendigen Beurteilung (gerichtliche Auseinandersetzungen etc.) einen Glaubwürdigkeitsfaktor zuordnen, der den Studien Rechnung trägt. So wären also die Berufsgruppen, die einen höheren "Lügenfaktor" aufweisen weniger glaubwürdig, andere wiederum glaubwürdiger. Auch hier würden also alle (analog zu den Typenklassen beim Autoversicherer) dem gleichen (fundierten) Generalverdacht ausgesetzt, und somit "gleichbehandelt".
2. ...wirklich einschränkungslos gute Idee?
Der_M 06.01.2011
Interessanter Artikel, danke lieber SpON. Allerdings habe ich so meine Bedenken. Sollte es den Forschern tatsächlich gelingen, ein "Universalwerkzeug" (so unwahrscheinlich ich das auch sein mag) zu finden, um Lügen zu enttarnen und einer breiten Öffentlichkeit dieses Werkzeug zugänglich machen, dann fürchte ich um das harmonische Zusammenleben. Auf der ersten Arktikelseite werden sie ja beschrieben, die von den Amerikanern sog. "white lies", also Lügen, die die Wahrheit "weichen", das eigene Ego besser wegkommen lassen, z.B.: "Oh, was für ein süßes Baby", etc. Wenn das nicht mehr möglich wäre, dann hätten die Menschen sicherlich bald größte Probleme, in Harmonie zusammenzuleben. Für die Ermittler ist es aber natürlich eine gute Sache, es ist ihnen zu wünschen, dass sie bessere Möglichkeiten haben, um die Täter/Lügner zu enttarnen Meine Meinung
3. Cooler Artikel.
sonobox 06.01.2011
Sehr interessant. An der ein oder anderen Stelle haette ich mir mehr Einzelheiten gewünscht: "Und Aldert Vrijs Kalkül ging auf: 55 Polizisten, denen sein Team die Videoaufnahmen von den Interviews vorspielte, gelang es mit hoher Trefferquote, jene Lügner zu enttarnen, die ihre Geschichte verkehrt herum erzählen mussten - sie hatten weniger Details genannt und sich öfter verhaspelt." Hier wäre ein wenig mehr Statistik doch recht interessant! Was bedeutet "hohe Trefferquote"?
4. lügen
Runzelrocker 06.01.2011
Ich habe schon Menschen erlebt denen es nicht bewußt war, daß sie lügen. Für die war es die Wahrheit. Beispiel: Er/sie war an dem und dem Tag an einen bestimmten Ort. Man kannte es ihm/ihr beweisen aber es wurde abgestritten. Und diese Lüge brachte ihm/ihr keine Vorteile oder Nachteile Da kenne ich viele Beispiele
5. notorischer Lügner
psycho_moni 06.01.2011
Zitat von RunzelrockerIch habe schon Menschen erlebt denen es nicht bewußt war, daß sie lügen. Für die war es die Wahrheit. Beispiel: Er/sie war an dem und dem Tag an einen bestimmten Ort. Man kannte es ihm/ihr beweisen aber es wurde abgestritten. Und diese Lüge brachte ihm/ihr keine Vorteile oder Nachteile Da kenne ich viele Beispiele
Ich habe mal den Begriff "notorischer Lügner" gehört. So jemand lügt ohne Grund aber ist sich dessen bewusst. Das kann auch die Ursache sein, oder??
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