AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2011

Bildung Eisiges Klima

Thilo Sarrazin hat die Bildungsthesen seines Bestsellers auch aus den Erfahrungen seiner Frau Ursula abgeleitet. Die Grundschullehrerin wird schon lange als zu streng kritisiert.

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Die Verabschiedung der 6. Klassen aus der Reinhold-Otto-Grundschule im Berliner Westend sollte ein schönes Fest werden, mit Reden, Musik und Sketchen. Sechs Kinder trugen im Sommer 2008 Erinnerungen an ihre Grundschulzeit vor. Als letztes kam in der überfüllten Aula ein Mädchen an die Reihe. Es stand auf der Bühne und griff sich selbstbewusst das Mikrofon:

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Heft 3/2011
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"Die Schule machte mir sehr viel Spaß, außer im Fach Deutsch, denn meine Lehrerin war sehr streng, und vor allen Dingen schrak ich manchmal zurück, wenn sie so laut schrie, dass ihr Kopf leicht rot anlief."

Ursula Sarrazin, ihre Deutschlehrerin, saß im Saal mit versteinerter Miene. Einige Tage zuvor hatte der Klassenlehrer, der ihren Text vorher gelesen hatte, noch abends bei den Eltern des Mädchens angerufen und gedrängt, die Passage abzuschwächen oder wegzulassen. Die 13-Jährige weigerte sich und sorgte damals für einen kleinen Eklat.

Jetzt wird der bislang nur schulinterne Konflikt um Frau Sarrazin und ihre Erziehungsmethoden in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Er kreist um zwei Fragen: Demütigt und belastet sie Kinder? Oder wird sie gemobbt, weil sie mit Thilo Sarrazin verheiratet ist?

Seit einer Woche stellen vor allem Springer-Blätter das Paar als Opfer einer Kampagne dar. Gleichzeitig werden die Klagen vieler Eltern lauter. So erhielt der Leiter der Schulaufsicht, Günther Kuhring, einen Beschwerdebrief aus der Klasse 4b. Über Ursula Sarrazin hieß es darin, "dass sie Kinder anschreit", demotiviere und beschimpfe. Einige Schüler hätten deshalb "während des Unterrichts mehrfach geweint", so dass sie "völlig aufgelöst zu Hause ankamen".

"Wichtiger fachlicher Gesprächspartner"

Die Frau, um die sich alles dreht, lehnt sich in einem Sessel in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Charlottenburg zurück, es ist Donnerstagabend vergangener Woche. "Nein", sagt sie, "ich schrei doch keine Kinder an, ich demütige doch niemanden." Drei Stunden lang wird sie im Gespräch die Vorwürfe zurückweisen und ihre Version erzählen. Dabei weiß sie oft nicht, wohin mit ihren Händen, sie legt sie auf die Beine, dann lässt sie sie baumeln, dann verschränkt sie die Arme, greift sich ans Kinn, sie ist immer in Bewegung. "Es ist genau umgekehrt", sagt sie, "ich werde nach 30 Jahren im Schuldienst gemobbt, offenbar will man mich zum Halbjahreswechsel Ende Januar aus der Schule raushaben."

Normalerweise würden Elternbeschwerden über eine Grundschullehrerin keine deutschlandweiten Schlagzeilen machen. Doch in diesem Fall ist es die Prominenz des Ehemanns, die den Streit aus anderen Gründen hervorhebt. Denn in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" beruft sich Sarrazin ausdrücklich auf die Erfahrungen seiner Frau: "Bei allen Aussagen zur Bildung war sie mir ein wichtiger fachlicher Gesprächspartner", schreibt er in der Danksagung.

Zufall oder nicht: Deutsch und Mathematik - die Unterrichtsfächer Ursula Sarrazins - sind für ihren Mann Thilo die wichtigsten Kernkompetenzen für individuellen Bildungserfolg. Und ausgerechnet hier sieht er die größten Defizite.

