AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2011

Hamburg Der Interimsbürgermeister

Die Bürgerschaftswahl am 20. Februar scheint für Christoph Ahlhaus (CDU) bereits verloren. Ihm fehlt etwas, das bei Hanseaten gefragt ist: Gespür für die richtigen Worte und Gesten.

Von Gunther Latsch


Dass sein Traumhaus ausgerechnet an der Reichskanzlerstraße steht, dafür kann Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus nichts. Dass die denkmalgeschützte Villa im feinen Westen der Hansestadt allerdings einen Zaun bekommt, der auch der Reichskanzlei Ehre gemacht hätte, dafür schon.

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Heft 5/2011
Eine Streitschrift

Für 170.000 Euro werden in diesen Tagen die spitzen schwarzen Metallstäbe zwischen quadratischen Betonpfeilern montiert. 650.000 Euro sollen die Sicherheitsfenster und -türen kosten, 185.000 sind für die Videoüberwachung des über tausend Quadratmeter großen Grundstücks fällig.

Macht zusammen über eine Million Euro auf Kosten der Hamburger Steuerzahler. Das ist deutlich mehr als die rund 770.000 Euro, die die Hansestadt in den vergangenen zehn Jahren für Schutzmaßnahmen an privaten Häusern und Wohnungen aller Senatsmitglieder zusammen ausgegeben hat.

Irgendwann, vermutlich im Sommer, wird Ahlhaus in sein neues Heim ziehen. Dass er dann noch Bürgermeister sein könnte, damit rechnet er selbst nicht. Alle Umfragen lassen es fast sicher erscheinen, dass die Hamburger ihr glückloses Stadtoberhaupt bei den Wahlen am 20. Februar nach nur sechs Monaten Amtszeit abwählen werden. Ahlhaus wird dann einfaches Mitglied der Bürgerschaft sein. Mit einer großen, gutgesicherten Villa.

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Christoph Ahlhaus: Das Verlierer-Image bleibt an ihm haften
Selbst treue Unions-Anhänger sind sich sicher, dass der Auftakt des Superwahljahrs 2011 für die CDU mit einem Debakel enden wird. Seit ihrem Wahlsieg bei der Bürgerschaftswahl im Februar 2008 ist die Partei in Hamburg in den Umfragen von 42,6 auf 26 Prozent abgestürzt. SPD und Grüne liegen derzeit zusammen bei satten 60 Prozent.

Mangelndes Gespür für die richtigen Worte

Im Juli hat der Abgang des populären Ole von Beust die Wähler verschreckt. Seinen Nachfolger hielten auch viele in der CDU von Anfang an für eine Verlegenheitslösung. Der Interimsbürgermeister hat in den vergangenen Monaten demonstriert, dass er mühelos in der Lage ist, so ziemlich alles falsch zu machen, was man in der Hansestadt nur falsch machen kann.

Dort ist man traditionell stolz auf seinen Stil und die - angeblich - hanseatische Zurückhaltung. Doch ausgerechnet in dieser Königsdisziplin hat der einst aus Heidelberg Zugereiste noch deutlich Potential. Immer wieder schaffte es Ahlhaus in den vergangenen Wochen, sich mit seinem mangelnden Gespür für die richtigen Worte, Gesten und Symbole ins Abseits zu manövrieren.

So seufzte das vornehme Hamburger Bürgertum indigniert, als das stattliche Stadtoberhaupt mit seiner Gattin in Abendkleidung im feinen Hotel Vier Jahreszeiten an der Binnenalster für die Society-Postille "Bunte" posierte, und schüttelte sich, wann immer der Bürgermeister öffentlich gestand, er nenne seine Simone neuerdings "Fila". Für First Lady.

Beim Neujahrsempfang der CDU im teuren Elbvorort Blankenese schaffte es Ahlhaus mit wenigen Sätzen, das Publikum zu verstören. "Die Grünen sind die Partei der Ideologen, Blockierer und Neinsager", rief er in den Saal.

Doch mit Kritik an den Grünen ist in Blankenese kein Punkt zu machen. Schließlich arbeiten die Christdemokraten auf Bezirksebene schon seit Jahren bestens mit ihnen zusammen.

Das Gegrummel endete erst, als Ahlhaus seinen Fehler realisierte und den zuvor Beschimpften bescheinigte, "hervorragend und verlässlich mit der CDU regiert" zu haben. Dafür gab es Beifall - und Kopfschütteln.

"Erst sind es Idioten, dann zuverlässige Partner - für wie blöde hält der die Leute?", wollte einer der Gäste von seinem Nachbarn wissen. "Ist doch egal", antwortete der, "in vier Wochen ist der Ahlhaus ohnehin erledigt."

