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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2011

Literatur: Der Homer der Hipster

Von

Mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist die unredigierte Originalfassung von Jack Kerouacs legendärem Roman "On the Road" erschienen, die er auf einer knapp 40 Meter langen Papierrolle schrieb. Es ist dieselbe Geschichte, aber ein neues Buch.

Beat-Literat Jack Kerouac: "Wir wollten Amerika finden" Fotos
REUTERS / New York Public Library

Es ist die große amerikanische Oper. Brrrmm. Brrrmm. Brrroooooomm. Bbbbrrrrroooooooommm. Es ist der Sound der Straße.

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"Nichts hinter mir, alles vor mir, wie das auf der Straße immer ist." Das ist die Stimme von Jack Kerouac, trunken vor Glück, berauscht vom Unglück, auf der Suche, auf der Flucht, high vom Sein. "Vor mir brannte die Vision vom goldenen Hollywood."

Nach Westen, nach Westen, nach vorn nur, atemlos.

Das ist die Geschichte von "On the Road", dem Roman, den Generationen von Beatniks, Hippies, Punks falsch verstanden haben. "On the Road" ist keine Abrechnung mit der Gesellschaft, kein Handbuch für Eskapisten und randständige Revolutionäre. Es ist Kerouacs Suche nach sich selbst.

Alles an dieser literarischen Großtat ist existentiell. Das Saufen, die Prärie, der ewig letzte Dollar, die mexikanischen Huren, die Levi's, der Cadillac, dieser große, vernarbte, prophetische Wagen, so nannte ihn Kerouac, mit dem sie durch Amerika schossen, Kerouac und die anderen Verlorenen, durch die Nacht, die niemals enden sollte.

Darum ging es in "On the Road": Bewegung, die reine Bewegung. Eine ewige spirituelle Reise.

Wort um Wort und Kilometer um Kilometer, Sätze wie Hagel auf der Windschutzscheibe, Bilder wie die Sonne über den Rocky Mountains: So zigzagte Jack Kerouac zwischen 1947 und 1950 quer durch Amerika, besessen von einem Teufel, den manche Leben nennen.

All das lässt sich jetzt wieder entdecken und erleben, in der Wort- und Glückslawine, die Ulrich Blumenbach vor uns ausschüttet, der fabelhafte Übersetzer der "Urfassung" von "On the Road", so nennt der Rowohlt Verlag das; in Amerika hieß es "The Original Scroll", was die Sache auch ganz praktisch trifft. Denn Jack Kerouac schrieb den Roman tatsächlich auf eine Rolle Papier, er hatte die einzelnen Blätter aneinandergeklebt, 37 Meter insgesamt, in einem dreiwöchigen Rausch im April 1951 in die Maschine gehackt, kling kling kling, das ewige Papier wie die heilige Straße vor sich, 125.000 Wörter schließlich, wie er stolz Neal Cassady verkündete, seinem Freund und Verführer.

"Ich habe das Buch auf KAFFEE geschrieben, erinnere dich an besagte Regel. Bennies, Gras, nichts, was ICH kenne, ist für einen echten mentalen Energieschub so gut wie Kaffee."

Keine Drogen also, kein Benzedrin, wie es die Legende wollte. Weil Legenden das sind, was sich sofort um diesen Roman bildete. Weil alles so unglaublich war, so krass, so radikal. Der hagere Übervater der Beat-Generation etwa, William Burroughs, wie er seine schmale schwarze Krawatte abnimmt, sich den Arm abbindet und einen Schuss setzt. Oder Allen Ginsberg, dieser "leiderfüllte, lyrische Schwindler", der Gras rauchte und sich an Gedanken berauschte und nächtelang mit Cassady diskutierte. Wenn sie nicht gerade Sex hatten, diese "Starkstromgeister".

All das sind Urszenen des kurzen amerikanischen Jahrhunderts, das 1945 begann und am 11. September 2001 endete. Dieses Buch ist der Schlüssel zu all dem, was folgte. Hier findet sich die DNA der Popkultur.

"On the Road", wie es jetzt vorliegt, wirft uns das sehr viel roher, ungeschützter hin als die bisherige, lektorierte Fassung, in der alle Namen geändert waren, Burroughs nicht Burroughs hieß und Ginsberg nicht Ginsberg und schwuler Sex auch nicht vorkam.

Es ist keine andere Geschichte, aber es ist ein anderes Buch. Die Charaktere sind genauso frei und verloren wie in der lektorierten Fassung, ihre Reisen sind genauso panisch und euphorisch.

Von New York aus ging es los. Kerouac hatte schon einmal geheiratet, er war 25, er wohnte bei seiner Mutter, schrieb ihr einen Zettel und machte sich auf, im Regen, allein. Fünf Reisen insgesamt. Fünfmal folgte er seinen "Visionen" und machte sich erst einmal auf den Weg nach Denver, mit Whiskey saufenden Farmjungs auf der Pritsche eines Lastwagens.

"Ich fühlte mich wie ein Pfeil, der über die ganze Strecke hinwegschießen konnte", schreibt Kerouac. Denver bedeutete Tanzen, Trinken, Mädchen, der Spaß all derer, die "aus dem Untergrund" aufstiegen, "die schäbigen Hipster von Amerika, eine neue, geschlagene Generation, der ich mich langsam anschloss".

Jack Kerouac war der Ur-Hipster

Der Hipster also. Diese Schlüsselfigur der Popkultur, weil er den Untergrund mit dem Mainstream verband, weil er die Geheimnisse der Eingeweihten zum Geschmack der Massen machte. Manche sehen in ihm einen Verräter, manche nennen ihn einen Visionär. Jack Kerouac war der Ur-Hipster.