"Meine Frau hat als Grundschullehrerin sämtliche Deutsch- und Mathematikbücher von 1972 bis heute aufbewahrt", heißt es in seinem Werk. Nach Durchsicht der Lehrbücher erkannte das Ehepaar einen "schockierenden" Trend: Die Anforderungen seien kontinuierlich gesunken - mit schlimmen Folgen für das mathematische Grundverständnis ("verheerend") und die Lesefähigkeit ("noch verheerender").

Ihre "dreizügige Grundschule in Charlottenburg", an der viele Kinder aus Zuwandererfamilien stammen, dient dem Bestseller-Autor aber auch sehr konkret als "schlechtes Reformbeispiel".

Die Situation ist außer Kontrolle geraten

Dass die Schulleiterin die Jahrgangsstufen 1 und 2 durch "jahrgangsübergreifendes Lernen" ersetzte, führte demnach zu "vielen Mängeln", darunter Leistungsverlusten und Unruhe unter den Schülern; nicht zuletzt sei auch "der Vorbereitungsaufwand für die Lehrer erheblich höher" gewesen. Eltern, die die Umstellung unterstützt hätten, "schwammen mit auf der allgemeinen Modewelle".

Diese und andere Erkenntnisse lassen ihn über Schulreformen generell hart urteilen: "Sie folgen ein Stück weit der altlinken, gleichmacherischen Ideologie, dass man Anforderungen so lange senkt, bis auch die Schwachen sie erfüllen können."

Wie glaubwürdig und belastbar sind solche Thesen aber, wenn das "schlechte Reformbeispiel" Reinhold-Otto-Schule offenbar seit Jahren Schauplatz einer Auseinandersetzung um Erziehungsmethoden, Elternbeschwerden und Behördenversagen ist, in deren Zentrum ausgerechnet Sarrazins Frau Ursula steht?

An ihrem Arbeitsplatz ist die Situation offenbar weitgehend außer Kontrolle geraten. Anhänger des Bestseller-Autors fühlen sich durch die Kritik an der Ehefrau provoziert. Es scheint, als würde die ganze, wüste, nationale Sarrazin-Debatte aufs Neue ausgefochten, verdichtet und zugleich zugespitzt zur lokalen Affäre.

"Wenn Frau Sarrazin hier bleibt, verlassen unsere Kinder die Schule"

In der Grundschule wie auch bei Eltern trafen Schmäh- und Drohbriefe gegen Sarrazin-Kritiker ein. Man wolle "mehr Sarrazins" und "weniger Türken" an der Schule, heißt es da. Nach einer Drohung gegen den Schulleiter, der seine prominente Lehrerin seit längerem kritisiert, kam sogar der Staatsschutz. Zwei Beamte inspizierten die Computer im Sekretariat der Grundschule und sahen E-Mails durch, "um die Bedrohungslage einzuschätzen". Die Schulaufsicht stellte Strafanzeige. Lehrer rieten ihrem Chef, früher nach Hause zu gehen, um einem möglichen Angriff zu entgehen.

Auch der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, Günter Peiritsch, bekam den Zorn der Sarrazin-Fans zu spüren. Peiritsch hatte die Vorwürfe von Eltern in Interviews öffentlich gemacht und wird nun bezichtigt, sich in dieser "Schmierenkomödie" als "nützlicher Idiot" missbrauchen zu lassen. Eigentlich gehe es um Herrn Sarrazin, weil der so viel "völkischen" Zuspruch erhalte. "Man sollte immer an die Auswirkungen seines Handelns denken", heißt es in einem Drohbrief, "auch Sie haben eine Familie, die Ihren Schutz braucht."

Der Konflikt köchelt allerdings schon seit Jahren. Immer wieder hatte es Kritik am Erziehungsstil von Ursula Sarrazin gegeben. Schon 2002, als sie an einer Berliner Montessori-Schule unterrichtete und ihr Mann noch kaum bekannt war, beschwerten sich fast alle Eltern ihrer Klasse. Am Ende eines Schuljahrs legten sie der Direktorin die bereits ausgefüllten Abmeldeformulare ihrer Kinder vor und erklärten: "Wenn Frau Sarrazin hier bleibt, verlassen unsere Kinder die Schule." Wenig später wechselte die Lehrerin die Schule "Sie wehrte alle Vorwürfe ab", erinnert sich ein Vater.

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