Für den Rest ihres Elends sorgt die Union selbst

Der CDU-Kandidat hat das Pech, dass sein Herausforderer von der SPD zumindest in Teilen einen lupenreinen CDU-Kurs steuert. Ahlhaus-Rivale Olaf Scholz hat den parteilosen Präses der Handelskammer, Frank Horch, als Wirtschaftssenator in spe verpflichtet und den angesehenen Reeder Erck Rickmers auf einen aussichtsreichen Platz der SPD-Landesliste gehievt. Die Elbvertiefung, die von den Grünen abgelehnt wird, ist für Scholz unverzichtbar. Eine Stadtbahn genannte neue Straßenbahn, ein Lieblingsprojekt des potentiellen Koalitionspartners, lehnt er ab, weil dafür das Geld fehle.

Für den Rest ihres Elends sorgt die Union selbst. "Wer Citymaut und neues Schulchaos will, muss Rot-Grün wählen", steht auf den großen Wahlplakaten überall in der Stadt.

"Wann hat sich die SPD für eine Citymaut ausgesprochen?", fragt ein Journalist bei der Vorstellung der Kampagne am Freitag vorletzter Woche. "Mir ist keine diesbezügliche Äußerung von Olaf Scholz oder anderen SPD-Politikern bekannt", antwortet CDU-Wahlkampfleiter Gregor Jaecke.

"Und warum schreiben Sie das trotzdem?" Nun ja, die Grünen würden schon dafür sorgen, meint Jaecke. Grinsen im Saal. "Und welche Agentur hat Ihre Kampagne entwickelt?", will eine Reporterin wissen. Auf den Wangen des CDU-Manns erscheinen rote Flecken. "Aufgrund der Knappheit der zur Verfügung stehenden Zeit haben wir uns diesmal für eine Inhouse-Lösung entschieden", antwortet der Wahlkämpfer in verschwurbeltem Deutsch, "wir haben auch ein paar kreative Köpfe bei uns."

Doch die waren offenbar nicht auf der Höhe ihrer Schaffenskraft. "Kriminalität minus 25 Prozent. Und nu?", heißt es auf einem der Wahlplakate. Die Antwort wird nicht gegeben. Alarmanlagen demontieren? Polizisten entlassen? SPD wählen?

Möglicherweise plagen die Partei Geldprobleme. 2008 gab die CDU noch 1,5 Millionen Euro für den Wahlkampf aus, jetzt sind es nur 500.000. Ob die Partei wirklich klamm ist oder ihr Geld für aussichtsreichere Kandidaten aufsparen will, ist schwer zu sagen. Wer gibt schon gern zu, dass er einem schlechten Kandidaten nicht auch noch gutes Geld hinterherwerfen will?

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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
c++ 02.02.2011
1. .
Zitat von sysopDie Bürgerschaftswahl am 20. Februar scheint für Christoph Ahlhaus (CDU) bereits verloren. Ihm fehlt etwas, das bei Hanseaten gefragt ist: Gespür für die richtigen Worte und Gesten. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,742690,00.html
Wie sollen in Deutschland Migranten in die Politik integriert werden, wenn in Hamburg noch nicht einmal ein Heidelberger als Bürgermeister akzeptiert wird, sondern nur ein Hanseat? Da waren wir ja 1933 schon weiter und haben einen staatenlosen Ausländer zum Chef gemacht ;o)
stanis laus 02.02.2011
2. Lao Tse
"Für 170.000 Euro werden in diesen Tagen die spitzen schwarzen Metallstäbe zwischen quadratischen Betonpfeilern montiert. 650.000 Euro sollen die Sicherheitsfenster und -türen kosten, 185.000 sind für die Videoüberwachung des über tausend Quadratmeter großen Grundstücks fällig." Wenn die Politiker Schiessscharten in ihren Burgen brauchen, ist die Demokratie am Ende.
Geometretos 02.02.2011
3. .
Könnte es sein, daß er keine Chance hat, weil die CDU die Konservativen durch ihre Koalition mit den Grünen (und insbesondere deren Schulpolitik!) verschreckt hat. Ironie, daß die nun teilweise von der SPD aufgesammelt werden.
dieterschg, 02.02.2011
4. Warum??
Zitat von sysopDie Bürgerschaftswahl am 20. Februar scheint für Christoph Ahlhaus (CDU) bereits verloren. Ihm fehlt etwas, das bei Hanseaten gefragt ist: Gespür für die richtigen Worte und Gesten. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,742690,00.html
Ein Hardliner in einem schon immer toleranten und liberalen Hamburg hat dort keine Zukunft, wie sich gerade in den letzten 10 Jahren immer wieder bestätigte.
Fleiser, 02.02.2011
5. Verantwortung
hat Herr von Beust, wenn es um Ahlhaus geht. Das hätte er wissen müssen und besser steuern können. Nach Beust die Sintflut - aber was juckt das diese Person schon!?
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