Von Mathieu von Rohr
Die Frage, ob das Internet zu einer besseren Welt führt, stellt sich wieder neu in diesen Wochen, nachdem das tunesische Volk seinen Diktator stürzte und das ägyptische den seinen zu verjagen sucht.
In atemraubendem Tempo schickten sie immer neue Ikonen des Protests in die Welt: einen Mann, der sich den Polizisten mit ihren Schlagstöcken allein entgegenstellt. Einen anderen, der ein Porträt von Husni Mubarak herunterreißt, angefeuert von einer Menschenmenge. Jünglinge, die auf leeren Straßen Steine gegen Polizisten werfen.
Dann zog das Regime den Stecker. Es schaltete das Internet ab, in der Nacht auf Freitag, so groß war die Angst. Noch nie war ein Land so weit gegangen. Doch die Menschen mussten nicht mehr mobilisiert werden. Sie strömten auch so auf die Straßen.
Kein Medium kann in einer Krisensituation so schnell Nachrichten vermitteln wie Facebook oder Twitter. Soziale Netzwerke erzeugen das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein, auch in Washington, Paris oder Berlin. Sie schaffen eine Intensität und Direktheit, mit der nicht einmal das Fernsehen konkurrieren kann.
Es muss etwas mit dieser Erfahrung zu tun haben, dass westliche Kommentatoren seit Jahren immer die gleiche Frage stellen, wenn ein Volk rebelliert, so wie vor anderthalb Jahren in Iran: die Frage, ob das Netz den Aufstand nicht nur sichtbarer mache, sondern vielleicht selbst befördere.
Erlebte Tunesien eine "Facebook-Revolution", wie manche schrieben, eine "Twitter-Revolution", gar eine "WikiLeaks-Revolution"? Oder war es ein Aufstand, für den die Zeit ohnehin reif war, und der auch ohne Internet stattgefunden hätte?
Der Erfolg der tunesischen Revolution fällt in einen Moment, in dem die Euphorie über das revolutionäre Potential des Netzes abgeklungen ist. 2009 glaubte die Welt noch, eine "Twitter-Revolution" in Iran beobachtet zu haben. Seither sind die skeptischen Stimmen stärker geworden.
Kann das Internet den politischen Wandel fördern? Darüber debattieren Wissenschaftler und Blogger schon lange. Letztlich geht es um eine noch größere Frage: Ist das Internet gut oder schlecht für die Freiheit in der Welt?
Der Internet-Vordenker Evgeny Morozov erfand im April 2009 den Begriff "Twitter-Revolution", als er über einen Volksaufstand in Moldau schrieb. Heute gehört er zu den größten Kritikern solcher Labels, die demokratischen Wandel als Siegeszug westlicher Technologie darstellen. Vor zwei Jahren schrieb er noch: "Werden wir uns der Ereignisse, die sich in Chisinau nun ereignen, nicht der Farben der Flaggen wegen erinnern, sondern wegen der Technologie, die benutzt wurde?"
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© DER SPIEGEL 5/2011
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