AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2011

Schicksale Die verlorene Kindheit

Drei Monate lang war ein heute 34-Jähriger als Kind in der Gewalt eines Entführers. Als der Junge befreit wurde, hatten Eltern und Polizei die Hoffnung fast aufgegeben.

Von Bruno Schrep


Das also ist der Ort, an dem einst alles geschah. Aufgeplatzte Müllsäcke, leere Kisten, verrostete Eisenteile, ein undurchdringliches Dickicht aus Gestrüpp, Reste eines Zauns, umgeknickte Bäume. Und nebenan die Schnellstraße.

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Heft 2/2011
Milliarden-Geschäfte mit privaten Daten

"Genau hier stand der Wohnwagen", ruft der Mann in schwarzer Lederjacke, der sich durch Dornen und Stacheldraht bis zur Mitte des Geländes gekämpft hat. Sascha Buzmann zeigt auf die verkohlten Überreste eines Reifens, auf Bruchstücke einer Achse. Er ist enttäuscht: "Ich dachte, ich würde hier noch mehr von früher entdecken."

"Früher" - das sind für Buzmann die 86 Tage zwischen dem 10. Januar und dem 5. April 1986. Damals war er neun Jahre alt und fast drei Monate lang hier, in Mainz-Kastel, eingesperrt in einem heruntergekommenen Schaustellerwagen. Keine Möglichkeit, sich zu waschen, kein Klo, kein Kontakt zur Außenwelt. Immer wieder sexuell missbraucht von einem Entführer und ohne Chance, ihm zu entkommen.

Der Fall Buzmann ist einzigartig in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte. Niemals zuvor und niemals danach ist wohl ein Junge so lange von einem Entführer gefangen gehalten worden. Sascha war spurlos verschwunden, es gab kein Lebenszeichen. Als er schließlich befreit wurde, hatten die Behörden und die Angehörigen die Hoffnung fast aufgegeben.

Die Rettung wurde deshalb wie ein Wunder gefeiert. An die Folgen dachte zunächst niemand.

Das Schicksal von Sascha Buzmann zeigt, wie ein Kind außergewöhnliche körperliche und seelische Torturen aushalten kann, ohne daran vollkommen zu zerbrechen. Und es zeigt den Preis, den es dafür sein Leben lang zahlen muss. Als Buzmann befreit wurde, war seine Kindheit vorbei. "Ich habe erfahren, dass die Welt ganz anders ist, als man sie mit neun Jahren erleben sollte", sagt er heute, "das prägt mich noch immer."

Am 10. Januar 1986 herrscht dichtes Schneetreiben, gegen 17 Uhr ist es schon dunkel. Sascha, der mit Freunden Rollschuh gelaufen ist, kann schon die beleuchteten Fenster seines Elternhauses in Wiesbaden-Delkenheim sehen, als er von hinten gepackt wird. "Plötzlich war ich im Schwitzkasten", erinnert er sich, "ich dachte erst an einen Scherz."

Der Täter gilt als harmloser Sonderling

Doch der große Mann mit dem wilden Vollbart schleift ihn grob hinter sich her und herrscht ihn an, nur ja keinen Mucks von sich zu geben oder sich umzudrehen. Stundenlang zerrt der Entführer Sascha über einsame, verschneite Felder. Längst hat der Junge die Orientierung verloren. Er weint leise, hofft auf Hilfe von Gott, zu dem er jeden Abend betet, denkt an seine vier älteren Geschwister. Und er fragt sich: warum ich?

Die Antwort ist banal. Adam G., damals 34, hält den zarten Jungen mit den weichen Gesichtszügen für ein Mädchen. Und beschließt im Bus, als er den schräg gegenüber sitzenden Sascha beobachtet, das vermeintliche Mädchen in seine Gewalt zu bringen. Als er die Verwechslung bemerkt, ist er verblüfft und enttäuscht.

Der Mann gilt bis dahin als harmloser Sonderling. Er hat weder Freunde noch Verwandte, besitzt kaum Kontakt zur Außenwelt, lebt von Gelegenheitsarbeiten und Stütze. Mal ist er beim Klauen erwischt worden, mal beim Schwarzfahren.

Niemand kümmert sich um Adam G., und er kümmert sich auch um niemanden. Seit dem Tod seiner Eltern lebt er allein auf einem abgelegenen Grundstück, das mit Stacheldraht umgeben ist, und haust dort in dem Wohnwagen, in dem er schon geboren wurde.

