AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2011

Protest "Werdet militant"

Der 93-jährige ehemalige französische Widerstandskämpfer und Autor Stéphane Hessel über seine Streitschrift "Empört euch!", die zum friedlichen Aufstand gegen die herrschenden Verhältnisse aufruft, und über seine Rolle als Held einer unzufriedenen Jugend

AFP

SPIEGEL: Monsieur Hessel, Ihre kleine Streitschrift "Empört euch!" hat in Frankreich und darüber hinaus ein gewaltiges Echo ausgelöst. Haben Sie damit eine Lunte der Revolution gelegt?

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Hessel: Das war gewiss nicht meine Absicht, auch wenn mein Appell inzwischen tatsächlich brennt wie eine Pulverschnur. Bald eine Million verkaufter Exemplare, dazu Übersetzungen in der ganzen Welt! Dieser Erfolg hat mich völlig überrascht, es ist so etwas wie ein gesellschaftliches Massenphänomen geworden. Eigentlich misstraue ich der revolutionären Versuchung, die immer eine Gefahr darstellt. Aber zugleich bewundere ich den Kampfesmut der zeitgenössischen Nachfolger von Louis Auguste Blanqui und Michail Bakunin, jenen Anarchisten des 19. Jahrhunderts, die auf ihre Weise ein Fanal setzen wollten.

SPIEGEL: Sehen Sie sich in deren Nachfolge?

Hessel: Mein Buch ist keine große Sache, vielleicht die erste Stufe einer Rakete, ein Weckruf an das Bewusstsein. Die Broschüre ist ja eher zufällig entstanden.

SPIEGEL: Wie denn?

Hessel: Nach einem Gespräch mit meiner Verlegerin Sylvie Crossman, die sich ansonsten sehr für buddhistische Lehren und die Weisheiten der australischen Ureinwohner interessiert. Sie meinte, in meinem biblischen Alter und aufgrund meiner gelebten Erfahrung als französischer Widerstandskämpfer sowie als Mitarbeiter an der Uno-Erklärung der Menschenrechte hätte ich etwas zu sagen, was unsere heutige Gesellschaft angeht.

SPIEGEL: Ein Vermächtnis für die Jungen?

Hessel: Ich habe die allerletzte Etappe meines Lebens erreicht. Das Ende ist nicht mehr weit. Und so habe ich die Gelegenheit genutzt, an das Fundament meines politischen Engagements zu erinnern, die Jahre der Résistance im Zweiten Weltkrieg gegen die Kräfte der Barbarei.

SPIEGEL: Eine vergleichbare Bedrohung ist derzeit nirgends in Sicht. Ist das Pathos Ihres Aufrufs zum Widerstand da nicht völlig überzogen?

Hessel: Mag sein. Aber warum treffe ich dann offenkundig einen Nerv der Zeit? Eine Unruhe hat unsere Gesellschaften erfasst, ein Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann. Zu viele Probleme - von der Wirtschaftskrise über den Abbau des Sozialstaats bis zur ökologischen Zerstörung des Planeten - sind ungelöst. Deshalb kommt die Aufforderung, sich zu empören, offenbar in einem richtigen Moment der Geschichte.

SPIEGEL: Die Empörung ist normalerweise ein Vorrecht der Jungen, die nostalgische Erinnerung eines der Alten. Trifft bei Ihnen beides zusammen?

Hessel: Die Probleme heute sind natürlich nicht mehr die, vor denen wir am Ende des Kriegs 1944/45 standen. Aber die Werte, die uns antrieben, können noch immer die Grundlage für den Widerstand, die Empörung von heute bilden.

SPIEGEL: Welche Werte sind das?

Hessel: Die Prinzipien der Ethik lassen sich nicht neu erfinden. Im Kern bleiben sie unverrückbar: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Menschenrechte. Wenn diese Werte unter die Räder kommen, etwa durch die Macht des Geldes, den hemmungslosen Konkurrenzkampf, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen, die Unterdrückung des Selbstbestimmungsrechts, die Macht des Stärkeren, dann müssen wir uns heute dagegen stemmen, so wie wir uns seinerzeit gegen die Kräfte der Zerstörung gestemmt haben.

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