AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2011

Karrieren Der Busch-Trommler

Der 68er-Kommunarde Rainer Langhans will Ende der Woche für RTL ins Dschungelcamp einziehen. Seine einstigen Apo-Weggefährten reagieren mit Spott und Häme. Doch für den 70-Jährigen ist der Schritt ins Trash-Fernsehen eher ein Höhepunkt.

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Nicht alle Ikonen können einen frühen Tod sterben. So wie Jimi Hendrix, Che Guevara oder Rudi Dutschke, die damit ihr Ticket zur Unsterblichkeit zogen. Ein paar von ihnen müssen hier unten bleiben, alt werden und weiterstrampeln, so mühsam das auch ist.

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Heft 2/2011
Milliarden-Geschäfte mit privaten Daten

Rainer Langhans war kein Rock'n'Roller und auch nicht der größte Weltrevoluzzer, aber 1968 schon so etwas wie ein Popstar. Es gab in Deutschland ja sonst kaum einen, den junge Leute toll finden konnten, es sei denn, sie standen auf Roy Black. Langhans hatte Locken und ein Mädchengesicht mit Nickelbrille. Im Arm hielt er mal einen Sitar, mal Uschi Obermaier, das Groupie der Apo.

Im Januar 2011 fährt der nunmehr 70-jährige Langhans auf einem klapprigen Fahrrad durch den Münchner Schnee. Wuschelhaar, Jacke, Leinenhose, alles in Weiß. Passantenblicke. Die Älteren sehen ein Stück Zeitgeschichte an sich vorbeiradeln, den schönen Rainer aus der Kommune 1, Deutschlands erster WG. Mitverfasser der Kaufhausbrand-Flugblätter, beteiligt an der Vorbereitung des Pudding-Attentats, das dann doch ausfiel.

Die Nachgeborenen erkennen ihn als den komischen Zausel, der sich Ende der Woche als einer von zehn Kandidaten ins RTL-Dschungelcamp begeben will.

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Langhans im RTL-Dschungel: Veganer unter Wilden
50.000 Euro erhalte er für den gut zweiwöchigen Ausflug in den australischen Busch und ins Trash-Fernsehen, heißt es. Langhans, eine Erscheinung von jesusmäßiger Sanftmut, sagt, er wisse nicht, wie viel RTL ihm zahle und was er damit mache. Geld sei nicht wichtig. Als ehemaliger Zeitsoldat bezieht er 207 Euro Rente. Er gibt kaum etwas aus, schreibt Bücher, wird zu Diskussionen oder für Vorträge eingeladen. Irgendwas geht immer, auch wenn die anderen 68er-Helden mehr Publicity bekommen haben.

Über Uschi Obermaier gab es einen Kinofilm, für den "Stern" zog sich die 60-Jährige dazu noch einmal aus. Das ZDF zeigte das Doku-Drama "Dutschke". Fritz Teufel, der Kommunenkasper, sorgte postum ein letztes Mal für Gaudi, als vorigen Sommer seine Urne verschwand und an Dutschkes Grab wieder auftauchte. Langhans lief zuletzt so nebenher, eine Art Sidekick der Bewegung.

Jüngst stellte der Online-Schuhhändler Zalando ihn in einem Werbespot als spinnerten Guru dar. Langhans drohte mit dem Anwalt, man einigte sich. Am Freitag vergangener Woche drehten sie in Berlin einen Spot, in dem er sich nun selbst spielen durfte. Selbst als '68 vierzig wurde, bekam Langhans nur Häppchen vom Ruhm ab. "Ich wurde in keine einzige Talkshow eingeladen. Das hat mich schon gewundert."

"Ich rede mit jedem. Kommunikation ist Liebe"

Jetzt, da er in den Dschungel aufbricht, rufen sie plötzlich an. "Zeit", "Tagesspiegel", "Bild", bei Markus Lanz war er auch schon. Langhans sagt: "Ich rede mit jedem. Wenn wir nicht miteinander reden, gibt es Krieg. Kommunikation ist Liebe." Schon in der Kommune waren sie scharf auf Presse, jede Zeile über sich rissen sie aus und steckten sie in ihre Ordner. "Bild" lasen sie täglich.

Eine Event-Agentur aus Österreich hat sich nun gemeldet. "Wir vertreten auch die Lugner-Mausi und den Lugner-Mörtel." Sie wollen Langhans für Auftritte in österreichischen Diskotheken gewinnen. Er sagt, das komme für ihn dann vielleicht doch nicht in Frage.