Es ist ein Wort, das eigentlich nur im amerikanischen Zusammenhang wirklich zu verstehen ist. Bekannt wurde der Begriff durch Norman Mailers Essay "The White Negro", der 1957 erschien, im selben Jahr wie "On the Road". Ursprünglich war der Hipster jemand, der so lebte wie ein Schwarzer, obwohl er weiß war. Mit anderen Worten, er hörte Jazz.

Das war der existentialistische Hipster der vierziger Jahre, der im Schatten des Zweiten Weltkriegs lebte, das war Jack Kerouac, als er Amerika durchstreifte. Der Hipster der fünfziger Jahre war anders, er lebte in der bunten Welt von Elvis Presley und Rock'n'Roll. Das ist die merkwürdige Geschichte von "On the Road", das ist das Missverständnis: Erlebt 1947, beschrieben 1951, gedruckt erst 1957.

In diesen zehn Jahren hatte Amerika die Welt erobert, mit jener Popkultur, deren Währung mehr noch als der Dollar die Jugend war. Kerouac wurde ein Vorbild, obwohl er nie Teil dieser Kultur war. Zu alt, zu geschlagen, seine Kunst zielte auf Erkenntnis, nicht auf Eroberung. Geblieben ist die Figur des Hipsters.

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1.
Zapallar 04.02.2011
Das in-einen-Topf-werfen von Beatniks, Punks und Hipster ist doch mehr als merkwürdig weil recht großbandbreitig. Am anderen Ende der Liste missverstandener Bücher könnte Christian Krachts Faserland stehen ... Generationen junger Barbourjackenträger holen sich darauf einen runter und verstehen den Inhalt vor lauter Markengeilheit nicht, Und wo wir schonmal beim Thema missverstandene Bücher sind, ist nicht auch der Koran ein vollkommen falsch interpret*+ $/&§$ aua, ja, ist gut .. hör ja schon auf!
2. so so
adazaurak 04.02.2011
Woher nimmt der Schreiberling Diez folgende Gewißheit, "Das ist die Geschichte von "On the Road", dem Roman, den Generationen von Beatniks, Hippies, Punks falsch verstanden haben."? Niemals sah ich einen Sozialromantiker der dieses Buch auch nur zu Ende gelesen hat, immer nur sah ich Sucher, die dieses Buch an ihr Herz drückten. Zweifeln muß ich, ob Schreiberling Diez zu letzteren gehört
3. wie auch immer,
frank_lloyd_right 04.02.2011
zeit das buch nochmal zu lesen. koffein ist uebrigens durchaus eine droge, schon vor jahrzehnten hat man in einer vergleichsstudie mit spinnen (die auch lsd und thc bekamen) voellig ueberrascht festgestellt, dass diese sehr einfachen und systematischen, sozusagen konservative-revolutionaeren tierchen unter lsd sehr, aeh, sozusagen transzendente, echt dreidimensionale netze webten, unter thc extrem uebertrieben detaillierte - klar. nur unter koffein brachten sie gar keine anstaendige netzstruktur zustande, das hat alle ueberrascht. an ist sich bis heute nicht klar, was genau fuer schluesse man daraus ziehen sollte, aber da ist es nun mal. viel koffein ist ein grosser geistiger zerhacker, das weiss jeder, der schon mal drei tage nicht gepennt und dann drei tassen starken kaffee getrunken hat... aber mit kerouac muss das nicht unbedingt zu tun haben. wie "rekonstruiert" man eigentlich einen meter geschreibsel, wenn ein hund es gefressen hat ? war der hund noch vernehmungsfaehig ?
4. Dns
gothograecus 04.02.2011
Es heißt auf Deutsch immer noch DNS, nicht DNA...
5. À bout de souffle
avollmer 04.02.2011
"On the Road" zu lesen ist schwer, es ist wie ein einziger Satz mit vielen Kapiteln als Nebensätzen, geschachtelt und immerfort weiter und weiter ohne Atem zu holen oder innezuhalten und dem Leser mit Struktur und Verharrungspunkten eine Chance zur Pause zu geben, so lässt es einem weiter und weiter lesen bis man am Ende ankommt oder verzweifelt kapituliert und aus Scham ob des Versagens ihm standgehalten zu haben nie wieder danach greift, es darob mystifiziert und auf den intellektuellen Altar großer Literatur stellt. Wenn der Autor hier zum Homer erhoben wird, dann rückt das die Hipster in eine Relation zur griechischen Klassik, die ihnen Bedeutung und Einfluss weitgehend abspricht. Zu groß ist die Kluft, zu weit der Abstand. Das Buch und sein Autor sind Denkmäler ihres Zeitgeistes, das Buch eine interessante Leseerfahrung, mehr nicht. Die neue Ausgabe sagt viel über den Geist aus, der frühere Ausgaben kastrierte, noch mehr über den Autor und seine Kultur, aber es ist ein Blick zurück, der uns keine Kraft und Erkenntnis für die Zukunft gibt. Die Kämpfe und Konflikte in und hinter dem Buch sind ausgefochten, hinter uns und nicht einmal die Asche glüht noch, geschweige denn dass man die Hitze des Gefechts noch spürt. Dafür taugt das Buch, es erinnert an eine Zeit in der die Gesellschaft noch ein starres Korsett war, aus dem es auszubrechen galt um den ubiquitären Regeln zu entgehen. Es kann als Mahnung gelten, die Kräfte der Reaktion im Auge zu behalten und die Freiheiten zu schätzen, die man damals noch auf der Straße suchen musste.
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Jack Kerouac:
On the Road
Die Urfassung.

Übersetzt von Ulrich Blumenbach

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