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Ausgabe 5/2011

Demokratie: Die Revolution, die keine war

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Der erfolgreiche Umsturz in Tunesien und der Volksaufstand in Ägypten werden in diesen Tagen wieder als "Facebook-Revolutionen" bezeichnet, gelobt wird die befreiende Kraft der Technologie. Das sei naiv und falsch, sagen Kritiker.

Demokratie: Die Revolution, die keine war Fotos

Die Frage, ob das Internet zu einer besseren Welt führt, stellt sich wieder neu in diesen Wochen, nachdem das tunesische Volk seinen Diktator stürzte und das ägyptische den seinen zu verjagen sucht.

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In Tunesien benutzte die Jugend Facebook, um Videos weiterzuleiten von Demonstrationen und Polizeigewalt oder um sich zu Protestmärschen zu verabreden. Auch in Ägypten setzten die Menschen Facebook ein, um Berichte, Gerüchte und Nachrichten über die Lage im Land zu verbreiten. Sie speisten Bilder und Videos ein, im Sekundentakt, aus Kairo, aus Suez, aus Alexandria, und wurden von Tausenden verlinkt, auf den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter.

In atemraubendem Tempo schickten sie immer neue Ikonen des Protests in die Welt: einen Mann, der sich den Polizisten mit ihren Schlagstöcken allein entgegenstellt. Einen anderen, der ein Porträt von Husni Mubarak herunterreißt, angefeuert von einer Menschenmenge. Jünglinge, die auf leeren Straßen Steine gegen Polizisten werfen.

Dann zog das Regime den Stecker. Es schaltete das Internet ab, in der Nacht auf Freitag, so groß war die Angst. Noch nie war ein Land so weit gegangen. Doch die Menschen mussten nicht mehr mobilisiert werden. Sie strömten auch so auf die Straßen.

Kein Medium kann in einer Krisensituation so schnell Nachrichten vermitteln wie Facebook oder Twitter. Soziale Netzwerke erzeugen das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein, auch in Washington, Paris oder Berlin. Sie schaffen eine Intensität und Direktheit, mit der nicht einmal das Fernsehen konkurrieren kann.

Es muss etwas mit dieser Erfahrung zu tun haben, dass westliche Kommentatoren seit Jahren immer die gleiche Frage stellen, wenn ein Volk rebelliert, so wie vor anderthalb Jahren in Iran: die Frage, ob das Netz den Aufstand nicht nur sichtbarer mache, sondern vielleicht selbst befördere.

Erlebte Tunesien eine "Facebook-Revolution", wie manche schrieben, eine "Twitter-Revolution", gar eine "WikiLeaks-Revolution"? Oder war es ein Aufstand, für den die Zeit ohnehin reif war, und der auch ohne Internet stattgefunden hätte?

Der Erfolg der tunesischen Revolution fällt in einen Moment, in dem die Euphorie über das revolutionäre Potential des Netzes abgeklungen ist. 2009 glaubte die Welt noch, eine "Twitter-Revolution" in Iran beobachtet zu haben. Seither sind die skeptischen Stimmen stärker geworden.

Kann das Internet den politischen Wandel fördern? Darüber debattieren Wissenschaftler und Blogger schon lange. Letztlich geht es um eine noch größere Frage: Ist das Internet gut oder schlecht für die Freiheit in der Welt?

Der Internet-Vordenker Evgeny Morozov erfand im April 2009 den Begriff "Twitter-Revolution", als er über einen Volksaufstand in Moldau schrieb. Heute gehört er zu den größten Kritikern solcher Labels, die demokratischen Wandel als Siegeszug westlicher Technologie darstellen. Vor zwei Jahren schrieb er noch: "Werden wir uns der Ereignisse, die sich in Chisinau nun ereignen, nicht der Farben der Flaggen wegen erinnern, sondern wegen der Technologie, die benutzt wurde?"