Er will jetzt erst mal den ganzen fremden Menschen freundlich antworten, die seine Handy-Nummer oder Mail-Adresse aufgetan haben und bei ihm ihre Enttäuschung abladen: "Kannst gleich im dschungel bleiben und die 50 000 mit den ratten teilen. So einen clown will doch gar keiner sehen. Für geld fresst ihr alle eure eigene kacke."

Oder: "Bitte, tun Sie es nicht." Oder: "Hoffe, Ihnen beißt ein Skorpion in die Eier!" Oder auch: "Warum zur Hölle bist du im Dschungel? Was ist da passiert?"

Es ist die falsche Frage.

Die richtige lautet: Warum erst jetzt?

Ausgeprägter Drang in die Öffentlichkeit

Denn sein Drang in die Öffentlichkeit scheint ausgeprägter als bei Dieter Bohlen und Daniela Katzenberger zusammen. Langhans liegt im Bett. Besuch empfängt er immer so. Kissen im Rücken, die Decke hochgezogen, Spitzwegs armer Poet, bloß ohne Zipfelmütze und Schirm. Es ist kalt, aber auf der Gästematratze gibt es auch eine Gästedecke. Langhans riecht ein wenig nach Reformhaus.

29 Quadratmeter in Schwabing für 300 Euro Miete. Nur für ein paar Wochen wollte er einst hier einziehen, die Kommune in Berlin war da längst Geschichte und die Sache mit Uschi auch. Jetzt haust er seit 34 Jahren hier.

Der Balkon als Kühlschrank. Im Bad Spinnweben. Ein Zimmer. Die Wände kahl, in der Ecke auf Fußhöhe das einzige Bild: Kirpal Singh, sein indischer Meister, nach dessen Lehre er lebt. Täglich zweieinhalb Stunden meditieren, vegan essen, kein Alkohol, Samenergüsse sind zu vermeiden. Alles Körperliche hindert, der Mensch ist ein geistiges Wesen.

Sehr körperlich hingegen will Langhans am Freitag dieser Woche mit neun weiteren Zeitgenossen für "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" in das Lager im australischen Urwald eingesperrt werden. Die Prominenz der anderen lässt sich daran ablesen, dass Indira, Ex-Sängerin der Ex-Band Bro'Sis, schon zu den Bekannteren gehört. Dazu wird es hämische Kommentare der RTL-Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach geben und Top-Quoten. War bisher immer so.

Eine Anfrage für die vorige Staffel habe er abgelehnt, sagt Langhans, weil die Produktionsfirma darauf gepocht habe, dass er wie alle damit rechnen müsse, in einer Mutprobe Maden oder Kakerlaken aufgetischt zu bekommen. Als Veganer hätte er das nie verantworten können. Nach langem Hin und Her haben sie ihn vom Ekeltiere-Essen befreit.

Langhans liegt in seiner Matratzengruft, nimmt die Brille ab, schließt die Augen und redet. Er doziert über die Geburt des Internets aus der Vision der 68er: "Wir wollten damals schon Freund sein mit der ganzen Welt."

Langhans twittert auch. Auf Facebook hat er 190 Freunde. Eine davon ist Gretchen Klotz, Dutschkes Frau. Der Rainer im Dschungel? Da lacht sie laut ins Telefon: "Wie witzig! Das will ich sehen! Wann läuft das?"



