AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2011

Forensik Jetzt mal ehrlich

Lügner sind kaum zu entlarven. Weder stottern sie alle, noch rast der Puls, es irrt auch nicht der Blick - seit Jahrzehnten finden Psychologen kein Körpersignal, das verlässlich die Unwahrheit verrät. Nun testen Forscher eine neue Methode: Sie stellen den Lügnern eine Falle.

Laut Studien brandmarkt der Polygraf in 47 Prozent der Fälle Unschuldige als Täter
DPA

Laut Studien brandmarkt der Polygraf in 47 Prozent der Fälle Unschuldige als Täter

Von Rafaela von Bredow


Schimpansenmännchen halten, wenn sie in Gegenwart eines ranghöheren Kumpels um die Gunst eines Weibchens betteln, die Hand vor ihren erigierten Penis - so, dass er dem Boss verborgen bleibt, das Weibchen ihn aber sehen kann. Ist das schon eine Lüge?

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Heft 1/2011
Was will die neue Supermacht?

Können Affen überhaupt lügen?

Der Gorilla Michael, auf Gebärdensprache trainiert, zerriss einmal die Jacke seiner Lehrerin Ellen. Sie fragte ihn: "Wer war das?" Michael gestikulierte: "Koko" - das war seine Käfiggenossin. Ellen fragte nach. Michael probierte es mit noch einem anderen Namen (diesmal ein menschlicher Betreuer); aber am Ende, als Ellen nicht nachließ, beichtete er dann doch: "Mike."

Das ist eine bewusste Täuschung. Auch jenseits solcher Anekdoten in kontrollierten Experimenten zeigt sich, dass jedenfalls die allernächsten Verwandten des Homo sapiens die Finessen des Vertuschens beherrschen.

Demnach sitzt das Talent zur Lüge dem Homo sapiens seit Urzeiten in den Genen. Die Sprache hat geholfen, es zu perfektionieren. Zwar gibt der Mensch zumindest vor, die Wahrheit zu lieben, aber er mag sich nicht immer daran halten, diese Neigung wohnt ihm inne, er kann nicht anders.

Jeder lügt. Politiker geben falsche Ehrenworte, Schriftsteller verkaufen Plagiate als ihr Werk, Manager beschönigen Bilanzen. Frauen geben bevorzugt falsches Zeugnis über ihre Lust im Bett, Männer über die Tiefe ihrer Gefühle für die Frau in ihrem Bett.

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Psycho-Tricks: Lügnern auf der Spur
Im Schnitt zweimal täglich, so heißt es, verdrehe jeder Mensch die Wahrheit oder auch in zwei von drei Gesprächen, die mindestens zehn Minuten dauern. Irgendwie fand sogar die knallige Zahl von 200 Lügen pro Tag und Erdenbürger Eingang in die populäre Literatur - inzwischen so oft zitiert und nachgeplappert, bis kaum noch jemandem auffiel, dass es hierfür keinen einzigen Beleg gibt.

Klar ist jedenfalls: Alle lügen, aber niemand will belogen werden. Schon gar nicht die Kommissarin, die einen Raubmord untersucht, oder der Richter, der, wie jetzt im Fall Jörg Kachelmann, entscheiden muss, ob ein Beschuldigter tatsächlich seine Freundin vergewaltigt hat. Deswegen suchen Sicherheitsexperten und Psychologen seit Jahrzehnten nach Methoden, unehrliche Täter zu entlarven. Weit sind sie nicht gekommen.

In jüngerer Zeit erst sind die Forscher, hauptsächlich Teams in England und Schweden, der Wahrheit über die Lüge ein Stückchen näher gerückt. Mit einer völlig neuen Methode: Sie führen die potentiellen Täter aufs Glatteis - und diese geraten tatsächlich ins Taumeln.

Auf dem Weg zu diesen ersten Erfolgen haben die Psychologen eine Menge herausgefunden über den Lügner als solchen, seine Motive und die verblüffende Tatsache, dass er fast immer durchkommt mit seinem Heucheln, Irreführen und Beschönigen.

Die Motive des Lügners

Es zeigt sich: Der Mensch ist tatsächlich zum Lügen geboren.

Eher selten hat er dabei Teuflisches im Sinn, nicht allzu oft erfindet er Geschichten, um Gegner zu vernichten, oder blufft, um Leute zu betrügen, zu bestehlen, zu erniedrigen.

Die meisten Menschen hingegen tricksen sich, durchaus salonfähig, mit vielen kleinen Täuschungen durchs Leben; meist steckt die Angst vor Strafe oder Gesichtsverlust dahinter.

Scham kann ein Motiv sein ("Nein, ich hab gestern Abend nichts getrunken, keine Ahnung, wie die Beule ins Auto gekommen ist"), wir werden aber auch erfinderisch, wenn wir Kritik fürchten ("Natürlich habe ich den Kunden rechtzeitig gewarnt"), und dosieren die Wahrheit, wenn es darum geht, die Ehe zu erhalten ("Tom ist wirklich nur ein guter Freund") oder die Freundschaft ("Was für ein süßes Baby!"). Auch die Höflichkeit verlangt nach Ausflüchten ("Wirklich, das Labskaus war köstlich").

