AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2011

Musikindustrie Star Wars

Die weltgrößten Plattenfirmen zittern vor ein paar jungen Deutschen. Die hacken sich in die Rechner berühmter Musiker und deren Manager, stellen unveröffentlichte Lieder von Lady Gaga oder Shakira ins Netz. Zwei wurden erwischt, die anderen machen weiter.

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Morgens um neun in Wesel: Christian M. liegt noch im Bett, döst in seinem Zimmer unten im Keller. Ein Morgen wie jeder Morgen, an dem sich das Aufstehen nicht lohnt. Auch an diesem Tag wird niemand da draußen auf ihn warten. Wird kein Mensch etwas von einem Jungen wissen wollen, der das Berufskolleg hingeschmissen hat und der jetzt arbeitslos, mit 22, seine Stunden vor dem Computer verplempert.

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Niemand.

Außer Lady Gaga. Mariah Carey. Leona Lewis.

Es ist der 26. August 2010, in einem Wohngebiet mit backsteinroten Doppelhäusern am Niederrhein, als unten im Keller die Tür aufgeht und Lady Gaga hereinplatzt, zusammen mit Mariah Carey und Leona Lewis. Besser gesagt: Es ist die Polizei, die da an seinem Bett steht, Christians Schwester hat sie hereingelassen. Eine Taschenlampe strahlt Christian ins Gesicht, er blinzelt, schließlich sagt eine Männerstimme: "Sie wissen, warum wir hier sind."

Und ja, Christian kann es sich schon denken: Lady Gaga, Mariah Carey, Leona Lewis, noch ein paar andere Superstars, sie alle haben ihn gejagt. Sie und ihre Plattenfirmen Universal und Sony, das amerikanische FBI, das Bundeskriminalamt. Die beiden größten Musikkonzerne, die besten Ermittler der Welt. Jetzt haben sie ihn gefunden. Einen Jungen, der eher nach 17 als nach 22 aussieht, der kaum mal ein paar Sätze am Stück sagt und der schielt, wenn er die Brille abnimmt.

Die Männerstimme gehört einem Kommissar der Kripo Duisburg, er braucht nicht lange, um Christian zu einem Geständnis zu bringen. Was soll Christian auch leugnen? Seine mobile Festplatte, die er sonst nachts immer im Kellerraum nebenan versteckt, liegt auf dem Schreibtisch.

Den Schatz der Branche gestohlen

Die Polizei findet: einige Tausend Songs, die Christian und andere Hacker aus den Computern von Sängern und Musikproduzenten gestohlen haben. Nicht irgendwelche Tracks, sondern den Schatz der Branche. Lieder, die noch gar nicht auf dem Markt waren.

Schon sieben Wochen zuvor hatte die Kripo ein anderes Zimmer in Duisburg durchsucht, das Operationszentrum von Deniz A., 17, Hackername "DJ Stolen". Gemeinsam hatten die beiden unveröffentlichte Songs verkauft, an Abnehmer in Mexiko oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Bei Deniz geht es aber noch um mehr: Es gibt Chat-Protokolle, die man so lesen kann, als habe er Weltstars erpresst. Aus Angst, DJ Stolen könnte ihre Stücke ins Netz stellen und ihnen damit die Kampagne für den nächsten Hit kaputtmachen, schickten sie Deniz einen "Shout", ein paar gesprochene Sätze, die so klingen, als seien sie Kumpel, der Star und der Hacker. So ein Shout ist die wertvollste Trophäe nach einem gelungenen Angriff - er soll zeigen, dass einer wie Deniz die härtesten Gangsta-Rapper, die stolzesten Soul-Queens in der Hand hat.

Kann das wirklich sein? Ein Kellerraum in Wesel, ein Kinderzimmer in Duisburg, zwei junge Burschen aus Deutschland, aber die coolsten Glitzer- und Glamourstars einer Milliardenindustrie zitterten vor ihnen? Der Fall, in dem die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt, führt in eine unbekannte Welt, die erst in den vergangenen drei Jahren entstanden ist, mit eigenen Regeln, mit einem "noch weitgehend unbekannten Modus Operandi", wie es in einem Kripo-Bericht heißt.

Ein Wettbewerb der Hacker, wer die Rechner der berühmtesten Popstars knackt

Gut hundert junge Hacker in Deutschland, schätzt Christian, liefern sich einen Wettbewerb darum, wer die Rechner der berühmtesten Popstars knackt, deren Manager, deren Plattenfirmen, deren Verwandten oder Freunde. Ihr Ziel ist es, Stücke, die noch kein Fan hören konnte, ins Netz zu stellen, für die anderen Hacker. Je größer der Star, desto größer das Ansehen, der "fame", aber natürlich auch der Wert der Songs. Denn zumindest einige der Internetpiraten verkaufen die Beute weiter, so wie Christian und Deniz.

Die Musikkonzerne Universal und Sony sind so nervös, dass ihre Hamburger Anwaltskanzlei Rasch zunächst nicht mal sagen will, ob sie ein Mandat in der Sache hat. Die Sorge ist, dass daraus ein Massenphänomen werden könnte und der Schaden immer größer.

Der US-Sänger Usher beispielsweise soll 2009 ein fertigproduziertes Album weggeworfen haben, weil die Stücke schon im Netz kursierten. Doch auch nach den Razzien bei Christian und Deniz geht die Jagd der Hacker nach frischen Songs weiter: Zwar haben US-Behörden vor kurzem ihren wichtigsten Treffpunkt zugemacht, die Internetseite rmx4u.com. Aber inzwischen gibt es einen neuen, der Name klingt so ähnlich, nur dass der Server diesmal auf Tonga in der Südsee steht.