insgesamt 20 Beiträge
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watermark71 11.01.2011
1. WOW - Ehre wem Ehre gebührt
Meine ehrliche Bewunderung gilt dem Sender. Ich dachte ja immer, B-Promis wäre der Bodenrest der öffentlichen Bekanntheitsskala. Aber jetzt schaffen sie es sogar, C-Promis auszubuddeln.
Clawog 11.01.2011
2. Busch Trommler
Das ist einer der Vielen, die laut absichtlich verlogener Geschichtsdarstellung, die "weltweite" 68ziger Bewegung mitgestaltet haben. Diese durch den 2. Weltkrieg traumatisierten Gestalten, welche die Weltordnung revolutionieren wollten, haben lange genug für eine unerträglich Verwirrung, Gewalt und Sittenverfall in der Gesellschaft gesorgt. Es beruhigt aber, dass dieser Fronttalangriff auf die Öffentliche Ordnung verkraftet worden ist. Leider sind viele dieser irrenden Seelen noch in einflußreichen Positionen, aber nicht mehr lange. Bald wird wieder Normalität einziehen, und Experten haben dann die Möglichkeit, dieses Phänomen nüchtern zu analysieren.
Ylex 11.01.2011
3. Irgendwie gelöst
Das ist mal ein netter Artikel - man wurde gut unterhalten und man kommt sich irgendwie gelöst vor, vielleicht auch ein bisschen traurig darüber, wie der arme Rainer im Alter um Akzeptanz ringen muss, wohl auch um die paar Euro, die er zum Leben braucht. Langhans war nie ein sehr politischer Mensch, er ist bis heute ein Kommunarde, der sich in der Distanz zum bürgerlichen Muff wiederfindet. Davon zehrt er, darin stilisiert er sich mit einer Mischung aus Klamauk und Spontaneität, mit Entsagung und pittoresker Meditation - bisher ging das immer ganz gut, doch das Dschungelcamp markiert das Unterirdische, eine Endstation, die kommerziell verheizte Exotik ist eingetütet, mit längst überschrittenem Verfallsdatum, ein Produkt für die Massen, penetrant und profan - sie setzt Rainer Langhans vor allem vor sich selbst unter Rechtfertigungsdruck, aber so wie wie man ihn kennt, wird er sich auch davon befreien.
schna´sel, 11.01.2011
4. The Fool On The Hill
Zitat von sysopDer 68er-Kommunarde Rainer Langhans will Ende der Woche für RTL ins Dschungelcamp einziehen. Seine einstigen Apo-Weggefährten reagieren mit Spott und Häme. Doch für den 70-Jährigen ist der Schritt ins Trash-Fernsehen eher ein Höhepunkt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,738469,00.html
Hört sich so an als ob der Rainer nichts wirklich dazu gelernt hat. Außer das mit dem körperlich vollzogenen Sex natürlich. Und das kann man eigentlich nur aushalten, wenn man davon ausgeht, dass man im Prinzip auch gar nichts dazu lernen muss. Und das das Wissen und die Weltgewandtheit seiner ehemaligen Mitstreiter sich nicht wesentlich von der Resignation der Leute unterscheidet, die ihn vermarkten, weil seine Erscheinung in ihrem Bereich einen Marktwert hat. Ich muss sagen, dass ich Interviews, die ich von ihm lese schon als etwas Besonderes empfinde. Weil es sonst niemanden gibt in dem Alter der diesen Fool so authentisch verkörpert. Und weil das weder berechnend und abgezockt erscheint noch wirklich dumm. Nur unglaublich naiv in der Form. Aber vielleicht ist diese Naivität ja sogar die einzige Alternative, wenn man wirklich noch in der gleichen Art und Weise an die Befreiung der Menschen glauben muss, wie man das vor 50 Jahren getan hat. Ich weiß es nicht. Ich wünsche ihm wirklich, dass der aus diesem Abenteuer unbeschädigt wieder raus findet. Denn der Voyeurismus der Öffentlichkeit, den diese Medien mit ihren Shows bedienen ist keineswegs harmlos. Das ist eine Form von öffentlich praktizierter Sexualität. Oder auch ein Ersatz dafür. Für all die Freiheiten, die er sich im Gegensatz zu den Voyeuren, die ihn begeifern werden getraut hat. Für die Freiheit, die er sich damit genommen hat und verkörpert wird er eingekauft. Und diejenigen, die den Mut dazu niemals aufbringen werden ihn im Endeffekt genau dafür dafür auch hassen. Weil sie darum beneiden. Sonst wäre er nämlich nicht die Gage wert die man ihm bezahlt. Er sollte sich dessen zumindest bewusst sein.
toskana2 11.01.2011
5. mit Galopp auf Demenz
Zitat von sysopDer 68er-Kommunarde Rainer Langhans will Ende der Woche für RTL ins Dschungelcamp einziehen. Seine einstigen Apo-Weggefährten reagieren mit Spott und Häme. Doch für den 70-Jährigen ist der Schritt ins Trash-Fernsehen eher ein Höhepunkt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,738469,00.html
Wer seinen Lebensunterhalt dadurch bestreitet, dass er sich der Lächerlichkeit preisgibt,der ist nur zu bedauern. Dass er selber dieses einen "Höhepunkt" nennt, lässt den Verdacht einer galoppierenden Demenz zu!
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