Die Schönfärbereien, Mehrdeutigkeiten und Ausweichmanöver dienen der Psychohygiene, sie sind Weichzeichner der Wirklichkeit. Jedenfalls gilt das für die sogenannten prosozialen Lügen, die der Amerikaner "white lies" nennt. "Sie sind lebenswichtig", sagt Aldert Vrij, Lügenforscher an der University of Portsmouth, "das Leben wäre rau und grausam, wenn die Leute immerzu die Wahrheit sagten."

Der Lügner, schrieb Oscar Wilde, sei "das eigentliche Fundament der zivilisierten Gesellschaft". Nietzsche war klar, dass die Unaufrichtigkeit eine Conditio humana ist, so wenig wegzudenken vom Menschen wie sein Frontalhirn.



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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Geonom 06.01.2011
1. Lügentypenklasse...
Zitat von sysopLügner sind kaum zu entlarven. Weder stottern sie alle, noch rast der Puls, es irrt auch nicht der Blick - seit Jahrzehnten finden Psychologen kein Körpersignal, das verlässlich die Unwahrheit verrät. Nun testen Forscher eine neue Methode: Sie stellen den Lügnern eine Falle. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,737856,00.html
Diese Erkenntnis könnte man z. B. so "verwerten": Wer eine KFZ-Versicherung abschließt, der muss sich – nach den Erfahrungen der Versicherer – (in unserem Beispiel wären das die Studienergebnisse zum Thema) in bestimmte Regional- und Typenklassen einordnen lassen, ob er selber dazu einen "günstigen" oder "ungünstigen" Beitrag geleistet hat, oder nicht, dass bleibt außen vor! Und nun der Analogieschluss daraus: Genante Berufsgruppen ("Geschäftsführer, Portfolio-Manager, Politiker, Top-Athleten" etc.) werden ebenso in Berufstypenklassen eingestuft, die Ihnen im Falle einer notwendigen Beurteilung (gerichtliche Auseinandersetzungen etc.) einen Glaubwürdigkeitsfaktor zuordnen, der den Studien Rechnung trägt. So wären also die Berufsgruppen, die einen höheren "Lügenfaktor" aufweisen weniger glaubwürdig, andere wiederum glaubwürdiger. Auch hier würden also alle (analog zu den Typenklassen beim Autoversicherer) dem gleichen (fundierten) Generalverdacht ausgesetzt, und somit "gleichbehandelt".
Der_M 06.01.2011
2. ...wirklich einschränkungslos gute Idee?
Interessanter Artikel, danke lieber SpON. Allerdings habe ich so meine Bedenken. Sollte es den Forschern tatsächlich gelingen, ein "Universalwerkzeug" (so unwahrscheinlich ich das auch sein mag) zu finden, um Lügen zu enttarnen und einer breiten Öffentlichkeit dieses Werkzeug zugänglich machen, dann fürchte ich um das harmonische Zusammenleben. Auf der ersten Arktikelseite werden sie ja beschrieben, die von den Amerikanern sog. "white lies", also Lügen, die die Wahrheit "weichen", das eigene Ego besser wegkommen lassen, z.B.: "Oh, was für ein süßes Baby", etc. Wenn das nicht mehr möglich wäre, dann hätten die Menschen sicherlich bald größte Probleme, in Harmonie zusammenzuleben. Für die Ermittler ist es aber natürlich eine gute Sache, es ist ihnen zu wünschen, dass sie bessere Möglichkeiten haben, um die Täter/Lügner zu enttarnen Meine Meinung
sonobox 06.01.2011
3. Cooler Artikel.
Sehr interessant. An der ein oder anderen Stelle haette ich mir mehr Einzelheiten gewünscht: "Und Aldert Vrijs Kalkül ging auf: 55 Polizisten, denen sein Team die Videoaufnahmen von den Interviews vorspielte, gelang es mit hoher Trefferquote, jene Lügner zu enttarnen, die ihre Geschichte verkehrt herum erzählen mussten - sie hatten weniger Details genannt und sich öfter verhaspelt." Hier wäre ein wenig mehr Statistik doch recht interessant! Was bedeutet "hohe Trefferquote"?
Runzelrocker 06.01.2011
4. lügen
Ich habe schon Menschen erlebt denen es nicht bewußt war, daß sie lügen. Für die war es die Wahrheit. Beispiel: Er/sie war an dem und dem Tag an einen bestimmten Ort. Man kannte es ihm/ihr beweisen aber es wurde abgestritten. Und diese Lüge brachte ihm/ihr keine Vorteile oder Nachteile Da kenne ich viele Beispiele
psycho_moni 06.01.2011
5. notorischer Lügner
Zitat von RunzelrockerIch habe schon Menschen erlebt denen es nicht bewußt war, daß sie lügen. Für die war es die Wahrheit. Beispiel: Er/sie war an dem und dem Tag an einen bestimmten Ort. Man kannte es ihm/ihr beweisen aber es wurde abgestritten. Und diese Lüge brachte ihm/ihr keine Vorteile oder Nachteile Da kenne ich viele Beispiele
Ich habe mal den Begriff "notorischer Lügner" gehört. So jemand lügt ohne Grund aber ist sich dessen bewusst. Das kann auch die Ursache sein, oder??
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