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insgesamt 53 Beiträge
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1. V
GinaBe 01.02.2011
....Doch wie war es nun in Tunesien? Natürlich war der Auslöser der Proteste nicht das Internet. Es war Mohammed Bouazizi, ein arbeitsloser 26-jähriger Mann in Sidi Bouzid im Landesinneren, der sich als Straßenverkäufer durchschlug, bis die Behörden seinen Karren beschlagnahmten. Daraufhin beging er eine Verzweiflungstat. Er kippte sich Benzin über den Kopf, zündete sich an und setzte so das ganze Land in Flammen... Massive Demonstrationen und brennende Autos können nicht alleine durch die Inter- Vernetzung ausgelöst werden. Auslöser ist stets, so zeigen es Erfahrungen, (Selbst-)Morde, Übergriffe durch die ausübende gewalt, bei denen ein Mensch oder mehrere verletzt werde oder zu Tode Kommen, siehr Rudi Dutschke oder der Tod des jungen Mannes in Griechenland vor 3 Jahren. Das Internet kann allerdings Staatsgrenzen aufweichen, Informationen transportieren und den status quo in einem jeden Land in Frage stellen. Freiheit ist aller Menschen Wunsch, sie zu erleben und möglichst wenigen repressiven Machtmaßnahmen ausgesetzt zu werden,bestmöglichst keinen. Systeme, die ihre Bürger kontrollieren und ihnen jede Entscheidungsfreiheit über ihr individuelles leben berauben sowie jeder Existenzgrundlage enteignen, werden zwangsläufig einer globalen Orientierung zu demokratischen Grundwerten und Menschenrechten zum Opfer fallen, gleichgültig, ob blutig oder sanft.
2. gegen titelzwang
Arne11 01.02.2011
Zitat von sysopDer erfolgreiche Umsturz in Tunesien und der Volksaufstand in Ägypten werden in diesen Tagen wieder als "Facebook-Revolutionen" bezeichnet, gelobt wird die befreiende Kraft der Technologie. Das sei naiv und falsch, sagen Kritiker. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,742430,00.html
Interessanter Artikel. Das Internet eignet sich tatsächlich sehr viel besser zur Identifizierung von Menschen die die 'falsche' Ideologie/Religion/Meinung vertreten. Früher hiess es 'die Gedanken sind frei/wer kann sie erraten'. Heute kann man es, noch Jahre später, per simpler Suche mit google. Natürlich benutzt im Internet niemand der vernünftig ist seinen eigenen Namen. Aber bei Job & Co hat man oftmals keine Wahl, Namen können durch Freundschaften, Aktivitäten rekonstruiert werden und soziale Netzwerke versuchen Druck auszuüben damit immer mehr Menschen ihre echten Namen angeben.
3. intelligentere Methoden
ecce homo 01.02.2011
[quote]Die größte Gefahr, so Morozov, sei nicht allein die Internetzensur, wie China sie kennt. Autokratische Staaten hätten längst viel intelligentere Methoden entwickelt, um ihre Bürger zu kontrollieren.[/&Quote] Bei uns werden z.B. die Provider und Dienstleister für den Zahlungsverkehr angesprochen, die sich dann auf ihre AGB beziehen und unerwünschte Seiten werden dann auf diese Weise bekämpft.
4. NGOs
Bernd.Brincken 01.02.2011
Die Analyse des Autors scheint mir plausibel, es darf aber noch ergänzt werden, dass über das Internet auch EInfluß ausgeübt werden kann. In den USA sind die Strategien zur politischen Meinungsbildung durch Netzmedien am weitesten entwickelt - und wie Tea-Party und Palin zeigen, geht das nicht immer in Richtung Aufklärung. Die USA finanzieren weiterhin eine große Palette von Nicht-Regierungsorganisationen, nach der Wende vor allem im Ostblock, inzwischen weltweit, die sich häufig für Freiheit und Demokratie einsetzen mögen, im Zweifel aber die amerikanische Lesart unterstützen. Es ist daher Vorsicht geboten, über Medienwirkungen zu reden, als ob diese sich jenseits der Politik abspielen.
5. Nur ein Werkzeug, ein wichtiges ...
avollmer 01.02.2011