Hierhin verschleppt er sein Opfer. Wenn Adam G. das Grundstück verlässt, muss Sascha anfangs in eine winzige, mit schweren Pflastersteinen beschwerte Holzkiste kriechen, damit er nicht fliehen kann. Später wird der Junge in solchen Situationen stundenlang in einen angebauten Verschlag gesperrt, selbst bei Eiseskälte. Doch das ist nicht das Schlimmste.



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patricka1 12.01.2011
1. Den Gutachter...
Zitat von sysopDrei Monate lang war ein heute 34-Jähriger als Kind in der Gewalt eines Entführers. Als der Junge befreit wurde, hatten Eltern und Polizei die Hoffnung fast aufgegeben, http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,738713,00.html
..sollte man auch wegsperren. Das ist doch so, wie wenn man einen Rottweiler, von dem bekannt ist, dass er aggressiv ist, von der Leine lässt und dann sagt, aber der Hund hat doch gebissen. Der Besitzer bekommt eine Mitschuld. Und der Gutachter???
MarthaMuse, 12.01.2011
2. Ärgerlich
Ein an sich sachlicher Artikel, der am Ende ärgerlich wird, nämlich an der Stelle, an der unvermittelt gar nicht mehr Herr Buzmann, sondern ein aktueller Fall, im Mittelpunkt steht. An der Stelle wünschte ich mir ein Resümee für Herrn Buzmann, oder zumindest abschließende Worte über ihn, und nicht den abrupten Wechsel zu einem völlig anderen Vorgang. Das ist schlechter Stil und wirkt für mich respektlos dem gegenüber, der Hauptperson des Artikels sein sollte. So wird aus der angedachten Begegnung mit einem Belasteten ein Aufhänger für einen ganz anderen Vorgang. Schade, denn die Idee, einmal über ein Opfer einer länger zurückliegenden Tat und seinen Werdegang, seine Probleme, zu berichten, war gut.
altruist 12.01.2011
3. kriegs-und nachkriegskinder
eine schlimme geschichte mit bleibenden folgen für den jungen mann. hatt sich schon mal jemand gefragt,wie es den kinder ergangen ist,die im krieg einen oder beide elternteile verloren haben, welche psychische qualen die für ihr leben erlitten haben? garnoch wenn die eltern nazis waren oder man ausgebombt war,die flucht,evakuierung im und nach dem krieg.kein essen,keine kleidung,keine wohnung,nur lausigen ställe und kammer,kein spielzeug.-nichts. welche spätfolgen haben die. ruinierte eltern,exsistenzbedrohung.
m1968, 12.01.2011
4. verlorene Kindheit
Ich habe feuchte Augen beim lesen des Artikels bekommen. Das Verbrechen, das Sascha Buzmann wiederfahren ist, ist von mir sehr sehr gut nachvollziehbar. Ich wurde zwar nicht entfuehrt, doch ueber Jahre von meinem Onkel sexuell missbraucht . Ich wurde nicht massiv missbraucht, aber die Folgen kenn ich. Depressionen. Die Morgen, die ich aufwachte und mir wuenschte, Tod zu sein, weil das Leben so leblos ist und die Kraft zum Leben taeglich ein wenig mehr schwindet. Beziehungsprobleme, jahrelanges Alleine sein. Das Wissen, das mich niemand versteht. Ich bin jetzt 42 und habe mich vor wenigen Monaten endgueltig von meiner Depression verabschiedet. Aber noch immer werde ich unruhig, wenn mir mein Freund die Hand in den Nacken legt oder auf den Hinterkopf. Sachsa Buzmann, ich verstehe dich gut... Alles erdenklich Gute fuer Dich!
DaveLister 12.01.2011
5. Keine einfache Antwort möglich
Ich bin Vater von zwei kleinen Mädchen und bete jeden Tag, dass der liebe Gott eher mich holen möge als dass ich die Angst und den Schmerz aushalten müsste, wenn jemand eins meiner Kinder entführen würde. Dann steigt der Hass in mir auf, wenn ich an diejenigen denke, die so was machen. Kindern etwas antun. Kann die Hölle schlimm genug sein für solche Menschen ? Und dann rettet mich meine Intelligenz, die mir sagt, dass die Bösen von heute vielleicht die Missbrauchten von früher waren. Also was kann man tun ? Beten und sich möglichst in jeder Lebenssituation fair und aufmerksam verhalten. So dass man keine Wunden schlägt und vielleicht auch merkt, wenn man irgendwo eingreifen muss oder (wie bei dem Gutachter) sein Pflicht tut und sorgfältig prüft. Gott bewahre uns vor den einfachen Antworten.
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