Christian sitzt im Wohnzimmer seiner Eltern, klein, schmal, und weil er nicht gern redet, am liebsten gar nichts sagen würde, könnte man fast übersehen, dass er da ist. Eine zerfranste Jeans, eine schwarze Adidas-Trainingsjacke, alles nicht weiter auffällig. Vor dem Haus steht kein Auto, kein Motorrad, er hat ja noch nicht mal einen Mofa-Führerschein. Stattdessen hat er sich von dem Geld, das er mit geklauten Songs verdiente, eine neue Brille von Apollo-Optik gekauft, für 150 Euro, einen Laminatboden für sein Zimmer, eine Playstation. Solche Dinge eben, nichts Großes.

Seine Mutter sagt, dass Christian es nie leicht hatte. Schon mit drei Jahren wurde er das erste Mal operiert, weil er so schielte, der erste von vier Eingriffen. Er war immer der Kleinste, eine Zeitlang dachten die Eltern sogar, es könnte krankhaft sein, Kleinwuchs. Und Christian hatte sich auch schnell damit abgefunden, dass er deshalb eben immer ein Opfer war. Im Fußballverein nannten sie ihn "Zwerg", im Judoverein "Fischauge", in der Schule "Brillenschlange". Er zog sich dann jedes Mal zurück, aber er gewöhnte sich auch an, sich alles zu vergeben, was sonst noch schieflief bei ihm. Nach der sechsten Klasse musste er von der Realschule abgehen, den Hauptschulabschluss schaffte er nur gerade so. Danach außer ein paar Praktika gar nichts mehr. Seine Mutter schimpft, dass er die ganzen Jahre "stinkfaul" war, Christian wehrt sich nicht mal, wenn sie das sagt.

"Aber mit dem Hacken", meint er, "hat das doch alles nichts zu tun." Die Ermittler sehen das anders. Einer, dem im Leben nichts gelingt und der deshalb nirgendwo beliebt ist, findet am Computer das, was er sonst nie bekommen hat: Anerkennung.

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
snickerman 26.01.2011
1. Weseler Wikileaks...
So, jetzt wissen vermutlich einige der berühmtesten Musikstars unserer Zeit, wo unser schönes Wesel liegt... Ich hätte es mir schwerer vorgestellt, all diese Rechner auszuforschen und zu plündern. Hm, soll ich Miley Cyrus mal dazu bringen, mich beim nächsten Großkonzert zu grüßen? Dass man sich damit aber nicht wirklich beliebt macht, dürfte wohl klar sein, außerdem bekommt man da wahrscheinlich lebenslanges Internetverbot...
distributer 26.01.2011
2. Jupp
Zitat von snickermanSo, jetzt wissen vermutlich einige der berühmtesten Musikstars unserer Zeit, wo unser schönes Wesel liegt... Ich hätte es mir schwerer vorgestellt, all diese Rechner auszuforschen und zu plündern. Hm, soll ich Miley Cyrus mal dazu bringen, mich beim nächsten Großkonzert zu grüßen? Dass man sich damit aber nicht wirklich beliebt macht, dürfte wohl klar sein, außerdem bekommt man da wahrscheinlich lebenslanges Internetverbot...
Wie im Mittelalter, wo Dieben die Hand abgehackt wurde damit sie nichts mehr klauen konnten. Hier geht es um ganz normalen Diebstahl und Hehlerei, er ist ausserdem 22 Jahre alt und nach Deutschem Gesetz voll strafmuendig.
lame77 26.01.2011
3. so so, hacker?!
unter einem hacker stelle ich mir etwas weitaus anderes vor, als pubertierende jünglinge, die auf die blödheit der anwender und/oder schlampig gewartete systeme hoffen müssen, damit diese dann ihre rechner quasi selber in richtung netz aufreißen. und e-mail-trojaner für ein klicki-bunti-system aus einem baukasten zu synthetisieren spricht auch nicht gerade für sonderlich große begabung. das sind also bestenfalls skript kiddies, aber keine hacker. solche hätten wahrscheinlich auch darauf verzichtet, sich aus dem elterlichen wohnzimmer für diesen schwachsinn einzuwählen und dann würde das wenig geschätzte FBI eventuell immer noch suchen.
distributer 26.01.2011
4. Nochmal :)
Zitat von snickermanSo, jetzt wissen vermutlich einige der berühmtesten Musikstars unserer Zeit, wo unser schönes Wesel liegt... Ich hätte es mir schwerer vorgestellt, all diese Rechner auszuforschen und zu plündern. Hm, soll ich Miley Cyrus mal dazu bringen, mich beim nächsten Großkonzert zu grüßen? Dass man sich damit aber nicht wirklich beliebt macht, dürfte wohl klar sein, außerdem bekommt man da wahrscheinlich lebenslanges Internetverbot...
Ruft "Wer ist der Buergermeister von Wesel?" Echo "Eeeesel!" Wird vermutlich nicht durchgehen aber das war mal ein Sketch von Wendehals?
KurtFolkert 26.01.2011
5. ...
Wundert mich alles nicht. Und - es ist doch bloß eine kleine Ecke von der großen Spitze eines noch größeren Eisbergs. Persönliche Dinge haben im Internet eben nix verloren. Oder aber, man macht es sicherer. Da aber weder das eine oder das andere geschieht, sind eben halbe Kinder dazu in der Lage ein wenig unfug zu treiben. Wenn auch grober Unfug. Sollte die Strafe aber höher als Bewährung ausfallen, also zu einem Exempel ausarten, wird das niemanden abhalten, weiter zu machen. Rachsucht ist ja bekanntlich gerade im Internet eine Eigenschaft, die man sozusagen haben muss. Aber witzig wärs schon :>
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