Das Internet ist ein Werkzeug, genau so wie es der Flugblattdruck für den Vormärz war oder das Radio für die Revolutionen zum Ausgang des ersten Weltkriegs oder das Fernsehen für die politischen Prozesse der 68er Jahre. Das Internet ist ein Medium und eine Plattform, es ist leistungsfähiger und universeller als seine Vorläufer in der Revolutionsunterstützung. Und globaler. Das Flugblatt hängt jetzt nicht nur an der Wand des Bahnhofs, dem Laternenpfahl oder fliegt von der Brüstung in die Menschenmenge. Die fliegenden Blätter unserer Zeit werden zahllos wie Ameisen in kleinen Datenpäckchen durch die Kommunikationsstränge des Erdballs gepresst und entfalten sich nicht nur auf den Bildschirmen der Computer, Handy und TV-Geräte - sie werden auch vorgelesen, wenn der Staat die Schirme schwarz werden lässt. Das System ist schneller und robuster geworden. Die Transparenz lässt sich nicht mehr eintrüben. Reichte es vor 150 Jahren noch das Papier vom Mast zu reißen, so sitzt heute ein automatischer Spender an der Stelle, der auf vielfältige Weise dafür sorgt, dass immer neue Formen und Exemplare der Information ihren Weg ans Licht der Öffentlichkeit finden. Verstummte Twitter mit dem Web vor Tagen in Ägypten, konnte man am Abend schon Auszüge auf Al Jazeera lesen, im Radio hören und per SMS aufs Handy bekommen. Trotz Verhaftung der Al Jazeera Teams, Schließung deren Büros und der der Radiosender, kann man sich die getweeteten Flugblätter am Telefon anhören. Das Werkzeug wehrt sich, es wächst mit der nutzenden Cloud zusammen, nutzt deren Intelligenz, Finanzkraft und Kreativität und schafft etwas Neues. Eine Gesellschaft, die in einem Maße digital ist, dass es zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Man kann das Netz hinter den Steckdosen abschalten, aber nicht das Netz in den Köpfen.
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Mitglieder
Facebook
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach Angaben von Goldman Sachs hatte Facebook Anfang 2011 600 Millionen Mitglieder weltweit, nach eigenen Angaben loggt sich jeden Tag die Hälfte von ihnen auf der Seite ein (Stand: Januar 2011).
Plattform
Seit Mai 2007 können externe Entwickler auf Nutzerdaten zugreifen, wenn die Facebook-Mitglieder dem zustimmen. Seit die Plattform für externe Entwickler geöffnet wurde, wächst das Angebot des einstigen Studentennetzwerk rasant – die Nutzer können aus mehreren tausend kostenloser Anwendungen wählen – Spielen, Fotoverwaltern, Programmen zum Abgleich von Lese-, Film- und Musikvorlieben zum Beispiel.
"Mir gefällt das"
Facebook überall: Die "Mir gefällt das"-Funktion können Website-Betreiber auf ihren eigenen Seiten einbauen. Mit einem Klick teilen Facebook-Nutzer ihren Freunden mit, was ihnen gefällt. Im Gegenzug kann Facebook Werbung gezielter schalten - und weiß, welche Seiten die Mitglieder ansurfen.
Geschäft
Der Umsatz von Facebook lag 2009 schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im November 2007 bei einer Präsentation in New York 250 Werbekunden ein "Interface, um Erkenntnisse über die Facebook-Aktivitäten von Mitgliedern zu sammeln, die fürs Marketing relevant sind", versprach, brach ein Proteststurm los.
Firmenwert
Facebook hat Google 2010 als meistbesuchte Website in den USA überholt. Anfang 2011 investierten die US-Großbank Goldman Sachs und die russische Beteiligungsgruppe Digital Sky Technologies 500 Millionen Dollar in das US-Unternehmen. Der Wert des Netzwerks klettert auf 50 Milliarden Dollar.
Hollywood
Der Film zum Phänomen: Die Gründungsgeschichte von Facebook wurde 2010 von David Fincher mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle verfilmt. "The Social Network" zeigt Zuckerberg als soziopathischen Nerd, der Facebook aus enttäuschter Liebe gründet.

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